Die Sichtbarkeit der Religionen im öffentlichen Raum Europas

100 Religionsvertreter und Politiker trafen zu einem Meinungsaustausch in Brüssel zusammen

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BRÜSSEL, 31. Mai 2008 (ZENIT.org/COMECE).- Das zweite Treffen einer Serie von Dialogseminaren, die unter dem Thema „Islam, Christenheit und Europa“ stehen und von der KEK, der COMECE und der Konrad-Adenauer-Stiftung organisiert werden, fand am 29. Mai im Europäischen Parlament statt. In diesem Seminar ging es um die Sichtbarkeit der Religion im öffentlichen Raum, insbesondere die Errichtung von Kultstätten und das Tragen religiöser Symbole. Rund 100 Teilnehmer - Europaabgeordnete, europäische Beamte sowie Mitglieder religiöser Organisationen und Gemeinschaften - nahmen an dem Seminar und der anschließenden Debatte teil.

Die wachsende Präsenz von Angehörigen der muslimischen Religion in vielen europäischen Ländern hat eine gesellschaftliche Debatte über das Tragen von religiösen Symbolen in der Kleidung ausgelöst. Die Errichtung muslimischer Gebetsstätten erregte jüngst das öffentliche Interesse und ist in zahlreichen europäischen Städten auf Widerstände gestoßen. Obwohl die europäischen Länder über Rechtssysteme verfügen, die die Religionsfreiheit und damit auch die Freiheit zu Gottesdienstfeiern garantieren, stellt sich die Frage nach der Sichtbarkeit der Religion in der europäischen öffentlichen Sphäre.

Im Hinblick auf Versuche, religiöse Symbole aus der Öffentlichkeit zu verbannen, warnte der ungarische Europaabgeordnete László Surján (EVP-ED) vor einer Rückkehr der Christen und anderen europäischen Gläubigen in die „Katakomben“ – eine Erfahrung, die die osteuropäischen Christen während der 40-jährigen kommunistischen Diktatur gemacht hätten.

Chantal Saint-Blancat, Soziologieprofessorin der Universität von Padua (Italien), wies darauf hin, dass die Errichtung muslimischer Gebetsstätten das uns vertraute Stadtbild erschüttert. Dies führe zu Diskussionen und sogar Spannungen zwischen Muslimen einerseits und Anwohnern und der lokalen Verwaltung andererseits, wenngleich in bestimmten Ländern, insbesondere in Skandinavien, die Errichtung von Moscheen auf einvernehmlichere Weise vonstatten zu gehen scheint. Saint-Blancat betonte indes, dass diese Spannungen auch Chancen hervorbringen können wie etwa die gegenseitige Anerkennung der verschiedenen Gemeinschaften, ein besseres Verständnis auf muslimischer Seite für den europäischen Säkularisierungskontext und schließlich die Chance, den städtischen Raum in ein „Experimentierfeld für Pluralismus“ für unsere multikulturellen Gesellschaften zu verwandeln.

Berit Schelde Christensen, Pastorin der evangelisch-lutherischen Kirche (Dänemark), erinnerte an den Beitrag der Religionen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Errichtung von Kultstätten sei wichtig, um der Sinnsuche unserer Mitbürger einen Raum zu geben. „Die spirituelle Suche jedes Menschen muss anerkannt werden“, betonte sie und bedauerte, dass die religiöse Ausdrucksweise von unseren Zeitgenossen aufgrund der starken Säkularisierung der Gesellschaft nicht mehr verstanden wird. Sie rief die Gläubigen in Europa auf, darüber nachzudenken, auf welche Weise das Prinzip der Transzendenz einen positiven Beitrag zum Gemeinwohl leisten kann.

Imam Yahya Sergio Pallavicini, Vizepräsident der Islamischen Religionsgemeinschaft Italiens, lehnte sowohl den religiösen als auch den laizitischen Extremismus ab und rief zur Entwicklung einer Kultur des religiösen Pluralismus auf. Er erinnerte an die Tatsache, dass die meisten großen Moscheen, die derzeit in den europäischen Hauptstädten gebaut werden, von Saudi Arabien finanziert werden, und äußerte den Wunsch, dass die Moscheen Orte des Gebetes bleiben und nicht zu Plätzen der politischen Einflussnahme werden.

Schließlich präsentierte Joël Privot, Architekt und Mitbegründer der auf die Errichtung von Moscheen spezialisierten Beratungsagentur Expert-is, seine Herangehensweise bei der Errichtung muslimischer Gebetsstätten. Demzufolge komme es darauf an, Anwohner, die lokale Verwaltung sowie die Mitglieder der religiösen Gemeinschaft beim Entwurf und bei der Einbettung der Moscheen in den europäischen Kontext zu beteiligen. Die Einbettung von Moscheen in das Stadtbild im Rahmen eines interkulturellen Ansatzes erfordere die Errichtung von Moscheen von großer architektonischer und umweltfreundlicher Qualität; sie müssten zudem offen und einladend für die benachbarten Anwohner sein.

Das nächste Seminar wird am 3. Juli von 15.00 bis 17.00 Uhr im Europäischen Parlament zum Thema: „Christliches Europa und Islam in Europa“ stattfinden.