"Die Spaltungen unter uns Christen sind ein Skandal!"

Katechese des Papstes bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 431 klicks

Die Generalaudienz von heute Vormittag begann um 10.30 Uhr auf dem Petersplatz, wo der Heilige Vater Franziskus mit Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Welt zusammentraf.

In seiner auf Italienisch gehaltenen Ansprache konzentrierte sich der Papst auf das Thema der Gebetswoche für die Einheit der Christen. Anschließend richtete er an alle einen Aufruf zum Gebet für den Frieden in Syrien.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des Vaterunsers und dem apostolischen Segen.

Wir dokumentieren im Folgenden die Katechese des Heiligen Vaters in eigener Übersetzung.

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Letzten Samstag hat die Gebetswoche für die Einheit der Christen begonnen, die am kommenden Samstag, dem Fest der Bekehrung des heiligen Paulus, enden wird. Dieses kostbare spirituelle Ereignis bringt die christlichen Gemeinden der Welt nun schon seit hundert Jahren immer wieder aufs Neue zusammen. Es ist eine Zeit, die wir dem Gebet für die Einheit aller Getauften widmen, entsprechend dem Willen Christi: „Alle sollen eins sein“ (Joh 17,21). Unter der Leitung des Ökumenischen Rates der Kirchen und des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen wählt jedes Jahr eine ökumenische Gruppe aus einer jeweils anderen Gegend der Welt das Thema der Gebetswoche und arbeitet ein Programm aus. In diesem Jahr kommt das Programm von den Kirchen und kirchlichen Gemeinden Kanadas, und das Thema ist die Frage, die Paulus an die Christen von Korinth richtete: „Ist denn Christus zerteilt?“ (1 Kor 1,13).

Selbstverständlich ist Christus nie zerteilt gewesen. Doch müssen wir ehrlich sein und mit Schmerz bekennen, dass unsere Gemeinden immer noch Teilungen erleben, die ein Skandal sind. Die Spaltungen unter uns Christen sind ein Skandal. Es gibt kein anderes Wort dafür: Sie sind ein Skandal! „Jeder von euch sagt etwas anderes: Ich halte zu Paulus — ich zu Apollos — ich zu Kephas — ich zu Christus“, schreibt der Völkerapostel (1 Kor 1,12). Auch die, die sich zu Christus bekannten, werden von Paulus nicht gelobt, denn sie benutzten den Namen Christi, um sich von anderen innerhalb der christlichen Gemeinde abzugrenzen. Der Name Christi sollte Einheit und Brüderlichkeit hervorrufen, keine Spaltungen! Er kam, um aus uns eine Gemeinschaft zu machen, nicht, um uns zu spalten! Die Taufe und das Kreuz sind der Mittelpunkt des christlichen Glaubens, und sie sind uns allen gemeinsam. Spaltungen hingegen schwächen die Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit unseres Einsatzes für die Evangelisierung und drohen, das Kreuz um seine Kraft zu bringen (vgl. 1 Kor 1,17).

Paulus tadelt die Korinther wegen ihrer Streitigkeiten, dankt dem Herrn aber auch „für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde, dass ihr an allem reich geworden seid in ihm, an aller Rede und aller Erkenntnis“ (1 Kor 1,4-5). Diese Worte sind keine leere Redewendung, sondern ein Zeichen, dass Paulus an erster Stelle die Gaben sieht, die Gott der Gemeinschaft geschenkt hat, und sich ehrlich darüber freut. Diese Einstellung des Apostels ermutigt uns und jede christliche Gemeinde dazu, mit Freude die göttlichen Gaben zu erkennen, die in anderen Gemeinden vorhanden sind. Trotz des Kummers, der uns von den Trennungen kommt, die es leider immer noch gibt, wollen wir die Worte des heiligen Paulus als eine Einladung auffassen, uns aufrichtig über die Gnaden zu freuen, die Gott anderen Christen gewährt hat. Wir haben dieselbe Taufe, denselben Heiligen Geist, der uns die Gnade gebracht hat: Lasst es uns bekennen und uns darüber freuen.

Es ist schön, die Gnade zu erkennen, mit der Gott uns segnet, und noch schöner, in anderen Christen etwas zu erkennen, das uns selbst fehlt und das wir als Gabe von unseren Brüdern und Schwestern empfangen könnten. Die kanadische Gruppe, die das Programm der diesjährigen Gebetswoche vorbereitet hat, hat die Gemeinden nicht aufgefordert, sich zu überlegen, was sie ihren christlichen Nachbarn geben könnten, sondern sie hat ihnen nahegelegt, aufeinander zuzugehen und sich zu fragen, was sie alle von ihren Nachbarn lernen können. Das ist mehr. Es verlangt viel Gebet, Demut, Einsicht und andauernde Bekehrung. Lasst uns auf diesem Weg fortschreiten und für die Einheit der Christen beten, damit dieser Skandal getilgt wird und nicht mehr länger unter uns bleibt.

[Aufruf des Heiligen Vaters:]

Heute beginnt in Montreux, in der Schweiz, eine internationale Konferenz für den Frieden in Syrien, der ab dem 24. Januar die Verhandlungen in Genf folgen werden. Ich bete zum Herrn, dass er die Herzen aller berühren möge, damit sie nur das Wohl des syrischen Volkes suchen, das so schwer geprüft ist, und nichts unversucht lassen, um so bald wie möglich das Ende der Gewalt und dieses Kriegs zu erreichen, der schon viel zu viel Leid verursacht hat. Ich wünsche der geliebten syrischen Nation einen entschiedenen Weg zur Aussöhnung, zum Frieden und zum Wiederaufbau, an dem alle Bürger teilnehmen mögen, damit jeder in seinem Nachbarn keinen Feind mehr sieht, keinen Gegner, sondern einen Bruder, den es mit offenen Armen aufzunehmen gilt.

[Aus dem Italienischen übersetzt von Alexander Wagensommer]