Die Stärken der neuen Instruktion über Homosexualität und Priestertum

Interview mit P. John Harvey OSFS, dem Leiter von \"Courage International\"

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NEW YORK, 5. Dezember 2005 (ZENIT.org).- Die neue Instruktion der Kongregation für das Katholische Bildungswesen über Kriterien zur Berufungsklärung von Personen mit homosexuellen Tendenzen im Hinblick auf ihre Zulassung für das Priesterseminar und zu den heiligen Weihen enthalte genau jene Erklärungen, die an der Zeit sind, meint P. John Harvey, Oblate des heiligen Franz von Sales.



Der Priester leitet die Organisation \"Courage International\", die sich jener Männer und Frauen annimmt, die gleichgeschlechtliche Neigungen haben. Gegenüber ZENIT erläutert P. Harvey, warum er die am 29. November veröffentlichten Richtlinien für ausgewogen und zeitgerecht hält.

ZENIT: Was ist Ihr Eindruck vom neuen Dokument des Vatikans über Priesteramtskandidaten mit homosexuellen Tendenzen?

P. Harvey: Ich denke, dass diese Instruktion sehr gelungen ist, weil nicht versucht wird, jede Frage zu beantworten. Gleich zu Beginn wird das erklärt, und das ist etwas sehr Wohltuendes. In dem neuen Dokument werden einfach jene Richtlinien festgelegt, an denen sich Bischöfe, Leiter von Priesterseminaren und jene Personen, die außerdem im Seminar tätig sind, orientieren sollen. Meiner Ansicht nach ist es überaus klug, die letzte Verantwortung bei den Bischöfen und Regenten zu belassen, die schließlich die Entscheidungen treffen müssen. Das ist, glaube ich, besser, als jede einzelne Frage zu beantworten. Nun steht eindeutig fest, welche Priesteramtskandidaten sich die Kirche nicht wünscht: Solche, die die Homosexualität praktizieren, und solche, die homosexuelle Einstellungen fördern. Solche Menschen sollten nicht im Priesterseminar sein.

Im Dokument wird zwischen Personen mit tief sitzenden homosexuellen Tendenzen und solchen mit vorübergehenden gleichgeschlechtlichen Neigungen unterschieden Es ist sehr richtig, dass manche homosexuellen Tendenzen nur Ausdruck eines vorübergehenden Problems sind, wie es etwa in einer noch nicht abgeschlossenen Adoleszenz auftreten kann.

ZENIT: Hat Sie der Inhalt der Instruktion überrascht oder rechneten Sie damit?

P. Harvey: Ich war mir nicht sicher, wie sie aussehen würde. Ich kann Ihnen auch nicht wirklich sagen, was ich erwartet habe. Ich hatte nur gehofft, dass man kein pauschales Urteil fällen würde. Davon ist nun ja auch keine Rede, und es wird außerdem hervorgehoben, dass man viele Unterscheidungen in Betracht ziehen muss. Ein wenig überrascht hat mich aber doch, wie maß- und taktvoll dieses Dokument ist, denn es geht nicht auf jede Situation ein und überlässt die Klärung der einzelnen Fälle den Theologen und Psychologen. Ich war davon recht angetan.

ZENIT: Worin liegt die Bedeutung dieses Dokuments?

P. Harvey: Seine Bedeutung liegt darin, dass es sich um eine Aussage handelt, die für die Weltkirche gilt und nicht nur für die USA. Jahrelang haben wir in der Kirche in den Vereinigten Staaten Menschen gehabt, die sich darum bemüht haben, eine so genannte homosexuelle Kultur voranzutreiben. Konkret spreche ich von Gruppierungen wie \"Dignity\", \"New Age Ministry\" und verschiedenen pastoralen Hilfsdiensten, die sich homosexueller Menschen annehmen. Es ist an der Zeit, in der Kirche klar zu betonen, dass man es einfach berücksichtigen muss, wenn ein Priesteramtskandidat homosexuelle Tendenzen hat. Solche Menschen sollten ihre Neigung zum gleichen Geschlecht nicht verstecken oder lügen müssen. Man muss auch hervorheben, dass Personen mit Neigungen zum gleichen Geschlecht nicht automatisch vom Seminar ausgeschlossen sind. Viele Jugendliche behaupten, sich zu gewisser Zeit vom gleichen Geschlecht angezogen zu fühlen. Aber sogar diese könnten durchaus Priester werden, wenn sie lernen, ihre Neigungen zu beherrschen. Es gilt zwischen vorübergehenden gleichgeschlechtlichen Neigungen und tief sitzenden, zerstörerischen homosexuellen Tendenzen zu unterscheiden. Wir sind sehr froh, mit dem neuen Dokument eine Richtlinie in der Hand zu haben, die man in der Seelsorge einsetzen kann. Zumindest beabsichtige ich, das zu tun.

ZENIT: Gibt es denn konkrete Unterscheidungskriterien, um bei der Klärung einer Priester- oder Ordensberufung zwischen tief verwurzelten homosexuellen Tendenzen und vorübergehenden zu unterschieden, die etwa während eines Reifungsprozesses auftreten?

