Die Spiritualität einer der größten italienischen Mystikerinnen (Zweiter und letzter Teil)

Angela von Foligno in den Worten einer Dozentin der Päpstlichen Universität Gregoriana

Rom, (ZENIT.org) Laura Guadalupi | 451 klicks

In einem gewissen Sinn ist es der Schmerz über den Tod ihres Mannes und ihrer Kinder, der sie zur Bekehrung führt, nicht wahr?

Bartolomei Romagnoli: Ja, aber Angela sieht in diesem dramatischen Erlebnis auch eine Gelegenheit, um die ewige Liebe zu suchen; jene Liebe, die uns nie verlässt. Das fundamentale Problem, das Angela beschäftigt, ist: Wie kann der Mensch, der ein begrenztes und schwaches Wesen ist, eine Beziehung mit Gott eingehen, der unbegrenzt und allmächtig ist? Wie kann ein Geschöpf die Stimme des Schöpfers hören und Gott erkennen? Diese Frage durchzieht das ganze Buch; sie ist der Gegenstand der Suche Angelas.

Welche Antwort gibt sich Angela auf diese Frage?

Bartolomei Romagnoli: Angela begegnet Gott und verschmilzt mit ihm durch die Liebe, weil Gott Liebe ist. Doch ist diese Liebeserfahrung zugleich eine schmerzhafte Erfahrung: Der Ort der Begegnung mit dem Geliebten ist das Kreuz. Wie für Franziskus, so ist auch für Angela der Gott, der sich in Christus den Menschen offenbart, ein leidender Gott. Wann erlebt Franziskus seine Begegnung mit Gott und bekehrt sich? Er selbst erzählt es uns in seinem Testament: Als er den Aussätzigen trifft und in seinem Gesicht das Antlitz Gottes erkennt; als er seine anfängliche Abscheu überwindet und ihn küsst und seine Abscheu sich durch diesen Kuss in Seelenfreude verwandelt. Angela hat ein vergleichbares Erlebnis. Eine der wenigen Begebenheiten ihres Lebens, die uns bekannt sind, ist ihr Besuch in einem Heim für Aussätzige in der Nähe von Foligno, in Corsciano. Dorthin begibt sie sich, um die Aussätzigen zu pflegen und das faule Wasser ihrer Wunden zu trinken, als sei es eine Art Eucharistie. Wie Franziskus sieht auch die Heilige aus Foligno in der Armut und im Leiden der Aussätzigen ein Abbild des leidenden Christus, der seine göttliche Natur gedemütigt hat und aus Liebe zu den Menschen Mensch geworden ist. Diese Erfahrung ist ihr Ausgangspunkt, doch während sie auf ihrem geistigen Weg fortschreitet, macht sie noch andere und tiefere mystische Erfahrungen, bis hin zur Berührung mit Gott, dem Vater.

Wann geschieht das?

Bartolomei Romagnoli: Im Augenblick der Finsternis, als sie nicht einmal mehr Schmerz empfindet, sondern nur noch eine große geistige Trockenheit und Leere. Es ist die mystische „Nacht des Geistes“, die auch andere Heilige erlebt haben. Doch in diesem furchtbaren Seelenzustand ahnt Angela, dass hinter der Finsternis ein großes Licht verborgen ist. Sie sieht sich selbst, als habe sie sich entzweit, und begreift, dass der Mensch ohne Gott ein Nichts ist, dass alles Gute und alle Liebe von Gott kommt. Nachdem sie sich mit sich selbst entzweit hatte, für sich selbst gestorben war, „vereint“ sie sich jetzt wieder. Die Kreatur muss in ihrer menschlichen Dimension sterben, um zu einem neuen Leben geboren zu werden. Das ist die „Erweckung der Seele“, ihre Auferstehung. Am Ende ihres inneren Wegs angelangt, sagt Angela: „In ihm sehe ich mich ganz rein, ganz heilig, ganz gerecht, ganz weiß und ganz sauber“; das heißt, sie sieht sich als jemand anderes, als ein Mensch, der ganz von Gott und von seiner reinen und selbstlosen Liebe erfüllt ist. Das ist die geistige Laufbahn Angelas und der christlichen Mystiker.

Das „Liber Lelle“ besteht aus einem „Memoriale“, das heißt aus der geistigen Biographie, von der wir gesprochen haben, und aus den „Instructiones“, also den Ermahnungen der Heiligen, die für ihre geistigen Kinder gedacht sind. Was sind die repräsentativsten Ratschläge?

Bartolomei Romagnoli: Im Bericht über ihren Tod steht, sie habe ihren geistigen Kindern nur drei Worte als Erbschaft hinterlassen: Armut, Schmerz und Geringschätzung. Während das „Memoriale“, von dem wir bereits gesprochen haben, einen unmittelbareren, direkteren Charakter besitzt, ist es bei den Texten, die als „Instructiones“ bekannt sind, schwieriger, festzustellen, was davon wirklich von Angela stammt. Sie sind interessant, doch merkt man ihnen auch an, dass sie überarbeitet wurden, vermutlich von jemandem, der mit der franziskanischen Spiritualität gut vertraut war.

