Die Soziallehre der Kirche kann nicht in Fesseln gelegt werden

Msgr. Crepaldi erläutert den Dritten Bericht über die Soziallehre

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TRIEST, 8. November 2011 (ZENIT.org). -Anlässlich der bevorstehenden Veröffentlichung des „Dritten Berichts über die Soziallehre der Kirche in der Welt“ führte Stefano Fontana ein Interview mit Msgr. Giampaolo Crepaldi, dem Erzbischof von Triest und Präsident des Internationalen Kardinal-Van-Thuân-Beobachtungszentrums (http://www.vanthuanobservatory.org/).

ZENIT: Welchen Platz nimmt die jährliche Veröffentlichung des Berichtes in den Tätigkeiten des Beobachtungszentrums ein?

Msgr. Crepaldi: Die Veröffentlichung des Jahresberichts über die Soziallehre der Kirche in der Welt ist das Aushängeschild unseres Beobachtungszentrums und vielleicht unsere wichtigste und bekannteste Tätigkeit. Unser Bericht, der dieses Jahr in die dritte Auflage geht, ist einzigartig auf diesem Gebiet. Daher glauben wir, einen wahren Bedarf gedeckt zu haben und mit der Veröffentlichung einen bedeutenden Dienst zu erweisen.

ZENIT: Wo wird der Bericht veröffentlicht?

Msgr. Crepaldi: Der Bericht des vergangenen Jahres 2010 wurde in Italien, in Frankreich, in Peru für Lateinamerika und in Spanien veröffentlicht. Dies wird auch für die Ausgabe 2011 der Fall sein. Der Bericht ist aus der Zusammenarbeit von vier internationalen Institutionen entstanden, die sich alle der Soziallehre der Kirche widmen und so ist der Bericht das Ergebnis ihres bedeutsamen Zusammenwirkens unter der Leitung unseres Beobachtungszentrums.

ZENIT: „Die Soziallehre der Kirche kann nicht in Fesseln gelegt werden“: Dieser Leitspruch wurde als Fazit des Berichts gewählt. Warum?

Msgr. Crepaldi: Weil aus dem Bericht die vielen Fesseln hervorgehen, die immer noch die Entfaltung und Verwirklichung der Soziallehre der Kirche verhindern. Es existieren äußere Fesseln wie der Druck, den die internationalen Lobbys auf das Leben und die Familie ausüben, aber auch innere Fesseln wie die Außerachtlassung der Lehre Benedikts XVI. auf diesem Gebiet oder die Säkularisierung der kirchlichen Soziallehre. „Zeugen, Heilige und Märtyrer“: Der Bericht belegt zahlreiche Geschehnisse von Martyrium und Heiligkeit, die sich 2010 ereignet haben, und gibt wieder, wie Benedikt XVI. in England und Portugal sehr auf – man könnte sagen - radikale Formen der Zeugnisse auch auf dem Gebiet der Soziallehre beharrt hat.

Auch die Worte „Zeugen, Heilige und Märtyrer“ gehören zum Leitspruch, wie Sie ihn nennen, den wir dieses Jahr gewählt haben. Das Martyrium der Bezeugung des Evangeliums im sozialen Bereich ist an der Tagesordnung und trägt im Wesentlichen dazu bei, zur Kernaussage der Soziallehre aufzurufen, nämlich die Verkündigung Christi und die Teilnahme an der kirchlichen Mission. Es besteht die große Notwendigkeit, die Soziallehre der Kirche zu ent-intellektualisieren und sie intensiv ins kirchliche Leben einzubeziehen. Möglicherweise werden zur kirchlichen Soziallehre zu viele Kongresse abgehalten und es wird weniger darauf geachtet, sie zur Realität eines durch die Wahrheit des Evangeliums erleuchteten Lebens zu machen.

ZENIT: Der Großteil des Berichtes besteht aus Informationen zu Geschehnissen, die sich 2010 auf den fünf Kontinenten ereignet haben. Können Sie uns eines der interessantesten schildern?

Msgr. Crepaldi: Dies ist der umfangreichste Teil. Er gibt eine ausführliche Übersicht über die wichtigsten Entwicklungen des Jahres 2010 auf den fünf Kontinenten. Unter allen Vorgängen erinnere ich mich insbesondere an die zahlreichen Wahlgänge in Afrika, an den Kampf der internationalen Machthaber in Lateinamerika zur Einführung von Gesetzen, die Abtreibungen befürworten und so Familien zerstören, an den Widerstand gegen die Ideen des Zapaterismus“ in Spanien, an die Debatte über die Rezeption der Enzyklika Caritas in veritatein den Vereinigten Staaten und an die oftmals sehr fragwürdigen politischen Richtlinien der Vereinten Nationen. Sehr detailliert sind auch die Informationen, die wir über Asien zusammengetragen haben, von der Christenverfolgung bis hin zu den Themen Gerechtigkeit und Frieden.

ZENIT: Ein Kapitel des Berichtes bezieht sich auf die Lehren von Benedikt XVI. Was können Sie uns dazu sagen?

Msgr. Crepaldi: Benedikt XVI. hat 2010 zwei bedeutende Reisen nach England und nach Portugal unternommen, die beide sehr reich an Soziallehren waren. Zudem hat er besonders auf zwei strategische Bereiche hingewiesen: Zum einen hat er eine Reihe an grundlegenden und methodischen Anleitungen aufgezeigt, damit die Kirche auf rechte Art und Weise mit der Welt in Beziehung tritt. Zum anderen hat er das Naturrechtverteidigt. Der Bericht stellt ein sehr nützliches Mittel dar, um die Lehren des Papstes kennen zu lernen und ihnen zu folgen.

ZENIT: Jedes Jahr wird ein bestimmtes Thema genauer beleuchtet. Welches ist das diesjährige Schwerpunktthema?

Msgr. Crepaldi: Wir haben ein langes Interview mit Prof. Simona Beretta von der Katholischen Universität vom Heiligen Herzen in Mailand zum Thema „Die Entwicklung  der Caritas in veritate geführt. Das Ergebnis gibt eine sehr genaue und weitblickende Einsicht in die aktuellen Entwicklungsprobleme und wird damit vielen existierenden Gemeinplätzen gerecht.

ZENIT: Der Bericht erscheint in der dritten Auflage, eine bemerkenswerter Arbeit…

Msgr. Crepaldi: Jeder Jahresbericht gibt Anlass, auch in Bezug zu den vorhergehenden Berichten gelesen zu werden. Die jährliche Abfolge stellt einen zusätzlichen Wert dar. Man kann einen Verlauf erkennen; es ist sehr interessant, diesem Verlauf zu folgen und innerhalb dessen Vergleiche zu ziehen. Für uns ist der Bericht gewiss eine große Anstrengung, doch wie bereits zu Beginn erwähnt, sind wir der Meinung, dass das Ergebnis sehr nützlich ist.

[ZENIT-Übersetzung aus dem Italienischen]