Die Türkei fünf Jahre nach dem Papstbesuch

Realistische Forderung: internationale ökumenische Ausbildungsstätte, Zulassung ausländischer Priester

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Von Prof. Dr. Rudolf Grulich

KÖNIGSTEIN, 25. November 2011 (ZENIT.org/KIN). - Fünf Jahre sind vergangen, seit Papst Benedikt XVI. die Türkei besuchte. Vor der Reise hatte man dem Papst damals prophezeit, es würde seine schwerste Reise werden, da die muslimische Welt aufgrund seiner Regensburger Rede vom September 2006 empört sei. Das Gegenteil war jedoch der Fall: Benedikt XVI. wurde freundlich, ja begeistert aufgenommen. Eine Kirchenzeitung in Deutschland sprach sogar von einem Heimspiel. Der Papst flog in die Hauptstadt Ankara, besuchte danach das Haus Mariens bei Ephesus, wo er eine heilige Messe zelebrierte und traf sich später in Istanbul mit Vertretern aller christlichen Kirchen.

Sein Anliegen, auch die Katholiken der Türkei zu stärken, wurde bei den Gottesdiensten in Ephesus und in der römisch-katholischen Heilig-Geist-Kathedrale in Istanbul besonders deutlich. Die „kleine Herde" von nur 20 000 Katholiken in der Türkei hat Gläubige verschiedener Riten und Traditionen. Deshalb erklangen Teile der Eucharistiefeier in den liturgischen Sprachen des Ostens, in Armenisch und Aramäisch neben Latein und Griechisch. Manche Fürbitten wurden außer in Türkisch in anderen Sprachen vorgetragen.

Fünf Jahre nach diesem Besuch können und müssen wir fragen, was sich seitdem in der Türkei für die wenigen Christen verändert hat. Erinnert sei zunächst daran, dass nur in wenigen Ländern der Welt die Kirche und das Christentum so gelitten haben wie auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges machten die Christen noch ein Viertel der Bevölkerung des Landes aus. Städte wie Konstantinopel (Istanbul) und Smyrna (Izmir) waren noch mehrheitlich christlich. Es gab Tausende von Kirchen in Anatolien und dutzende Bischofssitze der griechischen, armenischen und syrischen Kirche. In Sis in Kilikien residierte ein armenischer Katholikos, in Hakkari der nestorianische Patriarch, in der Nähe von Mardin der Patriarch der orthodoxen Syrer.

Heute hat die Türkei 78 Millionen Einwohner, aber nur noch 100 000 bis 200 000 davon sind Christen. Die Deportation und der Völkermord an den Armeniern 1915, den die türkische Regierung in Ankara bis heute leugnet, und die Verfolgung der aramäischen Christen der verschiedenen syrischen Kirchen haben die Zahl der Christen stark dezimiert. Dazu kamen nach dem Ersten Weltkrieg die Folgen des Griechisch-Türkischen Krieges.

Als im Friedensvertrag von Lausanne 1923 der griechisch-türkische Bevölkerungsaustausch beschlossen und umgesetzt wurde, verschwand auch das orthodoxe christliche Griechentum, mit Ausnahme der Griechen in Istanbul und auf einigen Inseln. Durch schikanöse Gesetze und Übergriffe im Jahr 1955 sowie bei der Zypernkrise 1974 wurden viele Griechen vertrieben, so dass ihre Zahl heute nur einige Tausende beträgt.

Bereits vor dem Papstbesuch war am 5. Februar 2006 in der Hafenstadt Trabzon am Schwarzen Meer der italienische Priester Andrea Santoro erschossen worden. Nach dem Papstbesuch geschah in Malatya der brutale Mord an drei Protestanten: einem deutschen Geistlichen und zwei türkischen Konvertiten. 2010 wurde der Apostolische Vikar von Anatolien, der italienische Bischof Luigi Padovese, von seinem Fahrer ermordet. Dazu kamen Nachrichten von Überfällen auf andere Priester.

Im Paulusjahr 2008 wurden große Hoffnungen auf eine Verbesserung der Lage geweckt. Doch was hat sich verändert? In Adyaman konnte die syrisch-orthodoxe Kirche einen vierten Bischofssitz errichten. In Istanbul erhielten über ein Dutzend aus Griechenland und Zypern stammende Bischöfe die türkische Staatsangehörigkeit, was für das Weiterbestehen und Überleben des Ökumenischen Patriarchates lebensnotwendig war, denn die türkische Regierung anerkennt nur Patriarchen, die türkische Staatsbürger sind.

Im Osten des Landes wird im Turabdin der Aramäisch-Unterricht in Klöstern und kircheneigenen Räumen geduldet. Katholischen Priestern aus dem Ausland wurde die Genehmigung zum Wirken in der Türkei erteilt, wo heute neben einheimischen armenischen und chaldäischen Geistlichen und einem türkischen römisch-katholischen Priester nur Ausländer tätig sind. Im letzten Jahr wurde gemeldet, dass das beschlagnahmte Eigentum kirchlicher Stiftungen zurückgegeben werden soll. Inwieweit das geschieht, bleibt abzuwarten.

Eine große türkische Tageszeitung befragte Journalisten nach den zehn schönsten Kirchen der Türkei. An erster Stelle wurde die bulgarische Stefanskirche in Istanbul am Goldenen Horn genannt, weitere armenische, griechische und katholische Kirchen in Istanbul, aber auch eine orthodoxe, syrische und chaldäische Kirche in Antakya, Mardin und Diyarbakir. Die bulgarische Stefanskirche dort wird derzeit renoviert, ebenso wie die bulgarische Kirche in Edirne.

