Die Vorteile des deutschen Universitätswesens nicht preisgeben

Ein Gespräch mit Richard Schenk OP, Präsident der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

| 839 klicks

Von Regina Einig

WÜRZBURG, 4. Oktober 2011 (ZENIT.org/Tagespost). - Der neue Präsident der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU), der amerikanische Dominikaner Pater Richard Schenk, hat am Dienstag seine Arbeit offiziell aufgenommen. Die fünfjährige Amtszeit des 60-jährigen Theologen begann am 1. Oktober. Schenk wurde im Mai vom Hochschulrat zum Nachfolger von Andreas Lob-Hüdepohl gewählt, der die KU zwei Jahre als Interimspräsident leitete. Schenk stammt aus der Nähe von Los Angeles, promovierte beim inzwischen verstorbenen Münchner Dogmatiker Kardinal Leo Scheffczyk und lehrte zuletzt im kalifornischen Berkeley an einer von mehreren Konfessionen getragenen theologischen Gesamthochschule. Er ist ein Spezialist für Ökumene und den interreligiösen Dialog. Von 1991 an war der Dominikaner Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie in Hannover, das von der Diözese Hildesheim getragen wird. Schenk ist Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste.

Herr Pater Schenk, mit welchen Visionen für die katholische Hochschule treten Sie Ihre Amtszeit an?

Ich übernehme eine Hochschule, die sich bereits sehen lassen kann. Ich habe nicht vor, hier eine ganz neue Universität aufzubauen. Verbessern möchte ich Lehre und Forschung. Die katholische Universität ist eine Chance für die Kirche, um den Dialog zwischen Glaube und Wissenschaft zu fördern. Ich hoffe, dass wir die geistliche und materielle Unterstützung bekommen, um diese einmalige Chance auch zu nutzen.

Woran genau denken Sie?

Ich möchte sowohl in der Lehre als auch in der Forschung die philosophische Dimension der Universität verstärken. Wir haben zwar zwei gut besetzte Lehrstühle – einmal in der Theologie, einmal in der philosophischen Fakultät. Aber das ist immer noch recht wenig für das katholische Verständnis einer Universität. Ich möchte auch unsere Forschungsergebnisse verbinden und die Forschungsaktivitäten intern so miteinander vernetzen, dass wir sie international und auch bundesweit besser mit anderen Forschungsstellen voranzubringen – als Vernetzung nach innen und außen.

Wo liegt denn in Ihren Augen die Stärke der Katholischen Universität in Eichstätt?

Es ist die einzige katholische Universität im deutschsprachigen Raum und wir müssen zeigen, was diese katholische Tradition alles beitragen kann zu einem sehr profilierten Hochschulwesen.

Mit der Bologna-Reform sollen die deutschen Hochschulen etwas konkurrenzfähiger, vielleicht auch amerikanischer werden. Wo sehen Sie die Vor- und Nachteile?

Ja, so kann man die Bologna-Reform beschreiben, und es geht darum, das Beste herauszugreifen und die Gefahren, die damit verbunden sind, zu erkennen und möglichst zu vermeiden. Die Stärke liegt in der internationalen Vernetzung. Die Module erleichtern es den Studenten, im Ausland zu studieren. Zugleich aber herrscht ein hoher Zeitdruck. Die Gefahr ist Oberflächlichkeit und man nimmt auch die amerikanische Oberflächlichkeit in dem nichtgraduierten Bereich in Kauf. Die Herausforderung sehe ich darin, diese Reform durchzuführen, ohne den Vorteil der deutschen Universität preiszugeben – und das ist die Verbindung von Lehre und Forschung. Man muss versuchen, dass auch in den „Lehrjahren“ die Möglichkeit gegeben ist, von der besten Forschung etwas mitzubekommen und daran mitzuarbeiten.

Und wie könnte Bologna in Eichstätt noch besser greifen?

Indem die KU auch Studierenden, die für ein weniger verschultes Studium geeignet sind, noch Freiräume eröffnet.

Die KU hat weder eine medizinische Fakultät noch Biowissenschaften. Kann eine Katholische Universität in Zeiten lebhafter bioethischer Wertedebatten eigentlich dauerhaft ohne solche Fakultäten auskommen?

Wollte man die Liste noch erweitern, wäre auch die nicht vorhandene juristische Fakultät zu erwähnen. Man kann selbstverständlich auch ohne diese Fakultäten Gutes tun. Das zeigen die Päpstlichen Universitäten in Rom. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist, ob wir in den Bereichen Bioethik und Recht auch ohne medizinische und juristische Fakultät etwas gewinnen können. Ich denke ja. Ich habe schon einen bioethischen Lehrstuhl ins Gespräch gebracht, das wäre ein Ziel. Auch in den Bereichen des Wirtschaftsrechtes und der internationalen Menschenrechte können wir unsere Möglichkeiten ausbauen, ohne den vorhandenen Rahmen zu sprengen.

Sie haben in den Vereinigten Staaten Ihren Bachelor und Ihren Master gemacht und haben dann in Deutschland promoviert. Was macht in Ihren Augen den Charme des Forschungsstandortes Deutschland aus?

