Die Wahrheit über Papst Pius XII.

Ehemaliger Spion spricht über eine Verschwörung, die zum Ziel hatte, den Papst in Verruf zu bringen

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Von Edward Pentin

ROM, 5. September 2012 (ZENIT.org). - Es ist nicht leicht, mit General Ion Mihai Pacepa Kontakt aufzunehmen. Zu seinem eigenen Schutz verweilt er an einem unbekannten Ort, gewährt nur selten Interviews und kann nur über einen Mittelmann per elektronische Post erreicht werden.

Als ehemaliger rumänischer Geheimdienstchef, der sich 1978 in die Vereinigten Staaten abgesetzt hatte, kennt der 84 jährige Ex-Spion Geheimnisse, deren Veröffentlichung selbst heute noch Persönlichkeiten aus dem Regierungsumfeld, besonders in Russland, sehr unliebsam wäre. Am meisten ist er dafür bekannt, dass er den sensationellen Anspruch erhebt, dass die Sowjets sich gegen Pius XII. verschworen hatten, um ihn in Verruf zu bringen, was er mit der Aussage unterstützt, dass er in den 1960er und 1970er Jahren in eine derartige Kampagne involviert war.

In einem für die „National Review Online“ verfassten Artikel erhebt General Pacepa den Anspruch, dass er an der „Operation Sitz 12“ – einer vom KGB gesteuerten Kampagne beteiligt war, bei der Fehlinformation in Umlauf gebracht wurde, die um das von Rolf Hochhuth 1968 geschriebene und gegen Pius XII. gerichtete Schauspiel „Der Stellvertreter“ kreiste. Das Schauspiel hatte zum Ziel, den während der Kriegszeit herrschenden Papst zehn Jahre nach seinem Tod – und damit ohne dass er dazu Stellung beziehen konnte – als Nazisympathisanten zu desavouieren.

Historiker und Diplomaten der Ära des Kalten Krieges haben jedoch von Anfang an diese Hypothese in Zweifel gezogen. Wie zu erwarten, wiesen Gelehrte und Kenner Papst Pius XII. den Vorwurf als „höchst unwahrscheinlich“ ab oder stellten es als Werk dar, das auf jemanden zurückgehe, der versucht habe, in seinen letzten Jahren für sich selbst den „Anschein von etwas Mysteriösem“ aufzubauen.  Zu denjenigen, die diesem Anspruch skeptisch gegenüberstehen und den Pacelli-Papst verteidigen, gehört auch Ronald Rychlak, Professor für Rechtswissenschaften aus Amerika, Berater im Vatikan und Experte in Fragen der Kontroverse bezüglich Papst Pius XII.

Nicht nur das, Prof. Rychlak wollte es nicht unterlassen, die Anschuldigungen zu hinterfragen, und entschied sich deshalb, sie selbst einer Prüfung zu unterziehen. So verbrachte er die folgenden zwei Jahre mit der Überprüfung der Angaben von General Pacepa. Dabei wurde er zu einem so überzeugten Verfechter von deren Wahrheit, dass er jetzt zusammen mit dem ehemaligen rumänischen Geheimdienstchef ein Buch geschrieben hat, das demnächst veröffentlicht wird und den Titel „Desinformation“ trägt.

Wie Prof. Rychlak gegenüber ZENIT ausführte, „passte schließlich alles wie Mosaiksteinchen, eins nach dem anderen, zusammen“. „Durch die neue Sichtweise fand sich auf viele Fragen eine Antwort, und Dinge, die vorher unerklärlich waren, machten plötzlich Sinn.“

Er fügt hinzu: „Nachdem ich nun seit drei Jahren mit General Pacepa in Kontakt stehe und seine Bücher und viele seiner Artikel (sowie Artikel über ihn) gelesen habe, weiß ich, dass er mich nie auf eine falsche Fährte gebracht hat. Meine Reaktion von 2007 war einfach die natürliche, ein vorsichtiger Kommentar von jemandem, der mit einem neuen und ihm unbekannten Anspruch konfrontiert worden war. Nach zwei Jahren sorgfältiger Untersuchungsarbeit habe ich meine Meinung geändert [… ]. Ich bin stolz, mit ihm in Verbindung gebracht zu werden.“

Mittlerweile findet Pacepas Version immer mehr Unterstützung. Verteidiger von Papst Pius XII. versprechen sich vom neuen Buch, das eine vom ehemaligen CIA-Direktor James Woolsey verfasste Einleitung enthält, einen wesentlichen Beitrag zur Rehabilitierung des Namens Pius XII.

„Vor einem Monat gelang es mir, mit Hilfe der Stiftung ‚Pave the Way‘ den ehemaligen Geheimdienstchef zu kontaktieren, hauptsächlich um herauszufinden, wie er auf die vor kurzem im Yad Vashems Holocaust Museum getroffene Entscheidung reagiert hat, den Text der Gedenktafel, die auf Pius XII. hinweist, zu ändern“ – so Prof. Rychlak.

