Die wahre Schönheit der Frau in der Kunst

Vatikanisches Museum wird Mutter-Tochter-Wallfahrt organisieren

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Von Elizabeth Lev

ROM, 12. Juni, 2012 (ZENIT.org). - Seit dem Ausklang des Marienmonats Mai bereitet sich Rom auf die Strandperiode vor. Überall fühlen sich Frauen angespornt, ihr Aussehen für den Strand auf Vordermann zu bringen - Diäten, Körperpflege, neue Kleidung – all das bringt die Schönheit der Frau besser zum tragen.

Aber irgendwo inmitten der verschiedenen Maßnahmen, also des Salattellers zum Mittagessen, des Abtastens, des Färbens, der Verschönerung des Gästezimmers und der bleibenden Unzufriedenheit über die eigene Garderobe, könnte man sich fragen, ob das wirklich alles ist, was Schönheit ausmacht Ist eine Frau etwa die Summe ihrer sonnengebräunten Haut, ihrer Fingernägel und ihres Idealgewichts? Ist das der einzige Schönheitsstandard, auf den es in unserer Welt ankommt?

Man sollte meinen, dass man in den Vatikanischen Museen über fünf Jahrhunderte hinweg ein wenig Weisheit darüber angesammelt hat, worin die Schönheit der Frau besteht; von den berühmtesten Skulpturen der Antike bis hin zu den eleganten Tugenden Rafaels oder den Sybillen Michelangelos hat die Kirche lange Zeit die einzigartige Schönheit der Frau gepriesen.

Da hier über 2.500 Jahre Geschichte und Kunst zur Verfügung stehen, ist Rom der ideale Ort, um herauszufinden, worin Schönheit damals und heute besteht, um aufzuspüren, was bleibende Anmut ausmacht und was nur ein kurz aufblitzender Schimmer und Glanz ist. Deswegen haben die Mäzenen der Vatikanischen Museen damit begonnen, einmal im Jahr eine Mutter-Tochter-Wallfahrt zum Thema Schönheit der Frau und Kunst im Vatikan und in der Stadt Rom zu organisieren.

Diese Wallfahrtsreise gibt Müttern und Töchtern jeder Altersgruppe Gelegenheit, darüber nachzudenken, worin das christliche Ideal der Schönheit über die Jahrhunderte hinweg besteht.

Seelsorger für diese Pilgerreise ist P. Mark Haydu, der in den Vatikanischen Museen als Internationaler Direktor der Kunstmäzene wirkt. Er besitzt nicht nur die Schlüsselgewalt über die Kunstschätze des Vatikanischen Museums, sondern zeigt auch kluge Perspektiven auf, um den vergänglichen Charakter oberflächlicher Schönheit von jener Schönheit zu unterscheiden, die menschlichen und geistlichen Glanz ausstrahlt und bleibenden Charakter besitzt.  

Teresa Tomeo, eine bekannte katholische Radiosprecherin, erteilt lebensnahe Ratschläge und warnt vor der Gefahr, oberflächliche Anziehungskraft überzubewerten und dabei für wahre Schönheit zu erblinden. Unter den Sprechern und Gästen befinden sich des Weiteren Anna Mitchell, Nachrichtendirektorin der Sonnenaufgangs-Show beim Heilig-Herz-Radio und Janet Morana, Geschäftsführender Direktor der „Priester für das Leben“ (Priests for Life) sowie die Autorin dieses Textes, deren Aufgabe es wiederum ist, künstlerische Perspektiven zu erschließen.

Der wahre Star der Veranstaltung wird natürlich die Ewige Stadt sein, denn innerhalb ihrer Mauern befinden sich einige der größten Beispiele weiblicher Schönheit. Zum Beispiel ist da die Rennbahn, auf der die hl. Agnes, ein fünfzehn Jahre junges Mädchen, dessen gutes Aussehen ihr mehr Aufmerksamkeit einbrachte, als ihr lieb war, den Märtyrertod erlitt, und das erstaunliche Kirchengebäude, das ihr zu Ehren am Rande derselben erbaut worden war. – Eine echte Unterweisung darin, worin wahre Anmut besteht.