Gibt es einen Schlüssel zum Verständnis des „Memoriale“?

Bartolomei Romagnoli: Um dieses Buch zu verstehen, muss man die geschichtlichen Ereignisse der Zeit, in der es verfasst wurde, gut kennen. Die Kirche machte damals eine tiefe Krise durch. Es sind die Jahre der Abdankung Coelestins V. und des Pontifikats von Bonifatius VIII. Das „Memoriale“ wurde von Kardinal Colonna anerkannt, der dann von Bonifatius VIII. exkommuniziert wurde. Jahrhundertelang kursierte das Buch nur in kleinen und „nicht offiziellen“ Kreisen. Erst im 20. Jahrhundert wurde es neu entdeckt, was auch der geduldigen Arbeit verschiedener Kritiker zu verdanken ist, die sowohl aus kirchlichen als auch aus nicht-kirchlichen Kreisen stammten. Wenn man heute wieder über Angela von Foligno spricht, verdanken wir es auch dieser Neuentdeckung des „Memoriale“. Es ist ein einzigartiges Buch, das sich jeder Zuordnung in literarische Kategorien entzieht. In einem gewissen Sinn begründet es ein eigenes literarisches Genre. Wir könnten es als ein „Offenbarungsbuch“ bezeichnen. Das Werk ist wohl nicht ganz so gelungen, wie es gedacht war; ganz sicher ist es stilistisch unvollkommen, und dennoch enthält es einen großen spirituellen Reichtum, weil Angelas Stimme laut und lebendig wie ein Wasserstrahl aus diesen Seiten dem Leser entgegenspringt.

Sagen Sie uns etwas über die Aktualität der geistigen Botschaft dieses Buchs.

Bartolomei Romagnoli: Angela ist die vielleicht größte Mystikerin, die Italien besitzt. Wichtig ist auch, dass sie eine Frau und eine Laiin war, denn ihr Zeugnis zeigt uns, dass die persönliche Beziehung zu Gott nicht den Geweihten allein vorbehalten ist, sondern das Seelenleben jedes Menschen betrifft. Angela sagt uns, dass die mystische Erlebniswelt allen offen steht, dass es keine Mauer zwischen „Vollkommenen“ und „Unvollkommenen“ gibt, weil wir alle zur Heiligkeit berufen sind. Auf welche Art? Angela sagt, dass die Heilige Schrift ein erhabenes Buch ist, jedoch nicht ausreicht, wenn man es zu einem kristallisierten Buch macht. Die Bibel muss verstanden und nachgelebt werden, sie muss den Menschen verwandeln und eine Gemeinschaft gründen. Gott hat nicht ein für allemal gesprochen, um dann zu schweigen; das Evangelium gehört nicht der Vergangenheit an und man darf es nicht als ein unerreichbares, weltfernes Lebensmodell betrachten. Es muss im Gegenteil auch unsere Zukunft neu begründen, denn es besitzt eine eschatologische Dimension. Die Mystik lehrt uns, die Bibel durch unser Leben beständig neu zu schreiben; wenn dies nicht geschieht, bleibt sie ein nutzloser, verriegelter Schrein. In diesem Sinn ist das Mittelalter modern. Nicht von ungefähr hat man Angela, Brigitta und Katharina von Siena als „die neuen Evangelistinnen“ bezeichnet.

Es scheint heute ein neues Interesse für die Mystik zu geben. Woher kommt das?

Bartolomei Romagnoli: In den letzten Jahren hat es eine starke Bewegung zur intellektuellen Neuentdeckung der Schriften Angelas von Foligno, aber auch anderer Mystiker gegeben. Ich glaube, dass wir die Ursachen für dieses Interesse in der tiefen Identitätskrise suchen müssen, die unsere Zeit erlebt; eine Krise, die nicht nur unsere Beziehung zur Religion, sondern alle Aspekte unserer Kultur betrifft. Wir kehren zu den Schriften der Mystiker zurück, weil ihre Lebenserfahrung uns einen Schlüssel in die Hand gibt, der uns einen Neuanfang ermöglicht. Ein Christentum, das aus Geboten und guten Werken besteht, reicht nicht mehr; vielleicht hat es nie gereicht. Die Menschen haben keine Angst mehr vor der Hölle und glauben nicht mehr an die Sünde. Doch spüren sie das Bedürfnis, ihrem Leben einen Sinn zu geben und Motivationen zu finden, um neue Hoffnung zu schöpfen. Die Krise unserer Zeit ist vor allem eine Krise der Hoffnung. Wir brauchen eine starke Botschaft, die unserem Menschsein einen neuen Inhalt geben kann.

[Der erste Teil des Interviews mit Alessandra Bartolomei Romagnoli erschien am Donnerstag, dem 16. Januar]