Die Wallfahrt zu den Stationskirchen während der Fastenzeit 2012 geht zu Ende

Erfahrungsbericht einer Studentin an der Katholischen Universität in Rom

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ROM, 3. April 2012 (ZENIT.org) – Mit dem Beginn der Karwoche rückt das Ende der Wallfahrt der Stationskirchen näher. Sie wird am Mittwoch in der Karwoche zum Abschluss kommen.

Während der gesamten Fastenzeit waren Priester, Gläubige und Laien schon in den frühen Morgenstunden aufgestanden, um in ganz Rom die Heilige Messe in englischer Sprache in einer der Stationskirchen zu feiern.

ZENIT sprach mit der 20-jährigen Studentin Lauren Scharmer, die seit dem Beginn der Fastenzeit an der Wallfahrt der Stationskirchen teilnimmt. Sie stammt aus Lakeville im US-Bundesstaat Minnesota und studiert derzeit im Rahmen eines Austauschstudienprogramms der University of Colorado an der Katholischen Universität in Rom.

[Das Interview führte Ann Schneible]

ZENIT: Sie haben an fast allen Stationsgottesdiensten während dieser Fastenzeit teilgenommen. Können Sie uns Ihre bisherige Erfahrung schildern?

Scharmer: Als ich vor Beginn meines Auslandsaufenthaltes den Leuten davon erzählte, dass ich für ein Semester nach Rom gehen würde, hörte ich jedes Mal, dass ich die Stationskirchen auf gar keinen Fall auslassen dürfe. Ich ging deshalb also zunächst zu den Gottesdiensten. Man bekommt immer viele Ratschläge, bevor man verreist. Als mir dann nach meiner Ankunft die ganze Bandbreite der Spiritualität Roms bewusst wurde und ich erkannte, wie viel Geschichte in dieser Stadt lebt, wie weit sich alles zurückverfolgen lässt und wie viele Möglichkeiten es gibt, wusste ich, dass ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen wollte.

Als ich meinen Freunden von meinem Auslandsstudienaufenthalt hier in Rom und von meinem Vorhaben, diese Messen zu besuchen, berichtete, waren die meisten von ihnen schockiert darüber, dass ich dafür jeden Tag so früh aufstehen musste. Ich betrachtete die Gottesdienste jedoch als einen wesentlichen Bestandteil meiner Auslandserfahrung und als ein wichtiges Gestaltungselement meiner Fastenzeit.

Ich begann am Aschermittwoch, und abgesehen von einer während der Ferien in Frühling unternommenen Reise und einiger krankheitsbedingter Verhinderungen kam ich jedes Mal zur Messfeier. Aus verschiedenen Gründen hat sich diese als eine jener Erfahrungen meines bisherigen Aufenthaltes erwiesen, bei denen ich Demut in ihrer intensivsten Form erlebt habe. Zugleich zählt sie aber auch zu meinen beeindruckendsten Erlebnissen bisher.

ZENIT: Was hat Sie bei den Stationsgottesdiensten dieser Wochen besonders bewegt?

Scharmer: Da zum jetzigen Zeitpunkt nur noch eine ganze Woche der Fastenzeit vor dem Beginn der Karwoche vor uns liegt, ist in dieser Woche eine gewisse Dringlichkeit spürbar, noch so viel wie möglich aus der Fastenzeit herauszuholen. Viel klarer als während der restlichen Fastenzeit hat sich in mir die Erkenntnis festgesetzt, dass jetzt die Zeit ist, mich nach besten Kräften zu bemühen.

Aufgrund der Vorbereitungen auf die Karwoche und das darauf folgende Osterfest und auf die Freude, die uns daraus erwächst, waren die in dieser Woche gefeierten Gottesdienste besonders tiefe Erfahrungen der Demut für mich. Meiner Meinung nach liegt das daran, dass ich besonders feine Antennen für meine Umwelt entwickelt habe. Ein sehr eindrucksvolles Erlebnis während dieser Messen war es, mich im Bewusstsein der zuvor erwähnten Dringlichkeit der bevorstehenden letzten Woche umzusehen und zahllose Menschen zu erblicken: viele Menschen, die ich Tag für Tag sehe, und die dasselbe taten. Was die Welt als Opfer bezeichnen würde, begreifen wir als unseren Gang zum Messopfer. Diese Zeit ist eine Zeit der geschärften Wahrnehmung. Durch unsere Annäherung an das Osterfest erkennen wir, dass genau darin der Sinn verborgen liegt, dass es genau darauf ankommt. Und wir spüren, dass die anderen Mitglieder der Gemeinschaft zur selben Einsicht gelangt sind, und das ist sehr schön.

ZENIT: Was möchten Sie von dieser Erfahrung mitnehmen, wenn Sie in die Vereinigten Staaten zurückkehren?

Scharmer: Sehr wichtig ist es mir unter anderem, jene zwei Dinge zu behalten, die ich zuvor schon angesprochen habe: zunächst die Demut, die ich am Beispiel der teilnehmenden Menschen erfahren habe. Den Gottesdienst mit demütigem Herzen zu begehen, bedeutet letztlich auch, mit Demut auf das zu schauen, was manche Menschen als Komfort bezeichnen würden, beispielsweise das frühe Aufstehen, das für die  Seminaristen hier ein fester Bestandteil des Tagesablaufes ist. Der Gedanke daran, dass das Wachen für sie eine Selbstverständlichkeit ist, lenkt den Blick auf alle anderen Aspekte. Genau dieses Gefühl der Demut, das bei jeder Messe spürbar wird, sollte auch dort sein; das Gefühl der vollkommenen, unbeirrbaren und unerschütterlichen Gegenwart unseres Herrn bei jeder Messe. Wenn wir keine Demut finden, können wir das Wesentliche nicht voll und ganz begreifen.

Ich weiß aber auch, dass es nach meiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten anders sein wird. Dort gibt es nicht hunderte alter Kirchen, die man an jedem beliebigen Morgen besuchen kann. Doch das Gefühl der Ehrfurcht kennt keine geografischen Grenzen, denn letzten Endes entfaltet es sich auf jedem Altar, bei jedem Messopfer. 

[Übersetzung des englischen Originals von Sarah Fleissner]