Die Vaterschaft des Priesters

Erzbischof Maura Piacenza erklärt das Anliegen des Priesterjahres

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ROM, 22. August 2009 (ZENIT.org).- Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir eine vom Heiligen Stuhl angefertigte Übersetzung (vgl. www.annussacerdotalis.org) des Interviews, das Erzbischof Mauro Piacenza, Sektreär der Kongregation für den Klerus, am 22. Mai der Zeitschrift Famiglia Cristiana gewährte.

Piacenza erläuterte, warum Papst Benedikt XVI. das aktuelle Priesterjahr ausrufen wollte, und kam ausführlich auf die Vaterschaft des Priesters zu sprechen.

„Es wird also ein Jahr sein, in dem wir das Schöne am Priestertum und das Bedeutsame an der Berufung jedes einzelnen Geweihten wiederentdecken und das ganze heilige Gottesvolk hierfür sensibilisieren dürfen.“

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Warum wollte Benedikt XVI. ein Priesterjahr einberufen?

Erzbischof Piacenza:
Natürlich liegen dem Heiligen Vater das Leben, die Spiritualität, die Heiligung und die Sendung der Priester besonders am Herzen. Das Priesterjahr wurde während der Audienz angekündigt, welche den Mitgliedern der Kongregation für den Klerus anlässlich ihrer Vollversammlung gewährt wurde. Diese Vollversammlung fand zum Thema „Die missionarische Identität des Priesters in der Kirche; eine der Ausübung der tria munera innewohnende Dimension“ statt. In unserer heutigen Zeit ist es dringend erforderlich, sowohl die Priester als auch das Gottesvolk immer wieder daran zu erinnern, wie schön, wie bedeutend und wie unersetzlich – im Hinblick auf die Erlösung der Welt – der Dienst des geweihten Priestertums in der Kirche ist.

Ein der Vertiefung und Wiederentdeckung der eigentlichen Identität des katholischen Amtspriestertums gewidmetes Jahr, in dessen Verlauf man dem Gebet für die Priester und mit den Priestern mehr Zeit und Raum gibt, kann der gesamten Mission der Kirche nur gut tun, die gerade im geweihten Dienst eine ihrer wesentlichen Ausdrucksformen findet, zu der wir uns auch immer im sonntäglichen Credo bekennen: ihre apostolischer Charakter.

Die christlichen Familien sind Zielgruppe und auch Thema unserer Zeitschrift. Welche Beziehung sollte zwischen Familien und Priestern bestehen? Wie sollten sie ihnen ihre Liebe erweisen, auf welche Weise ihnen nahe stehen?

Jeder Priester „wird aus den Menschen ausgewählt und für die Menschen zum Dienst vor Gott eingesetzt" (vgl. Hebr. 5,1). Er stammt also selbst aus einer Familie, hat eine eigene Kindheit und eine Erfahrung vom jenem Zusammenleben gehabt, wie es innerhalb einer Familie üblich ist.

Jeder Priester hat tiefe Hochachtung vor der Familie, denn in ihr geht der Mensch seiner allgemeinen und natürlichen Berufung zum Gemeinschaftsleben nach und entspricht dieser, indem er bei der Weitergabe physischen Lebens zum Mitarbeiter Gottes wird. Gleichzeitig ist an ihn jedoch eine höhere, übernatürliche Berufung ergangen, jene zur vollkommenen Keuschheit um des Himmelreiches willen, um so auf die wirksamste Art und Weise Zeugnis vom Glauben an unseren Herrn Jesus Christus und von seinem Sieg abzulegen.

Von den Familien wünschen wir, dass sie die Aufgabe der Vaterschaft, die der Herr durch die Kirche den Priestern erteilt, anerkennen und achten, da Letztere vor allem „Väter“ jener „Großfamilie“ sind, die wir Pfarrei nennen. Familien können den Priester begleiten, indem sie ihn respektieren, sich ihm gegenüber diskret verhalten, aufmerksam und entgegenkommend sind, sich bei der Erfüllung der verschiedenen Aufgaben in einer angemessenen, jedoch niemals übertriebenen Vertrautheit gelehrig verhalten, ihn im Gebet unterstützen und ihn spüren lassen, was er ist: ein Vater im Glauben!

