Die Werdener altsächsische Evangeliums-Dichtung des Bischofs Heligandus, ins 21. Jahrhundert übertragen

Von Klaus Berger

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WÜRZBURG, 3. Oktober 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Sieben Jahrhunderte vor Luther hat man das ganze Evangelium in der Sprache unseres Landes gepredigt und aufgeschrieben. In unzähligen Statements zum angeblich rein lateinischen Mittelalter hätte man das besser wissen können und müssen. Nun ist die altsächsische Sprache zu beherrschen gewiß nur das Hobby weniger Zeitgenossen, aber vom Heliand haben doch die Älteren noch gerade etwas gehört, und der einprägsame Name („Heiland“) weckt zumeist auch die richtige Assoziation: Es handelt sich um ein Christus-Epos aus der Frühzeit der deutschen Literatur. Übrigens auch heute noch ein Werk, das jeden Leser in seinen Bann zieht, ihn begeistert in der innigen und herzhaften Weise zu glauben, in der liebevollen Inkulturation der vier Evangelien, in der treuherzigen und doch ganz unsentimentalen Art der Verkündigung.



Als ich die neue Prachtausgabe in der Hand hielt, war ich zunächst erschrocken über die Länge von 5964 Zeilen in 71 Fitten (Kapiteln), die man nur bewundern kann. Entstanden ist das Werk um 830, also etwa 30–40 Jahre vor dem verwandten Werk der Evangelienharmonie Otfrieds von Weißenburg (heute: Wissembourg in der Pfalz).

Man wusste auch bislang schon, dass der Heliand „abhängig“ ist von der Fuldaer Version der Evangelienharmonie des Syrers Tatian. Tatian (3. Jahrhundert nach Christus) hatte eine Art „biblische Geschichte“ quer durch die vier Evangelien hergestellt, die Diatessaron hieß („durch die vier“) und in vielfältige Sprachen übersetzt wurde. Das syrische Original ist nicht erhalten, aber die lateinische Version hat dann ihrerseits eine breite Wirkungsgeschichte gehabt. In dieser steht auch der altsächsische Heliand. Die einzige vollständige Handschrift hat denn auch den Titel „Evangelium der vier“.

Was man bisher nicht wusste war der Name des Verfassers und der Entstehungsort des Heliand. An diesem Punkt der Forschungsgeschichte setzt die Einleitung zur Neu-Übertragung ein und bringt Erstaunliches zutage. Um es kurz zu sagen: Der Verfasser hieß Heligandus (in der Spangenbergischen Chronik: Hilligandus) und war Bischof von Verden an der Aller, ein Bischofskollege des heiligen Ansgar in Hamburg.

Zunächst der Reihe nach: Verden an der Aller ist ein untergegangenes Bistum in Norddeutschland, so alt wie Paderborn und Münster, älter als Hildesheim (in dem sein Gebiet dann aufging) oder Halberstadt. In einer Bischofsliste wird ein Bischof Heligandus genannt, von 833–860 der neunte Bischof von Verden. Über ihn heißt es in einer neu gefundenen Quelle in den Acta Sanctorum (1658; Februar II), der heilige Tanco, Bischof von Verden in Sachsen habe „alle vier Evangelien in einem Buch zusammengeschrieben“, was zweifellos genau die Sache trifft. Wie auch immer sich Tanco und Heligandus zueinander verhalten – ist Heligandus Tancos Beiname wegen seines Werkes geworden? –, die Gründe für Verden als Entstehungsort häufen sich. Für das mühevolle Auffinden dieser Nachrichten, für die prächtige Neu-Übertragung und die reiche Ausgestaltung des Bandes haben wir dem katholischen Propst und ehemaligen Dechanten von Verden, Clemens Burchhardt, von Herzen zu danken. Ihm verdanken wir auch die Stiftung eines sehr ansprechenden Heligandus-Denkmals in Verden. Viele Verdener, in tiefster Diaspora situiert, werden fragen, was das denn für ein Hut sei, die Mithra, die der am Pult stehende und schreibende Bischof auf dem Kopf trägt.

