"... die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren"

Impuls zum 30. Sonntag im Jahreskreis

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 511 klicks

„… die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren“ (Lk 18,9), so beginnt das heutige Sonntagsevangelium.

Menschen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt sind, entrüsten sich gerne, ähnlich wie der Pharisäer im Evangelium, über das Fehlverhalten anderer Personen. Ein großer Teil der Medienberichterstattung lebt von diesem Bedürfnis.

Entrüstung setzt bestimmte moralische Grundregeln voraus, die auch in unserer Zeit noch existieren, die aber teilweise verschoben oder sogar verzerrt sind. Menschen schlecht behandeln oder gar töten, wird allgemein abgelehnt. Beim Töten von Ungeborenen sehen viele das allerdings schon anders.

Dann gibt es die wirklich heilige Kuh, die sich der größten Wertschätzung erfreut: das Geld. Bei Verstößen gegen diesen hohen Wert kennt man im allgemeinen kein Pardon. So auch im Falle Limburg.

In der Sexualmoral dagegen wird so gut wie alles akzeptiert. Lange vorbei sind die Zeiten, da man gegen Ehebruch etwas hatte. Heute ist das ein ‘Seitensprung’ und nicht der Rede wert (im Gegensatz zur früheren Spielart der Heuchelei, wo man sich über den Ehebruch einer öffentlichen Person entrüstete, auch wenn man selbst…).

Zu den moralischen Grundregeln gehört eine entsprechende Autorität, die im Zweifelsfall sagt, was moralisch gut oder schlecht, in Ordnung oder inakzeptabel, ist.

Das was an den Ereignissen um den Bischof von Limburg am meisten schockiert, ist die Tatsache, dass die meisten Menschen sich in ihrer Beurteilung der Situation einer neuen Autorität zugewendet haben, der sie sich blindlings anvertrauen.

Einst war die moralische Autorität die Kirche und ihre Lehre, die im wesentlichen von Gott und nicht von Menschen war. Was die Kirche sagte, galt den meisten Menschen hierzulande als verbindlich.

Es ist schon ein paar Jahrzehnte her, dass diese Autorität der Kirche weggenommen und einem anderen anvertraut wurde, nämlich dem Staat. Spätestens bei den Nationalsozialisten war die Autorität des Staates verbindlich, und was er anordnete war eo ipso moralisch abgesichert. Die Kirche war abgemeldet und hat nach dem Krieg ihre frühere Rolle auch nicht wieder erlangt.

Woher der Staat seine moralischen Grundregeln nahm? Aus der Tradition und der aktuellen staatlichen Gesetzgebung. Problematisch wurde es dadurch, dass man sich vom Naturrecht verabschiedete und an seine Stelle das positive Recht setzte. Das heißt, verbindlich wurden die jeweils geltenden staatlichen Gesetze. So waren im Dritten Reich Experimente mit Menschen und massenweise Vernichtung von Menschenleben per Gesetz nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten. In der DDR galt der Schießbefehl an der Mauer als gerechtfertigt, und bei uns haben wir die Erlaubnis und womöglich – wenn es in Straßburg doch noch schief geht – das „Recht“ auf Abtreibung. Nach dem Motto: Wenn der Staat das sagt, wird es wohl richtig sein.

Aber trotz dieser moralischen Konzessionen ist in unserer Zeit auch die Autorität des Staates in Verfall geraten.

An seiner Stelle haben sich die Medien etabliert, „peu à peu“, im Laufe einiger Jahrzehnte. Was die Zeitungen und das Fernsehen, was Spiegel, Bild und Internet verkünden, wird mit erschreckender Kritiklosigkeit akzeptiert. Man staunt über die wirkliche Betroffenheit der auf der Straße befragten Bürger, die doch nur nachbeten, was ihnen die Medien vermittelt haben. Welche Schuld der Bischof auf sich geladen hat, ist nebensächlich (man durchschaut das Ganze sowieso nicht), entscheidend ist, dass viele kluge Leute, und zwar immer wieder, auf die Schuld des Bischofs hingewiesen haben. Dann muss er ja schuldig sein! Zumal es um Geld geht.

Dann aber sprach der Heilige Vater, und das Bild änderte sich schlagartig. Weit davon entfernt, der Autorität der Medien zu willfahren, hat Papst Franziskus Bischof Tebartz-van Elst in seinem Amt bestätigt, allerdings bis zum Ergebnis der Kommissionsuntersuchung eine begrenzte Auszeit angeordnet.

Jesus sagt uns heute: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk 18,14).

Viele gescheite Journalisten sind der Meinung, dass es nicht angemessen ist, dass die Medien sich eine moralische Autorität anmaßen. Ihre ethischen Grundregeln sind oft dürftig, meistens aber wechselhaft.

Die Menschen suchen geistige und moralische Werte, die dauerhaft und tragfähig sind. In zwei Jahrtausenden hat sich da der Felsen des hl. Petrus ziemlich gut bewährt. Wir sollten dahin zurückkehren!

Und zurückkehren zu Maria, auf deren Niedrigkeit der Herr gesehen hat. Sich von der moralischen Autorität der Mutter zu entfernen, heißt in die Irre gehen.

Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich).