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Künstler Fabio Nones erklärt, wie Ikonen zum Gebet hinführen

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ROM, 11. März 2009 (ZENIT.org).- Die Kunst der Ikonenmalerei erlernen heißt die Kunst des Betens lernen, die zur Gemeinschaft mit Gott führt. Das betont Ikonograph Fabio Nones, Doktor der Theologie und Leiter des Zentrums für Ikonographie in Trient, Italien, der vor kurzem einen Ikonographie-Kurs für Fortgeschrittene in Rom angeboten hat.

Nones erläuterte gegenüber ZENIT, dass zwischen einem „Künstler" und einem Ikonenmaler ein großer Unterschied bestehe. „Ein Künstler, der ein Kunstwerk schafft, ist darauf bedacht, seine Empfindungen, seine Sicht der Welt mitzuteilen", erklärte er. „Der Maler von Ikonen indessen wird ‚Ikonograph‘ genannt, und seine Berufung zielt darauf ab, nicht so sehr das, was er fühlt, seine Empfindungen, durch die Farben zum Ausdruck zu bringen, sondern den Glauben der Kirche, der christlichen Gemeinschaft, den er in sich trägt."

Ikonen laden nach Worten des Experten zum Gebet ein, und „Gebet ist Gemeinschaft mit Gott". Beten sei nicht nur „ein Rezitieren von Formeln", sondern bedeute vielmehr, „in Verbindung mit Gottes Gegenwart zu leben". In diesem Sinn bete er beim Malen einer Ikone darum, „eine sehr intensive Gemeinschaft mit Gott zu haben".

Ikonen seien nicht nur für Experten da, versicherte der Künstler, sondern für alle, gerade weil „die Kunst heute auf spiritueller Ebene sehr verarmt ist und die Menschen stärker die heilige als die religiöse Kunst suchen, um zu Gott zu gelangen." Die Ikone sei ein besonders starkes Vehikel, um in die Gottesgemeinschaft einzutreten.

Jeder könne sich zumindest mit den einfachsten Techniken der Ikonographie vertraut machen, sagte der Fachmann. „Später werden sich zweifellos diejenigen, die erkennen, dass sie dazu berufen sind, echte Ikonographen zu werden, nach und nach herauskristallisieren. Viele andere machen dann nicht mehr weiter."

Durch die Ikonenmalerei entdecke man die Grundlage des Glaubens. Und wenn das geschehen sei, erlange diese Tätigkeit nicht mehr so sehr von einem rein künstlerischen, sondern vor allem von einem spirituellen Gesichtspunkt aus besondere Bedeutung, so der Ikonograph. Ikonen „nützten" nicht nur denen, die sie schaffen, sondern auch denen, die sie betrachten.

„Das ist etwas sehr Schönes, weil es im Christentum Gott ist, der sich aufmacht, um dem Menschen zu begegnen; weil er Mensch wird und ein menschliches Antlitz annimmt - und weil wir ihn aufgrund dieser Tatsache malen können. Nicht wir erfinden ein Gesicht, das Gott darstellen soll, sondern wir reproduzieren es vielmehr; wir nützen eine Gelegenheit, die Gott selbst uns dadurch gibt, dass er ein menschliches Antlitz angenommen hat."

Gott komme aus seiner Verborgenheit heraus, „er tritt hervor, um uns zu begegnen, und die Ikone bringt dies zum Ausdruck: Gott findet uns. Er betrachtet uns intensiver, als wir ihn betrachten, und natürlich bleiben diese Blicke danach fest aneinander haften."

Ikonen versuchten aber nicht, die Natur an sich zu reproduzieren. Vielmehr folgten sie einer bestimmten Logik von Farben und Elementen, die den Betrachter in die Lage versetze, mehr zu sehen als das rein Sichtbare. So sei zum Beispiel der Hintergrund einer Ikone golden, „weil dies die Herrlichkeit Gottes zum Ausdruck bringt. Der Hintergrund kann unvermischt golden sein oder auch rot, um auszudrücken, dass die Ikone außerhalb der Zeit ist. Sie kennt keine Szenerie und keine optische Illusion einer perspektivischen Landschaft, sie ist unirdisch."

Der Hintergrund bei der Ikonenmalerei ist laut Nones ein Hinweis dafür, „dass die Ikone einen Blick auf die göttliche Welt bieten will, auf die Welt, die von oben her wahrnehmbar ist. Sie bildet keine irdischen Formen nach. Sie will die Natur nicht so darstellen, wie sie ist, sondern ihr Ziel ist es, sie als im Licht Gottes verwandelt zu sehen."



Von Claudia Soberón Bullé Goyri; Übersetzung von Gerhard Gutberlet