Die Torheit des Glaubens und die Kraft der Argumente - der Beitrag der griechischen Philosophie für die christliche Theologie

Von Horst Seidl

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WÜRZBURG, 8. Oktober 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Wiederholt hat Papst Benedikt XVI. zum erneuten Studium der antiken Autoren aufgerufen, sowohl der griechischen Philosophen wie auch der christlichen Kirchenlehrer. Über die Bedeutung der Hellenisierung des christlichen Glaubens wird wieder diskutiert. Im Rahmen dieser Diskussionen stellt sich die Frage, welchen Beitrag die griechische Philosophie für die christliche Theologie geleistet hat.



In den ersten Jahrhunderten nach Christus war sein Evangelium der Kritik von Seiten griechischer Philosophen ausgesetzt, die es für absurd oder töricht hielten, Gott in drei Personen zu verehren, was auf drei Götter hinauslief, und von einem Gott zu sprechen, der Mensch wurde und den Kreuzestod starb. Der heilige Paulus sprach diese Situation in seiner Rede auf dem Areopag in Athen an, wenn er solchen hochmütigen Philosophen die Antwort gab: dass die Torheit Gottes weiser ist als die Weisheit dieser Philosophen.

Für die Christen gab es zwei Möglichkeiten, auf die heidnischen Kritiker zu reagieren: entweder sie nicht zu beachten und sich der so genannten Torheit des christlichen Glaubens zu rühmen (was ein Entsagen von aller menschlichen Weisheit erforderte), oder sich auf die gegnerischen Argumente einzulassen und sie mit Hilfe griechischer Philosophie zu widerlegen, um gleichsam den Gegner mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Die ersten Apologeten, Justin der Märtyrer und Klemens von Alexandrien, wählten die zweite Möglichkeit.

Justin strebte seit seiner Jugend nach wahrer Erkenntnis über die Seele und Gott. Vor allem beschäftigten ihn religiöse Fragen über die Seele nach dem Tode, ihr Verhältnis zu Gott, die Erlösung von der Sünde und ähnliches. Er suchte Antwort bei Stoikern und Platonikern, die ihre Philosophie als Heilslehren anboten, war aber von ihnen nicht befriedigt, wie er in seiner autobiographischen Schrift Dialogus cum Tryphone bekannte. Stattdessen erschloss ihm ein christlicher Greis namens Tryphon im Evangelium Christi jene Wahrheiten, die er suchte, nahm (133 n. Chr.) den Glauben an Jesus Christus an und ging dazu über, die Rationalität jener Glaubenswahrheiten argumentativ zu verteidigen, ja als die „wahre Philosophie“ zu erweisen.

Nicht die Philosophie, sondern Christus rettet

Dabei griff Justin auf einen wichtigen Hauptgesichtspunkt stoischer Lehre zurück, nämlich dass die erste Ursache von allem Seienden ein göttlicher Logos/Verstand ist, den er nun mit Christus als dem göttlichen Logos verband (im Anschluss an das Johannes-Evangelium, Prolog). Aus dieser Einsicht konnte dann Justin sagen, dass alles Verstandesgemäße in den Geschöpfen christlich ist, weil auf den Logos Christi zurückgehend, durch den alles geschaffen worden ist.

Welch ein bemerkenswerter Vorgang! Während dem christlichen Denker die stoische Philosophie, für sich genommen, ungenügend war zur Beantwortung der religiösen Fragen über das Leben und Heil der Menschen, gewann sie ihm, in Verbindung mit dem christlichen Glauben, eine wichtige Bedeutung zu dessen Verteidigung, und zwar durch die Lehre vom göttlichen Logos, – eine Bedeutung, die ihn sogar veranlasste, seine Verteidigungslehre des Glaubens „die wahre Philosophie“ zu nennen und von jetzt an selber im Philosophengewand das Christentum zu verkündigen.

Wir müssen uns fragen, wie sich dies erklärt. Zunächst ist klar, dass die „wahre Philosophie“, die der christliche Denker verkündigt, nicht mehr dieselbe ist wie die einer Philosophenschule, im vorliegenden Fall der stoischen. Während die Philosophie generell ohne religiöse Glaubensvoraussetzung vorgeht, setzt die vom Christen Justin vorgetragene sehr wohl den christlichen Glauben voraus, der verteidigt wird. Damit erhalten dann die aus der Philosophie entnommenen Begriffe neue Bedeutungen. So bezeichnet der ehemals stoische Logos-Begriff nun das offenbarte Mysterium des Gottessohnes Christus.

