Die Spitze des Opferlebens Jesu

Von Klaus Berger

| 1303 klicks

WÜRZBURG, 28. April 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- In jüngster Zeit mehren sich auch im katholischen Lager Stimmen, die die biblischen Aussagen über den Sühnetod Jesu kurzerhand abschaffen möchten. Sühnetod heißt: Jesus ist zur Vergebung der Sünden gestorben. Diese Lehre möchte man beseitigen, weil man ein grausames Gottesbild im Hintergrund vermutet, weil man keinen Zugang mehr zu den Kategorien Sünde, Opfer und Stellvertretung hat und vor allem, weil man von einer Gottesdefinition ausgeht, wonach „Gott die Liebe ist“. Und bei diesem Gottesbild sei für Blutvergießen und Gewalt kein Platz mehr – vor allem nicht für einen Gott, der seinen Sohn ans Messer liefert. Zum Ersatz bietet man daher an: Der Tod Jesu bedeutet, dass Gott mit uns geht, das mitträgt, was Menschen verschuldet haben. Aus Solidarität erkläre Gott: So viel seid ihr mir wert, dass ich mich mit euch solidarisiere in dieser betrüblichen Situation, meinen Sohn in die Todesnot hineinlasse.



Die Konsequenzen der „Solidaritäts-Lösung“ liegen auf der Hand: Wer die Glaubenslehre vom Sühnetod ablehnt, nimmt den Menschen die entscheidende Befreiung, die das Christentum verkündet, nämlich die von Sünde, Tod und Teufel. Ein nur solidarischer Gott ändert nichts und besiegt diese Mächte nicht. Wer den Sühnetod Jesu streicht, leistet etwas wirklich Erschreckendes: Christentum wird an entscheidender Stelle zu einer bloßen Vertröstung. Denn die Erklärung, auch meine Sünden hätten Gott zu dieser Solidarität veranlasst, ändert doch nichts an diesen Sünden.

Daher ist die zentrale Vorstellung, die hier abhanden gekommen ist, die, dass Gott die Macht hat, Schuld aufzuheben. Diese Vorstellung wird nun wirklich in der ganzen Bibel vorausgesetzt. Aber Sünden vergeben kann nur Gott (das sagen auch Jesu Gegner in Mk 2). So wie bei uns die Spitze der Gesetzgebung die Macht hat, Amnestie zu üben. Wer das rundweg bestreitet, entthront Gott selbst und nimmt Jesus, der Sünden vergibt, auf kaltem Wege die Gottessohnschaft.

In Gott nur den Tröster sehen? Das wäre zu wenig!

Die Deutung auf „Solidarität“ setzt zudem auf die gegenwärtige Psycho-Welle, die sich bedauerlicherweise selbst von Gott nicht mehr versprechen kann als Tröstung im Alleinsein. Der Bereich des Seins wird durch die Welt der Vorstellungen ersetzt.

Doch nach der Bibel sühnt der Tod Jesu die Sünden, er deckt sie zu und hebt sie auf. Bei einer bloßen Solidarität geschieht mit den Sünden gar nichts. Solidarität ist im besten Fall eine moralische Haltung, die nichts ändert. Doch nach der Bibel geht es nicht um Gottes „mit uns“, sondern um Jesu Christi, des Sohnes Gottes Leben und Leiden „für uns“. Von Solidarität zu sprechen ist nicht grundfalsch, aber diese Lehre erklärt nicht die Hälfte dessen, wovon die Schrift redet – und das zu wissen und erklärt zu bekommen haben die Christen einfach einen Anspruch.

Das Christentum übernimmt den blutigen Opferkult im Jerusalemer Tempel nicht; und dieser wurde ohnehin im Jahre 70 n. Christus durch die Tempelzerstörung beendet. Abgesehen davon sind jedoch eine ganze Reihe von „fremdartigen“ oder „archaischen“, meinetwegen steinzeitlichen Anschauungen im Neuen Testament weiterhin in Kraft, und zwar gerade auch zur Deutung des Todes Jesu. Meine Absicht ist es, diese Anschauungen zu nennen, zu erklären und dem heutigen Christen zu zeigen, dass sie zum Verständnis des Todes Jesu unerlässlich sind. Denn so unverständlich sind diese Ansichten nicht, wenn man sie nicht gerade leichtfertig „abschafft“, weil sie modernen Menschen nicht mehr „zumutbar“ seien. Nicht nur an dieser Stelle haben Theologen haufenweise Schätze der Spiritualität wegen angeblicher Nicht-mehr-Zumutbarkeit verschenkt.

