Die Sommerresidenz der Päpste in Castel Gandolfo

Von Ulrich Nersinger

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ROM, 16. August 2007 (ZENIT.org).- Seit fast vier Jahrhunderten pflegen die Päpste sich für die Zeit des heißen römischen Sommers in die Albaner Berge zu begeben, nach Castel Gandolfo. Der klimatisch angenehme Ort liegt ungefähr fünfundzwanzig Kilometer südöstlich von Rom entfernt, mit einem herrlichen Ausblick auf den Lago di Albano. Der exterritoriale Besitz der Päpste ist mehr als zehnmal so groß wie die Vatikanstadt selber; auf ihm befinden sich u. a. der Apostolische Palast mit seinen Gärten, die Villa Cybo und die Villa Barberini.



Die Sommerresidenz der Päpste steht auf geschichtsträchtigem Boden. Castel Gandolfo ist das aus der römischen Sage bekannte Alba Longa, das von Ascanius, dem Sohn des Aeneas, gegründet worden sein soll. Alba Longa wurde von Tullius Hostilius, dem dritten König von Rom (672-640 v. Chr.), erobert und zerstört. Cicero erwähnt den Zauber, der von diesem Ort ausging in seiner Schrift „De Finibus“, V, 1 („quum ea loca videamus in quibus memoria dignos viros acceperimus multum esse versatos, magis moveamur, quam siquando eorum ipsorum aut facta audiamur aut scriptum aliquod legamus“).

Die römischen Kaiser Claudius (41-54) und Domitian (81-96) ließen auf den Ruinen der geschichtsträchtigen Stadt prächtige Villen errichten. Überreste der einstigen Bauten sind noch heute zu sehen, und auch die ursprüngliche dreistufige Gartenanlage der Antike hat sich erhalten. Die Villa des Domitian diente ihrem erlauchten Besitzer nicht nur als Ort der Muße; hier gewährte der Imperator Audienz, lud zu Sitzungen des römischen Senats ein und setzte unter bedeutsame Dekrete das kaiserliche Siegel.

Aber schon mit dem Tod Domitians im Jahre 96 setzte der Verfall der prächtigen Villenanlage ein. Die Nachfolger Domitians teilten dessen Vorliebe für die dortige Residenz nicht. Sie verkam. Im vierten Jahrhundert entstand unweit der Ruinen Alba Longas die neue Stadt Albano, die zu einer der wichtigsten suburbikarischen Diözesen werden sollte. Konstantin der Große ließ in ihr eine Kathedrale zu Ehren des hl. Johannes erbauen. Das Terrain der kaiserlichen Villa machte der erste christliche Herrscher des Römischen Reiches der Kirche zum Geschenk.

Im hohen Mittelalter bauten die Gandulfi, eine genuesische Familie, dort eine Burg. Die Festung ging später in den Besitz des römischen Adelsgeschlechts der Savelli über, die jedoch immer wieder um ihr Eigentum streiten mussten. Im Übergang vom 14. zum 15. Jahrhundert hielten die Capizucchi die Burg in Besitz. Seit 1501 gehörte sie den Borgia, bis sie nach dem Tod Alexanders VI. 1503 wieder den Savelli zugesprochen wurde. Im Jahre 1604 fiel sie an die Apostolische Kammer, die für die Begleichung einer hohen Schuld (24.000 Scudi) der aristokratischen Familie aufgekommen war und als Gegenleistung deren Landbesitz in Castel Gandolfo erhielt. Aber erst in der Regierungszeit Papst Pauls V. (1605-1623) begann man sich in Rom näher für das Gut in den Albaner Bergen zu interessieren und legte im Jahre 1611 eine Wasserleitung zu der Burg.

