Die Sixtinische Kapelle: ein Kompendium der Theologie für jedermann

Vorschlag über eine Begrenzung der Besucherzahl löst Debatte aus

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Von Elizabeth Lev

ROM, 16. Oktober 2012 (ZENIT.org). ‑ Der Herbst in Rom hat mit einer heftigen Debatte über die Sixtinische Kapelle begonnen. Jetzt, da die Hochsaison im vollem Gange ist und die Massen sowohl Besucher als auch Touristenführer und Ordnungspersonal bis zum Bersten belasten, scheint es nur natürlich, dass die Frage, ob man die Besucherzahl der Kapelle begrenzen sollte, wieder öffentlich diskutiert wird.

Am 27. September hat der italienische Schriftsteller und Intellektuelle Pietro Citati für die Tageszeitung Corriere della Sera eine kurze, doch beißende Reportage aus den Galerien des Vatikans gegeben. Er beschrieb die Touristen als eine „betrunkene Herde“ und zeichnete ein genauso unattraktives Bild, wie man Michelangelos Bilder inspirierend finden kann. Er sah Besucher, die eingehüllt waren in Wolken, die aus ihrem eigenen Atem, ihrem Schweiß und Geruch bestanden, Wolken, die gelegentlich durch laute Rufe des Ordnungspersonals nach „Ruhe“ oder der Anweisung „Keine Bilder!“ aufgerissen wurden. Während seines Besuches sah Dr. Citati wenig mehr als seine Umgebung und glaubt, dass die Touristen, die sein Erlebnis ruinierten, noch weniger als er selbst sahen.

Welche Lösung schlägt er vor? – Die Besucherzahl um ein Viertel oder Fünftel der Gesamtzahl zu reduzieren. Bei einer täglichen Besucherzahl von durchschnittlich 20.000 Menschen bedeutet das während der Hauptsaison, dass man vier- bis fünftausend Leuten den Einlass verwehren müsste.

Weiterhin bringt Dr. Citati seine Auffasung über die finanziellen Schwierigkeiten, in denen sich der Vatikan befindet, zum Ausdruck und lässt durchblicken, dass die Museen jene riesigen Horden Menschen lediglich zuließen, um die päpstlichen Schatztruhen aufzufüllen. Er beendet seinen Bericht stilblütenmäßig, indem er sagt, dass die Begrenzung der Besucherzahl „notwendig und für alle Christen ein Gut“ sei.

Professor Antonio Paolucci, Direktor der Museen, bot ihm schnell Paroli. Am darauffolgenden Tag schrieb er im Osservatore Romano eine kurze Antwort und erklärte, dass der Plan einer Begrenzung der Besucherzahl der Vatikanischen Museen dem Ansinnen gleich käme, „die Zahl der Pilger nach Lourdes oder nach San Giovanni Rotondo“ begrenzen zu wollen. Er erklärte, dass die Sixtinische Kapelle ein „Kompendium der Theologie oder ein Katechismus in Bildern“ sei. Wer sollte daran gehindert werden, etwas über Gott zu erfahren?

Dr. Citatis Argument ist nicht neu. Jeder Tag, an dem größere Menschenmassen ankommen, bringt Leute auf den Plan, die über eine Begrenzung der Besucherzahl reden. Der kürzlich verstorbene Robert Hughes, ein Kunsthistoriker und Kulturreferent, beklagt sich in einem nicht unerheblichen Teil seines letzten Werks „Rom“ über die Verwaltung der Sixtinischen Kapelle und über den Massentourismus, der damit verbunden ist.

Diese kleine Diskussion nahm globale Züge an, als sie von verschiedenen neuen Informationskanälen, unter ihnen dem UK Guardian, aufgegriffen wurde. Während der ein oder andere intellektuelle Italiener bemerkt, dass die Sixtinische Kapelle nicht mehr der Ort ist, an den er sich von Jugend auf erinnern kann (das trifft übrigens auf nichts in Italien zu), neigen Angelsachsen mehr als alle anderen dazu, die Idee einer begrenzten Besucherzahl zu verteidigen.

