Die Versuchung überwinden "wegzublicken"

Papstaudienz für die Teilnehmer an der 38. Session der FAO

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Luca Marcolivio | 445 klicks

Während der gestern Vormittag in der Sala Clementina des Apostolischen Palastes des Vatikans stattfindenden Audienz für die Delegierten der vom 15. bis zum 22. Juni 2013 in Rom tagenden 38. Arbeitsgruppe der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO; „Food and Agriculture Organization of the United Nations“) wies Papst Franziskus auf die vielen möglichen Lösungen der Wirtschafts- und Ernährungskrise hin, die „sich nicht auf eine Produktionserhöhung“ beschränkten.

Die Tatsache, dass nach wie vor Millionen von Menschen an Hunger leiden, ist für den Papst schlichtweg ein Skandal. Es sei daher nötig, für mehr Gleichheit und mehr Gerechtigkeit zu sorgen, sodass „alle Menschen in den Genuss der Früchte der Erde kommen.“

Für das Gelingen des Einsatzes für die Armen und Hungernden in dieser Welt reichten Papst Franziskus zufolge „nur der gute Wille“ oder, schlimmer noch, „Versprechen“, die allzu oft nicht eingehalten würden, nicht aus. Genauso wenig könne die gegenwärtige Krise als „Alibi“ für Untätigkeit herangezogen werden. Es gebe keinen Ausweg, wenn „die Lebensbedingungen nicht aus der Perspektive des Menschen und seiner Würde betrachtet werden.“

Im gegenwärtigen internationalen Kontext könnten der Mensch und seine Würde nicht auf „einfache Bezüge“ reduziert werden, sondern müssten „Stützpfeiler gemeinsamer Regeln und Strukturen werden, die durch die Überwindung von Pragmatismus oder der rein technischen Daten Spaltungen beseitigen und bestehende Unterschiede überbrücken können.“

Es gelte, „kurzsichtigen ökonomischen Interessen und einer Mentalität der Macht einiger weniger“ entgegenzuwirken, da diese „eine spaltende Wirkung auf Gesellschaften“ ausübten, so der Papst. Ebenso sei eine Bekämpfung der Korruption erforderlich, die „einigen Privilegien verschafft und zu Ungerechtigkeiten für viele“ führe.

Die Wirtschaftskrise sei zweifellos mit „finanziellen und wirtschaftlichen Faktoren” verbunden, aber „aus einer Krise der Überzeugungen und Werte hervorgegangen, besonders jener, die das Fundament des internationalen Lebens bilden.” Unter diesen Voraussetzungen sei ein „bewusstes und ernsthaftes Werk des Wiederaufbaues“ vonnöten, an dem auch die FAO mitwirken solle.

In diesem Sinne sei die begonnene Reform zur Gewährleistung einer funktionsfähigeren, transparenteren und gerechteren Führung ein positiver Faktor. Ebenso wichtig ist dem Heiligen Vater zufolge jedoch die Erlangung einer eingehenderen Kenntnis der Verantwortung eines jeden einzelnen, wobei das eigene Schicksal als mit jenem der anderen Menschen verbunden zu betrachten sei.

Exemplarisch sei in diesem Zusammenhang das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (vgl. Lk 10,25-37), der seinem Nächsten nicht „aus Philantropie oder aufgrund der ihm selbst reichlich zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel“ hilft, sondern um „sein Schicksal zu teilen.“ So verspricht er dem Verletzten, nachdem er ihm Geld gegeben hat, „wiederzukommen, um sich nach seinem Wohlbefinden zu erkundigen.“

Papst Franziskus wandte sich an die FAO, deren Mitgliedsstaaten und sämtliche Institutionen der internationalen Gemeinschaft mit der Bitte um „eine Öffnung des Herzens“, d.h., um eine Überwindung der Versuchung, „wegzublicken“, und um Ansporn zur „Aufmerksamkeit für die unmittelbaren Nöte; im Vertrauen, dass die im Hier und Jetzt gesetzten Handlungen in der Zukunft zu Früchten heranreifen.“

An späterer Stelle nannte der Papst als eine der Hauptfolgen der schweren Ernährungskrisen „die Entwurzelung von Menschen, Familien und Gemeinschaften aus ihrer Umgebung.“ Dabei handle es sich um eine „schmerzhafte Loslösung“, die nicht nur das „Heimatland“ betreffe, sondern sich „auf den existenziellen und geistlichen Bereich“ ausdehne und eine Bedrohung für die wenigen Sicherheiten im Leben darstelle.

In diesem „bereits global gewordenen“ Prozess hätten die internationalen Beziehungen die Aufgabe, „die Bezüge zu den ethischen Leitprinzipien wieder herzustellen, um so zu jenem authentischen Geist der Solidarität zurückzukehren, der alle Formen der Kooperation Wirksamkeit verleiht.“

Der Heilige Vater betonte, dass diese Überlegungen zum Entschluss geführt hätten, „das kommende Jahr der ländlichen Familie zu widmen.“ So sei die Familie „der wichtigste Ort des Wachstums für jeden einzelnen“, in dem der Mensch „sich für das Leben und für das natürliche Bedürfnis öffnet, mit anderen Menschen in Beziehung zu treten.“

Die familiären Bindungen stellten im Übrigen „eine wesentliche Voraussetzung für die Stabilität der sozialen Beziehungen, für die Rolle der Bildung und für eine ganzheitliche Entwicklung“ dar, da sie „von Liebe, verantwortungsvoller Solidarität zwischen den Generationen und gegenseitigem Vertrauen“ beseelt seien.

In eine Förderung einer „Kultur der Begegnung und der Solidarität“ müsse daher auch eine Organisation wie die FAO eingebunden sein. Ebenfalls sollten die Mitgliedsstaaten „über eine vollkommene Kenntnis der Situationen, entsprechenden Wissensvoraussetzungen und Ideen verfügen, die fähig sind, jeden Menschen und jede Gemeinschaft mit einzubeziehen.“

Nur so könne eine Verbindung zwischen den Hoffnungen auf Gerechtigkeit von Milliarden von Menschen und den konkreten Situationen des wirklichen Lebens geschaffen werden, resümierte der Papst.