Die Spiritualität einer der größten italienischen Mystikerinnen (Erster Teil)

Angela von Foligno in den Worten einer Dozentin der Päpstlichen Universität Gregoriana

Rom, (ZENIT.org) Laura Guadalupi | 221 klicks

Am 4. Januar feierte die Kirche den Gedenktag der heiligen Angela von Foligno. Das Dekret über die Heiligsprechung (mit dem sogenannten „gleichwertigen Verfahren“) wurde vergangenen Oktober erlassen und am 16. November 2013 von Papst Franziskus unterschrieben. Welches geistige Erbe hat diese Schülern des heiligen Franz von Assisi uns hinterlassen? ZENIT stellte diese Frage der Professorin Alessandra Bartolomei Romagnoli, die an der Päpstlichen Universität Gregoriana Geschichte des religiösen Lebens und mittelalterliche Hagiographie unterrichtet und kürzlich ein Buch mit dem Titel „Santità e mistica femminile nel medioevo“ (Heiligkeit und Mystik der Frauen im Mittelalter) veröffentlichte.

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Wer war Angela von Foligno?

Bartolomei Romagnoli: Über Angela wissen wir eigentlich recht wenig. Sie lebte in der mittelitalienischen Stadt Foligno in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Nach dem Tod ihres Mannes und ihrer Kinder verkaufte sie ihren ganzen Besitz und verteilte den Erlös unter die Armen. Danach zog sie in ein kleines Haus, das in der Nähe eines Franziskanerklosters lag, und trat 1291 in den franziskanischen Dritten Orden ein. Bis zu ihrem Tod, der in der Nacht vom 3. zum 4. Januar 1309 erfolgte, lebte sie in Armut und Buße. Das ist nicht viel, wenn man eine echte Biographie rekonstruieren möchte. Manche Historiker haben sogar in Frage gestellt, ob sie wirklich gelebt hat. Es ist nicht bekannt, dass sie große Wunder gewirkt hätte. Sie hat auch, anders als manche heilige Frauen ihrer Zeit, keine große Rolle in der Geschichte gespielt. Sie hat keinen Orden gegründet. Gerade deshalb glaube ich, dass ihre Heiligsprechung einen Meilenstein in der Geschichte des christlichen Verständnisses von Heiligkeit darstellt.

Wie meinen Sie das?

Bartolomei Romagnoli: Es ist, als bliebe Angela in ihrem Geheimnis eingeschlossen; ihr Leben ist ganz in ihren mystischen Erfahrungen enthalten, die sie jedoch ihrer geistigen Autobiographie, dem „Liber Lelle“ anvertraut hat. Es ist die Geschichte einer Seele und ihrer Begegnung mit Gott. Dieses Buch genügt, um aus Angela die erste italienische Mystikerin zu machen und mit Sicherheit eine der größten mystischen Stimmen aller Zeiten.

In der Geschichte ihrer Bekehrung spielte eine Wallfahrt nach Assisi eine entscheidende Rolle. Was geschah dort?

Bartolomei Romagnoli: Den Bericht über diese Episode finden wir am Anfang des Buchs. Während einer Wallfahrt nach Assisi blieb Angela vor der Basilika des heiligen Franz stehen und fing an zu weinen und laut zu klagen. Die Klosterbrüder eilten herbei, um sie zu beruhigen, doch nichts half. Unter ihnen war auch ein Verwandter von ihr, von dem wir nur die Initiale kennen: Bruder A. Als seine Mitbrüder ihn fragten, was los sei, antwortete er, er kenne Angela nicht. Aus Scham verleugnete er sie, so wie Petrus Jesus aus Furcht verleugnete. Doch später suchte er sie auf, um sie zu fragen, was in sie gefahren sei, warum sie sich so aufgeführt habe. Dieser Frage entspringt das ganze „Liber Lelle“, das die Gespräche der Frau mit ihrem geistigen Vater, Bruder A., wiedergibt.

Wie stellt der das Buch die Beziehung zwischen Angela und Bruder A. dar?

Bartolomei Romagnoli: Die beiden begegnen sich in der Kirche San Francesco in Foligno. Er stellt ihr Fragen über ihr geistiges Leben, ihre Dialoge mit Gott, und sie antwortet in ihrer Muttersprache, dem umbrischen Dialekt. Ein „Frater scriptor“ schreibt mit, indem er ihren Bericht ins Lateinische übersetzt. Als sie den Text gemeinsam noch einmal durchlesen, protestiert Angela, der mitschreibende Bruder habe den geistigen Reichtum dieses Gesprächs nicht passend in Worte gefasst und nichts von dem, was sie in ihren Ekstasen gesehen und gehört hatte, treffend dargestellt. In Wirklichkeit hatte der Bruder sich sehr gewissenhaft bemüht, die Worte Angelas treu aufzuschreiben, doch war sein Versuch von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil die menschliche Sprache arm und machtlos ist, wenn es darum geht, ein Erlebnis zu beschreiben, das von Natur aus unbeschreiblich, unfassbar ist. Dieses Buch ist ein faszinierender Text, und es ist auch sehr modern, weil es diese Spannung, diesen Kampf gegen die Begrenztheit der Sprache sehr treffend darstellt.

Welche mystischen Erlebnisse beschreibt Angela?

Bartolomei Romagnoli: Visionen, vor allem aber innere Stimmen. Das „Liber Lelle“ ist ein Weg, eine innere Reise zu Gott, die verschiedene Etappen kennt. Am Anfang ihrer Bekehrung, zur Zeit ihrer Wallfahrt nach Assisi, berichtet Angela von ihrer Gotteserfahrung im Zeichen des heiligen Franz, denn sie liebt Christus in seiner Passion, ähnlich wie Franz von Assisi. Der Bräutigam, von dem sie spricht, ist der Gekreuzigte, der Gott der Schmerzen, und ihre Erfahrung besteht aus Liebe und Schmerz zugleich.

[Der zweite Teil des Interviews folgt am Freitag, dem 17. Januar]