Natürlich, im selben Artikel beschränkt sich der Autor Tom Kington auf eine summarische Beschreibung der Sixtinischen Kapelle und sagt, dass „das eine Ende des Gebäudes vom Jüngsten Gericht beherrscht wird, das Michelangelo mit nackten Männern anfüllte, wofür er sich demnach in Roms Bordellen Inspiration geholt haben soll.“

Sollten die Vatikanischen Museen die Besucherzahl beschränken, hätte ich einen Vorschlag zu machen, bei wem man beginnen sollte…

Citati, Hughes und fast alle anderen, die sich für eine Begrenzung der Besucherzahl aussprechen, folgen dem gleichen Gedankengang. Er oder sie gingen zur Sixtinischen Kapelle, um dort zu meditieren, und waren besser als die Mehrzahl der anderen darauf vorbereitet, um die Kunstfertigkeit, mit denen die Fresken angefertigt wurden, und den Zustand beurteilen zu können, in dem sie sich befinden. Sie näherten sich den künstlerischen Werken Michelangelos in tiefer Andacht. Die Betrachtung, die sie sich erhofft hatten, wurde von den Momenten, während derer man in Reihe anstehen musste, von den Massen und dem Lärm, den man seitens all jene Leute ertragen musste, die die Werke nicht in gleicher Weise zu schätzen wussten, zerstört. Danach erscheint das Argument, „ob es nicht für die Bilder besser wäre, wenn dort weniger Menschen anwesend wären?“

Professor Paolucci ist sich des Stresses und der Verschmutzung, der die Sixtinische Kapelle ausgesetzt ist, sehr bewusst. Seit dem Moment, in dem er zum Museumsdirektor ernannt wurde, ging er die Lösung des Problems an, stellte mehr Ordnungspersonal ein und entwickelte Routen, die die Besucher, die zur Sixtinischen Kapelle durchstarten wollen, auf eine vernünftiges Tempo bringen sollten.

Seine Reformen waren zu erfolgreich; das Reservierungssystem vereinfachte den Prozess am Eingang, die Offenheit der Vatikanischen Museen für Filmaufnahmen und die vielen Bücher, die er veröffentlichte, führten zu einem steigenden Interesse an Michelangelos Werk. In jedem anderen „Unternehmen“ würde derjenige, der es geschafft hat, das Interesse an einem fünfhundert Jahre alten Produkt wieder zu wecken, als Genie gefeiert werden, doch Prof. Paolucci, den der Artikel im Guardian mit dem seltsamen Begriff „Manager“ belegt (Würde etwa jemand auf die Idee kommen, Thomas P. Campbell, den Direktor des „Metropolitan Museum of Art“, als Manager zu bezeichnen?), scheint einfach als Milchmann abgespeist zu werden, der dem Vatikan hilft, seine Kühe zu melken und so Geld einzustreichen.

Da ich die schlanke Silhouette des 73 Jahre alten Prof. Paolucci in seinen übergroßen Jacken kenne und sie durch die Hallen der Museen streifen sehe und sah, wie er zu den besucherreichsten Zeiten und an den chaotischsten Tagen Ellbogen an Ellbogen mit den dickköpfigsten Tourist stand, bin ich mir sicher, dass er sowohl sein Museum als auch die Massen kennt, die sich darin bewegen.

Das Ordnungspersonal bahnt ihm keinen Weg, auf dem er durchs Gedrängel der Leute gelangen könnte; er selbst geht seinen Weg und hält bisweilen trotz des Lärms und des gelegentlichen Schubsens an, um ein Werk zu betrachten.

Schon lange bevor Dr. Citati und Robert Hughes sich angeschickt haben, die Sixtinische Kapelle zu verteidigen, befand sich Prof. Paolucci am Werk. Seit September 2010 hat sich der Museumsdirektor mit den neuen Gefahren, die für die Kapelle eine Bedrohung darstellten, auseinandergesetzt. Fünfhundert Jahre lang war sie mit Kerzen und Öllampen gefüllt worden, was zu einer Verfinsterung der Fresken geführt hatte, bis unter dem seligen Johannes Paul II. eine wunderbare Restaurierung vorgenommen worden war. Heute werden die Fresken von Hitze, Fasern, Staub und Partikeln bedroht, die von Abermillionen von Besuchern ausgehen.