Was aber dieses Werk theologisch und religiös bedeutet, das ist, und das zeigen etliche kommentierende Beiträge dieses wunderbar ausgestatteten Bandes, im Wesentlichen noch unerforscht. Der Grund liegt auf der Hand: Seit einhundert Jahren wird der Heliand zwischen verschiedenen Germanisierungsthesen hin- und hergeschoben und dabei fast zerdrückt. Musste nicht unbedingt Christus hier als der eiskalte germanische Superheld gezeichnet worden sein? Musste sich hier nicht zeigen, ein für allemal, was germanisches Heldentum am Christentum korrigieren (sic!) musste? Nun, der Spuk ist vorbei, und über die gegenüber den Evangelien eigenständige theologische Akzentsetzung orientiert ein kurzer Artikel von Martin Pertiet.

Den Neutestamentler bewegt, dass diese 6 000 Verse theologisch „aus einem Guß“ sind, so dass das Leben Jesu noch über die Evangelien hinaus zur lebendigen Predigt wird, so in der häufigen Gegenüberstellung von Demut (Jesu) und Übermut, die Geduld („Der mächtige Herr duldete alles, was das Volk ihm antat mit Geduld“), besonders aber die Erlösung durch den Leib, die die universale Menschheit erreichen konnte, die Liebe (Minne) zum Menschengeschlecht, die der letzte Grund der Erlösung ist. Die Erlösung selbst ist die vom Strafleiden. Und „Leib“ steht für „Lebenskraft“.

Dass die Menschen „aus der Hölle geholt“ wurden für das Himmelreich, das Wonneland, ist ein eher byzantinischer Gedanke – ähnlich wie auch die Riegel am Höllentor (5774ff). Auffällig häufig ist vom Licht die Rede, so etwa wenn die Jünger „das Licht Gottes minnen in ihrem Gemüt“ oder in Vers 1389: „Ich will euch sagen, meine Jünger, dass ihr in dieser Welt hinfort in der Wahrheit ein Licht sein sollt den Erdenkindern, über viele Völker funkelnd bei den Menschen, glänzend und leuchtend?“

Über die Evangelien hinaus besteht eine religiöse Zuwendung zum Blut (vgl. Muspilli) Jesu: „sein Blut rann auf die Erde, das Wundblut troff von unserem Herrn“. Originell ist die Deutung des Sich-Öffnens der Gräber nach Jesu Tod (Mt 27): „dass dort des Waltenden (=Gottes) Tod auch de sprachlosen Wesen erkennen sollten, sein Ende wahrnehmen“. Das Bekenntnis Petri wird zum Bekenntnis des Dichters, wenn dieser Petrus sagen lässt: „Du bist des Waltendem (Gottes) wahrhafter Sohn, des lebendigen Gottes, der dieses Licht erschuf, Krist, der ewige König! So wollen wir es bekennen alle, deine guten Jünger: Du bist Gott selber, der beste der Heilande.“

Mir selbst hat die Auslegung der Bergpredigt am besten gefallen – für den Verfasser die willkommene Gelegenheit, den Lesern die Meinung zu sagen. Die letzten Vaterunserbitten lauten übrigens so: „Alltäglich gib uns die Mittel zum Leben, treuer Gott, deine Heilige Hilfe... und lass uns nicht verführt werden von dem Bösen, zu wirken dessen Willen, wozu wir ja fähig sind, sondern erlöse uns von dem Bösen!“ Man erkennt den Verfasser als Seelsorger. – So kann man sagen: Der Bischof von Verden, der uns mutmaßlich um 830 dieses Werk geschenkt hat, kann als sprachgewaltiger Übersetzer und Interpret Tatians ganz im Sinne modernster funktionaler Übersetzungstheorie als großer theologischer Schriftsteller betrachtet werden.

[Burchhardt, Clemens: (Hrsg.): Heliand. Die Verdener altsächsische Evangelium-Dichtung von 830 übertragen ins 21. Jahrhundert, Verlag Wirtschaftsförderkreis Domherrenhaus, Postfach 1170, 27261 Verden, 2007, 312 Seiten, EUR 29, 80; © Die Tagespost vom 2. Oktober 2007]