Offensichtlich wohnen wir hier dem Beginn der christlichen Theologie bei. Doch war Justin dieser Begriff in der späteren, uns geläufigen Bedeutung noch nicht verfügbar. Der von Aristoteles eingeführte Begriff der „Theologie“ bezeichnete den abschließenden Teil seiner Metaphysik, welche die „natürliche“ Erkenntnis von der ersten Seinsursache enthält, die mit Gott identifiziert wird. Diese Weltweisheit will jedoch Justins „wahre Philosophie“ als göttliche Weisheit, wie das Adjektiv „wahr“ anzeigt, bei weitem übersteigen zu einer „übernatürlichen“ Gotteslehre hin, eben zur heiligen Theologie, kraft des christlichen Glaubens.

Dasselbe beobachten wir dann bei Klemens von Alexandrien (ca. 150-215 n.Chr.) und anderen christlichen Apologeten. Er wirkte in Alexandria, einem damaligen Zentrum hellenistischer Kultur. Im Vergleich zu Justin hatte er bessere Kenntnisse von der griechischen Philosophie und schätzte sie als unentbehrliches Bildungsgut für Christen, die am kulturellen Leben ihrer Zeit teilnehmen wollten.

In bemerkenswerter Weise unterschied Klemens, in seinem Hauptwerk Teppiche (Stromateis), klar zwischen der griechischen Philosophie und der christlichen Lehre, die er wiederum als „wahre Philosophie“ bezeichnete. Das Unterscheidungskriterium zwischen beiden war für ihn, dass die erstere von menschlicher Herkunft ist, die letztere von göttlicher (Strom. I, 37, 6). Nicht durch die philosophische Wahrheit, sondern durch die religiöse, von Christus offenbarte Wahrheit werden wir gerettet (Strom., V, 87, 1).

Klemens bestimmte das Verhältnis beider zueinander so, dass er die griechische Philosophie als Propädeutik der höheren Weisheit der christlichen Lehre zuordnete, welche die offenbarten Wahrheiten der Heiligen Trinität, der Menschwerdung Christi und der Erlösung der Menschen in ihm umfasste. Daraus wird klar, dass die „wahre Philosophie“ die beginnende christliche Theologie ist, wie schon bei Justin.

Zusammenfassend kann man also Folgendes sagen: Zunächst lässt sich feststellen, dass die griechische Philosophie, besonders als Metaphysik, sich mit der christlichen Glaubenslehre verband, wobei Argumente und Begriffe von ihr in die neue Disziplin einer heiligen Theologie eingingen, in der sie neue, theologische Bedeutungen annahmen. Ein Beispiel: Die an sich philosophischen Begriffe der Person, der Substanz und der Relation sind in die Theologie von der Trinität Gottes eingegangen, nämlich in die Aussagen über Gott als drei substanzielle Personen in drei personalen Relationen, und nehmen nun neue, theologische Bedeutungen an.

Übrigens ist die Metaphysik „griechisch“ nur der Herkunft nach, nicht in ihrer Erkenntnis, die übergeschichtlich ist. Insofern ist ihre Verbindung mit dem christlichen Glauben nicht als dessen „Hellenisierung“ durch „griechische Metaphysik“ zu beurteilen, noch ist moderner Kritik zustimmen, die heute zur „Enthellenisierung“ des christlichen Glaubens aufruft.

Ein zweite Bemerkung: Die Metaphysik hörte nicht auf, unerachtet ihrer Verbindung mit dem christlichen Glauben in der Ausbildung der Theologie, als eigene philosophische Disziplin zu bestehen und ihr als natürliche Erkenntnisgrundlage zu dienen.

