Die unverzichtbare Rolle der religiösen Werte in der öffentlichen Arena

Von Pater John Flynn

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ROM, 31. August 2007 (ZENIT.org).- Die Berührungspunkte zwischen Religion und Politik liefern nach wie vor reichlich Diskussionsstoff. Der strittigen Themen gibt es viele: Auf den Gebieten der Bioethik, der Familienpolitik oder der sozialen Gerechtigkeit. Während manche die Religion aus der Politik ganz eliminieren wollen, vertritt der Autor eines im vergangenen Jahr veröffentlichten Buches die Auffassung, dass eine pluralistische demokratische Gesellschaft in der öffentlichen Debatte gerade des Glaubens und der religiösen Argumente bedürfe.



Brendan Sweetman erläutert seinen Standpunkt in „Why Politics Needs Religion: The Place of Religious Arguments in the Public Square“ (InterVarsity Press). („Warum die Politik die Religion braucht: Die Rolle religiöser Argumente in der öffentlichen Arena“). Sweetman, Philosophieprofessor an der Rockhurst University in Kansas City (Missouri, USA) ist davon überzeugt, dass sich Versuche, die die Religion aus der Politik entfernen, auf ein falsches Verständnis des modernen Pluralismus gründen.

Er beginnt mit einer Erläuterung seines Verständnisses von „worldviews“ („Weltanschauungen“), die unserer Vorstellung von der Wirklichkeit, vom Wesen der menschlichen Person und von den moralischen und politischen Werten zu Grunde liegen. Im breiten Spektrum dieser Weltanschauungen gebe es einige, die rein säkular seien, während andere wiederum auf religiösem Glauben gründeten.

Befürworter des Säkularismus möchten diejenigen Weltanschauungen beseitigen, die auf der Religion beruhen, weil sie sich angeblich auf unzuverlässige oder irrationale Quellen stützten. In einer pluralistischen Gesellschaft, nach Ansicht der Anhänger des Säkularismus, sei es nicht tragbar, religiöse Argumente ins Spiel zu bringen. Dies würde nämlich bedeuten, Elemente einer Religion anderen aufzuzwingen, die diese Glaubensinhalte nicht teilen.

Die Rolle der Vernunft

Das kontert der Autor sogleich mit dem Hinweis auf einen Tatbestand, den die Säkularisten gerne übersehen: Die beträchtliche Rolle, die die Vernunft in der Religion spielt. Sweetman, der sich bereits am Anfang seines Buches zum katholischen Glauben bekennt, bringt das Beispiel der Enzyklika „Evangelium Vitae“ von Johannes Paul II., die eine ausführliche rationale Erklärung für die Verurteilung der Abtreibung enthält.

Sweetman wörtlich: „Der Säkularist macht es sich leicht und übersieht geflissentlich den Aspekt der Rationalität des religiösen Glaubens, leugnet in oberflächlicher Betrachtungsweise, dass der Glaube rational sein kann, oder versäumt es, die Rationalität des religiösen Glaubens mit der Rationalität säkularer Anschauungen zu vergleichen.“

Es sei Zeit, so Sweetman, dass wir uns von dem Standpunkt verabschieden, die Religion sei irgendwie ein Synonym für das Irrationale. Er ist sich sicher, dass sich die religiöse Sichtweise der Welt im Allgemeinen nicht vor eingehender rationaler Überprüfung zu fürchten braucht.

Auch sieht er in der Religion keinerlei Gefahr für die Demokratie. Im Gegenteil könne sie einen wertvollen Beitrag zu den Debatten beisteuern. Denn eine Gesellschaft sollte, um wirklich demokratisch zu sein, die Weltanschauungen ihrer Mitglieder berücksichtigen und diesen gestatten, an den öffentlichen Diskussionen teilzunehmen.

Die Religion könne auch einen wertvollen Beitrag zu den Auseinandersetzungen über Menschenrechte, politische Werte und unsere Vorstellung von der menschlichen Person leisten.

Er räumt ein, dass die Religionen in ihrem konkreten Erscheinungsbild nicht immer den Überzeugungen, die sie verkünden, gerecht werden und dass es auch oft unter den Religionen Uneinigkeit über ethische, soziale und politische Themen gibt. Auch seien nicht alle Elemente der Religion geeignet, als Orientierung für die staatliche Politik zu dienen. Er behaupte auch nicht, dass alle religiösen Ansichten rational seien.

Die religiöse Weltanschauung habe jedoch durchaus einen wohlbegründeten Beitrag zu leisten und verdiene Gehör. In der Tat bedeute die Unterdrückung einer religiösen Weltsicht, ohne jegliche Möglichkeit deren Argumente öffentlich zu diskutieren, eine Verletzung demokratischer Prinzipien.

Dem Einwand, der unter anderem von Säkularisten erhoben werde, die Religion bringe Spaltung und Dogmatismus oder sogar Gewalt in die öffentliche Arena, hält Sweetman entgegen, dass für eine säkulare Weltanschauung dieselbe Gefahr bestehe. Das 20. Jahrhundert liefere eine Fülle von Beispielen für Exzesse, die im Namen säkularer Ideologien begangen wurden.

