Die Sonnenblume in der Emblematik der frühen Neuzeit

Symbol für die treue Liebe und für die Gottesmutter Maria

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Von Nicki Schaepen*

TÜBINGEN, 31. Mai 2011 (ZENIT.org). - Zum Abschluss des Marienmonats soll dieser Beitrag den Blick öffnen für eine Blume, die sich heute zwar allenthalben einer großen Beliebtheit erfreut und die für viele Organisationen und Aktionen als Sinnbild Verwendung findet, deren alte Bedeutung als Symbol für die Gottesmutter Maria aber weitgehend unbekannt ist. Die Rede ist von der Sonnenblume.

Die Sonnenblume verdankt ihre Bedeutung als Sinnbild in der europäischen Emblematik in erster Linie ihrem außergewöhnlichen Aussehen. Schon der Verwalter der Botanischen Gärten zu Padua, Giacomo Antonio Cortuso, von dem eine der ersten Beschreibungen der Sonnenblume von 1568 in Briefform überliefert ist, hatte auf ihre besondere Größe, die jener des Menschen gleiche, aufmerksam gemacht. Andere Autoren haben ihr Aussehen als ein Abbild der Sonne beschrieben und schließlich auf ihre außergewöhnlichste Eigenschaft hingedeutet, dass sie sich nämlich stets nach dem Lauf der Sonne ausrichte. Dem humanistischen ‚ordo‘-Denken verpflichtet, stellten sie die Ergebnisse ihrer empirischen Anstrengungen in einen verweisenden Sinnzusammenhang.

Die Untergliederung der Sonnenblume nach den phänotypischen „visibilia“ und den pharmakologisch-metaphysischen „invisibilia“ sollte den zeitgenössischen Leser animieren, die Schöpfung Gottes zwiefältig zu betrachten. Zum einen nach ihrer biologischen Beschreib- und Darstellbarkeit und zum anderen nach dem, was „vom Schöpfer als Wirkung und erschließbare Botschaft in seine Geschöpfe, die ‚Sachen’ (res) der Natur, verschlüsselt hineingeschrieben worden ist.“ So liest man etwa in Cortusos Text: “[...] se me fosse lecito intersiare tra l’historie favole, vorrei mostrarvi, che fossè stata questa una delle amanti di lui [i.e. il sole], già per amore, & per pietà conserva in questa bella maravigliosa pianta.”

Cortuso mochte in der zitierten Passage an die Geschichte der Clytie gedacht haben, die im vierten Buch der Metamorphosen Ovids zu finden ist: Das dort überbrachte Schicksal der in Liebe zu Phoebus verfallenen und von diesem letztlich zurückgewiesenen Clytie ist eng mit dem Sinnbild einer der Sonne folgenden Blume verbunden. Aus tiefem Gram über die erloschene Liebe des Sonnengottes verwandelte sich die Nymphe in eine dem Veilchen ähnliche Blume („violaeque simillimus“, Ov. met. IV, 268), deren Blicke ihrem Liebsten auch über die Metamorphose hinaus beständig folgten: „[...] illa suum, quamvis radice tenetur, veritur ad Solem, mutataque servat amorem“ (Ov. met. IV, 206-70, insb. 270). Traditionell wurde diese „dem Veilchen ähnliche Blume” mit dem Heliotrop gleichgesetzt. Cortuso hat zweifellos gewusst, dass dem Heliotrop, der Zichorie und der Ringelblume jene Eigenschaft nachgesagt wurde, die er selbst an der Sonnenblume beobachtet hatte, nämlich dem Lauf der Sonne zu folgen: ‚solsequium‘. Der ästhetische Vorteil der Sonnenblume gegenüber diesen alten Sinnbildern war eben der, dass sie in ihrer Größe der eines Menschen entsprach. Schließlich erschien der Gedanke, die Nymphe habe sich in ihrer steten Schau dereinst in eine Pflanze ihrer eigenen Körpergröße verwandelt, nachvollziehbarer.