Prof. Paolucci strahlt demgegenüber ein Vertrauen auf Wissenschaft und Technologie aus, das für vatikanische Verhältnisse selten ist. Er besitzt auch eine gute Prise gesunden Menschenverstand. Neben den Sensoren, die im Jahre 2011 installiert wurden, um Daten hinsichtlich des in der Kapelle herrschenden atmosphärischen Drucks einzuholen und der Durchführung einer Analyse der aktuellen Filter- und Klimaanlage, hat er auch damit begonnen, abendliche Öffnungszeiten einzuführen, um die Anzahl der Tagesbesucher etwas verringern, vor allem aber, um Römern und den intellektuellen Erben der großen Touristen der Zeit der Aufklärung eine Chance zu bieten, diese Kunstwerke auf jene Art und Weise zu betrachten, wie es ihre Vorgänger Goethe und Burckhardt tun konnten, das heißt in Ruhe und Frieden.

Die Sixtinische Kapelle war ursprünglich erbaut worden, um einer der elitärsten Gruppen der Welt als Räumlichkeit zu dienen; sie sollte dem päpstlichen Hof Sixtus IV., zu dem etwa 350 Menschen gehörten, Unterkunftbieten. Zum Hof Julius’ II., der Michelangelo den Auftrag erteilte, die Decke von 1508-1512 zu dekorieren, gehörten mittlerweile etwa 500 Menschen, was sich im Vergleich zu den fünf Millionen Besuchern vom letzten Jahr eher gering ausnimmt…

Man hatte Italiens feinsten Künstler mit der Dekoration beauftragt, doch die Päpste wurden sich langsam bewusst, dass es für das Gesicht der Kirche nicht das Beste war, diesen außerordentlichen Born der Schönheit nur einigen Wenigen vorzubehalten; langsam wurde immer mehr Menschen der Zutritt gewährt, bis die Kapelle in unseren Tagen zu jenem Massenreiseziel wurde, das sie heute ist, was eine ganze Serie neuer Herausforderungen mit sich bringt.

Die unterschiedlichen Sprachen und Gepflogenheiten, Verhaltensweisen und Sitten, für die die Kapelle ein Sammelbecken ist, legen Zeugnis für die Universalität der Kirche ab. Von der Myriade an verschiedenen Auslegungen, die es gibt, kann man herleiten, dass viele, viele Menschen zu diesem Gewölbe hinaufgeblickt und sich dabei selbst in Michelangelos Kunst wiedergefunden haben. Wie könnte man auf den Gedanken kommen, das große Potential dieses „Kompendiums der Theologie“ zurechtstutzen zu wollen?

Auf welcher Grundlage sollte man die Entscheidung treffen, wer die Kapelle besuchen darf oder nicht? Sollte man etwa das Vorzeigen eines Universitätsabschlusses oder eines Taufscheins verlangen? Sollte man Ehrenamtliche, die in Not-Wohncontainern leben, gegenüber städtischen Schullehrern bevorzugen? Sollten Italiener von Rechts wegen eingelassen, Nationen, die mit dem Heiligen Stuhl keine diplomatischen Beziehungen unterhalten, ausgeschlossen werden? Wie sollte eine Kirche, die mit der Verheißung entstand, allen das Heil zu vermitteln, die Maßstäbe erklären, nach denen sie den Eintritt zur größten Bilderserie regelt, die jemals zum Thema der Erlösung entworfen worden ist?

Vielleicht sollten wir aus diesen „betrunkenen Herden“, die erhobenen Stöcken und mit Bändern umspannten Antennen nachlaufen, die Ohren, die durch Kopfhörer verstopft, und die Augen, die durch Kameralinsen verdeckt sind, ausjäten? Doch wie sollen wir wissen, ob die Farben und die Intensität der Gemälde Michelangelos nicht doch diese Schilde durchdringen und eine Seele mehr für die Schönheit des Wahren gewinnen?