Was können die Familien tun um Priesterberufungen zu fördern? Was die Schulen?


Berufungen kommen von Gott! In ihrer Eigenschaft als erstes erzieherisches Umfeld können Familien die Bereitschaft zur Annahme der göttlichen Berufung fördern, können aber ebenso – Gott bewahre – die Voraussetzungen dafür schaffen, dass dieser nicht entsprochen wird. Die Aufgabe der Familie im Hinblick auf die Erziehung zum Glauben ist sicherlich grundlegend und unersetzlich: im Schoß der Familie lernt man eben gerade jene „Vertrautheit“ mit Gott und mit den “Dingen Gottes”, die für gläubige Katholiken typisch ist. In der Familie lernt man die ersten Gebete, man lernt, Gutes zu tun, die Gebote zu achten und hierbei dem Nächsten mit Respekt und aufnahmebereiter Offenheit zu begegnen. Man erwirbt ein Gespür für das Heilige und für heilige innere Regungen, das Gespür für den Tag des Herrn und das wöchentliche Ruhen. Die christliche Familie ist ein echtes Obergemach, in dem gebetet wird, und gerade in diesem Klima können die zukünftigen Priester die Stimme des Herrn noch deutlicher vernehmen.

Die Schule sollte wenigstens der Entwicklung eines Gespürs für Gott Raum geben und hierbei einer Auffassung Vorschub leisten, die im guten Sinn laikal und nicht mit Vorurteilen behaftet ist, sondern offen und intelligent das aufnimmt, was sich immerhin als eine allgemein anerkannte anthropologische Tatsache darstellt, nämlich dass jeder Mensch religiös veranlagt ist und somit auch die gesamte Gesellschaft. Katholische Schulen, zu denen die Kinder christlicher Eltern freien Zugang haben sollten, ohne hierbei allzu viele Belastungen in Kauf nehmen zu müssen, sollten Orte wirklich christlichen Lebens sein. Man sollte dort freudig und getreu vom Herrn Zeugnis ablegen, in Heiterkeit und Nächstenliebe, in der Ernsthaftigkeit eines vernunftgemäßen erzieherischen Ansatzes und Glaubens, denn die jungen Menschen, deren Geist sich der Wirklichkeit gegenüber öffnet, haben ein Anrecht darauf, gläubigen und somit glaubwürdigen Zeugen zu begegnen.

Welch einen „Typus“ von Priester stellt der Papst im Rahmen der Feier dieses Priesterjahres dem heutigen Menschen vor?

Den schon immer Gültigen! Jenen Typus, den die Kirche und die wahre Lehre stets vorgegeben haben und der in der Evangeliumsgestalt des „Guten Hirten“ seinen wunderbarsten Ausdruck findet. Sicher, unsere Zeit, in der Gegensätze wie ein säkularisierter und relativistisch eingestellter Westen anderen Teilen der Welt gegenübersteht, in denen der Sinn für Heiligkeit noch sehr spürbar vorhanden ist, macht teilweise Prüfungen durch, die sich auch auf das geweihte Priestertum auswirken, was unvermeidbar ist. Auch mit Hilfe des Priesterjahres wird man dies korrigierend angehen müssen. Ich denke beispielsweise an die Versuchung des Aktivismus, der sich nicht wenige Priester ausgesetzt sehen. Manchmal mögen sie uns in ihrer Hingabe heldenhaft erscheinen, doch nicht selten bringen sie ihre eigene Berufung und die tiefere Wirksamkeit des Apostolats in Gefahr, wenn sie nicht beständig in jener lebendigen Beziehung zu Christus leben, die in der Stille, im Gebet, in der Lectio Divina und vor allem in der Anbetung der Eucharistie genährt wird. Der Heilige Vater selbst hat die Priester daran erinnert dass: „....niemand sich selbst verkündigt oder in die Welt trägt, sondern im eigenen Menschsein und durch das eigene Menschsein muss jeder Priester sich bewusst sein, dass er einen anderen, Gott selbst, in die Welt trägt. Gott ist der einzige Reichtum, den die Menschen letztendlich in einem Priester finden wollen.“ (Benedikt XVI. Ansprache 16.03.09).

