Die Welt schaut wieder weg

Von Jürgen Liminski

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WÜRZBURG, 4. November 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Wiederholt sich die Geschichte? Kommt es wieder zu einem Völkermord? Die Bilder gleichen sich.

Zu Hunderttausenden fliehen die Menschen im Grenzgebiet von Ostkongo und Ruanda vor den Rebellen, die offensichtlich von der ruandischen Regierung unterstützt werden. Es sind vor allem Katholiken, friedliche Bauernfamilien, die mit Ackerbau und Viehzucht nach dem Krieg vor 14 Jahren ein neues Leben beginnen wollten. Seit dem 7. Oktober ist es wie damals. Die Felder sind leer, verlassene Kinder irren umher, Witwen und Alte suchen Schutz, Schulen sind überfüllt mit Flüchtlingen, die nichts haben. „Noch nicht einmal Decken oder eine Handvoll Bohnen und Samen, um sich irgendwo niederzulassen“, sagt Pater Georges Kotwa, Pfarrer der riesigen Pfarrei Rutshuru. Er weiß nicht, wohin mit den in Panik geflüchteten Menschen. Die Traumata der Vergangenheit sind plötzlich wieder wach und starren ihnen schreckvoll aus den Augen. „Die Mütter und Kinder, sie brauchen Wasser, sie brauchen Decken. Die Nächte sind schon so kalt.“ Knapp tausend Familien und mehreren tausend allein Umherirrenden muss Pater Georges ein Dach und etwas zu Essen besorgen. Mit den anderen Pallotiner-Patres in der Region ist er für viele die Hoffnung auf Überleben. „Kirche in Not“ arbeitet mit den Patres zusammen und hat eine Soforthilfe beschlossen.



Die Pfarrei Rutshuru gehört zur Diözese Goma. Die Stadt liegt im Norden der kongolesischen Provinz Kivu, am gleichnamigen See. Kivu ist seit Ende Oktober Beute des Rebellen Laurent Nkunda und seiner Soldateska. Sie brandschatzen, vergewaltigen und morden. So wie die flüchtenden Soldaten der kongolesischen Armee. „Kivu darf kein zweites Darfur werden“, sagt ein Helfer, der lieber nicht genannt werden möchte. „Aber Kivu ist schon ein zweites Darfur, nur die Weltöffentlichkeit will es nicht wissen“, stellt er dann resigniert fest. Die Welt dreht sich um die Finanzkrise. Im Schatten dieser Krise sterben die Menschen in Kivu an den Folgen eines unkontrollierten Krieges – vor den Augen der UNO und ihrer Truppen. Die Truppen sind gut ausgerüstet und dreimal so stark an Soldaten wie die Rebellen. Aber sie greifen nicht wirklich ein, sondern verlassen ihre Stellungen. Der Sicherheitsrat mahnt mit erhobenem Zeigefinger, statt Befehle zum Einsatz zu geben. Mehr als eine Million Menschen, realistische Schätzungen sprechen von 1,2 Millionen, sind mittlerweile in den Norden der Provinz geflüchtet, etwa so viel wie in Darfur. Und wie im Sudan, so werden auch im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo allerlei Gründe für den Krieg genannt: Ethnische Konflikte, Hutus gegen Tutsi, Übergriffe der Polizei, Unterdrückung von Minderheiten. Einer bleibt ungenannt: Die enormen Bodenschätze in der Region, auf die es auch die Regierung in Ruanda abgesehen hat.

Goma ist eine Diözese des Schreckens und der Hoffnung. Schon 1992 und 1993 wurde die Diözese mehrmals geplündert und zerstört. 1994 flohen mehr als eine Million Flüchtlinge aus Ruanda vor Krieg und Völkermord und überfluteten die Region. Allein eine Cholera-Epidemie verursachte damals den Tod von 50 000 Flüchtlingen. Sechsköpfige Familien lebten von weniger als einem halben Dollar pro Tag. Vor sechs Jahren brach der Nyiragongo-Vulkan aus. Es herrschte Chaos, Hungersnot. Trinkwasser fehlte, Dörfer und Stadtteile waren zerstört, die Felder unbrauchbar. Und doch schafften es die Patres und tapfere Schwestern immer wieder, den Menschen Hoffnung zu geben auf ein besseres Leben. Sie bauten Schulen und Gesundheitszentren. Jetzt ist wieder alles von Flüchtlingen überflutet. Ein halber Dollar, und eine Familie könnte leben. Die Welt aber steht im Bann der Börse. Mammon oder Menschlichkeit – in Kivu ist Elend und keiner geht hin. Nur „Kirche in Not“ und einige Nichtregierungs-Organisationen stemmen sich gegen die Flut des Elends und der Gewalt. Und die Welt schaut zu. Die Geschichte des Völkersterbens droht sich zu wiederholen.

[© Die Tagespost vom 4. November 2008]