Die Sexualisierung der Gesellschaft und ihre Folgen für die Mädchen

Von Pater John Flynn

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ROM, 10. März 2007 (ZENIT.org).- Die Sexualisierung der Gesellschaft bringt junge und heranwachsende Mädchen immer stärker in Gefahr. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die am 19. Februar von der „American Psychological Association“ (APA) in USA veröffentlicht wurde. Sie trägt den Titel „Bericht der APA-Projektgruppe über die Sexualisierung von Mädchen“ und ist das Ergebnis wissenschaftlicher Analysen über Inhalt und Wirkungen verschiedener Medien-Formate (Fernsehsendungen, Musikvideos, Songtexte, Magazine, Kinofilme, Videospiele und Internet). Die genannte Projektgruppe untersuchte auch Produktvermarktungs- und Werbekampagnen, die gezielt Mädchen ansprechen.



„Wir haben genügend wissenschaftliche Daten gesammelt für die Schlussfolgerung, dass die Sexualisierung negative Auswirkungen auf eine ganze Reihe von Bereichen hat. Dazu zählen die kognitiven Funktionen, die körperliche und geistige Gesundheit sowie die gesunde sexuelle Entwicklung“, erklärte Dr. Eileen Zurbriggen, Leiterin der Projektgruppe und außerordentliche Professorin für Psychologie an der University of California, Santa Cruz, in einer Presseerklärung, in der Studie vorgestellt wird.

Die Sexualisierung verursache Schwierigkeiten in allen Altersstufen, besonders problematisch sei sie jedoch, wenn sie zu einem frühen Zeitpunkt geschehe, heißt es in dem Bericht. Die Erlangung der sexuellen Reife sei für Heranwachsende immer ein schwieriger Prozess; wenn kleine und jugendliche Mädchen jedoch dazu ermuntert würden, „sexy“ zu sein, ehe sie überhaupt noch recht wüssten, was das eigentlich bedeutet, werde dieser Reifungsprozess zusätzlich erschwert.

Übersättigung durch die Medien

In dem Bericht werden mehrere Studien angeführt, die ausführlich über die große Menge an Zeit berichten, die für den Medienkonsum aufgewendet wird. Die Statistiken zeigen, dass Kinder und Jugendliche im Durchschnitt drei Stunden pro Tag vor dem Fernseher sitzen. Geht es aber um die Zeit, die generell mit Medien (TV, Videospiele, Musik usw.) verbracht wird, kommt man auf rund 6,5 Stunden pro Tag.

Eine Erhebung, die im Jahr 2003 durchgeführt wurde, ermittelte, dass 68 Prozent der Kinder einen Fernseher in ihrem Zimmer haben und dass 51 Prozent der Mädchen auf ihren Computern und Videospielkonsolen interaktive Spiele spielen. Sowohl Mädchen als auch Jungen verbringen demnach rund eine Stunde pro Tag an ihren Computern. Sie besuchen Websites, hören Musik, suchen „chat rooms“ auf, spielen Computerspiele und schicken ihren Freunden E-Mails und „instant messages“.

Im Bericht der „American Psychological Association“ heißt es: „Im Fernsehen begegnen die jungen Zuschauer einer Welt, die überproportional männlich ist, besonders in jugendorientierten Programmen; einer Welt, in der weibliche Darsteller signifikant häufiger aufreizend und provokativ gekleidet sind als männliche Personen.“

Ein hoher Prozentsatz von Musikvideos bediene sich einer sexuellen Bildersprache, und Frauen würden häufig in provokativer und eher enthüllender als verhüllender Kleidung gezeigt. Weibliche Künstler würden so präsentiert, dass die Aufmerksamkeit nicht in erster Linie auf ihr Talent oder ihre Musik gelenkt werde, sondern vielmehr auf ihren Körper und ihren Sexappeal.

Dadurch erhielten die weiblichen Zuschauer ein klares Signal: Der Erfolg kommt davon, dass man ein attraktives Sex-Objekt ist.