Worin besteht die Vaterschaft eines Priesters?

Sie entspricht genau jener Vaterschaft Gottes, die durch das glorreiche Antlitz Christi und seinen mystischen Leib, die Kirche, in der Welt anwesend ist und in dieser wirkt. Die Kirche ist eine “Lebensgemeinschaft” von Männern und Frauen, deren Leben sich durch die Begegnung mit dem Herrn verändert hat, die berufen sind, sich durch Taufe und moralische Integrität zu heiligen und denen der Herr selbst im einen Leib der Kirche unterschiedliche Aufgaben zugewiesen hat. Den Priestern ist sowohl auf sakramentaler als auch auf institutioneller Ebene die Aufgabe der Vaterschaft übertragen, welche sie durch die tria munera ausüben, das heißt, als Väter und Hirten haben sie die Aufgabe, den katholischen Glauben zu lehren, sowie durch die Feier der Sakramente den Heiligungsdienst zu leisten, indem sie vor allem die heilige Messe feiern und das Bußsakrament spenden. Schließlich haben sie die Herde Gottes zu leiten, das heißt sie „auf Weideland“ zu führen, „wo ewiges Leben gedeiht“.

In einer Zeit, in der das „Bedürfnis nach einer Vaterfigur“ wiederentdeckt wird, also Erzieher vonnöten sind, Führungskräfte, die die Fähigkeit besitzen verständnis- und liebevoll, jedoch auch auf maßgebliche Weise den Weg zu weisen, bietet sich den Priestern in diesem Sinne eine neue große Chance an. Die priesterliche Vaterschaft kommt auch in der geistigen Vaterschaft vieler Beichtväter zum Ausdruck, wenn diese in Stille und Treue die Menschen die Stimme ihres Gewissens wahrzunehmen lehren, indem sie sie unterscheiden lehren, was dem authentischen Willen Gottes für den Einzelnen entspricht und was nicht.

Besteht in unserer heutigen westlichen Gesellschaft eine Verbindung zwischen der Berufungskrise und der Vaterschaftskrise?

Heute, wie eh und je, ist der Priester dazu berufen, Zeuge des Absoluten zu sein! Heute erregt man wahren Widerspruch nicht durch die Suche nach oberflächlicher Originalität, wie dies in den vergangenen Jahrzehnten vielleicht der Fall gewesen sein mag, was dann ja auch zur Weckung eines „kurzfristigen und flüchtigen“ Interesses geführt hat. Die Priester vermögen nur in dem Maße, in dem sie heilig werden, wahres „Zeichen“ zu sein, „dem widersprochen wird“! Werfen wir einen Blick auf den hl. Johannes Maria Vianney, den hl. Don Bosco, den hl. Maximilan Maria Kolbe, den hl. Pius von Pietrelcina.... Alle sind sie Priester, alle vollkommen verschieden voneinander, sowohl im Hinblick auf ihre menschliche Persönlichkeit als auch auf ihre individuelle Lebensgeschichte. Doch alle verbindet sie auf außerordentliche Weise ihre Liebe zu Christus, der Wunsch, vom Herrn Zeugnis abzulegen und die Tatsache, in wahrlich prophetischer Weise selbst “Zeichen des Widerspruchs“ geworden zu sein! Wenn man jedoch schweigt und nicht von Christus spricht, wenn man den Dienst verflacht, wenn man meint, nur im Innerweltlichen das wahre Heil zu finden, dann erreicht man das Ziel, die Heiligkeit, nicht.