Viele der Vorwürfe, die der Türkei im Westen gemacht werden müssen ehrlich hinterfragt werden. Die Vernichtung der Armenier 1915 ist nicht mit der Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der Griechen aus Kleinasien vergleichbar. 1919 besetzte Griechenland Smyrna (Izmir) und glaubte anschließend, die im Ersten Weltkrieg geschlagene Rest-Türkei besiegen zu können. Gerade Deutsche sollten diese Problematik ehrlicher sehen, da bei uns das Unrecht der Vertreibung der Deutschen aus dem Osten nach Hitlers Angriffskrieg verharmlost wird. Ich erinnere mich noch genau, wie betroffen Bischof Padovese 2006 in Berlin war, als ihn Erika Steinbach durch die Ausstellung der Stiftung gegen Vertreibungen im Kronprinzenpalais führte.

Gedankenlos und aus antitürkischem Ressentiment wird behauptet, dass in der Türkei keine Kirchenbauten möglich seien, nicht einmal Renovierungen dürften durchgeführt werden. Ich kenne aber von Istanbul bis zum Musadağ an der syrischen Grenze viele Renovierungen, in Vakifliköyü auf dem Musadağ zum Beispiel im Jahre 1997. Die Griechen in Istanbul haben über 50 Kirchen. Warum sollen 4000 Griechen dort noch Kirchen bauen? Der katholische Erzbischof in Izmir hat nur noch 1200 Gläubige, aber sieben Kirchen. Nur Ignoranten und Informationsunwillige können das Gerücht vom verbotenen Kirchenbau weiterverbreiten. Ist es realistisch, die Wiedereröffnung einer Hochschule wie der in Chalki zu fordern? Können sich 4000 Griechen ein Priesterseminar leisten? Oder können 20 000 Katholiken verschiedener Riten genug Studenten aufbringen, um ein Priesterseminar einzurichten?

Wir müssen uns aber gleichzeitig ehrlicher und sachkundiger zeigen, wie unehrlich und fordernd die Regierung von Ministerpräsident Erdogan auftritt. Er kann ungestraft und beinahe unwidersprochen großtürkische Forderungen nach noch mehr Rechten auch für integrationswillige Türken in Deutschland stellen, aber dieselben Rechte seinen Minderheiten in der Türkei weiterhin verweigern. Was ein starkes Europa erreichen kann, zeigt das Beispiel Englands und Frankreichs, die 1856 zu einer Zeit Religionsfreiheit für die Christen im Osmanischen Reich erreichten, als der Sultan noch Kalif war, also Stellvertreter Mohammeds. Die über 100 Kirchen in Istanbul, die noch heute Gotteshäuser sind, und die weit über 1000 zerstörten Kirchen Anatoliens sind damals gebaut worden, auch Bischofskirchen für heute nicht mehr existierende katholische Diözesen.

Der ermordete Bischof Padovese war ein Herold der Hoffnung. Er begrüßte 2006 in Berlin auf einer Pressekonferenz die Forderungen von „Kirche in Not", weil sie realistisch waren. Unter dem Titel „Religionsfreiheit auf europäischem Niveau" veröffentlichte „Kirche in Not" Deutschland damals eine Erklärung zu den EU-Verhandlungen mit der Türkei. Das Werk erinnerte an den 150. Jahrestag des Friedens von Paris 1856, in dem die damalige Türkei, das Osmanische Reich, allen ihren Bürgern Religionsfreiheit garantierte, auch den Übertritt vom Islam zu einer anderen Religionsgemeinschaft.

Die wenigen heutigen Christen kann niemand als Bedrohung ansehen. Sie verkörpern aber ein seit der Zeit der Apostel in der Türkei vorhandenes Christentum, dessen Überleben garantiert werden muss. „Kirche in Not" stellt fest: Wenn die Türkei der Europäischen Union beitreten möchte, muss sie den Mindeststandard an Religionsfreiheit nach europäischen Maßstäben erfüllen und den „Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte" ratifizieren. Zu den Grundvoraussetzungen für Religionsfreiheit gehört in erster Linie: Die Rechtsanerkennung der christlichen Kirchen und damit verbunden der sofortige Stopp von Enteignungen des Eigentums christlicher Gemeinden, die Rückgabe oder Entschädigung für bereits enteignetes Kirchengut und die Möglichkeit des Erwerbs von neuem Eigentum.

„Kirche in Not" fordert die leichtere Zulassung ausländischer Priester für die Seelsorge der christlichen Gemeinden in der Türkei und angesichts der kleinen Zahl der kirchlichen Gemeinschaften eine internationale ökumenische Ausbildungsstätte in der Türkei, in der die einzelnen Kirchen für die theologische Ausrichtung ihrer Lehre verantwortlich sind.

Das weltweit tätige Hilfswerk verlangt auch mehr Einsatz der Christen Europas. Die christlichen Wurzeln Europas sind seit den Missionsreisen des heiligen Paulus auf dem Gebiet der heutigen Türkei gepflanzt worden. Das Christentum verdankt diesem Gebiet so viel, dass Papst Johannes Paul II. die Türkei ein „heiliges Land der Urkirche" nannte. Den dort immer noch lebenden Christen muss daher unsere Solidarität gelten. Dazu gehört auch die ehrliche Aufarbeitung der Vergangenheit und der Umstände, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Dezimierung der Christen in diesem Gebiet führten.