Die Umweltfrage heute

Das unzerreißbare Band zwischen Ethik und Leben, einer natürlichen und menschlichen Ökologie

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Von Valerio De Luca*

ROM, 14. Mai 2012 (ZENIT.org). – Die Umwelt ist alles, was uns umgibt: Sie ist der Ort, in den hinein der Mensch geboren wird und sie ist das Leben, das von Natur aus des Menschen „Haus“ ist. An der Schwelle zum dritten Jahrtausend haben sich jedoch die Rahmenbedingungen verändert.

Die außerordentlichen Errungenschaften der Technik, angefangen bei der Entdeckung des menschlichen Genoms über die Biotechnologien bis hin zur künstlichen Befruchtung zeigen, wie sehr die Technik zu unserer natürlichen Umgebung, der wir nicht entkommen können, geworden ist.

Die „Technik“ ist nicht mehr nur ein Einschluss innerhalb der „Natur“, sondern heute vielmehr die Stadt, deren Peripherie bis zu den Enden der Erde reicht, wobei eine eigene Welt mit bestimmten Charakteristiken geschaffen wurde, in der zu wohnen wir nicht vermeiden können. Denken wir nur an ein Thema großer Aktualität wie die Smart Cities, das auch Einzug in die Agenda unserer Regierung gehalten hat.

Tatsächlich leben wir in unserer Zeit in einer dermaßen vom Menschen veränderten Welt, dass wir ständig und überall auf Strukturen stoßen, die er produziert hat, sei es, wenn wir Apparate benutzen, die zum Alltagsleben gehören, sei es, dass wir eine Landschaft durchqueren, die vom Menschen verwandelt wurde, sodass wir nach einem Worte des Wissenschaftlers Heisenberg „in gewisser Weise stets und immer nur auf uns selbst treffen“.

Auf diese Weise ging der Traum von den neutralen Technowissenschaften zu Ende, die den Menschen lediglich Werkzeuge anboten und ihnen die Letztentscheidung über Art und Weise ihres Gebrauchs sowie über den moralischen Wert der beabsichtigten Ziele überließ.

„Scientia est potentia“, Wissen ist Macht, mahnte Francis Bacon in einer Welt, in der der Mensch noch die Herrschaft über die Mittel besaß. Heute aber, wo die Technik aufhört, Mittel zu sein und Zweck wird, nimmt diese Macht eine grenzenlose räumliche Dimension ein, denn alle Zwecke der Menschheit lassen sich nicht ohne die Vermittlung der Technik erreichen.

Deshalb ist es notwendig, die Technik mit einer starken ethischen Dimension der Achtung vor dem Leben zu kombinieren, denn die Fähigkeit des Menschen, nicht nur seine Umwelt, sondern die menschliche Natur selbst zu verändern, bringt für die Gesundheit der Völker, der Nationen und der zukünftigen Generationen Wechselwirkungen und Folgen großen Ausmaßes mit sich.

Das Thema des Lebens und von daher die anthropologische Frage bilden einen einzigen Fragenkomplex mit der Umweltfrage und mit jeder Reflexion über die Gesellschaft, ihr Wesen und ihre Ziele und sind auch eng mit den Aspekten der jeweiligen Regierungspolitik und der Suche nach dem Gemeinwohl verbunden.

Das Seminar, welches unter dem Titel „Wirtschaft, Umwelt und Mensch. Die Umweltfrage heute“ am 24. April an der Päpstlichen Lateranuniversität stattgefunden hat, hatte sich das Ziel gesetzt, den engen Zusammenhang zwischen Ethik und Leben, natürlicher und menschlicher Ökologie hervorzuheben: ein unzerreißbares Band, das Achtung vor dem Leben und echte, gesamtheitliche Persönlichkeitsentfaltung miteinander verbindet, wie der Heilige Vater in „Caritas in Veritate“ schreibt: „Wenn das Recht auf Leben und auf einen natürlichen Tod nicht respektiert wird, wenn Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt des Menschen auf künstlichem Weg erfolgen, wenn Embryonen für die Forschung geopfert werden, verschwindet schließlich der Begriff Humanökologie und mit ihm der Begriff der Umweltökologie aus dem allgemeinen Bewußtsein“ (Nr. 51).