Das Motiv der treuen Liebe Clytiens, ihrer über die Metamorphose hinaus währenden Liebe zur Sonne, ihre botanische Abhängigkeit vom Lichte derselben ist schon früh der Liebe der Menschenseele zu Jesus Christus gegenübergestellt worden. So erscheint etwa in den „Symbola et Emblemata“ des Nürnberger Gelehrten Joachim Camerarius ein Heliotrop zur Sonne ausgerichtet, mit dem Motto „Mens eadem“. Die zur ‚pictura‘ gehörende ‚inscriptio‘ verweist schließlich mit den Worten „Christe tuos vultus semper venerabor adorans,/ Vt Clytie ad solem germina pulcra rotat“ explizit auf die Passage Ovids. Im gleichen Werk findet sich auch ein Emblem, das die Sonnenblume zeigt, die wie zuvor das Heliotrop ihren Blütenkranz nach dem Strahlenkranz der Sonne ausrichtet. Das Motto „Non inferiora secutus” verweist auf das in der ‚inscriptio‘: „Solis ut hunc florem radiantia lumina versant, Dirige sic mentem Christe benigne meam“ ausgesprochene Vertrauen des nachfolgenden Gläubigen auf die Führung des als ‚sol verus‘ begriffenen Heilands.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts ist die Sonnenblume als ein neues ‚res pictae‘ schließlich so gebräuchlich und verbreitet, dass sie Darstellungen der Ringelblume und des Heliotrops, die ihrerseits noch lange Zeit geläufig waren, zahlenmäßig weit übertraf. John Peacock hat dabei auf ein ebenso zentrales wie entscheidendes Motiv der emblematischen Ausdeutung der Sonnenblume hingewiesen: Als ein Symbol für die Liebe zu Christus oder der Liebe, die über den Tod (die Metamorphose) hinaus währt, bezieht die Sonnenblume gleichzeitig die Position des Liebenden und des Schauenden oder besser gesagt: des aus und durch die Liebe Schauenden. Dieses Motiv der liebenden Schau wurde in den ‚subscriptionibus‘ der Emblembücher noch weiter ausgeführt. Peacock verweist hierbei auf eine der Illustrationen aus den „Emblemata Amorum“ Otto van Veens von 1607. Auch hier richtet sich die Sonnenblume nach der Sonne, während Cupido dem Betrachter gestisch vermittelt, dass er, die Liebe, es sei, der sie dazu anrege.

Die in drei Sprachen bereitgestellten Verse erklären die Darstellung in einer sich ständig erweiternden und verändernden Metaphorik. Im Lateinischen bewegt die den Liebenden symbolisierende Pflanze beide Augen zu ihrem Geliebten („dirigit ille oculos, cor animumque suum“), im Italienischen wird daraus ein Singular „drizza [...] l’occhio“, sodass der Eindruck entsteht, der Blütenkopf der Sonnenblume sei als ein einzelnes großes Auge zu fassen. In den französischen Versen schließlich richtet die Blume ihre „flame“, also ihren Blütenkranz, nach dem „tout-voyant soleil“, was das Motto „Mon œil vers mon soleil“ noch einmal unterstreicht. Durch die Betonung des Sehens, das hier mehr als leibliches Sehen verstanden werden kann, erzielt Van Veen die zunächst vom Leser unbewusst aufgenommene Einsicht, dass die weltliche Liebe mehr von den Sinnen bestimmt sei, gleichwohl sie freilich nur dann Liebe sein könne, wenn auch die Seele liebe.

In seinem sieben Jahre später erschienenen „Amoris divini emblemata“ hat Van Veen das Motiv der liebenden Schau anhand der Ringelblume entwickelt. Im Emblem Nr. 39 sieht man die göttliche Liebe als nimbierten Cupido die christliche Seele in Gestalt eines Mädchens umarmend, sie auf die heilvolle Beziehung zwischen Ringelblume und Sonne gestisch verweisend. Die christliche Seele hat ihren Blick zur Sonne erhoben, unter dieser ist eine auf Fels gebaute Kirche zu sehen. Der ausgestreckte Arm des ‚amor divinus‘ macht nicht nur auf die Ringelblume, sondern auch auf die Landschaft aufmerksam, die sich ihr anschließt. Diese ist vor allem durch die einen Fluss überspannende Brücke bestimmt, die jenen Weg fortführt, der im Bildvordergrund zu Füßen des Liebespaares seinen Anfang zu nehmen scheint. Die Deutung des Emblems ist recht nahe liegend: Die himmlische Liebe offenbart sich als Christus, die eingeborene Liebe des Vaters, der durch seinen Sohn ein ‚exemplum vitae‘ gegeben hat. Die christliche Seele ist durch die Liebe zu Christus bestimmt, ebenso wie die Ringelblume sich nach dem Lauf der Sonne ausrichtet. Die Liebe zu Christus in der stetigen Ausrichtung der christlichen Seele verweist auf den Weg der Nachfolge, der obgleich beschwerlich, durch die auf Petrus, dem Felsen, gebaute „wahre“ Kirche sicher ans Ziel führen wird.

Im Zuge der gegenreformatorischen Bestrebungen gewann die Sonnenblume als Sinnbild für den „wahren“ Glauben besonders in den jesuitischen Publikationen einen herausragenden Stellenwert. Dies soll am Beispiel eines in der Sekundärliteratur regelmäßig herangezogenen Devotionsbuches verdeutlicht werden. Die Rede ist von den „Pia desideria“ des Jesuiten Herman Hugo. Ein vielgedrucktes Emblembuch, dessen zweite Ausgabe bereits 1627 vorlag. In den Stichen Boëtius à Bolswerts erscheint, wie schon bei Van Veen, ein Engel als die Liebe Gottes (amor divinus) und eine Mädchengestalt als christliche Seele (anima amans). Dem vierten Kapitel des dritten Buches ist ein Kupferstich vorangestellt, der die leicht gebeugte Sonnenblume gleich hinter der Seele zeigt, das Haupt der Sonne am linken oberen Bildrand zugewandt. Die Seele spiegelt die Haltung der Blume wider, indem sie ihren Blick auf den amor divinus richtet und ihre Hand auf das Herz legt, während sie in der ausgestreckten anderen Hand einen Trockenkompass hält und damit auf die Ausrichtung ihres Herzens hindeutet. Wie die Strahlen der Sonne auf die Blume herabscheinen und sich diese nach ihrem Lauf ausrichtet, so erhellt die Göttliche Liebe den ihr durch die Seele entgegengebrachten Blick mit einem dreiförmigen Lichtstrahl, der auf die Magnetnadel ausgerichtet ist und diese anzuziehen scheint. Der Kompass, dessen Nadel sich im emblematischen Verständnis verlässlich nach dem Polarstern ausrichtet, galt als Sinnbild für das niemals wankende Verlangen der Seele nach Gott.

Das gestische Vokabular des Emblems kann daher wie folgt gedeutet werden: Während die eine Hand auf das Herz deutet, zeigt uns die andere die Konstitution oder aber die Eigenschaften und Möglichkeiten des Herzens sinnbildlich an. Denn nichts anderes versinnbildlicht der Kompass als das suchende Herz, dessen „Magnetnadel“ nach der Liebe Gottes ausgerichtet ist. So ist auch die der ‚pictura‘ folgende ‚inscriptio‘: „Ego dilecto meo, et ad me conuersio eius“ (Cant. 7, 11) zu deuten, ganz in dem Sinne, wie ihn etwa der große zisterziensische Hohelied-Exeget Bernhard von Clairvaux in den „Sermones“ (Sermones in cantica canticorum, PL 183, 785-1198) verstanden hat, nämlich in der die ‚unio mystica‘ anstrebenden, geistigen Zuwendung der menschlichen Seele zu ihrem himmlischen Bräutigam.

Daher erscheint die Liebe Gottes erleuchtet, direkt unterhalb der Gnadensonne, sie deutet ebenfalls auf das Herz, während die andere ausgestreckt und aus dem Bilde hinausweist. Ist das Herz des Gläubigen nach Gottes Liebe ausgerichtet, so wird es von ihr erleuchtet und weist auf den wahren Weg der Nachfolge. Die Liebe Gottes, die in diesem Emblem mit der Sonne verglichen wird, offenbart sich in niemand anderem als Christus, dem ‚Lux mundi‘, das in allen Herzen zu finden ist und diese „sehend“ macht: „[...] Sol vitae Christus Deus est, lux lucis amatae:/ Cuius nos fas est semper amore trahi [...].“ Die vom Herzen wegführende Hand im Zusammenspiel mit dem Brustgestus verweist wiederum auf das Herz selbst, indem sie uns dessen Ausrichtung und Inhalte kundtut. So bilden die sich wiederholenden und sich in kompositorischer Hinsicht ergänzenden Gesten des ‚amor divinus‘ und der ‚anima amans‘ ein System des gegenseitigen Verweisens, gleichsam ein Zeichen der gegenseitigen Verbundenheit.

In diesem Zusammenhang wurde die Sonnenblume schnell zu einem Bild Mariens, welche ja die vollendete christliche Seele ist. Sie ist die treue Liebende, die Braut Christi, die die Kirche ist. In ihrem Herzen erkennen wir, wie sich unser Kompass ausrichten soll auf den ‚sol verus‘, in dessen ‚lumen gloriae‘ wir in Liebe entbrennen und Christus den Erlöser erkennen.

*Nicki Schaepen, 1977 in Hechingen geboren, studierte Kunstgeschichte und neuere Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin und der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und schloss sein Studium mit einer Arbeit über Anton van Dycks Selbstbildnis mit der Sonnenblume ab. Im Jahr 2007 trat er in das Bischöfliche Theologenkonvikt in Tübingen ein, wo er zurzeit seine Priesterausbildung vollendet, in deren Rahmen er sich auch für längere Zeit in Rom aufhielt.