Es liegt auf der Hand, dass eine begrenzte Anzahl von verfügbaren Tickets ein Möglichkeit wäre, aber das würde unvermeidlich die weniger Betuchten ausschließen, die keine besonderen Reservierungskosten auf sich nehmen und weniger noch die Spekulanten bezahlen könnten, die auftauchen würden, um das unerreichbare Ticket zum Vatikan zu verkaufen. Die Kritiker der übergroßen Menschenmengen sehen Schönheit als ein Recht an, als Teil des westlichen Erbes, das dazu bestimmt ist, von denjenigen genossen zu werden, die daran gewöhnt sind. Ich frage mich, was mit den Abermillionen von Menschen geschieht, die mit wenig Schönem zusammenleben, die nicht in den Genuss der Annehmlichkeiten unserer ästhetischen Optionen, was Kleidung und Haus betrifft, kommen oder nicht ausgehen, wo wir zu Abend essen, einen Spaziergang machen oder beten. Vielleicht wäre es am gerechtesten, jene zu begünstigen, die selten Gelegenheit haben, das Schöne, die Hoffnung und die Herrlichkeit des Menschen als Abbild Gottes zu Augen zu bekommen.

Es gibt natürlich viel zu tun, und die Vatikanischen Museen prüfen gerade ein neues Ventilationssystem, das als weitere Maßnahme zum Schutz der Gemälde 2013 installiert werden soll. In der Zwischenzeit könnten wir Touristen, anstatt darauf zu warten, dass der Vatikan „etwas unternimmt“, selbst ein paar kleine Schritte tun.

1.      Versuchen Sie, zu einem weniger vorhersehbaren Zeitpunkt bzw. zu einer anderen Jahreszeit zu kommen. Die Hochsaison dauert von Mai bis Oktober. Wenn Sie eine weniger intensive Jahreszeit oder einfach nur eine spätere Uhrzeit aussuchen, entlasten Sie sich selbst und verringern die Menschenmassen in der Sixtinischen Kapelle. Wenn Sie sich nur zwei Stunden oder weniger aufhalten wollen, kommen Sie zwischen 15:30-15:45 Uhr, und das Museum bleibt noch bis um 18:00 Uhr geöffnet.

2.      Halten Sie an sich! Wenn Sie in der Privatkapelle des Papstes einander anschreien müssen, ist das ein Zeichen dafür, dass ein Problem vorliegt. Die Sixtinische Kapelle erfordert Stille, doch wenn Sie sprechen wollen, versuchen Sie, es mit leiser Stimme zu tun, so dass der Lärmpegel – nicht wie bei einem Fußballspiel – auf dem eines sanften Gemurmels bleibt. Lärmvibrationen tun einem Fresko auch nicht gut.

3.      Legen Sie die Kamera beiseite. Die Blitzfotografie ist etwas SCHLECHTES für die Gemälde. Das Ordnungspersonal, dem immer vorgeworfen wird, sich in der Sixtinischen Kapelle unbeherrscht zu benehmen, ist von einem Tag erschöpft, der um 8:00 Uhr morgens beginnt und darin besteht, Besuchern auf nette Weise zu sagen, dass sie keine Bilder machen sollen, nur um sie dann heimlich in ein Eck wegschleichen zu sehen, weil sie alle denken, dass sie schlauer als die anderen sind. Das Ordnungspersonal kennt all diese Tricks schon, und Sie selbst sehen dabei nur dumm und unehrlich aus. Wenn Sie die Decke nicht ohne eine Linse vor ihren Augen betrachten können, sollten Sie vielleicht die Kapelle verlassen, ein Heft mit Bildern kaufen und den Platz jemandem überlassen, der die Fresken selbst und nicht über einen Fernsehschirm anschauen will.

4.      Besuchen Sie andere Teile des Museums. Man kann fünf Kilometer darin gehen! Es befindet sich darin eine Kollektion päpstlicher Kutschen, die Gemälde Raffaels, frühchristliche Kunst und Kunstwerke der Etrusker, das Richtige für Anfänger! Wenn Sie sich auf Urlaub befinden, verfügen Sie über genug Zeit und sollten sich ansehen, was die Museen anzubieten haben!

Die Sixtinische Kapelle gehört zum Erbe der ganzen Menschheit; sie ist eines der größten Vorzeigebeispiele, bei dem die Handfertigkeit und Kreativität des Menschen sich mit dem Glauben kombiniert. Papst Benedikt XVI vertraut darauf, dass der Direktor sich auf seine Arbeit versteht und dass er erfasst, welch eine einzigartige Mission den Museen zukommt – vielleicht können auch wir ein bisschen Glauben aufbringen und einen kleinen Beitrag leisten.

[Übersetzung des englischen Originals von P. Thomas Fox LC]