Hinsichtlich der Songtexte müssen die Forscher der APA-Studie zwar mit Bedauern das Fehlen aktueller Analysen hinsichtlich der sexuellen Thematik feststellen, können in ihrem Bericht aber dennoch zahlreiche Beispiele dafür anführen, dass die Texte moderner Popsongs Frauen zum Sex animieren oder von ihnen auf höchst entwürdigende Art und Weise sprechen.

In Bezug auf das Thema Film fiel den Forschern das Fehlen weiblicher Darsteller in den einträglichsten („top-grossing“) Filmen und jenen Filmen auf, die für jedes Alter geeignet sind („G-rated“). Eine Untersuchung der 101 „top-grossing G-rated films“ von 1990 bis 2004 ergibt, dass 75 Prozent der mehr als 4.000 Personen, die in diesen Filmen mitspielen, männlich sind (bei Massenszenen liegt der Anteil der männlichen Darsteller bei 83 Prozent; wenn es um den Erzähler geht, liegt der Prozentanteil von Männern ebenfalls bei 83 Prozent; bei Darstellern, die Sprechrollen haben, liegt der Prozentanteil bei 72 Prozent).

„Diese grobe Unterrepräsentation der Frauen und Mädchen in Filmen mit familienfreundlichem Inhalt zeigt, dass hier eine Gelegenheit verpasst wird, ein breites Spektrum von Mädchen und Frauen in Rollen auftreten zu lassen, die nicht sexualisiert sind, das heißt bei denen nicht die Sexualität einseitig im Vordergrund steht“, heißt es diesbezüglich im APA-Bericht.

Jugendmagazine, Internet und die Werbung

Magazine für Jugendliche haben ebenfalls einen erheblichen Einfluss auf junge und heranwachsende Mädchen. Der Bericht führt mehrere Untersuchungen an, die die Inhalte dieser Magazine durchleuchteten, und arbeitet heraus, dass die zentrale Botschaft dieser Zeitschriften darin bestehe, „sich selbst als sexuell begehrenswert darzustellen und dadurch die Aufmerksamkeit der Männer zu gewinnen“. Das sei „das zentrale Ziel der Frauen“.

Schwierig sei es, so die Projektforscher der APA, die ungeheuer mannigfaltigen Inhalte, die im Internet angeboten werden, auszuwerten. Die Wissenschaftler greifen eine Studie heraus, die sich mit den Websites befasst, die von Mädchen häufig frequentiert werden, die so genannten „Fan Web Sites“ männlicher und weiblicher Stars. Bei der Analyse dieser Websites wurde festgestellt, dass weibliche Stars weit häufiger als männliche mit Hilfe von sexualisierten Computerbildern dargestellt werden – völlig unabhängig davon, ob es sich bei der Website um eine offizielle handelt oder um eine, die die Fans angefertigt haben.

Ein weiterer Bereich, in dem Frauen nach dem neuen Bericht häufig als Sexobjekt vorgestellt werden, ist die Werbung. Eine genaue Untersuchung zeige außerdem, dass sich die Tendenz in der Werbung, Frauen als Staffage oder zur kommerziellen Ausbeutung zur Schau zu stellen, verstärke, schreiben die Wissenschafter. Diese Entwicklung sei soweit gekommen, dass Mädchen in verführerischen Posen dazu missbraucht würden, ein erwachsenes Publikum anzulocken.

Selbst die Spielzeugbranche ist von diesem Trend zur Sexualisierung betroffen, wird festgestellt. Es sei beunruhigend mit anzusehen, dass beliebte Puppen auf den Regalen für Mädchen im Alter von vier bis acht Jahren sexuell aufreizend bekleidet seien.

Dasselbe geschehe bei der Mädchenmode, wird hinzugefügt: Mädchen werden in zunehmend jüngerem Alter dazu verlockt, Kleider zu tragen, die darauf angelegt sind, die weibliche Sexualität besonders hervorzuheben. Auch Kosmetika würden jüngeren Mädchen immer häufiger angepriesen und verkauft.