Denn erhalten geblieben ist grundsätzlich die Vorstellung von Opfer. Paulus sagt in Röm 12: „Gebt euer Leben, euch selbst, als Opfer, mit dem ihr Gott anerkennt.“ Der Hebräerbrief spricht vom Lobopfer und sagt: „Vergesst nicht, Gutes zu tun, denn über solche Opfer freut sich Gott.“ Dabei handelt es sich nicht um einen „uneigentlichen“ Gebrauch der Rede vom Opfer, sondern um einen erweiterten. Nur eine Art von Opfer gibt es nicht mehr: eben blutige Tieropfer im Tempel. Aber ein Opfer ist weder notwendig blutig noch gar sinnlos, sondern Opfer ist – nach neueren Untersuchungen (Chr. Eberhart) – jedes sichtbare Zeichen der Anerkennung Gottes. Deshalb ist auch Jesu Leben inklusive Tod ein Opfer (gr. lytron), so etwa nach Mk 10, 45.

Und vom Opfer Jesu redet zum Beispiel ganz unbefangen der Hebräerbrief: (10, 12) „Jesus aber hat ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht und sich für immer an Gottes rechte Seite gesetzt, (...). Denn durch ein einziges Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer zur Vollendung geführt. (...). An ihre Sünden und Übertretungen denke ich nicht mehr.“

Erhalten geblieben ist die Kategorie der Stellvertretung. Sie ist eines der grundlegenden Lebensgesetze des Gottesvolkes. Und sie bedeutet: Einer kann und darf, und darüber freut sich Gott, für den anderen bei Gott etwas tun. Das betrifft Beten, Fasten und – für einen begrenzten Zeitraum in Korinth – sogar die Taufe. Hier ist vor allem wichtig, dass der gekreuzigte und erhöhte Herr stellvertretend für uns beim Vater eintritt (Römer 8; Hebr 7 und 9). Er bringt in seiner Fürbitte das Verdienst seines Kreuzestodes vor Gott ins Spiel.

Ganz lebendig ist ferner die Bedeutung vergossenen Blutes. Dass Blut nach biblischer Anschauung Leben bedeutet und eben deshalb striktes Eigentum Gottes ist, bringen uns gerade Moslems und Juden wieder bei. Und der, auf dem Blut eines anderen liegt, gehört damit Gott (positiv wie negativ). In den Sakramenten der Taufe und der Eucharistie wird das Blut Jesu Christi sakramental durch Wasser beziehungsweise durch Wein dargestellt. Das Wasser wäscht uns zum Zeichen, dass Christi Blut dies bewirkt, den Wein trinken die Jünger zum Zeichen des Neuen Bundes, gestiftet durch Christi Blut. So kann ich die Meinung betulicher Seelsorger nicht akzeptieren, die Menschen verstünden angeblich die Bedeutung der Rede vom Blut nicht mehr. Es genügt nur ein wenig Bibel- und Volkskunde. Und gerade für Jugendliche ist vieles höchst interessant, was die Älteren für unvermittelbar halten.

Denn was das kultisch vergossene Blut angeht, da waren die Menschen stets dankbar für dieses unverhältnismäßige Mittel, den verdienten Zorn der Götter zu besänftigen. Gott wertet Jesu vergossenes Blut aus heidenchristlicher Perspektive wie rituell vergossenes. Es ist, wie wenn Gott zu den Christen sagt: „Nehmt es daher, so wie ihr es kennt, als Zeichen dafür, dass nun alles gut ist. Zu eurer Beruhigung, ja als mein Evangelium über den toten Christus biete ich euch an: Nehmt dieses Blut als Zeichen der Versöhnung meinerseits.“ So ist diese Vergebung hier dadurch eindrücklich geworden, dass sie an bekannte Zeichen anknüpft. Damit es die Menschen besser verstehen. So ist aus Gottes Vergebung hier eine „halbe“ kultische geworden, zwar mit Blut, aber nicht im Tempel, zwar zur Sühne, aber nicht als gesetzlich vorgeschriebene und im Ritual festgelegte, zwar grausam, aber nicht wegen des Zornes Gottes, sondern wegen des Hasses der Menschen. Aber dem Verlangen der Menschen nach Gewissheit kommt Gott dadurch entgegen, dass sie die wesentlichen Zeichen erkennen können. So gelangen wir zu einer Gewissheit, die alle frühere übersteigt. Früher konnten die Menschen, die um Vergebung baten, nur darauf hoffen, dass Gott sie erhöre. Das ist jetzt anders: Deshalb hat Jesus beim Abendmahl den neuen Bund gestiftet. Er hat gewissermaßen notariell mit seinem Blut besiegelt, dass jetzt der neue Bund der Sündenvergebung gilt. Und er hat nicht einfach die Menschen beten lassen, sondern die Gewissheit der Erhörung in die Erde eingerammt, so wie das Kreuz auf Golgotha steht, unübersehbar.

