Die technokratische Auffassung der aktuellen Bildkultur

Vom „Reich des Bildes“ zum „Reich des Druckes“

| 1084 klicks

Von Rodolfo Papa*

ROM, Donnerstag,  7. Juli 2011 (Zenit.org).- Im vorhergehenden Artikel haben wir gesehen, wie einige Autoren die weit zurückliegenden Wurzeln des zeitgenössischen Bildersturms erkannt haben und wie Peter Burke geradezu den Begriff Ikonophobie (1) vorgeschlagen hat, um den derzeitigen Bilder-Streit zu beschreiben. Hans Belting dagegen hat zwei gegensätzliche Auffassungen in Bezug auf die Bedeutung des Bildes herausgearbeitet: der ausgesprochene „Kult der Bilder“ in der katholischen Welt und der „Kult des Wortes“ als Ausdruck der theologischen Reflexion des Protestantismus (2).

Die Gegenwart erlebt folglich ein Paradox: Während sie anscheinend an allen Fronten die aus den vergangenen Jahrhunderten mitgebrachten Herausforderungen überwunden hat und nicht mehr auf die beständige Lebendigkeit einer tiefen Beziehung des Glaubens zu Gott vertraut, sondern nur noch auf die Technologie und die wechselhaften Ergebnisse der Wissenschaften, hat sie de facto eine „Kultur der innerlich ikonophobischen Bilder“ geschaffen. Das merkwürdige Oxymoron, das daraus hervorgeht, drückt das wahre Paradox aus, das wir alle erleben, ohne es jedoch wahrzunehmen.

Das grenzenlose Vertrauen in technologisch ermittelte Daten, in das Produkt der elektronischer Prozesse, in das mechanische Ergebnis der photographischen Reproduktion der Wirklichkeit, hat das Vertrauen in den Menschen verdrängt. Wenn es beispielsweise schwerwiegende Unfälle in irgendeinem technologischen Bereich gibt, spricht man, um den Vorfall herunterzuspielen und die Gewissen zu beruhigen, von einem „menschlichen Versagen“, das heißt von etwas, das – nach der kollektiven Vorstellung der modernen Welt -, aufgrund seiner Natur fehlbar ist, unfähig zur Kontrolle und vor allem zur „Genauigkeit“, wobei die Tatsache ignoriert wird, dass gerade der Mensch der Erbauer der Maschinen ist. Wie Hans Jonas bemerkt hat, ist die Kybernetik (das heißt die Wissenschaft der Servo-Mechanismen oder der sich selbst regulierenden und kontrollierenden Maschinen, vom griechischen Wort „kybernetes“, "Steuermann") „nicht so unschuldig“, und sie verbirgt gefährliche Vertauschungen von Werten zwischen dem, was menschlich und was mechanisch ist (3).

Im sechzehnten Jahrhundert verwendete man, um die Vollkommenheit aufzuzeigen, Beispiele, die die menschlichen Fähigkeiten wertschätzten. Vasari schrieb, um von der absoluten Genauigkeit des mathematischen, proportionalen und architektonischen Urteils von Michelangelo Buonarroti zu sprechen, dass er „die Sechser in den Augen“ hätte. Oder noch Galilei Galileo sprach, um ein komplexes und vollständiges System durch Beispiele zu erläutern, von „allen Regeln des Vinci“. Die Beispiele ließen sich lange fortsetzen, und ich lasse der klassischen Bildung jedes einzelnen die Freiheit, diese Liste zu erweitern.

Wir könnten somit eine technokratische Auffassung feststellen, die nicht nur Kulte technologischer Art in ihrer Natur nach humanistischen Bereichen aufgezwungen, sondern de facto auch ihre technologischen Werte dem Bereich der Bilder aufgenötigt hat. Das Bild wird tatsächlich fast ausschließlich mit dem mechanischen Produkt einer photographischen Reproduktion identifiziert. Nicht selten ist es mir passiert, auf den Altären ausgestellte Photographien von Statuen und berühmten Bildern oder Photographien von zeitgenössischen Heiligen und Seligen zu sehen. Wenn ich nach dem Grund für das Aufstellen von Photographien eines Gründers gefragt habe, bekam ich entwaffnende technizistische Beweggründe als Antwort, etwa, dass kein Künstler imstande sei, den Blick des heiligen Gründers so wiederzugeben, wie man ihn auf diesem Bild sehe, sodass die jenem Foto entgegengebrachte Zuneigung dazu zwinge, jenes mechanische Bild und nicht ein Kunstwerk auf den Altar zu stellen.