Verantwortung für die Schöpfung zu tragen bedeutet nicht nur, die Natur im Sinne eines ökologischen Lebensraumes zu schützen, sondern auch, die grundlegenden Regeln zwischenmenschlicher Beziehungen zu verteidigen, die auf der Zentralität der menschlichen Person und ihrer Wechselbeziehungen mit der Natur fußen.

Nur im Lichte einer Humanökologie versteht man, dass „unsere Pflichten gegenüber der Umwelt sich mit den Pflichten, die wir gegenüber dem Menschen an sich und in Beziehung zu den anderen haben“ verbinden (CV Nr. 51).

Wir alle haben die Pflicht, langfristige und generationenübergreifende Verantwortungen zu übernehmen, indem wir die ethischen Auswirkungen jeder politischen, wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Entscheidung abwägen und die sozial vertretbaren Risiken erkennen. Daher ist es nicht mehr möglich, Ethik, Wirtschaft und Umwelt voneinander zu trennen, weil dies den Blick für die wirtschaftliche, ökologische und soziale Nachhaltigkeit trüben würde.

Es besteht die Notwendigkeit eines Mentalitätswechsels für ein Bündnis zwischen Mensch und Natur, ohne welches die Menschheit auszusterben droht.

„Humanökologie ist eine dringende Notwendigkeit“, sagt der Heilige Vater. „In jeder Situation einen Lebensstil wählen, der die Natur achtet, und die Suche nach Energien fördern, die geeignet sind, das Erbe der Schöpfung zu bewahren und den Menschen nicht gefährden, muss das Ziel jeder politischen und wirtschaftlichen Handlung sein. Alle Regierungen müssen mitwirken, die Natur zu schützen und ihr zu helfen, ihre wichtige Rolle für das Fortbestehen der Menschheit zu erfüllen“

Mit zunehmendem Bewusstsein für das Problem des Klimawandels haben Regierungen, Investoren, Firmen und Finanzmanager angefangen, die Umwelt als potentielle Quelle „nachhaltigen“ Reichtums anzusehen, weil sie das Vertrauen ihrer Stakeholder (Kunden, Lieferanten, Investoren, Gesellschaft) nicht verlieren wollen, und daher daran interessiert sind, so verschiedene Ziele wie wirtschaftliches Wachstum, Effizienz und Nachhaltigkeit für Gesellschaft und Umwelt miteinander zu vereinen.

Das bedeutet, dass wir in den kommenden Jahren erleben werden, wie sich umweltverträgliche Technologien durchsetzen werden, die zusammen mit neuen Wirtschaftsstrategien und passenden Infrastrukturprogrammen neue Investoren anziehen und das Realwachstum der Wirtschaft ankurbeln werden.

Nur, indem man die neuen, „sauberen“ Technologien mit einem neuem Humanismus beseelt, können die Bedingungen geschaffen werden, um eine gesunde Wirtschaft auf dem Gebiet der Infrastrukturen entstehen zu lassen, was dringend nötig ist, um eine Antwort auf die sozialen Probleme des Wachstums, des Arbeitsmarkts und der Erziehung zu finden.

Auf dieser soliden Grundlage wird man der Wirtschaft ein menschlicheres Gesicht geben können, sodass sie mehr Achtung vor den Schwachen und Notleidenden haben und die Fähigkeit besitzen wird, langfristiges Wachstum mit Nachhaltigkeit, Innovation mit Solidarität, Effizienz mit Gerechtigkeit zu verbinden.

Vor diesem weltgeschichtlichen Hintergrund kommt die Notwendigkeit auf, alle zusammen unser Bild von der „Stadt des Menschen“ in ihrer komplexen und konkreten politischen, sozialen und wirtschaftlichen Wirklichkeit zu revidieren.

Erst wenn die „neuen Menschen“ der guten Finanz und der guten Politik Seite an Seite das Ziel des Allgemeinwohls anstreben werden, wird eine echte, tiefe kulturelle Erneuerung unseres Landes stattfinden und eine Gesellschaft entstehen, die man wirklich „menschlich“ nennen darf.

Das ist die große Herausforderung, die auf die Menschen guten Willens wartet!

*Vorsitzender der Internationalen Akademie für Wirtschaftliche und Soziale Entwicklung, Direktor des Lehrgangs für Höhere Ethische Bildung, Finanz und Entwicklung an der Päpstlichen Lateranuniversität, Dozent für Business Ethics und Corporate Governance an der Wirtschaftsfakultät der Universität Tor Vergata.

[Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]