Die Rede vom Sündenbock ist glatter Unfug

So ist der Tod Jesu zumindest ein wirksames und nicht leeres Zeichen der Vergebung der Sünden. Und lebendig ist schon in der Deutung durch Jesus selbst (zum Beispiel Mk 10, 45) die Wirklichkeit des Sühnopfers. Und damit sind wir an den Kern der notwendigen Kontroverse herangekommen. Nebenbei bemerkt: Hier vom Sündenbock zu reden, das ist eine ganz unsinnige Hypothese. Denn einmal ist Jesus kein Schaf, sodann wurde der Sündenbock nur hinausgejagt, aber keineswegs getötet; wenn der Bock weit genug gerannt war, wird er, wenn er halbwegs clever war, abends zu seinem gewohnten Stall zurückgekehrt sein. Nein, um dieses Ritual geht es bei Jesus ganz und gar nicht. – Um es klar zu sagen: Jesus sühnt mit dem Opfer seines Lebens, und zwar seines ganzen Lebens, inklusive Tod. So sagt es Paulus in Philipper 2: „gehorsam bis zum Tod am Kreuz“. Diese Deutung des Todes Jesu ist nicht am Tempelkult orientiert; dort sind seit Abraham und Isaak Menschenopfer verboten. Diese Sühne konkurriert jeder im Tempelkult möglichen. Aber diese Anschauung ist im zeitgenössischen Judentum und besonders im Neuen Testament breit belegt. Die Grundlage ist: Jesus leistet wirkliche Sühne, und er ist dazu vom Vater in die Welt gesandt. Und Sühne heißt hier: Zudecken und Aufheben aller Schuld und Ungerechtigkeit, die Menschen begangen haben, wenn sie nur an Jesus glauben, konkreter gesagt: ihn zu ihrem Anwalt und Stellvertreter vor Gott „bestellen“. „Ich glaube an Jesus“ heißt, im modernen Bild gesagt: „Ich gebe dir die Vollmacht, dass du mein Anwalt vor Gott bist.“

Dass es um das ganze Leben Jesu geht, muss in der Diskussion besonders unterstrichen werden, denn man hatte es lange vergessen. Wir haben schon Philipper 2, 6 zitiert „gehorsam bis zum Tod am Kreuz“, und derselbe Apostel Paulus wird in Röm 5, 19 genau diesen Gehorsam als stellvertretende Leistung werten: „Durch den Ungehorsam des einen wurden alle anderen zu Sündern, durch den Gehorsam des anderen wurden alle zu Gerechten.“ Beschrieben wird hier die Stellvertretung durch Leben und Sterben Jesu Christi.

Weiterführend ist Hebräerbrief K. 10: „Deswegen sagt Jesus beim Einzug in die Welt mit den Worten des Psalms: ,Du wolltest nicht, dass ich dir Opfer und Brandopfer bringe. Vielmehr hast du mir einen Leib bereitet, mit dem ich dir dienen kann. Brandopfer für die Sünden der Menschen heißt du nicht gut. Ich sagte: ,Ich komme, um deinen Willen, Gott, zu tun.‘“ Dann wird Jesus das Psalmwort in den Mund gelegt: „Ich komme, um deinen Willen zu tun.“ „Damit hebt er die Verpflichtung zu Brandopfer und Sündopfer auf und bekräftigt umso mehr die Bereitschaft, Gottes Willen zu tun. Durch diese Bereitschaft sind wir ein für allemal heilig gemacht worden, dadurch dass Jesus seinen Leib, also sein ganzes Leben, Gott dargebracht hat.“

„Brandopfer“ von Tieren – das wären Sühnopfer im Tempel. Aber der zitierte Psalm 40 nennt ganz klar die Alternative. Das Opfer Jesu ist sein ganzes Leben, in dem er Gottes Willen tut. Wie immer im biblischen Denken wird der Sinn am Ende überdeutlich erkennbar. Und Hebr 10 leistet auch die Verbindung mit der Inkarnation!