Diese Tatsachen zeigen, wie sich das Misstrauen gegenüber den Fähigkeiten des Menschen, und besonders des Künstlers, bis in den katholischen Raum hinein verbreitet hat; wie der Sinn für das Heilige verschwunden ist; und wie die Verrohung soweit gekommen ist, dass es nicht mehr gelingt, den Unterschied zwischen einer Photographie und einem Gemälde zu erkennen, zwischen einer mechanischen Reproduktion und einem heiligen Bild.

Dieses Misstrauen, das bis zur Phobie reicht, hat nur ein Jahrhundert zuvor undenkbare Grenzen erreicht, besonders bei der Verwendung von Bildern im katechetischen und kerygmatischen Bereich.

Die Ikonophobie, die langsam in die katholische Welt eingedrungen ist, hat den Gebrauch von Bildern an den Rand gedrängt. Sie werden höchstens als anschaulicher Kommentar zum „geschriebenen“ Text benutzt. Der prozesshafte Rückzug der Verwendung des heiligen Bildes hat eine innere Aufspaltung im zentrifugalen Prozess der Entfernung der Verwendung von Bildern bewirkt: Einerseits erzeugt das Bild Misstrauen wegen seiner vermuteten Ungenauigkeit, wegen einer Art von Vorurteil einer Minderwertigkeit gegenüber der Wirklichkeit, die man irrtümlicherweise besser durch „geschriebene“ Worte für beschreibbar hält. Andererseits wird das Bild als zu komplex angesehen, um dechiffriert zu werden, und sei daher de facto stumm für den Menschen.

Beim Ersatz des „Kultes des Bildes“ durch den „Kult des Wortes“ findet man nicht nur eine de facto protestantische Auffassung, sondern auch den Aufbau einer ganzen ökonomisch-kulturellen Einrichtung, das Bezugssystem zu einer gewissen kommunikativen Erfahrung, die sehr viel mehr Vertrauen in die verbale Kommunikation, insbesondere in die „geschriebene“, als in die Verwendung von Bildern als katechetische Mittel hat. Die „slogans“ (oder die „headlines“) haben in den Kirchen den Platz der Flügelaltäre eingenommen, und die „Schriften“ haben die Gemälde ersetzt. In einem gewissen Sinne ist die Werbung in die Kirchen eingezogen: zunächst nur im „headline“, dann im „body copy“ und in der fortschreitenden Entwicklung der „baseline“ und schließlich mit dem graphisch gestalteten Logo auch durch ein angemessen studiertes „lettering“. Es gehört inzwischen zur allgemeinen Erfahrung, an der Fassade sowohl der zeitgenössischen als auch der historischen Kirchen eine Aufschrift zu finden, die uns empfängt. Da, wo einmal das Reich des Bildes war, ist heute das unbestrittene Reich des Druckes. Die „headlines“ werden aus biblischen Texten entliehen, und so kann es scheinen, dass man Abstand von der Welt der Werbung nimmt. In der Überzeugung, dass Bilder unnütz, überflüssig, kostspielig seien (in  nicht seltenen Fällen werden sie sogar als gegensätzlich zum katholischen Glauben angesehen), werden de facto „slogans“ an die Fassaden der Kirchen geschrieben, in der absurden Überzeugung, dass sich die Werbeanzeige für die Kirche Christi als anziehend erweisen könne in einem grenzenlosen Ozean von gigantischen und sehr bunten Werbeplakaten. Es handelt sich um naive Entscheidungen über die Unzulänglichkeit der Mittel zum Zweck, die aus der Verantwortungslosigkeit des Paradoxes entstanden sind.

In analoger Weise haben auch religiöse Orden und viele Körperschaften und Institutionen ihre Wappen auf den neuesten Stand gebracht, indem sie Systeme der Werbung benutzen und das Wappen mit einer polysemantischen Ausdrucksfähigkeit auf ein wahres und eigens graphisch gestaltetes Logo mit dem Zusatz eines „lettering“ reduzieren. In diesem Falle besteht die Naivität in dem Denken, dass ein gebildetes und komplexes, linguistisches System, wie das der Embleme und der heiligen Handlungen in eine Werbe-Sprache übertragbar sei. Die scheinbare Aktualisierung eines Logos ist in gar keiner Weise dazu geeignet, die ganze, unermessliche symbolische und erinnernde Bedeutung der Meditationen, die den Bildern eingeprägt sind, zu übersetzen. In der Tat, „die heilige Emblematik ist nicht nur ein Mittel zum Lernen, sondern sie gestaltet sich als eine Methode, die Welt im Licht der Offenbarung zu lesen“ (4).

