Die Zukunft des Libanon liegt im Miteinander

Interview mit dem libanesischen Präsidentschaftskandidaten und General Michel Aoun

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ROM, 11. Juni 2007 (ZENIT.org).- Der libanesische Politiker General Michel Aoun besuchte in der vergangenen Woche den Vatikan, um mit Erzbischof Dominique Mamberti zusammenzutreffen, der im Staatssekretariat des Heiligen Stuhls für die Beziehungen mit den Staaten zuständig ist.



Der christliche Präsidentschaftskandidat wurde 1935 geboren. Erst im Jahr 2005 wurde es ihm gestattet, nach 15 Jahren Exil in Paris (Frankreich) in seine Heimat zurückzukehren. Seitdem ist er einer der politischen Hauptakteure im krisengeschüttelten Land, für dessen Unabhängigkeit er eintritt. Die libanesischen Präsidentschaftswahlen werden im November 2007 abgehalten.

ZENIT hatte die Gelegenheit, den Vorsitzenden der oppositionellen Freien Patriotischen Bewegung zu interviewen. Aoun, der im Libanon die größte Parlamentsfraktion mit arabisch-christlicher Mehrheit anführt, besuchte den Vatikan, weil er im Kirchenstaat „die höchste geistliche Autorität innerhalb der katholischen Kirche“ sieht. „Wir können auch sagen, dass er im Kontext der christlichen Welt, ob nun katholisch oder nicht, eine bedeutende moralische Instanz ist. Die Positionen des Vatikans haben, was Ethik und Moral angeht, entscheidenden Einfluss. Und wir als Maroniten gehören zur katholischen Welt.“

Der Politiker wies auf die Krisensituation und die Anfechtungen im Libanon hin und erklärte, dass man es unter den gegenwärtigen Umständen als bedeutungsvoll ansehe, „die Verantwortlichen im Vatikan über den Lauf, den die Dinge nehmen, zu informieren“. In diesem Zusammenhang warnte er ausdrücklich vor einer Verzerrung der eigentlichen Situation der Bevölkerung durch ideologisch gefärbte Medienberichte.

„Zweifellos begegnen wir Menschen, die mit einer kritischer Vernunft ausgestattet sind und in der Lage, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden“, fuhr der 72 Jahre alte General fort. Ein solcher Zugang verleihe der Kirche das entsprechende moralische Gewicht und mache ihren objektiven Rat so wertvoll.

Nach seiner Einschätzung über die Existenz einer typischen arabischen Christenheit befragt, erinnerte Michel Aoun an die Ursprünge des Christentums auf der arabischen Halbinsel, das zu „eine der Urformen des Christentums gehört, das sich von Mesopotamien bis an die Grenzen von Indien ausbreitete“. Der Norden von Syrien bewahre eine Menge christlicher Zeugnisse, die man noch heute sehen könne, und die arabische Geschichte verfüge über genügend schriftliche Beweise, um zu belegen, dass Christen auf der ganzen arabischen Halbinsel sehr verbreitet waren.

Im Hinblick auf die Rolle der arabischen Christen heute, stellte der libanesische Politiker fest: „Die Christen im Libanon setzen sich aus Maroniten, Griechisch-Orthodoxen, Griechisch-Katholischen und jenen Christen zusammen, die anderen Bekenntnissen angehören. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass es fünf Patriarchen gibt, die den Titel ‚Patriarchen von Antiochien‘ tragen. Wir wissen alle, dass sich die ersten Christen und die Frohe Botschaft von Antiochien aus verbreitet haben.“

Aoun ist Autor eines Buches, in dem er auf „die christliche Präsenz im Osten“ und die historischen Wurzeln seines Volkes eingeht sowie auf die Tatsache, „dass wir keine Einwanderer sind, sondern Einheimische“, deren Ursprünge 662 Jahre vor der Entstehung des Islams zu finden seien. „Das, was arabisch ist, ist nicht notwendigerweise muslimisch.“

Der christliche Politiker wies darauf hin, dass „das Arabische“ alle Religionen einschließe. „Was die arabische Zivilisation angeht, so haben Christen viel daran gearbeitet, um sie zu erhalten und die arabische Sprache zu bewahren.“ Christen habe es unter den berühmtesten Autoren und Schriftstellern der Kalifen-Zeit gegeben.

„Die Araber gehören zur orientalischen Welt, und deshalb ist das Nachsynodale Apostolischen Schreiben für den Libanon so wichtig, das von Papst Johannes Paul II. verfasst und im Mai 1997 veröffentlicht wurde: Darin wird von den Christen des Libanons und des Orients gesprochen.“

Die Christen des Libanons sind nach Worten von Michel Aoun ein Vorbild für den ganzen Nahen Osten und Sicherheitsgarant für die Anwesenheit von Christen in den anderen arabischen Ländern der Region. Die Trennung von Staat und Religion sei unerlässlich, aber auch die aktive Beteiligung von Christen im gesellschaftlichen und politischen Leben. Bis zum Anfang der 70er-Jahre, als es zur Konfrontation zwischen Christen und Moslems (1975-1980) kam, habe das recht gut funktioniert.

Michel Aoun setzt für die Zukunft auf die friedliche Zusammenarbeit aller Kräfte. „Ohne die gleichberechtigte Beteiligung aller – Christen, Schiiten und Sunniten - gehe es nicht, so der Präsidentschaftskandidat. Er berief sich dabei auf das Vermächtnis des verstorbenen Michel Chiha (1891-1954), einem libanesischen Politiker, Herausgeber, Bankier und Vordenker, der die Libanesen gerne als „Phönizier“ bezeichnet hatte, und betonte: „Wer die christlichen Bekenntnisse im Libanon ausrotten will, der will in Wahrheit den Libanon auslöschen.“