Die Wahrheit in der Liebe tun: Evangelisches Plädoyer für „Caritas in veritate“

Aufruf zur aktiven Auseinandersetzung mit den Vorschlägen des Papstes

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ROM, 28. August 2009 (ZENIT.org).- Hochkarätige Vertreter der evangelischen Gemeinden in den USA haben ihre Unterstützung der Grundsatzforderungen der Sozialenzyklika Caritas in veritate von Papst Benedikt XVI.  bekundet. Wir veröffentlichen die öffentliche Erklärung, die diesbezüglich von prominenten Evangelikalen in den USA unterzeichnet worden ist..

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Aktuelle globale Ereignisse sensibilisieren uns für die Bedeutung einer nachhaltigen christlichen Reflexion über das Wesen und Ziel des wirtschaftlichen Lebens, sowohl innerhalb unserer eigenen Gesellschaften als auch in anderen Teilen der Welt. Folglich begrüßen wir als evangelikale Protestanten die Veröffentlichung von „Caritas in veritate“ von Papst Benedikt XVI.

Wir rufen Christen überall, aber besonders unsere Mitbürger und die Protestanten in der nördlichen Hemisphäre auf, sie zu lesen, sich mit ihr auseinanderzusetzen und auf „Caritas in veritate“ zu reagieren. Dabei können wir den gemeinsamen Ruf nach Liebe und Wahrheit in unserem Leben als Bürger, Unternehmer, Arbeitnehmer erkennen und was noch grundsätzlicher für die Nachfolge Christi gilt.

Durch Tod und Auferstehung Christi nimmt Gott alles von uns, was hinderlich dafür sein könnte, eine geordnete Beziehung zwischen Gott und Welt, unter den Menschen und zwischen Menschen und dem Rest der Schöpfung aufzubauen. Menschliche Entwicklung ist in dieser Wiederherstellung aller Dinge hin zu wahren Beziehungen enthalten.

Wir empfehlen die Blickrichtung, mit der diese Enzyklika die wirtschaftliche Entwicklung in Bezug auf die wahre Weichenstellung für menschliche Entwicklung vorgibt. „Caritas in veritate“, die in der Tradition der Enzyklika „Populorum Progressio“ von Papst Paul VI. steht, argumentiert, dass Entwicklung von der Veränderung der jeweils beteiligten Personen und Institutionen abhängig ist sowie von den Beziehungen, die unter ihnen herrschen.

Wir stehen hinter dieser Forderung nach einer neuen Vision von Entwicklung, die auf die Würde des menschlichen Lebens in seiner Fülle setzt und erkennt, dass die Sorge um das Leben - von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod – sich umfassend für religiöse Freiheit, für die Bekämpfung der Armut und für die Bewahrung der Schöpfung einsetzt.

„Caritas in veritate“ schlägt ein ganzheitliches Modell der menschlichen Entwicklung im Kontext der Globalisierung vor, „die Ausweitung der weltweiten Verflechtung". Wir sind mit dieser Enzyklika in dem Punkt einverstanden, „die Globalisierung der Menschheit im Sinne von Beziehung, Gemeinschaft und Teilhabe zu leben und auszurichten“ (CV 42). Die Enzyklika stellt korrekt fest, dass die Globalisierung in der Tat Millionen von Menschen aus der Armut geholt hat, vor allem durch die Integration der Volkswirtschaften der Entwicklungsländer in die internationalen Märkte.

Doch die Unebenheiten bei dieser Integration hinterlassen in uns tiefe Besorgnis, sind wir doch mit Ungleichheit, Armut, mangelnder Ernährungssicherheit, Arbeitslosigkeit, sozialer Ausgrenzung, einschließlich der anhaltenden sozialen Ausgrenzung von Frauen in vielen Teilen der Welt konfrontiert. Wir sind besorgt über den Materialismus, der die menschlichen Gemeinschaften zu verderben droht, und die zerstörerischen Folgen für unseren gemeinsamen Lebensraum auf diesem Planeten.

In „Caritas in veritate“ finden wir eine Analyse der globalen Lage, die eine Engführung der Polarisation des freien Marktes zurückweist und das aktive Eingreifen von Regierungen mit ihren Lösungen ablehnt.

„Die Soziallehre der Kirche ist der Ansicht, dass wahrhaft menschliche Beziehungen in Freundschaft und Gemeinschaft, Solidarität und Gegenseitigkeit auch innerhalb der Wirtschaftstätigkeit und nicht nur außerhalb oder »nach« dieser gelebt werden können“ (CV 36). Das wirtschaftliche Leben ist weder amoralisch noch autonom. Institutionen der Wirtschaft, einschließlich die Märkte selbst, sollten durch innere Beziehungen von Solidarität und Vertrauen geprägt sein.