Die zweite Seite der Aufspaltung – jene des Urteils einer exzessiven Komplexität des Bildes, das für den zeitgenössischen Menschen sprachlos sei, - ist eng mit der ersten verbunden. Man stellt die These der Nicht-Dechiffrierbarkeit des Bildes auf, so als ob es nichts aussagen könnte. Es handelt sich in gewisser Weise nur um ein Symptom der Ikonophobie. Es ist der Rückfall einer ganzen Kultur in den offenkundigen Analphabetismus, einer Kultur, die aufgehört hat, sie selbst zu sein, und die von anderen die eigenen Formen und die eigenen ethischen Prinzipien entliehen hat.

Burke spricht vom Misstrauen gegenüber dem Bild als einem historischen Dokument, als dem Zeugnis eines Faktums oder eines Ereignisses. Wir könnten sagen, dass sich in diesem Punkt verschiedene Probleme zusammen finden. Um zum Beispiel einen Künstler kennenzulernen, müsste man vor allem seine Werke anschauen, jene unersetzbaren Dokumente seiner Art zu denken und zu handeln. Stattdessen bevorzugt man den Gebrauch schriftlicher - oftmals umstrittener – Quellen und fantastischer und mythischer Rekonstruktionen des Lebens: der Fall von Caravaggio ist besonders aussagekräftig.

In anderen Fällen wird das Studium eines gemalten Bildes auf eine formalistische Erzählung reduziert, während man jeden anderen möglichen Erkenntnisweg, der das Bild als Anfang, Ziel und Mittel hätte, ausschließt und jede interpretative Dichte verflacht und banalisiert in der alleinigen, stilistischen Chiffre.

De facto hat man die Praxis der Verwendung von Bildern im weitesten kultischen und kulturellen Bereich aufgegeben, und so hat man ein unschätzbares Erbe veräußert, das manchmal sehr viel mehr sagen kann, viel besser und viel tiefer als die auf Mauern geschriebenen Worte. Am Ende des 15. Jahrhunderts hat Leonardo im „Libro di Pittura“ (Buch der Malerei) beim Vergleich der Künste den Primat des Bildes über das Wort gezeigt (5), indem er erklärt, dass die Darstellung Gottes die Seele des Gläubigen mehr bewegt als nur sein geschriebener Name: „Schreibe den Namen Gottes an einen Ort, und stelle seine Figur zum Vergleich dorthin, und du wirst sehen, was mehr aufgesucht wird“ (Libro di pittura I,19).

1) P. Burke, Testimoni oculari (2001), Italienische Übersetzung Rom 2011. Burke übernimmt den Begriff Ikonophobie von P. Collinson, From Iconoclasm to Iconophobia. The Cultural Impact oft he Second Reformation, London 1986, S. 8

2) Vgl. H Belting, Il culto delle immagini. Storia dell’icona dall’età imperiale al tardo Medioevo (1990), Italienische Übersetzung Rom 2001, S. 557-596.

3) Vgl. H. Jonas, Organismo e libertà (1966; 1973), Italienische Übersetzung Turin 1999, S. 148-169.

4) E. Ardissino, Il Barocco e il sacro. La predicazione del teatino Paolo Aresi tra letteratura, immagini e scienza, Vatikanstadt 2001, S.182.

5) Vgl. R. Papa, Leonardo teologo. L’artista nipote di Dio, Mailand 2006, S. 24.

* Rodolfo Papa ist Kunsthistoriker, Dozent für Geschichte der ästhetischen Theorien an der Philosophischen Fakultät der Päpstlichen Universität Urbaniana, Rom; Vorsitzender der „Accademia Urbana delle Arti“. Maler, ordentliches Mitglied der „Pontificia Insigne Accademia di Belle Arti e Lettere die Virtuosi“ am Pantheon. Urheber von Bildzyklen der Sakralkunst in verschiedenen Basiliken und Kathedralen. Er interessiert sich für ikonologische Themen der Renaissance- und der Barockkunst, über die er Monographien und Abhandlungen geschrieben hat. Er ist Spezialist für Leonardo und Caravaggio und arbeitet mit zahlreichen Zeitschriften zusammen. Er hält seit dem Jahr 2000 eine wöchentliche Rubrik über die Geschichte der christlichen Kunst bei Radio Vatikan.

[Aus dem Italienischen übersetzt von Dr. Edith Olk]