All diese Entwicklungen bringen für Mädchen eine Reihe von Problemen mit sich. Die APA-Studie stellt fest, dass die Sexualisierung mit drei der am stärksten verbreiteten psychischen Problemen bei Mädchen und Frauen in direktem Zusammenhang steht: mit der Ess-Störung, der geringen Selbstachtung und der Depression.

Es gibt nach der Studie auch Datenmaterial, das belegt, dass die Sexualisierung der Mädchen und die daraus resultierenden negativen Gefühle über ihren eigenen Körper im Erwachsenenalter zu sexuellen Problemen führen können. Die Autoren der Studie erwähnen auch ein weiteres Problem: den Boom von „Anti-Aging“-Produkten und Schönheitsoperationen, der mit der Idealisierung der Jugend als dem einzigen akzeptablen und schönen Lebensabschnitt zusammenhänge und eine Folge des von der Werbung auferlegten Schönheitsstandards sei.

Erfolgreicher Protest

Sich dem Trend zur Sexualisierung zu widersetzen, ist nicht leicht. In Kanada konnte in diesem Kampf allerdings vor kurzem die Anständigkeit in einer Runde den Sieg davontragen.

Im Januar dieses Jahres hatte „Telus“, Kanadas zweitgrößte Telefongesellschaft, damit begonnen, ihren Handykunden pornographische Fotos und Videos anzubieten. Daraufhin wurde die in Vancouver ansässige Firma von Erzbischof Raymond Roussin scharf kritisiert. In einer Stellungnahme am 12. Februar erklärte der Hirte: „Die Entscheidung von Telus ist enttäuschend und alarmierend.“

In einer weiteren Erklärung, die vier Tage später veröffentlicht wurde, warf der Erzbischof von Vancouver der Telefongesellschaft vor, auf ihrer Jagd nach den lukrativen Profiten, die in der Pornoindustrie zu gewinnen seien, öffentlichen Schaden anzurichten. Der Erzbischof plädierte deshalb für einen Mobilfunkdienst, der von Pornographie frei sei, und kündigte außerdem an, er werde katholische Kirchengemeinden und Schulen anweisen, ihre Mobiltelefonverträge mit „Telus“ nicht zu erneuern. Alle Katholiken und alle anderen besorgten Kanadier rief er dazu auf, sich mit Mobilphon-Gesellschaften in Verbindung zu setzen, um die Besorgnis über die Verbreitung von Pornographie durch mobile Telefone zum Ausdruck zu bringen.

Am 21. Februar blies „Telus“ seinen Service „Themen für Erwachsene“ schließlich ab. Wie die kanadische Tageszeitung „Globe and Mail“ berichtete, gab die Firma an, sie habe Hunderte von Kundenbeschwerden erhalten. Noch am selben Tag begrüßte Erzbischof Roussin diesen Schritt und erklärte dazu. „Wir beginnen gerade erst, uns voll bewusst zu werden, wie gravierend das Problem der Sex- und Pornographie-Abhängigkeit wirklich ist.“

Besorgnis über die Auswirkungen der Popkultur äußerte vor kurzem auch Benedikt XVI. in seiner Botschaft zum Weltmedientag, der am 20. Mai begangen wird. Der Papst weist in diesem Schreiben besonders auf die Tendenz zur Gewaltverherrlichung und zur Banalisierung der Sexualität hin.

„Schönheit, eine Art Spiegel des Göttlichen, inspiriert und belebt Herz und Geist junger Menschen, während Hässlichkeit und Vulgarität eine erniedrigende Wirkung auf Einstellungen und Verhalten haben“, erläutert der Papst in Abschnitt 2.

Der Kirche wird von den Verfechtern einer modernen Kultur oft der Vorwurf gemacht, sie fixiere sich auf die Sexualität. In Wirklichkeit ist es aber die gegenwärtige Gesellschaft, die diesbezüglich an einer Obsession leidet, während die Kirche damit fortfährt, die Würde und Schönheit des Menschen zu verteidigen und zu schützen.