Die Theologie des Leibes nach Johannes Paul II.

Internationale Tagung am Päpstlichen Athenäum Regina Apostolorum

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ROM, Montag, 7. November 2011 (Zenit.org). – In den Tagen vom 9. bis 11. November findet in Rom eine internationale Tagung über die Theologie des Leibes von Johannes Paul II. statt, die von der theologischen, philosophischen und bioethischen Fakultät des Päpstlichen Athenäums Regina Apostolorum (APRA) ausgerichtet wird.

Um deren Inhalte und Zielsetzungen kennenzulernen, hat Zenit einen der Initiatoren und Förderer der Tagung interviewt, Pater Pedro Barrajón L.C., den Rektor der APRA.

Zenit: Warum gibt es eine Tagung über die Theologie des Leibes?

Barrajón: Diese Tagung antwortet auf einen meiner Wünsche, der vor langer Zeit entstanden ist. Vor acht Jahren habe ich einen Lizenziatskurs in Theologie zum Thema „Die christliche Sicht des Leibes“ vorbereitet, für den ich einen Großteil des Materials aus den berühmten Katechesen von Johannes Paul II. über die menschliche Liebe entnommen habe. Später habe ich diesen Kurs Studenten der Bioethik erneut dargelegt und bei allen ein großes Interesse am Thema und an der Art festgestellt, wie Johannes Paul II. die Frage der menschlichen Liebe und des Leibes angeht. Deshalb habe ich seit langem gedacht, dass es interessant wäre, in Rom einen internationalen Kongress abzuhalten, auf dem man noch besser das Erbe Johannes Pauls II. in diesem Bereich sammeln könnte. Diese Idee habe ich den Dekanen der drei Fakultäten des Athenäums, dem Präsidenten und dem Koordinator des Studienzentrums unseres Athenäums mitgeteilt und bei ihnen eine volle Unterstützung gefunden. Wir haben die Gelegenheit der Seligsprechung von Johannes Paul II. ergriffen, um ihn im selben Jahr zu organisieren.

Zenit: Worin besteht Ihrer Meinung nach das Neue des Beitrags von Johannes Paul II.?

Barrajón: Johannes Paul II. war, wie wir wissen, ein Mensch, dem der Herr viele Talente gegeben hatte. Eines von ihnen bestand darin, verstanden zu haben, was das Konzil – nach einem Satz von Jesus im Evangelium „die Zeichen der Zeit“ genannt hatte. Er spürte die Notwendigkeit, die katholische Lehre über die menschliche Liebe, die eng mit der Theologie des Leibes verbunden ist, in neuer Weise darzulegen. Nachdem er beträchtliche pastorale Erfahrungen mit Familien gesammelt, konnte er dann durch die Lehre über Ethik an der Universität darüber  nachdenken; dabei hinterließ er einzigartig feinsinnige Schriften wie „Liebe und Verantwortung“. Er konnte die Theologie des Leibes betrachten von dem her, was er die Hermeneutik des Geschenks nannte. Er sah die Wirklichkeit als ein absolutes Geschenk Gottes an, und aus dieser Perspektive des Geschenkes betrachtete er auch den Wert des eigenen Leibes im ehelichen Bund.

Zenit: Für einige Menschen sind diese Katechesen sehr schwer zu lesen und zu verstehen. Warum gibt es diese Schwierigkeit, und wie kann sie überwunden werden?

Barrajón: Es ist tatsächlich keine einfache Sprache. Ich erinnere mich gut, dass ich, als Johannes Paul II. mit diesen Katechesen begann, Philosophiestudent an der Universität Gregoriana in Rom war. Zu dieser Zeit interessierte ich mich wahrlich überhaupt nicht für sie, weil auch ich sie sie nicht gut verstand. Aber einige Jahre später, nach einer gemeinsamen Lektüre und mit einer besseren philosophischen und theologischen Ausbildung, wurden für mich die großen Intuitionen des Papstes zu einer großen Offenbarung, die nicht nur für die Lehre, sondern auch für die Seelsorge dienlich waren. Um sie besser zu verstehen, setzte ich mich für eine Einführung durch eine kompetente Person oder ein Buch ein – jetzt gibt es viele darüber, die eine Zusammenschau geben und die wichtigen Begriffe erklären können. Außerdem ist es interessant, von Anfang an die besondere Methode zu verstehen, der Johannes Paul II. in diesen Katechesen folgte.

Zenit: Worin besteht diese besondere Methode im Ansatz des Papstes?

Barrajón: Der Papst geht von den Worten des Evangeliums aus, insbesondere von den Worten Christi, und versucht, sie zu verstehen, indem er sie in den großen Zusammenhang hineinstellt, in dem die tiefe Einheit zwischen dem Alten und Neuen Testament aufscheint. Diese Worte werden dann im Licht der Vernunft, aber auch der objektiven Erfahrung ausgelegt. Und hier tritt in einem gewissen Sinne die phänomenologische Methode ein, die der Papst bei Autoren wie Max Scheler studiert hatte. Er benutzte sie als Methode – und nicht als Ziel, um zu verstehen, was das Wesentliche des Menschen ist, der fähig ist, Liebe auszudrücken und zu geben und das Leben zu leben, das ihm als größtes Geschenk gegeben ist und das er seinerseits hingeben muss.

Zenit: Wie wird die Tagung organisiert?