Im Judentum kennt diese Sühne-Vorstellung zum Beispiel Philo von Alexandrien: Der Weise ist Sühne für den Schlechten. Ebenso die Gemeinschaftsregel von Qumran: Die zwölf Gerechten sind „Sühne für Israel“, und zwar durch ihr ganzes Leben. Also konnten die frühchristlichen Autoren mit ihrer Deutung des Todes Jesu auf Verstehen bei den Lesern hoffen.

Aber setzt nicht der Sühnetod Jesu ein grausames Gottesbild voraus? Doch: Wer ist denn hier grausam? Grausam sind im Vordergrund des Geschehens die Römer, die Jesus töten, im Hintergrund die Menschen, die auf die Wohltaten der Schöpfung mit Hass auf Gott reagieren. Aber hat Gott nicht ahnen können, allwissend wie er ist, was mit Jesus geschehen werde? Ob Gott diese Ahnungen hatte, das zu sagen überschreitet die Kompetenz des Theologen, und alle „all“-Formeln über Gottes Eigenschaften erschweren eher den Glauben, als dass sie ihm helfen könnten. Und selbst wenn Gott alles genau vorher hat ahnen wollen – es ist nicht seine Art, Freiheit und Verantwortlichkeit der Menschen zu behindern. Aber es gibt noch eine andere, eine dogmatische Front, Theologen, die uns erklären, „nur so“ habe Gott vergeben können, Gott habe seinen Sohn senden müssen, da nur so seine Ehre habe wiederhergestellt werden können. So postuliert man Sachzwänge, in denen Gott gestanden habe. Doch wie will ich als kleiner Mensch Zwänge, Notwendigkeiten rekonstruieren, die angeblich für Gott galten? Vor allem spricht die Bibel an verschiedensten Stellen ohne Bedenken davon, dass Gott um Vergebung der Sünden gebeten wird (Psalmen) und diese auch gewährt, ohne dass an das Kreuz Jesu gedacht wäre. Johannes der Täufer spendet eine Taufe „zur Vergebung der Sünden“, und das sind nicht leere Worte. Jesus selbst vergibt Sünden (Mk 2), ohne seinen Kreuzestod zu erwähnen, und in diesem Sinne spricht er auch davon, dass er der Sünderin viel vergibt, weil sie viel geliebt hat. Gott ist jederzeit frei, wirklich zu vergeben, wann und wem er will.

Gott hat jederzeit die Wahl, aber die Menschen nicht

Aber alles das schließt den Sühnetod Jesu zur Vergebung der Sünden nicht aus. Denn unter allen Wegen, auf denen Gott Sünden vergeben könnte, ist dieser der gewisseste. So wie es viele Wege gibt, aus Seenot gerettet zu werden. Einige können gut schwimmen, andere benutzen eine Planke, auf der sie treiben, andere erreichen ein kleines Boot. Der sicherste Weg und mit der wenigsten Angst verbunden ist ein kräftiges Schiff, das einen aufnimmt. Gott hat jederzeit die Wahl, aber in der Regel die Menschen nicht. Das Nächstliegende für uns ist die Klarheit des Evangeliums. Und Jesus selbst spricht beim letzten Mahl die Deuteworte zum Kelch: „Der Wein in diesem Becher stiftet, wenn ihr alle daraus trinkt, den Neuen Bund zur Vergebung der Sünden.“ Das ist mehr als nur Hoffnung, mehr als Tröstung, es ist etwas juristisch Stabiles, ein Bund.

Ich fasse die hier vertretene Position zusammen: Jesu Opfertod ist Sühne für die Sünden der Menschen. Durch Jesu Blut sind wir erlöst von aller Schuld. Jesu Tod ist nicht im Sinne des Tempel-Rituals zu begreifen, sondern eine Konkurrenz dazu. Er ist Spitze und Gesamtausdruck des Opferlebens Jesu. Gott schickt seinen Sohn in die Welt, damit er durch ein Leben in Gerechtigkeit eine für die Menschen erkennbare, fassbare und beruhigende Sühne leiste für allen Ungehorsam. Diese Befreiung von der Sünde wird nicht automatisch „allen“ zuteil, sondern den „vielen“, die glauben, das heißt Jesus als ihren Anwalt vor Gott anerkennen.

© Die Tagespost vom 28. April 2009