Der erste Papst, der sich in Castel Gandolfo aufhielt, war Urban VIII. (1623-1644). Schon lange vor seiner Wahl zum Nachfolger Petri hatte er sich häufig dorthin begeben, um Ruhe und Erholung zu finden. Im Gebiet von Castel Gandolfo besaß er als Kardinal ein Haus und einen Weinberg. In seinen lateinischen Gedichten, den „Poemata“, findet sich eine Beschreibung des Landhauses, die er dem Bruder seiner Schwägerin, dem Prälaten Lorenzo Magalotti, zusandte. In seinen „Poesie toscane“ erhebt der Kardinal in einem Sonett „den Geist von der Lieblichkeit der Villa zu Castel Gandolfo zur Betrachtung der ewigen Schönheit“.

Urban VIII. beauftragte berühmte Architekten, vor allem Carlo Maderno, Bartolomeo Braccioli und Domenico Castelli, mit der Umgestaltung der Burg in eine für eine Papstresidenz geeignete Anlage. Der Pontifex sorgte auch für die ersten befestigten Straßen nach Castel Gandolfo. Sein Nachfolger Innozenz X. (1644-1655) aber nahm diese Annehmlichkeiten nicht in Anspruch – „er war den Barberini und der Erinnerung an sie so wenig hold, dass er nicht einmal den Fuß nach Castel Gandolfo setzen wollte“ (Silvio Negro).

Alexander VII. (1655-1667) erweiterte und vollendete den Bau, denn er häufig bewohnte und wohin er sogar die Mitglieder des Kardinalskollegiums einlud. Unter diesem Papst wurden in der Villa große Festlichkeiten veranstaltet, und auf dem See fanden sogar Kampfspiele statt. Alexander sorgte dafür, dass es in der Umgebung des sonnigen Sommersitzes nicht an Schatten fehlte. Die große Allee, die von Castel Gandolfo am Kapuzinerkloster vorbei nach Albano führt, ist sein Werk und hieß daher in früheren Tagen „Strada Alessandrina“. Die unmittelbaren Nachfolger des Chigi-Papstes teilten dessen Vorliebe für die Residenz in den Albaner Bergen nicht; einzig von Innozenz XII. (1691-1700) weiß man, dass er eine Glocke für die Kirche des Ortes stiftete.

Klemens XI. (1700-1721) hingegen kam alljährlich nach Castel Gandolfo. Sein Leibarzt Lancisi, um die schwache Gesundheit des Papstes besorgt, hatte dem Pontifex Maximus eindringlich zu dem Aufenthalt geraten. Die Inschrift einer Gedenktafel weist darauf hin („Oppidi pontificio ab urbe secessui destinat – cuius salubre coelum – affectae suae valetudini reparandae – pluries utile expertus fuit – instaurato palatio – ornato ac novis aquae rivulis aucto fonte – via silice strata – plurimis sublatis impedimentis – elegantiorem ad ordinem directa – privatae publicaequae commoditati consuluit“). Aus der Inschrift geht auch hervor, wie sehr sich der Papst um den Ort verdient gemacht hatte: um die Wiederherstellung des Palastes, die Ausschmückung und Vermehrung der Wasserläufe und die Verbesserungen im Straßennetz.

Vor allen in den Pontifikaten Benedikts XIV. (1740-1758) und Klemens’ XIII. (1758-1769) wurde die Sommerresidenz zu einem wirklichen Regierungssitz; unter vielen bedeutenden päpstlichen Dokumenten dieser Zeiten war zu lesen: „datum ex Arce Gandulphi – gegeben zu Castel Gandolfo“. Benedikt XIV. (1740-1774) erkundete mit großer Leidenschaft die Umgebung der Residenz. Unversehens betrat er Kirchen und Kapellen, lauschte den Predigten der Priester oder betete mit den Gläubigen den Rosenkranz. Durch sein einnehmendes und leutseliges Wesen verstand es der Heilige Vater, die Adeligen genauso wie die einfachen Bauern für sich einzunehmen; überall war der Papst ein gern gesehener und mit echter Begeisterung aufgenommener Gast.

