Die Werte des Lebens dürfen nicht von Zeitgeist oder Politik bestimmt werden

Der Vorsitzende von Cristiani per servire (Christen zum Dienen) fordert Pflege und Rechte für seelisch und geistig Kranke

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Von Antonio Gaspari

ROM, 13. Februar 2012 (ZENIT.org).- Seit 1994 beschäftigt sich in Italien der Verein „Cristiani per servire“ mit den juristischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen Menschen mit geistigen und seelischen Leiden und ihre Familien leben.

Um sich ein Bild von der Lage zu machen, in der Menschen mit Behinderungen und Kranke im Allgemeinen leben, hat ZENIT anlässlich des Welttags der Kranken, der am vergangenen Samstag begangen wurde, den Vorsitzenden des Vereins, Franco Previte, interviewt.

ZENIT: Stimmt es, dass seelische Leiden in letzter Zeit stark zunehmen? Und wie reagieren die einzelnen Staaten darauf?

Previte: Geistige und seelische Störungen, von Depressionen bis hin zu schwerer Schizophrenie, glimmen immer stärker unter der Asche des Schweigens und der Gleichgültigkeit. Menschen aller Altersgruppen sind davon betroffen, vor allem jedoch die Jugend. Insgesamt trifft es etwa 20 Prozent der Bevölkerung: 16 Prozent leiden unter verschiedenen Formen seelischen Unbehagens, 4 Prozent unter geistigen Störungen.

Während die Krankheiten zunehmen, gibt der Staat immer weniger dafür aus, sie zu bekämpfen. Italien setzt ungefähr 3,4 Prozent seines Gesundheitsetats für die Bekämpfung geistiger Krankheiten ein. Zum Vergleich: In Tansania sind es 7 Prozent, in Australien 10 Prozent und in Großbritannien 15 Prozent.

Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendein auf geistige Störung zurückzuführender Vorfall die Öffentlichkeit schockiert.

Diese Familientragödien, die so oft von Menschen mit gestörtem psychischen Gleichgewicht verursacht werden, sind der Beweis und das Warnlicht eines weit verbreiteten Problems, das sich nicht den Regeln der Vernunft entziehen darf. Gleichzeitig muss auf die Sicherheit der Bürger geachtet werden.

Franco Basaglia, der Vater des Gesetzes Nr. 180, pflegte zu betonen, dass „ein Kranker gepflegt und nicht isoliert werden muss“.

Das Recht auf Gesundheitsschutz und -pflege „im Rahmen der Achtung der Person“ ist im Artikel 32 des italienischen Grundgesetzes verankert. Italien und die anderen Mitgliedstaaten der EU müssen mehr für die Vorbeugung tun und ihre Gesetze diesbezüglich aufeinander abstimmen.

Das ist es, was unser Verein schon mehrmals vom italienischen und vom europäischen Parlament gefordert hat.

ZENIT: Was erwarten Sie von der katholischen Kirche?

Previte: Ich bin froh, dass die katholische Kirche Menschenwürde und Moral verteidigt.
Am 13. Mai 1992 hat der Heilige Vater Johannes Paul II., der inzwischen seliggesprochen wurde, festgelegt, dass jedes Jahr am 11. Februar, dem Gedenktag der heiligen Jungfrau von Lourdes, diese Veranstaltung für die Kranken stattfinden soll. Sein Ziel war es, die Laiengesellschaft zu sensibilisieren, damit sie den Kranken die bestmögliche Pflege zukommen lässt, und den gläubigen Christen den Auftrag zu geben, den Leidenden immer zur Seite zu stehen. Gesundheit ist die wertvollste Gabe, die der Mensch vom Schöpfer erhalten hat. Am Welttag der Kranken gedenken wir jener, die in sich die Zeichen großen körperlichen und seelischen Leidens tragen.

Sich jener Menschen anzunehmen, denen körperliche Behinderungen auferlegt sind, aber auch jener, die in Geist und Seele leiden, ist ein Zeichen von menschlichem Zusammenleben und eine Grundpflicht aller Menschen, wie auch an diesem 20. Welttag der Kranken betont wurde.

Viele Leidende werden vergessen und sind für Menschen mit geringem Einfühlvermögen nichts weiter als eine Last, die zu tragen Aufgabe ihrer Familienangehörigen ist.

Wir dürfen nicht übersehen, unter welchen Bedingungen diese Familien leben; wir dürfen ihre Sorgen, ihre Hoffnungen, ihre Bedürfnisse nicht ignorieren, während die Gesellschaft eine oberflächliche Solidarität bekundet und sich dann mit unfassbarem Relativismus von ihnen abwendet.

Wir müssen der Welt der Leidenden jene Solidarität bringen, die sie erwarten können. Der Welttag der Kranken muss mehr als ein schlichter Gedenktag sein. Er muss sich als ein konstruktives, sinnvolles Ereignis durchsetzen.

Der Aufruf der katholischen Kirche zum Welttag der Kranken am 11. Februar erinnert uns Christen und gute Samariter, aber auch alle anderen daran, dass wir das Leben aller Menschen, auch der Kranken, in uns aufnehmen und schützen müssen.

Das Wort des Papstes ist eine Stimme, die keine Zweifel zulässt, denn „die Werte des Lebens dürfen nicht von Zeitgeschmack oder Politik bestimmt werden“ (Generalaudienz des Papstes vom 17. Oktober 2007).

[Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]