Katholiken, aktiv im öffentlichen Leben

In einer Broschüre, die im vergangenen Jahr von Basilica Press veröffentlicht wurde, gibt Bischof Thomas Olmsted von Phoenix (Arizona, USA) in Form von Fragen und Antworten eine Reihe von Empfehlungen über die Rolle der Religion in der Politik. In dieser Broschüre, die den Titel „Catholics in the Public Square“(Katholiken im öffentlichen Leben) trägt, empfiehlt der Bischof den Gläubigen, die Glaubensüberzeugungen anderer zu respektieren und jene zu achten, die keinen Glauben haben.

Gleichzeitig jedoch sollten „Katholiken sich nicht scheuen, an ihrer Identität festzuhalten und ihren Glauben ins öffentliche Leben umzusetzen.“

Die Kirche, so Bischof Olmsted weiter, wolle ihre Lehre anderen nicht aufdrängen. Sie sei jedoch berechtigterweise um das Gemeinwohl, die Förderung von Gerechtigkeit und das Wohlergehen der Gesellschaft besorgt.

Gläubige Menschen – und besonders Katholiken – würden jedoch, so Sweetman, leider diskriminiert, wenn sie ihre Ansichten in öffentlichen Debatten vertreten. Katholische Ansichten würden nicht nur verzerrt dargestellt, sondern es gebe auch eine ausgesprochene Feindseligkeit gegenüber gläubigen Menschen jeder Glaubensrichtung.

„Nichtsdestoweniger ist es unsere Pflicht, uns mit der uns umgebenden Kultur auseinanderzusetzen und nicht vor ihr davonzulaufen,“ schreibt Bischof Olmsted. Es sei das volle Recht gläubiger Menschen, wie das aller Menschen, ihre Ansichten und Überzeugungen in die Öffentlichkeit einzubringen.

Grundwerte

Ein weiterer Beitrag zu dem Thema ‚Rolle der Religion in der Politik’ kam in jüngster Vergangenheit von dem Washingtoner Erzbischof Donald Wuerl. Er sprach am 13. April beim National Catholic Prayer Breakfast (dem Nationalen Katholischen Gebetsfrühstück).

Der Erzbischof wies darauf hin, dass in den letzten Jahren in der öffentlichen Meinung die Unterstützung für die Rolle religiöser Grundwerte als Fundament von Gesetzen und der Rechtsordnung abnehme. Anstatt von Werten auszugehen, die vielen Glaubensrichtungen gemein sind, würden zunehmend Forderungen nach rein säkularen Rechtfertigungen für Regierungsentscheidungen laut.

Das stehe jedoch in eklatantem Widerspruch zu den maßgebenden Ansichten der Gründer Amerikas. Es gäbe ein allgemeines Prinzip amerikanischer Politik, verfechtete Bischof Wuerl: „Der Glauben an den verbindlichen Charakter des moralischen Gesetzes ist grundlegend für jegliches Verständnis amerikanischen Denkens“.

Mit diesem Denken stehe, so der Erzbischof weiter, das katholische Denken in Einklang. Er verwies darauf, dass der Katechismus der katholischen Kirche von der Wichtigkeit des natürlichen Sittengesetzes spreche, dessen „hervorragender Ausdruck“ [KKK 2070] die Zehn Gebote seien.

„Der religiöse Glaube spielte und spielt eine wichtige Rolle bei der Förderung von sozialer Gerechtigkeit, wenn er, zum Beispiel, jedes unschuldige Menschenleben verteidigt.“ Der Glaube helfe uns, unser Leben so zu sehen und Recht und Unrecht so zu beurteilen, wie es Gottes Weisheit entspreche.

Schizophrene Einstellung zum Leben

Den Versuch, Moral und Politik oder geistliche und menschliche Werte voneinander zu trennen, nannte er „eine schizophrene Einstellung zum Leben“, die sich auf den Menschen und die Gesellschaft nur verheerend auswirken könne.

„Das säkulare Modell taugt nicht zu einer der Wirklichkeit entsprechenden Bewertung des menschlichen Handelns. Es vermag nicht, zu einem Verständnis der menschlichen Natur als etwas, das Leben spendet, hinzuführen,“ erklärte er.

Die Warnung vor einer Trennung von sittlichen Werten und politischem Handeln kehrt auch oft bei Benedikt XVI. wieder. Erst kürzlich schaltete er sich in die Debatte über die Notwendigkeit religiöser und moralischer Werte in Politik und Gesellschaft ein, als er am 5. Juli zu einer Gruppe von Bischöfen aus der Dominikanischen Republik sprach, die sich zu ihrem alle fünf Jahre stattfindenden Besuch in Rom aufhielten.

Es sei die Aufgabe der Laien, direkt am Aufbau der weltlichen Ordnung mitzuarbeiten und mitzuwirken, so der Papst. Dabei müssten sie sich jedoch vom Licht des Evangeliums und der christlichen Liebe leiten lassen.

Den Christen, die im öffentlichen Leben aktiv seien, empfahl der Pontifex, ein öffentliches Zeugnis für ihren Glauben abzugeben und nicht zwei nebeneinander laufende Leben zu führen – ein geistliches und ein säkulares, das ganz in der Mitwirkung bei sozialen, politischen und kulturellen Aktivitäten aufgehe.

Sie sollten vielmehr, mahnte der Papst dringend, nach der Übereinstimmung ihres Lebens mit dem Glauben streben und so ein beredtes Zeugnis für die Wahrheit der christlichen Botschaft liefern. Eine Übereinstimmung, die viele im öffentlichen Leben engagierte Christen nur zu oft vermissen lassen.