Die Sixtinische Kapelle

Ort des Konklaves

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 870 klicks

„Es gibt vielleicht keinen Ort, der mehr nachdenken und bangen läßt, der mehr Scheu und gleichzeitig stärker die Seelenempfindungen anregt“. Mit diesen Worten beschrieb Paul VI. während seiner Predigt am 7. Mai 1964 den anwesenden Künstlern die Sixtinische Kapelle.

Die Sixtinische Kapelle trägt ihren Namen nach Sixtus IV. Francesco della Rovere (1471-1484), der die Kapelle hatte erbauen lassen. Als Michelangelo (1475-1564) von Julius II. Giuliano della Rovere (1503-1513) den Auftrag erhielt, das Gewölbe und die Lünetten der Kapelle zu freskieren, fand er dort bereits die Ausmalung der so berühmten Künstler wie Pietro Perugino, Sandro Botticelli, Domenico Ghirlandaio und Cosimo Rosselli vor. Gemeinsam mit ihren Werkstattmitarbeitern hatten die Künstler die Kapelle an den Wänden, die am 15. August 1483 von Sixtus VI. eingeweiht und der in den Himmel aufgenommenen Jungfrau Maria gewidmet wurde, mit Scheinvorhängen, Episoden aus dem Leben des Moses, aus dem Leben Christi und Portraits der Päpste ausgestattet.

Unter Julius II. Giuliano della Rovere (1503-1513) erfuhr die Sixtinische Kapelle erneut Baumaßnahmen. Im Jahr 1508 erhielt nämlich Michelangelo Buonarotti den Auftrag, das Gewölbe und die Lünetten mit Fresken auszumalen. Die Arbeiten dauerten vier Jahre, und am 1. November 1512 konnte die Sixtinische Kapelle mit einer feierlichen Messe eingeweiht werden.

Die insgesamt neun Mittelfelder des Gewölbes stellen Episoden aus der Schöpfungsgeschichte von der Erschaffung bis zum Sündenfall dar, weiter die Sintflut und die Geschichte Noahs. Zwischen den Stichkappen sind fünf Sibyllen und sieben Propheten dargestellt. Die vier Eckzwickel enthalten Szenen zur Wunderbaren Befreiung Israels, die Stichkappen und Lünetten enthalten Darstellungen der Vorfahren Christi.

Wie der Kunstgeschichtsschreiber Giorgio Vasari berichtet, hatte sich Michelangelo wegen der großen zu bewältigenden Fläche eine Gruppe von Mitarbeitern zusammengestellt. Da er mit deren Werk aber unzufrieden war, schloss er sich allein der Kapelle ein und riss alle bis zu diesem Zeitpunkt von seinen Mitarbeitern gemalten Fresken herunter. Michelangelo duldete niemandes Anwesenheit, auch dem Papst war der Zutritt strikt versagt. Um die Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit seiner Helfer auf die Probe zu stellen, fingierte er eine Reise. In Wirklichkeit hatte er sich auf dem Gerüst versteckt. Wie von dem Meister befürchtet, informierten seine Helfer sofort den Papst und gewährten ihm den Zutritt zur Kapelle. Kaum hatte der Papst einen Schritt in die Kapelle getan, begann der zornige Michelangelo, den Papst mit Gegenständen zu bewerfen. Da er befürchten musste, ihn ernsthaft verletzt zu haben, floh Michelangelo nach Florenz. Der Vorfall konnte geschlichtet werden, und der Meister kehrte zur Vollendung der Fresken nach Rom zurück.

Michelangelo hatte sorgfältige Studien angefertigt, bevor er mit der Freskierung begann. Seine genauen Kenntnisse der Anatomie des menschlichen Körpers zeigen sich deutlich bei der Umsetzung in die Fresken. Michelangelo gelang es, trotz der Vielfalt und Fülle an Figuren der Decke ein harmonisches Aussehen zu verleihen. Die Übersichtlichkeit in der Anordnung der Darstellungen und die Abgestimmtheit der ausgewählten Farbtöne sind beeindruckend. Erst nach der umfassenden Restaurierungsmaßnahme in den 80er Jahren traten die Farben wieder in ihrer ganzen Leuchtkraft zu Tage.

Die Arbeit auf dem Gerüst war für Michelangelo körperlich äußerst anstrengend, da der Künstler nach hinten gelehnt und mit dem Gesicht nach oben jahrelang auf dem Gerüst stehen musste.

Johann Wolfgang von Goethe hielt in seinem Tagebuch am 2. Dezember 1786 nach der Besichtigung der Cappella Sistina fest: „Und ich bin in dem Augenblicke so für Michel Ange eingenommen, daß mir nicht einmal die Natur auf ihn schmeckt, da ich sie doch nicht mit so großen Augen wie er sehen kann. ...“ Bis in unsere heutige Zeit gehören einige Einzelszenen, wie zum Beispiel die Erschaffung des Adam, zum Kanon der Bilder, die uns eine Vorstellung von der Schöpfung zu geben vermögen. Adam, auf dem Boden liegend, streckt seinen linken Arm über das linke Knie gelegt aus. Gottvater nähert sich ihm, von einer Engelsschar umgeben und in einen wallenden Mantel gehüllt, mit dem ausgestreckten rechten Arm. Mit seinem Zeigefinger berührt er fast den Zeigefinger des Adam, der Gottvater, seinen Schöpfer, währenddessen anblickt.

Ende 1533 wurde Michelangelo erneut zur Ausgestaltung der Cappella Sistina gerufen. Clemens VII. Giulio de’ Medici (1523-1534) beauftragte ihn mit dem „Jüngsten Gericht“ an der Altarwand. Das Fresko Michelangelos trat an die Stelle der Altartafel mit der Himmelfahrt Mariens und der ersten beiden Episoden aus dem Leben des Moses und des Leben Christi von Perugino. Der Künstler begann sein Werk 1536 unter dem Pontifikat Pauls III. (1534-1549), er vollendete es 1541.

1994 später erklärte der selige Johannes Paul II. während seiner Predigt am 8. April: „Die Fresken, die wir hier betrachten, führen uns in die Welt der Offenbarungsinhalte ein. Die Wahrheiten unseres Glaubens sprechen uns hier von überall her an. An ihnen hat sich der menschliche Genius inspiriert und sich bemüht, sie in unvergleichliche Schönheit zu kleiden. Deshalb weckt zumal das Jüngste Gericht in uns das lebhafte Verlangen, unseren Glauben an Gott, den Schöpfer aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge, zu bekennen. Zugleich regt es uns an, unsere Treue zum auferstandenen Christus zu bekräftigen, der am Jüngsten Tag wiederkommen wird als oberster Richter der Lebenden und der Toten. Vor diesem Meisterwerk bekennen wir Christus, den König aller Zeiten, dessen Reich kein Ende haben wird. … Die Sixtinische Kapelle ist der Ort, der für jeden Papst auch die Erinnerung an einen besonderen Tag in seinem Leben bewahrt. … Gerade hier, in diesem heiligen Raum, versammeln sich die Kardinäle und warten auf die Äußerung des Willens Christi für die Person des Nachfolgers des hl. Petrus. … So ist also die Sixtinische Kapelle einmal mehr vor der gesamten Gemeinschaft der Katholiken der Ort des Wirkens des Heiligen Geistes gewesen, der in der Kirche die Bischöfe bestellt, in besonderer Weise aber den, der Bischof von Rom und Nachfolger des Petrus sein soll.“