Am vergangenen 1. Juli hatte das Museum die Änderung des Textes der Gedenktafel angekündigt: Man wollte verschiedene Punkte in Bezug auf lebensrettende Maßnahmen, die Pius XII. in der Kriegszeit zugunsten von Juden eingeleitet hatte, einfügen und so das sich darauf beziehende Renommée des Papstes verteidigen. Doch der neue Text stellt keinen Bezug zu einer sowjetischen Schmierkampagne her. Als ich dem Forschungsdirektor des Museums, Professor Dan Michman, die Frage stellte, warum diese Behauptungen unerwähnt geblieben waren, sagte er, diese Darstellung „sei für ihn nicht wirklich glaubhaft“, noch hätte er die Absicht, sie zu untersuchen.

General Pacepa hält dem entgegen, „dass es keine harten Fakten gebe“, die Prof. Michmans ablehnende Haltung unterstützten, „dass es jedoch jede Menge konkrete Anhaltspunkte gäbe, die unter Beweis stellten, dass das Image von Pius XII. als Hitlers Papst seinen Ursprung in Moskau habe.“ Er unterstrich, dass man sich zur Auffindung und Erkennung dieser Fakten „mit der äußerst geheimnisvollen ‚Wissenschaft‘ des Kremlin vertraut machen sollte, die darin besteht, dass man die Vergangenheit neu schreibt, um sie in die aktuellen Prioritäten einzufügen.“

Wie der übergetretene Spion erklärt, „nannte man im KGB-Sprachgebrauch die Neuschreibung der Geschichte ein ‚Gestalten‘.“ Es handelte sich dabei um „eine Spezialität, die Fehlinformation auf höchstem Niveau erstellte“, bei der man „Hunderte oder sogar Tausende von kleinen Mosaiksteinchen so zusammensetzte, dass sie zueinander passten.“

General Pacepa meinte dazu: „Nur eine Handvoll Designer höheren Niveaus weiß, wie das Gesamtbild schließlich aussehen wird“. „Ich war nur am Rande damit betraut, die Vergangenheit Pius XII. zu verändern. Damals wusste auch ich nicht, wie das Bild am Ende aussehen würde.“

Er führte Beispiele dafür an, wie solche Gestaltungsoperationen verliefen und wies auf Stalins erbarmungslose Methoden bei der Fälschung historischer Fakten in den 1930er Jahren hin, die darauf abzielten, seinen persönlichen Plänen Vorschub zu leisten. Ebenso sprach er von der Fehlinformation, die er selbst in den 1970er Jahren als rumänischer Geheimdienstchef gezielt in Umlauf brachte.

Er erinnerte sich daran, wie es ihm gelang, Staatsoberhäuptern, Geheimdienstlern und vielen Menschen der westlichen Welt Sand in die Augen zu streuen, sodass sie glaubten, dass der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu ein bewundernswerter, prowestlich eingestellter Staatsführer sei, wobei er in Wirklichkeit ein „Dracula mit doppeltem Gebiss“ war. Diese Fehlinformation erwies sich als so effizient, dass der US-Präsident Jimmy Carter Ceausescu als einen „großen nationalen und internationalen Staatsführer“ bezeichnete und Königin Elizabeth II. ihm 1978 einen Staatsbesuch nach Großbritannien gewährte. General Pacepa setzte sich bald danach ab und verriet Carter und der Königin die Wahrheit. Ceausescu wurde 1989 von seinem eigenen Volk exekutiert, doch General Pacepa meint, dass wenige Menschen im Westen jemals „zurückschauten und darüber nachdachten, wie sie so in die Irre geführt hatten werden können.“

Der ehemalige Spion aus Rumänien sagte, dass sein neues Buch „ganz solide Fakten präsentiere und dokumentiere, wie das ungeheure Getriebe des KGB durch gezielte Fehlinformation in der Lage war, das Image Pius XII. von lilienweiß zu kohlrabenschwarz zu verändern — gerade so, wie es das Image von Ceausescu in sein Gegenteil verkehrt hatte“.

Weiterhin erklärte er, dass die Geschichtsgestaltung in Bezug auf den leidenschaftlich antikommunistisch eingestellten Papst tatsächlich 1945 begann. Lediglich in Sorge um sein eigenes Image und gestärkt vom Sieg nach dem Zweiten Weltkrieg, besaß Stalin noch einen Feind, den er besiegen wollte: die Katholische Kirche in der Ukraine — die letzte Enklave des Vatikans in der Sowjetunion. Nachdem er dort die Kirche verfolgt hatte, begann er damit, Papst Pius XII. als Kollaborateur der Nazis darzustellen und verkündete 1945 über Radio Moskau, dass Pius XII. „Hitlers Papst“ gewesen sei.