Klemens XIV. (1769-1774) erwarb in seinem Pontifikat von Livio Odescalchi, dem Herzog von Bracciano, die sich am päpstlichen Besitz anschließende Villa Cybo und sorgte so für eine beträchtliche Vergrößerung der Gesamtanlage. Der Ganganelli-Papst galt als besonnen, bescheiden und fromm. Bei seinen Ausritten in die Umgebung Castel Gandolfos jedoch verließ den Papst sein sonst so „ruhiges Naturell“ (Ludwig von Pastor). Der Pontifex zeigte sich auf dem Rücken der Pferde als äußerst wagemutig. Domenico Paoli, der Agent der Republik Lucca am Päpstlichen Hof, schrieb seiner Regierung, die Art des Reitens erwecke bei der Umgebung des Papstes große Furcht; weder die Kürassiere noch die Leichte Reiterei, die den Heiligen Vater bei seinen Ausritten zu begleiten hätten, könnten mit ihm mithalten. Der Papst galoppiere seiner Eskorte oft davon. Wenn man mit der Landbevölkerung spreche, wisse man nicht, was bei dieser überwiege, die Bewunderung für den Heiligen Vater oder die Sorge um sein Wohlergehen. „Der Reitstil Seiner Heiligkeit muss als äußerst verwegen und ungestüm betrachtet werden“, bemerkte der Gesandte.

Johann Wolfgang von Goethe schrieb im Oktober 1787 zu einem Besuch der päpstlichen Sommerresidenz: „Zu Anfang dieses Monats bei mildem, durchaus herrlichem Wetter genossen wir eine förmliche Villeggiatur in Castel Gandolfo, wodurch wir uns denn in die Mitte dieser unvergleichlichen Gegend eingeweiht und eingebürgert sahen“. Der Papst dieser Epoche, Pius VI. (1775-1799), konnte wegen der politischen Umstände, die sein Pontifikat beherrschten, nur selten Castel Gandolfo aufsuchen.

Um so öfter dagegen weilte Pius VII. (1800-1823) im dortigen Palast. Der Papst ließ den während der Franzosenzeit vernachlässigten und verwahrlosten Besitz wiederherstellen. Er stimmte in Castel Gandolfo nach seiner Rückkehr aus dem Exil (1814) das feierliche „Te Deum“ an. Von hier aus richtete er an die Fürsten Europas das großmütige Schreiben, in dem er sie aufforderte, gegenüber dem besiegten Napoleon Milde walten zu lassen. Massimo D’Azeglio erwähnt in seinen „Erinnerungen“, dass sein Vater ihn als Jungen nach Castel Gandolfo mitnahm, wo er die Ehre hatte, mit Pius VII. eine Partie Billard zu spielen. „Ich erinnere mich sehr gut“, schreibt er, „an das lang herabfallende Haupthaar, das sich dunkel von dem weißen Käppchen und dem weißen Gewand abhob“.

Leo XII. (1823-1829) hatte nur wenig von Castel Gandolfo, er besuchte selten die Residenz; Pius VIII. (1829-1830), bedingt durch die Kürze seines Pontifikates, gar nichts. Gregor XVI. (1830-1846), ein ehemaliger Kamaldulensermönch, schätzte die Abgeschiedenheit des Ortes; er zog sich regelmäßig in die beschauliche Sommerresidenz zurück. Von Castel Gandolfo aus unternahm der Papst, der zu Unrecht als fortschrittsfeindlich charakterisiert wurde, Ausflüge zum Jesuitenkolleg in Tivoli, wo er sich die Entstehung von Daguerreotypien, den ersten Photographien, erklären ließ und Experimenten zur Erzeugung elektrischer Beleuchtung beiwohnte.