Dem Sprichwort „Alle Wege führen nach Rom“ gemäß sind auch viele außerordentliche Frauen nach Rom gekommen, angefangen bei den schon seit der Antike verehrten Märtyrinnen wie Cäcilia, Susanne und Martina, bis hin zu den Heldinnen des Mittelalters, wie zum Beispiel den heiligen Katherina von Siena, Francesca von Rom und Birgit von Schweden (unter anderen).

Man kann hier den Spuren von gläubigen Frauen folgen, die aus dem Hochadel stammen, (Königin Christina von Schweden oder Gräfin Katharina Sforza) oder aber entweder in der Kirche von Santa Maria Maggiore oder am stillen Grab der hl. Monika eine Meditation über die Bedeutung der Mutterschaft halten. Die ereignisreiche Geschichte Roms stellt einen fruchtbaren Boden dar, auf dem man die eigene Saat der Heiligkeit ausstreuen kann.

Die Pilgerreise hilft dabei, die übertriebene Fixiertheit, mit der die moderne Welt auf die äußerliche Schönheit starrt, zu relativieren, indem nämlich aufzeigt wird, welches tiefere Erbgut denn der körperlichen Schönheit und Gestalt zugrunde liegt. Im Forum bewundern wir die antiken heidnischen Tempel. Sie sind faszinierend; nach zweitausend Jahren stehen sie immer noch im Prunk des Scheinwerferlichts. Einige Fassaden sind vollständig erhalten. Ihr sanfter Travertino-Abschluss ist noch da; fast keine Alterslinien haben sich über diesen „Augenbrauen“ gebildet. Ihre Marmorsäulen glühen in der Frühlingssonne. Glatt geschliffener Stein hüllte die Strukturen damals in ein reiches Gewand modischster Farben. Die Proportionen der Gebäude waren perfekt - Höhe, Breite und Durchmesser – alles passte haargenau zusammen.

Ganz wie die Ästhetik der heutigen Moden basierte die Korinthische Ordnung auf den Proportionen einer großen, schlanken, jungen Dame. Doch der heidnische Tempel war trotz seiner schönen Gestalt, seiner sanften Haut und seiner weiten Kleider im Inneren leer und ist dies heute noch. Die meisten Tempel gingen über die Zeit zu Bruch – ihre leer stehenden Räume sind eingefallen. Ein paar schöne Säulenhallen sind die einzigen Spuren, die vom antiken Glauben erhalten geblieben sind.

Die wenigen erhaltenen Tempel haben deshalb überlebt, weil sie in christliche Kirchen verwandelt wurden. Der Geist des lebendigen Gottes trat in ihre leeren Räume ein und in ihren massigen Fundamenten bewahrte man die Überreste der Märtyrer auf. Kapellen verkündeten den Heldenmut von Männern und Frauen, die den falschen Göttern entgegen getreten und als Zeugen Christi gestorben sind.

Im Gegensatz zu den alten heidnischen Werken werden wir heute vor einem Kirchengebäude zwar  anhalten, um das Äußere zu bewundern, doch ist es immer das Innere, was unser größtes Interesse weckt.

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Es ist schon mitunter frappierend, dass gegenwärtig jeden Tag Frauen in die Sixtinische Kapelle gehen und sich dort zu Hause fühlen, obwohl es sich um einen Raum handelt, der für eine Schar Männer gestaltet worden ist, die vor fünfhundert Jahren dort weilte.

Die Sixtinische Kapelle war gebaut worden, um den Päpstlichen Hofstaat, zu dem etwa 500 Prälaten und Prinzen gehörten, aufzunehmen. Bis ins 18. Jahrhundert traten Frauen nur äußerst selten in die Kapelle ein. Obwohl die Kapelle Mariä Himmelfahrt geweiht ist, findet sich in ihr nur ein einziges Bild der allerseligsten Jungfrau; im übrigen Raum dominieren Figuren wie Mose, Christus, Noah und Gott Vater, zum Beispiel in den Eröffnungsszenen des Buches Genesis.

Dem oberflächlichen Betrachter der Kapelle erscheint sie als Bollwerk eines patriarchalen Systems, und ein kurzer Blick auf die Fresken kann zur Behauptung verleiten, dass Michelangelos Kunst darunter litt, dass er ein Frauenfeind war – er stellte Frauen so dar, als ob sie Männer wären. Einem aufmerksameren Blick entgehen aber nicht die vielen Modelle weiblicher Gegenwart, die in der Kapelle überall den männlichen Figuren hinzugesellt und ihnen gegenüber angeordnet sind; in der Tat erzählt die Kapelle die Geschichte der Zusammenarbeit zwischen Mann und Frau im Heilsgeschehen.

Drei Aspekte zeigen uns, auf welche Weise Michelangelo die Gestalt der Frau in der Kapelle pries.

1. Wo immer Adam sich befindet, da befindet sich auch Eva. Obwohl die Eröffnungsszenen, die in der Kapelle dargestellt sind, Gott bei der Erschaffung der für den Menschen bestimmten Welt als einzigen Handelnden zeigen, schmiegt sich sogar dort, wo Adam von Gott berührt wird, Eva, die schon zum Projekt Gottes gehörte, in den Winkel des Ellbogens des Herrn hinein. Darüber hinaus befindet sich das Bild von der Schöpfung der Frau im Zentrum des Gewölbes. Bei der Szene der Versuchung und des Sündenfalls sind Adam und Eva als miteinander verwachsen dargestellt; im Garten Eden sind sie mit einer Grazie dargestellt, als ob sie Tänzer wären, und ihre Leiber passen mit Leichtigkeit zueinander. Selbst nach dem Sündenfall bleiben sie vereint, insofern als Eva sich unter den Arm ihres Bräutigams duckt.

2. Hinter jedem großen Mann steht eine große… Frau: In den vier Bogenzwickeln des Gewölbes erkennt man einen berühmten Helden des jüdischen Volkes. Zwei retteten Israel mit dem Schwert – David und Judith –, und so wie Gottes Wohlgefallen an Mose diesem erlaubte, die bronzene Schlange zu bilden, genauso rettete die innere und äußere Schönheit Esthers ihr Volk. Helden und Heldinnen, von denen jeder und jede das eigene Leben aufs Spiel setzte und auf diese Weise ein das Opfer Christi vorwegnehmendes Beispiel wurde. Neben den großen Propheten aus dem Alten Testament finden sich überraschenderweise in der Kapelle die weiblichen Gestalten der Sybillen. Es handelte sich um heidnische Prophetinnen, die Abgöttern zu Diensten standen, doch einige ihrer Vorhersagen scheinen den Plan geoffenbart zu haben, den Gott mit den Heiden hatte. In Vergils Vierter Ekloge verkündigt die Sybille von Cumae:

„Mit einer neuen Menschenbrut, die vom Himmel gesandt ist. 
…bei der Geburt des Knaben, in dem
das Eisen sein Ende haben wird, wird die goldene Rasse erstehen,“

Im Mittelalter sah man diesen Text als eine Vorhersage der Ankunft Christi an. Man meinte, dass die Sybillen auf geheimnisvolle Weise die Heiden auf das Kommen des Messias vorbereitet hatten. Schließlich hat Michelangelo auf den Bögen und Zwickeln Familiengruppen abgebildet, zu denen Mutter, Vater und Kind gehören. Nicht zufrieden mit der schematischen Liste von Vätern im Evangelium nach Matthäus, hat unser Künstler jedes Kind so abgebildet, dass man es als von seiner Mutter behütet, umarmt oder umsorgt sieht. Die Einheit von Mann und Frau ist überall auf dem Gewölbe zu sehen, was in der Zusammenarbeit zwischen den Elternteilen, in der Zeugnisgabe über den Willen Gottes und in den heroischen Gesten der Erlösungsgeschichte erkennbar wird.

3. Das letzte auffallende Element an Michelangelos Frauen ist ihre Kraft. In der Renaissancezeit neigte man dazu, Frauen kraftlos und/oder sinnenfreudig darzustellen; die Künstler bewunderten die weibliche Schönheit, doch fürchteten sie sich auch vor der Versuchung, die solcher Bewunderung folgte. Die Frauen, die Michelangelo abbildete, befanden sich unserem heutigen Ideal viel näher als die Abbildungen anderer Künstler seiner Zeit. Seine Frauen strahlen Kraft aus. Sie sind dem Manne ebenbürtig und stehen diesem in der Erlösungsgeschichte in nichts nach. Ihre Leiber sind nicht sanft und nachgiebig (eine Einladung zur Versuchung); sie sind abgehärtet, fähig, genauso wie David und Josua mit dem Bösen zu kämpfen. Sie werden nicht regungslos dargestellt, sondern sie wenden sich um, schauen etwas an und denken darüber nach. Die Frauen der Sixtinischen Kapelle sind selbstbewusst und nehmen die kommenden Ereignisse der Erlösungsgeschichte wahr. In den meisten Fällen handelt es sich um schöne Frauen – die kräftigen Schultern der Libyschen Sybille schmälern sich zu einer eleganten Hüfte, die in flammrote Roben eingehüllt ist. Ihre graziösen Gesten und ihre mächtige Pose würden sie zu einem Traummotiv für ein Poster in einem Pilates Studio machen. Die Delphische Sybille, die von jugendlicher Gestalt ist und abgerundete Linien aufzeigt, wendet sich dynamisch im Raum um und lenkt unsere Augen mit ihrem straff gespannten Arm zum Altar. Das Schöne soll bei Michelangelo jedoch nicht Lüsternheit hervorrufen oder etwa den Geist dazu bringen, sich nur auf die Attraktivität des Leibes zu besinnen. Diese Frauen sind Führer. Ihre Schönheit dient dazu, den Geist zu erheben, während ihre heroischen Posen und kräftigen Gesten dazu dienen sollen, uns der Quelle der Schönheit näher zu bringen: Christus.

Niemand hat die Sixtinische Kapelle und die Schönheit der Frau besser erfasst als der selige Johannes Paul II., unter dessen Leitung die Kapelle und die Farben in der Pracht restauriert worden sind, wie wir sie heute erblicken. Bei der Einweihungsfeier der restaurierten Fresken sprach er über die Schönheit von Mann und Frau und über die Bedeutung derselben in der Offenbarung.

„Die Sixtinische Kapelle ist geradezu – wenn man so sagen darf – das Heiligtum der Theologie des menschlichen Leibes. Wenn sie von der Schönheit des Menschen Zeugnis gibt, der von Gott als Mann und Frau geschaffen wurde, so spricht sie zugleich in gewisser Weise die Hoffnung auf eine verklärte Welt aus, die Welt, die vom auferstandenen Christus eröffnet wurde und vorher noch vom Christus auf dem Berg Tabor.“

Der Mensch wurde von der Schönheit und zur Schönheit berufen. In der Sixtinischen Kapelle hat uns Michelangelo den größten, sinnenfälligen Einblick in die Bedeutung dessen vermittelt, was es heißt, nach dem Abbild Gottes, der die Schönheit selbst ist – ihm ähnlich –, geschaffen zu sein. 

*Elizabeth Lev unterrichtet christliche Kunst und Architektur auf dem italienischen Campus der Duquesne University und am katholischen Studien Programm von St. Thomas. Ihr Buch „The Tigress of Forlì: Renaissance Italy's Most Courageous and Notorious Countess, Caterina Riario Sforza de' Medici“ wurde vergangenen Herbst von Harcourt, Mifflin Houghton Press veröffentlicht [Rezension auf ZENIT]. Sie kann unter lizlev@zenit.org erreicht werden.

[Übersetzung des englischen Originals von P. Thomas Fox LC]