Barrajón: Die Tagung dauert drei Tage. Am Anfang steht eine Begegnung der Teilnehmer mit dem Heiligen Vater bei der Mittwochsaudienz. Am Abend des ersten Tages haben wir ein Treffen nur mit den Referenten, um die Personen, die einen Vortrag halten, direkt kennenzulernen, und um einen Vortrag von Professor Waldstein, einem großen Fachmann auf dem Gebiet, zu hören. Er wird uns einen allgemeinen Überblick über die aktuelle Situation der Theologie des Leibes geben. Am Vormittag des ersten Tages werden allgemeine Aspekte des Themas behandelt. Am Nachmittag gibt es drei Wege, einen mehr philosophischen, einen mehr theologischen und eine Vorstellung der „papers“. Dann folgen Zeugnisse über pastorale Erfahrungen, die in verschiedenen Ländern gemacht wurden (USA, Italien, Spanien, Österreich, Frankreich, Irland, Kanada, Mexiko ...). Am Vormittag des zweiten Tages gibt es mehr pastorale Aspekte, wie die Wirkung der Theologie des Leibes in der Evangelisation oder den leidenden Leib. Nachmittags folgen zwei weitere Abschnitte, ein bioethischer und ein weiterer pastoraler. Den Abschluss am Ende bilden einige Ansprachen, die darauf abzielen zu verstehen, was die Zukunft der Theologie des Leibes in der Kirche und in der Gesellschaft sein kann.

Zenit: Im Programm der Tagung steht auch eine Ansprache von Christopher West, dessen Person aufgrund einiger seiner eigentümlichen Erklärungen und Interpretationen der Theologie des Leibes in den Vereinigten Staaten umstritten ist.

Barrajón: Ja, Christopher West wird anwesend sein. Er wird eine Ansprache halten und anschließend eine Präsentation über die Theologie des Leibes darbieten, die in den Vereinigten Staaten Erfolg hatte und „Fill our Hearts“ heißt. Ich weiß, dass einige seiner Äußerungen eine lebhafte Polemik der Medien im katholischen Bereich ausgelöst haben. Andererseits weiß ich auch, dass er seine Bereitschaft erklärt hat, gewisse Positionen zu überdenken, wenn es notwendig ist. Aber es besteht auch kein Zweifel an dem vielen Guten, das er durch seine Bücher und Vorträge bewirkt hat und bewirkt. Wir haben ihn eingeladen, weil wir glauben, dass Tagungen wie diese allen dazu dienen können, verschiedene Positionen einander gegenüber zu stellen und sie zu klären, wenn es notwendig ist, und im Geist des gegenseitigen Zuhörens ein Gespräch zu führen.

Zenit: Wir haben viele Referenten von Ihrem Athenäum gesehen.

Barrajón: Ungefähr die Hälfte der Referenten sind Dozenten unseres Athenäums. Wir wollten, dass unsere Professoren einen Beitrag zur Vertiefung des Denkens von Papst Johannes Paul II. über die Theologie des Leibes leisten. Deshalb sind einige Professoren unserer drei Fakultäten dabei. Von der Theologie die Patres Thomas Williams, Giovanni Boer, Georges Woodall und Paolo Scarafoni, und auch ich halte einen Einführungsvortrag. Von der philosophischen Fakultät nehmen teil: José Antonio Izquierdo Labeaga und Professor Guido Traversa; von der bioethischen Fakultät der Dekan, P. Gonzalo Miranda, P. Joseph Tham und die Professorin Giorgia Brambilla.

Zenit: Und aus welchen Ländern kommen die anderen?

Barrajón: Wir haben eine Gruppe von amerikanischen Referenten eingeladen, wo die Theologie des Leibes sehr weit entwickelt ist: außer Michael Waldstein wird auch Christopher West kommen, der eine besondere Darbietung zum Thema „Fill our Hearts“ geben wird, Janet Smith, Katrina Zeno, P. Walter Schu. Aus Frankreich kommen Msgr. Jean Lafitte, Sekretär der Päpstlichen Akademie für das Leben, Don Pascal Ide, Xavier Lacroix und Yves Semen. Aus Spanien P. Ramón Lucas, Dozent für Philosophie an der Gregoriana und auch an unserem Athenäum. Rocco Buttiglione, der angesehene Autor eines ausgezeichneten Buches über die Philosophie von Karol Wojtyła, Professor Mario Morcellini, Leiter der soziologischen Fakultät der Universität „La Sapientia“ in Rom und die Professorin Michaela Liuccio von derselben Fakultät; die Professorin Ales Belo, Dekanin der Philosophie an der Lateranuniversität; und Don Manlio Sodi, Professor für Liturgie an der Universität Salesiana in Rom; sie kommen aus Italien. Ein Pole ist Msgr. Sygmund Zymonsky, Präsident des Päpstlichen Rates für die Pastoral im Gesundheitswesen. Aus China nimmt Msgr. Savio Hon, Sekretär der Päpstlichen Kongregation für die Evangelisation der Völker, teil und aus Deutschland die Professorin Yvonne Dohna, Dozentin für Kunstgeschichte an der Universität Gregoriana.

Zenit: Welche Früchte erwarten Sie von dieser Tagung?

Barrajón: Vor allem eine Bestandsaufnahme über den Stand der Theologie des Leibes, ihres Verständnisses und ihrer Darstellung dreißig Jahre nach ihrem Erscheinen und in diesem Jahr der Seligsprechung ihres Urhebers, Johannes Pauls II.. Die Tatsache, ein Gespräch zwischen Vertretern aus verschiedenen Bereichen und Erfahrungen führen und verschiedene theologische und pastorale Interpretationen einander gegenüberstellen zu können, ist bereits eine bedeutende Frucht. Ich wünsche mir, dass die Tagung die positiven pastoralen Erfahrungen verstärkt, dass sie hilft, die Theologie der Liebe und die christliche Anthropologie zu vertiefen und die Theologie des Leibes immer mehr in den Dienst der Neuevangelisation, der Verbreitung des Glaubens und der Ehe-und Familienpastoral zu stellen.

[ZENIT-Übersetzung aus dem Italienischen]