Pius IX. (1846-1878) sollte nach Papa Lambertini und dem Gagnanelli-Papst der dritte Pontifex Maximus sein, dessen Aufenthalte in Castel Gandolfo bei der Bevölkerung in besonderem Andenken blieben. Zwar zeigte der Papst, so Silvio Negro, „nicht viel Begeisterung für den eindrucksvollen, aber traurigen Albaner See, er nannte das ‚Schloß’ einen Ort, der eher geneigt sei, dort Betrachtungen über den Tod anzustellen, als dort den Sommerurlaub zu verbringen“. Dennoch war der Papst fast jedes Jahr in der Residenz. Er nutzte Castel Gandolfo zu ausgedehnten Ausflügen – zu Fuß, zu Pferde und in der Kutsche. Es soll im Umkreis von zehn Meilen keine Kirche, kein Kloster, keinen Adelssitz und kein Kolleg oder Wohltätigkeitsinstitut gegeben haben, das der nicht besucht hätte.

Vor allen liebte er es, auf dem Pferderücken die Gegend zu erkunden. Die Bauern applaudierten dem Papst begeistert zu, wenn er bei seinen Ausritten zum Monte Cavo den ihn begleitenden Purpurträgern Mattei und Altieri ebenso wie seinem weiteren Gefolge davon galoppierte. 1869 weilte Pius IX. das letzte Mal in Castel Gandolfo; nach der unrechtmäßigen Okkupation des Kirchenstaates durch die Truppen des italienischen Königs (20. September 1870) zog sich der Heilige Vater als freiwilliger Gefangener in den Vatikan zurück.

Der päpstliche Palast blieb für viele Jahrzehnte geschlossen. Er verwahrloste und litt unter der neuen, durch die Politik bestimmten Umstände. Vorbei waren die Zeiten, in denen sich alljährlich der „treno papale“ (Papstzug) nach Castel Gandolfo begab: päpstliche Dragoner, der Wagen des Papstes unter der Bedeckung von Nobelgardisten und Schweizern, die Kutschen und Pferde des Hofstaates, eine Abteilung der päpstlichen Gendarmerie. Unterwegs hielt der „Zug“ zweimal, das erste Mal beim Tor di Mezza Via im Besitztum der Marescotti, das zweite Mal bei den „Frattocchie“ in der Villa, die den Colonna gehörte.

Leo XIII. (1878-1903) war es durch die politischen Gegebenheiten nicht vergönnt, nach Castel Gandolfo zu fahren. Er zeigte jedoch sein Wohlwollen durch großzügige Spenden für die Pfarrkirche und die Bevölkerung. Der hl. Pius X. (1903-1914) und Benedikt XV. (1914-1922) ließen in dem Ort Volkswohnhäuser bauen. Unter dem Sarto-Papst war im Palast eine Wohnung für Kardinalstaatssekretär Raffaele Merry del Val eingerichtet worden, der sich Jahr für Jahr in den Monaten August und September dorthin zurückzog. Benedikt XV. hatte einmal als Unterstaatssekretär in der päpstlichen Residenz geweilt.

Mit den Lateranverträgen vom 11. Februar 1929 stand einem erneuten Aufenthalt der Päpste in ihrer Sommerresidenz nichts mehr im Wege. Der Artikel 14 des zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Königreich Italien geschlossenen Abkommens sicherte dem päpstlichen Besitz in den Albaner Bergen exterritorialen Status zu. Pius XI. (1922-1939) ordnete umfangreiche Restaurierungs- und Baumaßnamen an. 1934 verlegte er die dem Jesuitenorden anvertraute Päpstliche Sternwarte aus der Vatikanstadt nach Castel Gandolfo, zudem ließ er dort ein neues hochmodernes astrophysikalisches Laboratorium errichten.

Während des Zweiten Weltkrieges befahl Pius XII. (1939-1958), in seiner Sommerresidenz den von Nationalsozialisten und Faschisten verfolgten Menschen, vor allem Juden, Zuflucht zu gewähren. Im Oktober 1943 wurde eine Abteilung der Päpstlichen Palatingarde als Schutztruppe nach Castel Gandolfo verlegt. Später dann, angesichts der Kämpfe zwischen der deutschen Wehrmacht und den Alliierten, gab der Heilige Vater die Order, die Pforten der Residenz auch offiziell zu öffnen; mehr als 15.000 Menschen fanden hier Schutz. Seine Privatgemächer hatte der Papst werdenden Müttern zur Verfügung gestellt; 36 Kinder kamen in der Villa des Heiligen Vaters wohlbehalten zu Welt.