Eine Gesellschaft, die die „Väter” hauptsächlich mit der „68er-Revolution” hat ausmerzen wollen, ist nicht freier oder erwachsener, sondern ganz einfach zum „Waisenkind“ geworden. Es wird ein langer Weg sein, doch die Wiederentdeckung des unersetzlichen, da von der Natur vorgegebenen Wertes der Vaterschaft hat bereits begonnen, und mit ihr entsteht auch Raum für das Bewusstsein, dass wir der religiösen und sakramentalen Vaterschaft des Priesters bedürfen.

Die Initiative bezüglich der geistigen Mutterschaft, die vergangenes Jahr von Ihrer Kongregation „lanciert“ wurde, bezieht sich auch auf christliche Mütter oder nur auf geweihte Damen?


Das Thema der geistigen Mutterschaft ist von großer Bedeutung, da es den absoluten Primat des Gebets und der Gemeinschaft der Heiligen im Leben der Kirche zur Sprache bringt. Die Kirche ist nicht in erster Linie eine „Organisation“! Sie wohnt vielmehr in den Herzen der Gläubigen, im stillen Gebet vieler Leidender, in der fruchtbaren Arbeitsamkeit vieler Christen, die in allen Schichten der Gesellschaft dazu beitragen, das Reich Gottes in der Welt auszubreiten.

Die geistige Mutterschaft gilt also sehr wohl allen Frauen, die ihr Gebet und ihre Opfer der Heiligung der Priester weihen möchten, mit einem besonderen Auge jedoch auf die unterschiedlichen Berufungsformen: eine Mutter, die bereits leibliche Mutter ist, sollte auch bis ins Letzte Mutter sein, ihre Kinder erziehen, sich um ihren Mann kümmern und ihren geistigen und emotionalen Schwerpunkt in Gott und in der eigenen Familie finden!

Eine gottgeweihte Seele wird offensichtlich dem Gebet und der Kontemplation mehr Zeit widmen können und ihre „geistige Mutterschaft“ gegenüber einem Priester dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie sich für die Heiligung dessen aufopfert, der sich seinerseits durch die Erfüllung des Dienstamtes Gott weiht.

Welche Früchte kann man sich vom Priesterjahr für die Kirche erhoffen?

Jene, die Gott will! Das Priesterjahr bietet uns sicherlich Gelegenheit, um noch einmal und immer wieder mit dankbarem Staunen das Werk des Herrn zu betrachten, der „in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde“ (1 Kor 11,23), das Priesteramt eingesetzt und es untrennbar mit der Eucharistie, dem Höhepunkt und der Quelle des Lebens der gesamten Kirche, verbunden hat.

Es wird also ein Jahr sein, in dem wir das Schöne am Priestertum und das Bedeutsame an der Berufung jedes einzelnen Geweihten wiederentdecken und das ganze heilige Gottesvolk hierfür sensibilisieren dürfen: die geweihten Männer und Frauen, die christlichen Familien und vor allem die jungen Menschen, die den großen, mit authentischer Liebe und beständiger Treue gelebten Idealen gegenüber so empfindsam sind. Im Laufe seiner Ansprache vom 16. März sagte der Heilige Vater zu den Mitgliedern der Kongregation für den Klerus, die sich zur Vollversammlung zusammengefunden hatten: „Als dringend notwendig erweist sich auch die Wiedererlangung eines Bewusstseins, das die Priester anspornt, präsent, identifizierbar und erkennbar zu sein – sowohl im Glaubensurteil als auch in den persönlichen Tugenden als auch in der Kleidung – im kulturellen und im karitativen Bereich, die seit jeher das Herzstück der Sendung der Kirche darstellen.“ Im Priesterjahr wollen wir auch diese Früchte sichtbarer Anwesenheit stärken und vom Heiligen Geist erflehen!

[Vom Heiligen Stuhl veröffentlichte Übersetzung des italienischen Originals]