Diese besagt zum Beispiel für die Trinitätslehre, dass Gott, als erste Seinsursache von allem, substanziell in seinem Sein und Wesen von einfacher Einheit ist, was der natürlichen, metaphysischen Vernunft-Einsicht entspricht. Wenn sich daher Gott in dreipersonaler Lebensfülle offenbart, mit drei personalen Relationen zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist, so sind dies keine Unterschiede Gottes Sein (Thomas v. Aquin: non secundum esse), das (ontologisch-metaphysisch) ein Einziges ist, von einfacher Einheit. Dadurch bleibt das offenbarte (unsere Erkenntnis übersteigende) Mysterium gewahrt, – verschieden von menschlichen Verhältnissen, in denen drei personale Relationen immer solche zwischen drei Personen als drei Substanzen sind. In unserer Zeit, die noch unter der Nachwirkung von Kants Metaphysik-Kritik steht, was der traditonellen Theologie ihre natürliche metaphysische Grundlage zu entziehen droht, fehlt es nicht an Versuchen einer „neuen Theologie“, die sich mit einer „existentiellen Metaphysik“ so verbindet, dass sie mit ihr zu einem christlichen „religiösen Denken“ verschmilzt. Angesichts existentieller „letzter Sinnfragen“ der Welt, des menschlichen Lebens und seiner historischen, endzeitlichen Bestimmung, würde die existentielle Metaphysik nur die Probleme aufwerfen, die für sie unlösbar seien, zu denen dann aber die existentielle Theologie die Antwort aus dem christlichen Glauben gäbe. Jedoch scheinen jene „letzten Fragen“ weltanschauliche und religiöse zu sein, nicht metaphysische.

Philosophie und Theologie lassen sich nicht verschmelzen

Die Metaphysik befasst sich mit dem formalen Seinsaspekt der Dinge und des Menschen, betrachtet sie, insofern sie sind, als Seiendes, und fragt nach den ersten Seinsursachen. Wird sie mit jenen letzten Sinnfragen befrachtet, kann sie diese freilich nicht beantworten, während sie in ihrem Bereich ihre Fragen und ihre Antworten darbietet. Aber auch die Theologie verliert ihre eigene Aufgabe als heilige Wissenschaft (sacra scientia, Thomas v. Aquin), nämlich die Offenbarungswahrheiten in einen systematischen Zusammenhang zu bringen, welche die abgeleiteten aus prinzipiellen Wahrheiten (den so genannten Dogmen) zu begründen vermag. Sie muss nun als neue Theologie „existentiell-metaphysische“ Fragen beantworten, was nicht ihre Aufgabe ist, statt bei ihren eigenen Fragen zu bleiben (die Glaubensmysterien, Schöpfung, Trinität Gottes, Inkarnation Christi, Kirche, Sakramente), auf die sie ihre eigenen Antworten geben kann.

Der neue Versuch, Philosophie und Theologie zu verschmelzen, beruft sich auf die Apologeten, die ihre Theologie als „die wahre Philosophie“ bezeichnet haben. Wie jedoch oben dargelegt, verhält sich die Sache anders. Ihre Lehre, die den christlichen Glauben verteidigt, bietet noch keine konsolidierte Theologie dar, da diese sich vielmehr bei ihnen erstmals ausbildet, und zwar mit Hilfe jener klassischen Metaphysik, die von existentiellen Theologen heute verworfen wird. Daher ist ihre Berufung auf die Apologeten nicht überzeugend.

Bedenken wir erneut das traditionelle Verhältnis zwischen Metaphysik und Theologie bei den Kirchenvätern und bei Thomas von Aquin, so sind bei ihnen beide Disziplinen durchaus verschieden: Die Metaphysik hat nicht, wie die Theologie, Gott zum Ausgangsgegenstand, sondern das Seiende als solches, und gelangt zu einer ersten, transzendenten Seinsursache. (Hiernach gäbe es keinen Gott der Philosophen, sondern nur den Gott der Theologen, und eine erste Seinsursache der Philosophen.) Im Unterschied zur Theologie, die sich, vom christlichen Glauben aus, auf übernatürlicher Erkenntnisebene vollzieht, geht die Metaphysik ohne Glaubensvoraussetzung auf ihrer natürlichen Erkenntnisebene vor. Trotz der Verschiedenheit sind beide Disziplinen doch aufeinander bezogen: Die Theologie hat die Metaphysik zur natürlichen Grundlage (so dass auch hier der scholastische Grundsatz gilt, dass die Gnade die Natur voraussetzt, „gratia supponit naturam“).

Die Apologeten und Kirchenväter haben voll Freude das Verwandte zwischen der Bibel und der griechischen Metaphysik festgestellt. Wie sollte auch nicht der biblische Gott, der Schöpfer aller Dinge, mit der ersten transzendenten Seinsursache der Metaphysik zusammen gesehen werden? Umso mehr, als Er sich als „Ich bin der Seiende“ offenbart, was zwar eine religiöse, keine metaphysische Aussage ist, aber gleichwohl eine von metaphysischer Dimension, die auf Gott als welt-jenseitigen, überzeitlich-ewigen verweist.

[Der Autor ist Professor für Philosophie und Anthropologie an der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom; © Die Tagespost vom 6. Oktober 2007]