Die Landung anglo-amerikanischer Verbände bei Anzio und Nettuno (22. Januar 1944) brachte auch Castel Gandolfo in beträchtliche Gefahr. Bomben der Alliierten wurden am 1. und 10. Februar über Albano abgeworfen – auch auf die päpstlichen Villen, obwohl an deren Gebäude die gelbweißen Flaggen des neutralen Vatikanstaates wehten. Viele Tote und Schwerverletzte waren zu beklagen.

In den 30er-Jahren hatte der Vatikan Ländereien, die sich an der Villa Barberini anschlossen, käuflich erworben. Auf dem über vier Hektar großen Areal befanden sich Olivenhaine und Gartenanlagen. Ebenso erwarb man später ein Gebiet, das an den Friedhof der Stadt Albano angrenzte. Auf dem neuen Land entstand ein päpstlicher Bauernhof. Der Landzuwachs führte im Jahre 1948 zu einem Zusatzvertrag zwischen der italienischen Regierung und dem Heiligen Stuhl, der die neuen Grenzen des exterritorialen Gebietes festlegte.

Im 20. Jahrhundert nutzten die Päpste ihre Sommerfrische auch wieder verstärkt als reguläre Residenz; sie gaben dort regelmäßig Audienzen und erließen „ex Acre Gandulphi“ päpstliche Entscheide. Diplomaten fremder Mächte überreichten in Castel Gandolfo dem Papst ihre Ernennungsschreiben zu Botschaftern beim Heiligen Stuhl. Offizielle Besuche von Monarchen und Staatsoberhäuptern fanden hier statt; so u.a. die des japanischen Kaiserpaares und des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.

Das Jahr 1970 sollte dem Vatikan eine Reihe „sozialer Unruhen“ bringen. Viele Angestellte des Kirchenstaates waren unterbezahlt und forderten zu Recht eine finanzielle Besserstellung. Im Mai des Jahres gab es einen halbstündigen Warnstreik in der Druckerei des „Osservatore Romano“, dem sich auch einige Redakteure des Blattes anschlossen. Im September streikten ihre Kollegen von der „Polyglotta Vaticana“ für drei Stunden. Die vatikanische Musikkapelle drohte mit der unvorhergesehen Einlage der „Internationalen“ bei einem feierlich-frommen Anlass. Eine andere Berufsgruppe im Vatikan hatte sogar die päpstliche Sommerresidenz in Castel Gandolfo für eine „Palastrevolte“ ausersehen.

Die anonymen Verfasser des Enthüllungsbuches „Vatikan intern“ (Stuttgart 1973) verrieten ihren Lesern: „Im Sommer 1969 forderten die [päpstlichen] Gendarmen eine Gehaltsaufbesserung und Arbeitszeitverkürzungen. Kardinal Guerri, faktischer Verwaltungschef des Vatikanstaates, schlug den Wunsch aus. Daraufhin begannen die Gendarmen von Streik zu sprechen. Ihr Kaplan, Monsignore Giovanni Sessolo (später als zu nachgiebig durch den päpstlichen Zeremonienmeister Monsignore Noé ausgetauscht) machte sich zum Fürsprecher beim Papst. Paul VI. suchte seine Gendarmen nach alter Landesvatersitte mit einem Geschenk zu besänftigen. Er warf zwei Millionen Lire aus, d.h. etwa 14.000 Lire pro Kopf, um seinen Leibwächtern einen Betriebsausflug zu finanzieren.

