Die Zukunft der kirchlichen Bewegungen läuft über die Pfarrgemeinde

Interview mit P. Fabio Pieroni, Pfarrer von San Bernardo di Chiaravale (Rom)

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ROM, 2. Juni 2006 (ZENIT.org).- Kirchliche Bewegungen hätten nur Zukunft, wenn sie der Ortsgemeinde dienten, und Gemeindepfarrer brächten sich selbst um den großen Reichtum, den sie aus den Gemeinschaften schöpfen können, wenn sie diese Wirklichkeiten ignorierten. Das erklärt P. Fabio Pieroni (50), Pfarrer der römischen Pfarrgemeinde San Bernardo di Chiaravale, im Gespräch mit ZENIT. Der gebürtige Römer lernte als junger Mensch den Neokatechumenalen Weg kennen, erhielt im Priesterseminar der Diözese Rom seine Ausbildung und wirkt heute als Seelsorger in der Ewigen Stadt.



ZENIT: Welche Bedeutung hat das jetzige Treffen der kirchlichen Bewegungen und Gemeinschaften für das Leben der Gemeinden hier in Rom?

-- P. Fabio: Der Papst hat die Bewegungen ermutigt, und das ist eine Erfahrung, die sehr wichtig ist. Ich sehe das Besondere vor allem in diesem neuen Schritt der Zusammengehörigkeit. Die Charismen sind in sich ein Wunder.

Zweitens fördert der Papst die Begegnung der Bewegungen mit den Hirten der Kirche. Ihrer Entstehung entsprechend werden Bewegungen normalerweise von Gründern geleitet, die eine unverzichtbare und wichtige Eingebung des Heiligen Geistes umzusetzen versuchen. Aber es genügt nicht, der eigenen Intuition zu folgen, auch wenn dies im Blick auf die Kirche geschieht. Die Hirten und Seelsorger der Kirche müssen auch einen entsprechenden Zugang zu dieser Erfahrung bekommen, damit die Gründercharismen die Kirche wirklich von innen mit aufbauen können.

ZENIT: Sie erhoffen sich also vor allem eine ekklesiologische Durchdringung?

-- P. Fabio: Ich sehe eine dauerhafte Zukunft der Bewegungen nur in der Durchdringung der Gemeinden vor Ort und das verlangt eine Klärung unserer eklesiologischen Prämissen. Wir als Neokatechumenaler Weg müssen uns fragen: Wo siedeln wir unsere Zukunft an? Anders als manche andere Bewegung sind wir als Bereicherung der Pfarrgemeinde gegründet worden. Aber wo wollen wir unserem Selbstverständnis nach stehen?

Mich besorgt zum Beispiel, wenn es einem Seminaristen des vom Neokatechumenalen Weg inspirierten Priesterseminares "Redemptoris Mater" schwer fällt, sich eine Zukunft als "einfacher Gemeindepfarrer" vorzustellen; wenn mancher sich nur als "Wandermissionar" und Priester für die Gruppen des Neokatechumenalen Weges versteht.

Wenn wir unserem Grundauftrag folgen, dann ist da die Beauftragung, den Kern einer Pfarrgemeinde mit der grundlegenden Katechese christlicher Initiation zu bereichern. Dadurch soll dann die ganze Gemeinde erneuert und belebt werden. Der Weg versteht sich also ureigentlich als Leben spendendes Ferment der Ortsgemeinde.

ZENIT: Derzeit wird diese Bereicherung in der Pfarrgemeinde nicht immer so harmonisch erlebt. Wie könnte das verbessert werden?

-- P. Fabio: Zuallerst muss ich etwas voranschicken: Damit ein normaler Gemeindepfarrer den angebotenen Reichtum der Bewegungen als Hauptverantwortlicher der Seelsorge fruchtbar nutzen und natürlich auch leiten kann, muss er sie kennen und lieben lernen. Und lieben heißt nicht, die Gemeinschaften einfach nur "gut" zu finden. Mancher kann zum Beispiel die Präsenz von Bewegungen in den Pfarrgemeinden überhaupt nicht akzeptieren. Das macht die Notwendigkeit einer Vorbereitung für eine einfühlsame Zusammenarbeit deutlich.

Dasselbe gilt für einen Pfarrer, der einer Bewegung angehört oder der sich einer geistlichen Gemeinschaft verbunden fühlt. Als Gemeindeleiter kann er es mit seiner persönlichen Weise, Charisma und Gemeinde zu verbinden, schaffen, dass es bei allen Dissonanzen nicht zu Brüch,en sondern zu freundschaftlicher Verbundenheit kommt. Das ist zumindest meine Erfahrung hier als Pfarrer in San Bernardo. Es bedarf einzig einer inneren Disposition dafür.

Die Priester müssen auf theologischer Ebene über den Ort der Bewegungen unterrichtet werden. Sie müssen auf pastoraler Ebene während ihrer Ausbildung lernen, welche Gaben da zur Verfügung stehen und welche Gefahren und Versuchungen ein spezifisches Charisma mit sich bringen kann. Als Römer kann ich nur sagen, dass im hiesigen Priesterseminar noch herzlich wenig auf dieser Ebene geschieht. Deshalb werte ich die Initiative des Papstes, die Gemeinden in dieses Treffen einzubinden, besonders in seiner Eigenschaft als Oberhirte der Diözese Rom als hervorragend.

ZENIT: Was erhoffen Sie sich von Papst Benedikt XVI. hinsichtlich der Integration von Bewegungen und Gemeinschaften in die Ortsgemeinden?

-- P. Fabio: Nun, einiges geschieht ja gerade in Rocca di Papa: die Einbindung von Bischöfen und Vertretern der Kurie in diesen Prozess, der lange Zeit in einer direkten Kommunikation zwischen Papst Johannes Paul II. und den Gründern beziehungsweise Leitern der Bewegungen bestanden hat. Es handelte sich eben um eine exklusive Angelegenheit des Papstes, der vielleicht nun auch die Ebenen der subsidiären Strukturen der Ortskirche mitintegrieren will. Ich hoffe, dass es gelingt, die Bischöfe der Ortskirchen mehr in diesen Prozess einzubinden, weil wir als Bewegungen dieses Korrektiv brauchen.

Nehmen Sie doch einmal den Brief von Kardinal Francis Arinze, Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, an den Neokatechumenalen Weg. Es war bei aller Wertschätzung ganz klar ein Aufruf, mehr Integration, mehr Kompatibilität mit den Pfarreien zu suchen. Das wollen wir auch in unseren Statuten, die das unter Nr. 6,2 ausdrücklich bestätigen. Aber dafür braucht es immer wieder einen Prozess, einen Weg der Demut, der Unterscheidung der Geister im Sinne des heiligen Ignatius von Loyola. Es braucht dafür auch ein gereinigtes Verständnis von Freiheit und von geistlicher Vaterschaft, damit die Mitglieder der Bewegungen als Kinder Gottes leben und mit anderen Geschwistern gemeinsam die Schönheit des Glaubens erfahren können. Ich glaube, dass der Heilige Vater durch seine Form der Führung Entscheidendes dazu beitragen kann.