P. Harvey: Das ist nicht immer einfach, denn man kann solche Neigungen auch verbergen, und dann weiß nur der Betroffene selbst darüber Bescheid. Aber in einem längeren Gesprächsprozess können Psychologen und Theologen doch herausfinden, ob jemand eine tief sitzende Tendenz zum gleichen Geschlecht hat oder nicht. Die Priesterseminare benötigen gute katholische Psychologen, die mit den Verantwortlichen all diese Punkte durcharbeiten, damit man zwischen Männern mit vorübergehenden und dauerhaften Neigungen zum gleichen Geschlecht unterscheiden kann. Wir brauchen auch mehr Informationen darüber, wie man mit Teenagern umgehen soll, die sich homosexuell nennen. Wir müssen sie ernst nehmen und ihnen beibringen, ein reines Leben zu führen. Das ist eine der Aufgaben von \"Courage International\". Es gibt Menschen, die homosexuelle Neigungen haben und keusch leben. Eine große Anzahl von Menschen mit gleichgeschlechtlichen Neigungen ist in der Lage, das zu tun. Ob Priesteramtskandidaten tief sitzende homosexuelle Tendenzen haben, das festzustellen sind letztlich nur Psychologen imstande. Auf diese müssen wir hören.

Jeder Priesteramtskandidat, der gleichgeschlechtliche Neigungen hat, sollte einen katholischen Psychologen aufsuchen und ihm oder ihr Erlaubnis geben, das Seminar über die jeweilige Situation in Kenntnis zu setzen. Das wäre höchst sinnvoll. Affektive Reife bedeutet, dass man zum Erwachsenen geworden ist und gelernt hat, mit den eigenen Gefühlen umzugehen: Man lässt sich nicht einfach gehen. Es ist ein trauriges Zeichen, wenn ein junger Erwachsener nicht an sich arbeiten kann.

Psychologische Untersuchungen haben erwiesen, dass homosexuelle Neigungen unter anderem durch ein Trauma ausgelöst werden können, durch eine traumatische Erfahrung mit den eigenen Eltern oder mit Gleichaltrigen. Jedenfalls treten homosexuelle Tendenzen relativ früh im Leben auf, weil sie sich als Grundhaltung bei jenen Kindern ausbilden können, die sich vom Elternteil gleichen Geschlechts lösen und unfähig sind, mit Gleichaltrigen in Beziehung zu treten. Das beeinflusst die Weise, wie sie dann später Frauen und Männern begegnen werden.

ZENIT: Die neue Instruktion überlässt den Leitern von Priesterseminaren die Klärung, ob ein Priesteramtskandidat problematische Tendenzen überwunden hat. Ist das Ihrer Meinung nach richtig?

P. Harvey: Ja, ich glaube schon. Ein guter Regens zieht, wenn jemand in dieser Hinsicht auffällig ist, einen Fachmann von außen hinzu, der eine professionelle Beurteilung abgeben kann. Im Falle eines Seminaristen sollte er außerdem einen Psychologen mit einbeziehen, der die betroffene Person untersucht und danach den Regens informiert. Privatangelegenheiten können vertraulich behandelt werden, aber der Psychologe muss auf jeden Fall darüber informieren, ob der Betroffene für den Priesterberuf geeignet ist oder nicht. Seine Fachmeinung bedeutet dann nicht automatisch die endgültige Entscheidung, sondern eben eine Meinung. Ich bin davon überzeugt, dass der Klärungsprozess bei guten katholischen Psychologen in guten Händen ist.

ZENIT: Welche Inhalte der neuen Instruktion wird man Ihrer Meinung nach missverstehen? Gerade auch hier in den USA?

P. Harvey: Ich glaube, dass man nicht viel missverstehen kann, weil man nicht bis ins Detail erklärt hat, wie zwischen tief verwurzelten homosexuellen Tendenzen und vorübergehenden gleichgeschlechtlichen Neigungen unterschieden werden soll. Wir brauchen die Psychologen, um solche Unterscheidungskriterien klarer herauszuarbeiten.

Im Dokument wird nicht ganz erklärt, was mit \"Schwierigkeiten im sexuellen Bereich\" gemeint ist. Ich glaube, dass es dabei um Masturbation und Pornographie geht, und beides ist Grund genug, auch einen heterosexuellen Mann zu bitten, nicht ins Priesterseminar einzutreten, denn jeder ist zur Keuschheit verpflichtet. Überhaupt: Wer problematische Abhängigkeiten hat, der gehört nicht ins Priesterseminar.

ZENIT: Wie wird dieses Dokument Früchte bringen können?

P. Harvey: Diejenigen, die in der Ausbildung von Priesteramtskandidaten tätig sind, werden viel studieren müssen, und dann wird dieses Dokument sehr viel Gutes bringen. Es erhebt nicht den Anspruch, vollständig zu sein, sondern es dient zur Klärung gewisser Dinge.