Doch statt den Präminen-Pranzo in Palestrina einzunehmen, wie es ihr Kommandant, Colonello Spartaco Angelini, pflichtgemäß angeregt hatte, schlugen sie die ‚Gutsherrengeste’ aus. Sie forderten weiter eine Lohnerhöhung und bessere Arbeitsbedingungen. Als schließlich aus Anlass des 50jährigen Priesterjubiläums des Papstes im Juni 1970 für alle Kurienangestellten eine zehnprozentige Gehaltserhöhung versprochen wurde, fehlten dabei ausgerechnet die aufmüpfigen Gendarmen... Anfang September 1970 spitzte sich die Lage derart zu, dass die Arbeitgeber eine Urlaubsstörung ihres Monarchen befürchteten, einen Protestmarsch der Gendarmerie vor die Tore des päpstlichen Landsitzes in Castel Gandolfo. Kommandant Angelini alarmierte vorsorglich die italienischen Carabinieri, die daraufhin verstärkt um die päpstliche Villa patroullierten. Der Alarm ging aus wie das Hornberger Schießen. Die Gendarmen, über die Konzentrationsbewegung der befreundeten italienischen Streitkräfte informiert, blieben in der leoninischen Stadt“.

Für die Päpste Pius XII. (1939-1958) und Paul VI. (1963-1978) wurde die Sommerresidenz in den Albaner Bergen zum Sterbeort; von hier aus traten sie den letzten Gang in ihre Bischofsstadt an. Johannes Paul I. (1978) fand in seinem nur 33 Tage währenden Pontifikat nicht die Zeit, den exterritorialen Besitz vor den Toren Roms zu besuchen.

Für Johannes Paul II. (1978-2005) war Castel Gandolfo kein echter Urlaubsort, obschon er in der Sommerresidenz einen Swimmingpool bauen ließ. Zu viele Audienzen hielten den Papst von der nötigen Erholung ab. In der Sommerresidenz fanden philosophische Symposien, die so genannten „Gespräche von Castel Gandolfo“ statt, an denen der Heilige Vater persönlich teilnahm. Entspannung fand der Wojtyla-Papst während der alljährlichen Urlaubswochen im nordwestitalienischen Aosta-Tal.

Dennoch wird des verstorbenen Pontifex in Castel Gandolfo gedacht: Im August 2005 enthüllte man in Anwesenheit von Benedikt XVI. und Bürgermeister Maurizio Colacchi im Gemeindehaus des Ortes eine Gedenktafel; im März 2006 wurde eine Straße nach Johannes Paul II. benannt.

Benedikt XVI. scheint, was Castel Gandolfo betrifft, die Gepflogenheiten seines unmittelbaren Vorgängers zu übernehmen. Der Aufenthalt in den Albaner Bergen darf wohl getrost als „Arbeits-Urlaub“ beschrieben werden. Ein Großteil der Recherchen und Arbeiten an dem „Jesus“-Buch des Papstes entstand hoch über dem Lago di Albano. Kurz vor seinem Besuch in Bayern (2006) gab der Heilige Vater in seiner Sommerresidenz drei deutschen Journalisten ein viel beachtetes Fernsehinterview, das der Bayerische Rundfunk ausstrahlte – ein Novum in der Papstgeschichte.

Der Pontifex bemüht sich in seiner Sommerresidenz auch um Familiarität. So gibt der Hellebardier Marco Honegger im Jahresbericht 2005 der Päpstlichen Schweizergarde über ein „Nachtessen mit Papst Benedikt XVI.“ Auskunft: „Am Dienstagabend, 30. August 2005, stieg der Heilige Vater, Papst Benedikt XVI., ins Gardequartier hinunter, um gemeinsam mit uns Gardisten zu essen. Er kam in Begleitung seiner zwei Sekretäre, Mons. Gänswein und Mons. Mietek sowie der vier Damen, die für Küche und Haushalt sorgen“. Gut zwei Stunden habe der Papst mit den Gardisten verbracht, verkündet der Bericht mit Stolz.