"Dienen?"

Kommentar zum Evangelium am 31. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

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Von Msgr. Dr. Peter v. Steinitz*

MÜNSTER, 28. Oktober 2011 (ZENIT.org). – Im heutigen Sonntagsevangelium gibt uns der Herr wieder verschiedene Ratschläge. Er weiß natürlich, dass wir seinen Rat oft nicht annehmen. Aber er lässt nicht locker. Und gerade darin zeigt sich seine Liebe zu uns Menschen, dass er uns unermüdlich zum Guten mahnt und es in Kauf nimmt, dass wir ihn meistens enttäuschen. Denn auch das ist ein Aspekt der Menschwerdung Gottes, dass es ihm durchaus nicht gleichgültig ist, wie wir uns ihm gegenüber verhalten. Wir sind oft in der Lage von Kindern, die es gewohnt sind, ihren Eltern immer wieder Enttäuschungen zu bereiten, gleichzeitig aber wissen, dass die Eltern das immer wieder hinnehmen.

Es wäre daher wirklich nicht schlecht, wenn wir uns ab und zu die Mühe machten, uns vorzustellen, wie es dem Herrn in einem konkreten Zusammenhang zumute ist (wir sind es gewohnt, in erster Linie an unsere eigene Befindlichkeit zu denken). Was empfindet Jesus, wenn er zehn Aussätzige geheilt hat und nur ein einziger sich bedankt (der außerdem noch ein Ausländer ist)? Wie fühlt er sich, wenn er bei einem vornehmen Pharisäer eingeladen ist, und der ihm die einfachsten Zeichen der Gastfreundschaft und Höflichkeit – in diesem Fall die Fußwaschung – vorenthält? Sagen wir nicht, da steht er drüber. Dann wäre er ja nicht wirklich Mensch geworden „in allem uns gleich außer der Sünde“. Erst recht ist sein Herz getroffen von dem Verrat von Menschen, die er liebt, und die er fortwährend gefördert hat. Auch der Umstand, dass er vorher weiß, dass Judas ihn verraten wird, macht seinen Schmerz nicht geringer.

Aber, so könnte man einwenden, das ist jetzt und bei mir anders. Christus ist im Himmel und kann nicht mehr leiden. Und meine Fehler – na ja, die kann ich ja beichten, dann sind sie weg. Wenn ich sie tatsächlich beichte, ist es ja schon sehr positiv, denn viele Christen haben sich von der Beichte seit langem verabschiedet. Aber wenn wir uns klarmachen, dass der Sohn Gottes im Himmel nach wie vor auch der liebenswürdige Mensch Jesus ist, ist es zumindest eine grobe Gedankenlosigkeit, wenn ich meine, dass meine Fehler und Unterlassungen vor Gott letztlich nur Belanglosigkeiten sind. So denkt man von einem Fremden, aber nicht von einem Liebenden. Und warum ist Christus eigentlich am Kreuz gestorben, wenn es keine Sünden von uns Menschen gibt, sondern nur die „Sünde der Welt“? Was das Herz Jesu am meisten betrübt, ist nicht die Tatsache, dass wir sündigen, sondern dass wir seine Liebe nicht annehmen wollen.

Aber zurück zum Sonntagsevangelium. Jesus gibt uns den Rat, wir sollten, wenn wir groß sein wollen, den anderen dienen, denn „wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“. Sicher werden wir nicht bei einem Festmahl den Ehrenplatz einnehmen und in der Kirche in der ersten Reihe sitzen wollen. Unser Stolz zeigt sich in subtilerer Form: Wir haben es nicht gern, wenn man uns kritisiert, wir möchten unseren Willen durchdrücken, wir suchen die Anerkennung der Menschen. Und nun gibt uns Jesus den Rat, alle anderen zu bedienen. Diesen Rat nicht anzunehmen, ist vielleicht nicht ein gravierendes Unrecht. Aber wir könnten dieses Evangelium allemal dahingehend nutzen, dass wir zum Beispiel den Vorsatz fassen, die Worte Jesu so menschlich zu nehmen, wie sie gemeint sind, dass sie aus einem menschlichen Herzen kommen, das uns liebt. Denn dann kommt uns auch zum Bewusstsein, dass er uns nicht drücken, sondern erheben will. Und zwar erheben auf sein Niveau, denn er sagt von sich selbst: „Ich bin nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen“.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.