Gewinn ist ein notwendiges Ziel im wirtschaftlichen Leben; er kann aber nicht das Hauptkriterium für wahrhaft menschliche wirtschaftliche Blüte sein. Wir bekräftigen daher den Schwerpunkt, der in „Caritas in veritate“ auf soziale Unternehmungen gesetzt wird, das heißt auf geschäftliche Bemühungen, die vom Prinzip der Gegenseitigkeit geleitet sind - ein Grundsatz, der das Gegensatzpaar von „for-profit“ und „non-profit“ weit übersteigt und stattdessen soziale Zwecke zur Deckung der Kosten und zur Investition verfolgt. Des weiteren fordern wir Evangelikalen dazu auf, die Einladung von Papst Benedikt anzunehmen, und zu prüfen, wer in der Geschäftsleitung von Unternehmen sein sollte und was die moralische Bedeutung von aufgenommenen Investitionen ist.

Wir hätten uns eine noch stärkere Kritik der Enzyklika an der götzenhaften Überbewertung von Geld gewünscht und die sich daraus ergebende gegenwärtige Dominanz der Finanzmärkte über andere Teile der Weltwirtschaft.

Wir unterstützen die Aussage, dass sich eine Wirtschaft der Nächstenliebe dafür stark machen sollte, unzähligen Menschen und Institutionen Raum zu geben - nicht nur Staat und Markt, sondern auch Familien und vielen Beziehungen innerhalb der Zivilgesellschaft. Es sind vor allem die internen Ressourcen der Kommunen, wie die von Bürgerinitiativen, Gemeinderäten, Gewerkschaften, Kleinunternehmen und mehr, die den Ausbau von lokalen Talenten und Ressourcen erleichtern.

Effektive Verwaltung und Beihilfen, die die Entwicklung ankurbeln, erkennen jedoch, dass ihre eigenen Grenzen auch zum Weg einer ganzheitlichen Entwicklung nötig sind.

Die Herausforderung, Globalisierung zu „vermenschlichen" oder zu „zivilisieren", bedeutet nicht unbedingt „mehr Staat". Sie verlangt bessere Regierungsformen, Rechtsstaatlichkeit und nicht Machtpersonen; die Entwicklung von starken Regierungseinrichtungen; die Wiederherstellung des Gleichgewichtes zwischen konkurrierenden Interessen; die Ausrottung der Korruption.

Ethische Globalisierung fordert einen gerechteren und freieren Handel sowie die Förderung der erfolgreichen Integration aller Armen der Welt in eine florierende Weltwirtschaft. Eine ethische Globalisierung fordert von den evangelischen Kirchen überall, sich dem Ruf, die Wahrheit in Liebe zu tun, zu stellen, wo wir doch Antwort auf den großen Auftrag geben wollen, „alle Völker zu meinen Jüngern" zu machen.

Die Enzyklika erkennt richtig, dass Staaten ihre Pflicht, die Gerechtigkeit zu verfolgen und das Gemeinwohl in der globalen Wirtschaftsordnung zu suchen, weder aufgeben dürfen noch darauf verzichten sollten.

Wir teilen die Sorge des Dokuments über den Verfall der Systeme der sozialen Sicherheit, die schwindende Macht der Gewerkschaften und den Druck der sozial zerstörerischen Mobilität unter Arbeitskräften. Aber wir teilen auch die Angst vor dem Wachstum eines übermächtigen Wohlfahrtsstaates, der den sozialen und bürgerlichen Pluralismus degradiert. So sind wir uns einig, dass an Subsidiarität und Solidarität gleichzeitig festgehalten werden müssen, wie „Caritas in veritate“ es ja auch vorschlägt.

Wir unterstützen die Forderung nach besseren Modellen einer globalen Regierung, die sowohl finanzielle als auch politische Rechte haben sollte, aber wir zögern, unkritisch die aktuellen Modelle wie die von UNO, IWF, Weltbank und WTO zu übernehmen. Ein globales Gemeinwohl zu unterstützen, ruft in der Tat nach einem politischen Handeln, das etwas sicherstellen kann; aber auch neue Modelle der globalen Regierung müssen Teilhabe, Transparenz und Rechenschaftspflicht gewährleisten sowie zur Stärkung des Nationalstaates beitragen, was das Verhältnis zur Macht des globalen Finanzsystems angeht.

Mit „Caritas in veritate“ verpflichten wir uns, nicht zu „Opfern" der Globalisierung zu werden, sondern als „Mitstreitern" für die weltweite Solidarität zu arbeiten - für wirtschaftliche Gerechtigkeit und das Gemeinwohl als Normen, die weit über die Motive Gewinnabschöpfung und technischer Fortschritt hinausgehen. Wir fordern einen ernsthaften Dialog zwischen allen Christen und vielen anderen, um diese Ziele zur konkreten Wirklichkeit werden zu lassen.

[Übersetzung des englischen Originales von Angela Reddemann]