Die wahre Freiheit

Impuls zum 23. Sonntag im Jahreskreis

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 7. September 2012 (ZENIT.org). - Im heutigen Evangelium vom 23. Sonntag im Jahreskreis begleiten wir Jesus auf seiner Wanderung durch das galiläische Land und die Dekapolis. Der Herr wendet sich allen Menschen zu, nicht nur den Juden, wenngleich er erkennen lässt, dass er in erster Linie zu den „verlorenen Schafen das Hauses Israel“ (Mt 15,21) gesandt worden ist. In Galiläa, im Gebiet der zehn Städte (Dekapolis) und erst recht in Sidon und Tyrus hat er es sicher auch mit Nicht-Juden zu tun, mit Griechen und Römern und außerdem mit den Nachfahren der alten Phönizier. Heidentum pur.

Ob der taubstumme Junge, den Jesus heilt, ein Jude oder ein Heide war, wird nicht überliefert, aber seine Liebe erweist er grundsätzlich allen Menschen. Nur einmal hören wir von einer Syro-Phönizierin, die um Hilfe bittet, und die Jesus scheinbar abweist. Aber das geschieht nur, um der Frau Gelegenheit zu geben, ein herrliches Zeugnis ihrer Demut abzulegen.

Manchmal meinen auch wir, dass der Herr uns abweist, aber das ist nicht wirklich so. Er will nur, dass wir es mit unserem Bitten wirklich ernst meinen. Tatsächlich bitten wir manchmal ohne viel Glauben und Vertrauen. Zu der Frau sagt er das uns sehr hart erscheinende Wort von den Hunden, denen er nicht das Brot geben darf, das für die Kinder bestimmt ist. Schauen wir uns die Stelle (Mk 7,24-30) genau an:

„Die Frau, von Geburt Syro-Phönizierin, war eine Heidin. Sie bat ihn, aus ihrer Tochter den Dämon auszutreiben. Da sagte er zu ihr: Lasst zuerst die Kinder satt werden; denn es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. Sie erwiderte ihm: Ja, du hast recht, Herr! Aber auch für die Hunde unter dem Tisch fällt etwas von dem Brot ab, das die Kinder essen. Er antwortete ihr: Weil du das gesagt hast, sage ich dir: Geh nach Hause, der Dämon hat deine Tochter verlassen. Und als sie nach Hause kam, fand sie das Kind auf dem Bett liegen und sah, dass der Dämon es verlassen hatte.“

Für uns bedeutet diese Geschichte nicht, dass wir es auch so halten sollen, denn wir gehören ja zu den Kindern des neuen „Hauses Israel“. Dennoch tut auch uns die Lektion gut. Oft hört man in den sog. kirchlichen Kreisen einen ausgesprochen fordernden Ton, der nicht immer charmant ist. Man verwechselt den Pfarrgemeinde- oder Diözesanrat mit einem Parlament, wo über alles mögliche abgestimmt wird. Dinge des Glaubens und der Sitte können aber nicht per Mehrheitsbeschluss geklärt werden. Gefragt werden muss immer: Was meint Christus, der Herr, dazu?

Und genau das ist der Punkt. Christus ist nicht nur der Wanderprediger Jesus von Nazareth, er ist auch der Herr, unser Gott. Und alles, was er damals gesagt hat, hat seine Gültigkeit behalten, eben weil er der allwissende Gott ist und nicht nur die Menschen seiner Zeit vor Augen hat. Wäre er nur Mensch, dann könnte man argumentieren: dies und jenes, was Jesus sagt, ist zeitbedingt und gilt heute nicht mehr unbedingt.

Wieder gibt uns Maria ein Beispiel, wie wir mit diesem Spannungsfeld umgehen können, das darin besteht, dass wir Kinder Gottes sind, die zu ihm mit dem größten Vertrauen hingehen dürfen und sollen, und dass wir aber auch gleichzeitig in Christus den Herrn sehen müssen, der durchaus nicht immer das tun muss, was wir wollen.

Die Jungfrau Maria, deren Geburtstag wir an diesem Samstag feiern, lebte in vollkommener Weise die Gotteskindschaft. Sie war ja, wie alle Menschen, die geboren werden, zunächst ein kleines Kind, ein bezauberndes kleines Mädchen, der Stolz ihrer Eltern Joachim und Anna. Und sie lebte während ihres ganzen Lebens auch in vollkommener Weise den Gehorsam und die Demut. Sicher empfand sie diese Begriffe nicht als Zumutung wie wir heutige Menschen das oft tun. Durch ihr Freisein von der Erbsünde war sie – das muss man zugeben – auch besser disponiert als wir, sich ganz dem Willen Gottes anzupassen und darin sogar die wahre Freiheit zu erkennen.

Was uns betrifft, müssen wir, wenn nötig, da über unseren Schatten springen. Gerade in der täglichen Begegnung mit dem Zeitgeist sollten wir versuchen, Zeugnis zu geben, wenn die Menschen erkennen sollen, dass die Kirche mehr ist als ein gut funktionierender Sozialverein. Christus, der Gottmensch, muss immer in der Mitte stehen.

Mit dem Willen Gottes eins werden, ist tatsächlich die wahre Freiheit. Maria zeigt durch ihr Verhalten in jeder Lebenslage, dass dies nicht nur für sie gilt, sondern dass sich jeder Mensch damit identifizieren kann – und das Glück findet.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“. Im katholischen Fernsehsender EWTN ist er montags um 17.30 Uhr mit der wöchentlichen Sendereihe „Schöpfung und Erlösung”, die beiden großen Werke Gottes und die Mitwirkung des Menschen, zu sehen.