Mit Leo Scheffczyk hatte ich einen Bilderbuchprofessor der Humboldtschen Universitätsidee. Scheffczyk war Humboldts Idee der Universität übersetzt in die Theologie. Ich war sein letzter Assistent. Es blieb ein Arbeitsverhältnis über die Emeritierung des Professors hinaus. Ich konnte hautnah miterleben, wie es ist, wenn man als Assistent durch die Forschung des Professors selber etwas lernt. Diese Verbindung von Lehre und Forschung war die große Stärke der alten deutschen Universität.

Was hat er Ihnen in Ihrer Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit Blick auf die Theologie vermittelt?

Sehr beeindruckt haben mich seine methodischen Prinzipien. In seiner Theologie war das Thema Erfahrung sehr wichtig – so wie in den siebziger und achtziger Jahren prinzipiell. Leo Scheffczyk hat Wesentliches dazu beigetragen, auch aus der Sicht der Spannung zwischen Natur und Gnade beziehungsweise Struktur und Ereignis. Spannungseinheit war in diesem Zusammenhang ein Lieblingswort von Scheffczyk. Gadamer hat bekanntlich das Wort geprägt, dass die Erfahrung zu den dunkelsten Begriffen unserer Zeit überhaupt gehöre. Scheffczyk hat viel getan, um Licht in dieses Geheimnis zu bringen. Soviel zum Inhalt. Und was die Methode betrifft, so habe ich von Scheffczyk gelernt, Andersdenkende auch gelten zu lassen in ihrer Andersheit und nicht zu versuchen, jede andere Meinung für sich zu vereinnahmen. Er hat sich sehr von Johann Adam Möhler her verstanden. Auch dieses Zuhausesein im 19. Jahrhundert war etwas, was ich erst beim ihm gelernt habe.

Betrachten Sie sich nach Ihrer Rückkehr aus Amerika nach Deutschland als ein Vorbild für deutsche Akademiker, die ihrer Heimat aus beruflichen Gründen den Rücken gekehrt haben?

Nein, denn im Hochschulwesen, gleich wo, sollten wir junge Leute ermutigen, Austauschmöglichkeiten wahrzunehmen. Das kann sehr wohl auch die Rückkehr bedeuten, etwa wenn Ärzte arme Länder nicht auf ewig verlassen, sondern sich weiterbilden und dann auch zurückkehren. Aber das oberste Ziel ist für mich, diesen internationalen Austausch zu ermöglichen und so einen Lernprozess voranzubringen und ihnen Zugang zu einer anderen Lernkultur zu ermöglichen. Wir haben in jedem Jahr in Eichstätt ungefähr 350 Studenten, die im Ausland studieren. Diese Zahl würde ich gerne noch auf etwa 500 vergrößern.

In den Vereinigten Staaten wird bereits seit Jahren über das Profil katholischer Universitäten diskutiert. Auch der Heilige Vater hat bei seinem Besuch im April 2006 darüber gesprochen. Möchten Sie eine solche Profildebatte auch in Eichstätt führen?

Das lässt sich nicht vergleichen. In den Vereinigten Staaten gibt es knapp 250 katholische Universitäten und Colleges und in Deutschland nur eine. In Amerika sind die Probleme selbstredend anders. Auch ist die Tradition der katholischen Universität in Deutschland nicht vergleichbar mit der in den Staaten, die KU gibt es erst seit 1980. Gleichwohl muss man sich um eine Vertiefung des katholischen Profils kümmern. Das wird in Deutschland aber anders aussehen als in den Vereinigten Staaten. Erreichen kann man das hier wie drüben, indem man sich an einem guten und durchdachten Verständnis des Zweiten Vatikanums orientiert.

2012 jährt sich zum 50. Mal die Eröffnung des Konzils. Haben Sie bestimmte Projekte vor Augen, die Sie interessant finden für die katholische Universität?

Ja, dieses Thema sollte meine Amtszeit prägen, die bis 2015 geht und damit auch das Gedenken des Konzilsabschlusses umfasst. Dabei denke ich vor allem an die Ökumene und das interreligiöse Gespräch. Diese Themen möchte ich von der besten Seite des Konzils her verstanden wissen, denn sie sind missverständlich für denjenigen, der ein banales Verständnis des Konzils hat. Die einschlägigen Texte des Konzils sind, richtig verstanden, genau das, was wir brauchen.

Welche historischen Ereignisse beschäftigen Sie mit Blick auf Ihre Amtszeit darüber hinaus?

Der Beginn des Ersten Weltkrieges 1914. Dieser Krieg hat das europäische Selbstverständnis zutiefst geprägt. Vieles, was wir heute unter dem Relativismus-Problem betrachten, hängt mit der Erschütterung des europäischen Selbstbewusstseins im Ersten Weltkrieg und kurz danach zusammen. Wichtig ist auch das Reformationsjubiläum 2017, auch wenn es außerhalb meiner Amtszeit liegt. Doch sollte sich die KU an den Diskursen, die diese Jahrestage auslösen, beteiligen und sie aufgreifen.

Werden Sie neben Ihrer Verwaltungsaufgabe als Präsident auch Lehrveranstaltungen übernehmen?

Das ist noch im Gespräch. Ich persönlich würde das begrüßen. Das hängt davon ab, ob ich dazu eingeladen werde, denn ein Präsident kann nicht einfach in einer Fakultät auftauchen und sie mit der freudigen Nachricht überraschen, dass er eine Lehrveranstaltung übernimmt.

[© Copyright Die Tagespost v.4.10.2011]