Die Soziallehre der Kirche als Weg der Neuevangelisierung

Die Christen sind dazu aufgerufen, auf dem Wort Gottes und dem Dialog mit den Humanwissenschaften gründende Werkzeuge zu verbreiten, um der postmodernen Gesellschaft eine ganzheitliche, solidarische und brüderliche Entwicklung vorzuschlagen

Rom, (ZENIT.org) Carmine Tabarro | 398 klicks

Die italienische Kirche zählte zu den ersten, die auf Anregung des Lehramtes von Johannes Paul II. eine Betrachtung und Vertiefung der Dimension der Sozialdoktrin als Weg der Neuevangelisierung vornahmen. Das in den Kontext der evangelisierenden und pastoralen Dimension, der Sozialkatechese sowie der anthropologischen Untersuchung eingebettete Dokument „Evangelizzare il sociale“ (Evangelisierung des Sozialen) von 1992 regte eine eingehende Reflexion über die Soziallehre der Kirche (DSC) an.

Eine tatsächliche Wende für die Universalkirche brachte jedoch die Enzyklika „Caritas in Veritate“ (CiV) des emeritierten Papstes Benedikt XVI. Die Sozialdoktrin der Kirche wird darin als Weg der Neuevangelisierung anerkannt. Die Synode von 2012 bestätigte diesen Aspekt („La nuova evangelizzazione per la trasmissione della fede cristiana“; Die Neuevangelisierung für die Weitergabe des christlichen Glaubens).

In der Enzyklika „Caritas in Veritate“ charakterisiert Benedikt XVI. die DSC wie folgt: „Die Soziallehre der Kirche ist Glaubensverkündigung und Glaubenszeugnis. Sie ist Instrument und unverzichtbarer Ort der Erziehung zum Glauben“ (CiV, Nr. 15). In Anlehnung an das Lehramt des seligen Johannes Paul II. bestätigt CiV die Soziallehre der Kirche als eine Frucht der Vereinigung des interdisziplinären Wissens der Dimension der Moraltheologie und der Humanwissenschaften. Dieses Wissens ermöglicht den Dialog und interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen dem Glauben, der theologischen Reflexion und der Metaphysik im Dienst des Menschen und der Verkündigung des Reiches Gottes.

Wie alle Formen der Evangelisierung ist die Soziallehre der Kirche in Wahrheit nicht darauf beschränkt, nur mit dem Wort „verkündigt“ zu werden. Sie „muss“ sich vielmehr auf konkrete Weise im Leben der Menschen und der Gesellschaft manifestieren (vgl. CiV, Nr. 31), damit die christliche Wahrheit erkennbar wird. Darüber hinaus ist die DSC entweder die „Verkündigung der Wahrheit der Liebe Christi in der Gesellschaft“ (vgl. CiV, Nr. 5) oder eine einfache Auflistung guter Absichten.

Mit der „Caritas in Veritate“ wird die neue DSC vom päpstlichen Lehramt vollkommen als Weg der Neuevangelisierung anerkannt (vgl. CiV, Nr. 9). Ferner stellt diese Enzyklika insofern eine Weiterentwicklung im Vergleich zum vorherigen Lehramt und ebenso zum zuletzt erschienenen „Kompendium der Soziallehre der Kirche“ (2004) dar, als sie neue, von der postmodernen Gesellschaft in einer im Laufe der Menschheitsgeschichte nie dagewesenen Geschwindigkeit hervorgebrachte Themen behandelt: Themen, die es zu evangelisieren gilt.

Im Besonderen beleuchtet die CiV auf prophetische Weise die tiefe endogene und exogene anthropologische und technologische Krise, von der der Mensch und die Gesellschaft dieses dritten Jahrtausends betroffen sind, und bietet Antworten im Zeichen einer Verwandlung des „Herzens“ der Menschen und der Gesellschaft durch Christus.

Die anthropologische Krise zeigt sich im Verlust des Sinns des Menschseins, im Triumph des schwachen Denkens, im irrationalen Egoismus, im Ausschluss der Brüderlichkeit, der Freigiebigkeit, des Schenkens in der zivilisatorischen und ökonomischen Dimension. Denken wir beispielsweise an den technologisch vorangetriebenen Finanzkapitalismus. Dieser führte zur Entstehung einer Globalisierung, deren Grundlagen die Ungleichheiten vergrößert, die Schöpfung und den Menschen zerstört und das Leben von Milliarden von Menschen – wie Papst Franziskus kürzlich (unter Verwendung eines vom Soziologen Zygmunt Bauman geprägten Begriffs) hervorhob – zu einem „verworfenen Leben“ macht.

Denken wir ebenso an das konsumistisch-materialistische, allein auf Profitmaximierung ausgerichtete, und das auf dem Interessenskonflikt beruhende Entwicklungsmodell, das eine Gefahr für die gute Politik und die Verwaltung der alten und neuen gemeinsamen Güter darstellt, die Krise der internationalen Institutionen und die nicht erfolgte Planung weiterer, auf eine gerechtere, solidarischere und nachhaltigere Globalisierung ausgerichteter Institutionen, oder an die Ausbreitung der Technokratie zulasten der Demokratie, und insbesondere die Zerstörung der Humanökologie und des Umweltschutzes, etc.

Was versteht Joseph Ratzinger in der „Caritas Veritate“ nun unter einer Neuevangeliserung durch die kirchliche Soziallehre? Ausgehend von dem im 2. Vatikanischen Konzil festgeschriebenen methodischen Dreischritt „sehen-urteilen-handeln“ untersuchte der emeritierte Papst den gegenwärtigen Globalisierungsprozess in seinen positiven und negativen Aspekten. Um im Dienste des Gemeinwohls und nicht der Totalität zu stehen, müsse der globale Integrationsprozess laut Benedikt XVI. auf einer personalistischen und gemeinschaftlichen, für die Transzendenz offenen kulturellen Ausrichtung beruhen (vgl. Nr. 42).

Der emeritierte Papst ist sich der Schwierigkeit dieser Sendung bewusst, denn dieser steht ein auf schwachem Denken, Egoismus, Relativismus und einer Krise der Werte gründendes Ethos gegenüber. Die Christen sind zur Verkündigung Jesu Christi in dieser Generation mittels der DSC aufgerufen, indem sie es verstehen, die „ewige Stadt“ auf neue Weise zu erfahren.

Um dieser Sendung Leben einzuhauchen, sind die Christen einerseits zur Verbreitung interpretativer, planungsorientierter und institutionalisierter Werkzeuge berufen, die auf dem Wort Gottes, dem historischen Gedächtnis der Charismen der verschiedenen auf die soziale Evangelisierung bedachten Stifter und der theologischen Reflexion beruhen. Andererseits gilt es, den interdisziplinären Dialog mit den Humanwissenschaften zu fördern, sodass dem Menschen und der postmodernen Gesellschaft eine ganzheitliche, solidarische, brüderliche, gemeinschaftliche, nachhaltige und einschließende Entwicklung vorgeschlagen werden kann.

Zur Verwirklichung dieser Mission muss die Soziallehre der Kirche ein neues „Ethos“ darlegen, das aus der Synthese des „Dia-Logos“ zwischen verschiedenen Wissensgebieten entsteht (vgl. CiV, Nr. 30). Dabei handelt sich daher um ein neues, soziales und für die Transzendenz offenes Menschsein, eine neue Stimmung, die in einem konkreteren und lebendigeren Christentum wurzelt, das fähig ist, das „Schon-jetzt“, aber „Noch-nicht“ des Reichs Gottes in dieser Generation zu leben und zu bezeugen.