Doch die Kampagne schlug fehl als der Tag graute, an dem Pius XII. über Radio Vatikan den Nazismus als „satanisches Gespenst“ brandmarkte (02. Juni 1945). Darüber hinaus wurde Pius XII. für die Bemühungen, die er während der Kriegszeit angestellt hatte, um religiöse Minderheiten zu beschützen, gelobt – unter anderem von Präsident Roosevelt, Winston Churchill (der ihn als „den größten Mann unserer Zeit“ bezeichnete) und von Albert Einstein.  

„Stalins Anstrengungen, Fehlinformation zu verbreiten, wurden von der Generation, die Zeuge der Zeit gewesen war und die die Geschichte, wie sie wirklich war, durchlebt hatte, zurückgewiesen. Sie kannte nämlich die wahre Gestalt Papst Pius XII.“, so Ex-Spion Pacepa. „Der Kremlin versuchte es noch einmal in den 1960er Jahren bei der nachfolgenden Generation, die jene Zeit nicht erlebt hatte und die es nicht besser wusste. Dieses Mal funktionierte es.”

Von zentraler Bedeutung für diesen zweiten Gestaltungsversuch, der unter dem Decknamen „Operation Sitz 12“ lief, war das gegen Pius XII. gerichtete Schauspiel „Der Stellvertreter“. Der übergetretene Spion erklärte, dass er in seinem neuen Buch unter Beweis stelle, wie der deutsche Autor, Rolf Hochhuth, mit jedem seiner Schauspiele beabsichtigte, antikommunistisch eingestellte Persönlichkeiten anzuschwärzen. Sein Buch enthalte „unleugbare Fakten, die zeigen, dass der KGB überall in Hochhuths Schauspiel seine Hände im Spiel hatte“.

Desweiteren verriet er, dass einer von Rolf Hochhuths engsten Freunden, David Irving, ein bekannter antisemitisch eingestellter Historiker und Holocaustleugner, für ihn Nachforschungsarbeiten über zwei dieser Schauspiele angestellt hatte. Die Verteidiger Pius XII. weisen auf die tragische Ironie der Tatsache hin, dass so viele führende Juden weiterhin dem Image Pius XII. als Hitlers Papst Glauben schenken – und das, wo es auf einem Schauspiel beruht, das von jemandem geschrieben wurde, der enge Beziehungen zu David Irving unterhielt.  

Auf die Behauptungen von General Pacepa hin verweist Prof. Michman darauf, dass die Nachforschungen über Pius XII. sich nicht auf die Anschuldigungen Hochhuths beschränkten, sondern ein viel größeres Feld abdecken und „auf viele Länder und Sachverhalte Bezug nehmen“.

„Das fragliche Material befindet sich über viele Archive verteilt – sowohl in Europa als auch jenseits seiner Grenzen“, so Prof. Michman gegenüber ZENIT. „Es ist praktisch unmöglich, dass die Sowjets all diese Dokumente gefälscht und gestaltet haben könnten. Die Experten, die die Untersuchung durchgeführt haben, kommen aus verschiedenen Kreisen und sind unterschiedlicher Herkunft. Deswegen erscheint die Verschwörungstheorie, d.h. dass ‚hinter allem die Sowjets/der KGB/Stalin stecken‘, unzureichend. Sie kann die Fülle des Untersuchungsmaterials und das Ausmaß der Kontroverse nicht rechtfertigen.“

Doch Gary Krupp, gebürtiger Jude und Gründer der Stiftung „Pave the Way“, lehnt Prof. Michmans Antwort ab und sagt, dass „das Argument, es seien so viele Dokumente aus so vielen Ländern vorhanden, unsinnig sei und nichts beweise“. Darüber hinaus wies er darauf hin, dass der Professor auf keinerlei legitime Dokumentation verweisen könne, die seine Position unterstützt. „Sie berufen sich auf Dokumente andere Vertreter des Vatikans und dann behaupten sie, ‚dass Pius XII. diese natürlich approbiert haben muss‘. Doch diese Logik geht einfach nicht auf und basiert auf einer Unwissenheit in Bezug auf die Realität und die Politik im Vatikan.“

Gary Krupp meint weiterhin, „dass niemand jemals behauptet habe“, die Sowjets hätten die Geschichte geändert. „Sie waren jedoch sehr wohl diejenigen, die die so genannte schwarze Legende, dass nämlich Pius XII. Hitlers Papst war, ins Leben gerufen haben. Die Revisionisten besorgten durch ihre fehlerhaften Übersetzungen, ihre zweitklassige Nachforschungsarbeit und ihre verborgene persönliche Agenda den Rest.“

[Übersetzung des englischen Originals von P. Thomas Fox LC]