Diener Christi im Heiligen Land

Ein israelischer Priester erzählt seine Berufungsgeschichte

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JERUSALEM, 1. Dezember 2009 (ZENIT.org).- Wie kann die Freundschaft eines jüdischen Jugendlichen mit einer 90 Jahre alten russisch-orthodoxen Nonne, die noch dazu eine Adelige ist, zum katholischen Glauben führen und dann später dazu, ein Jesuit zu werden?

Das scheint ein unerwartetes Ergebnis zu sein, aber es ist die wahre Berufungsgeschichte von P. David Mark Neuhaus SJ, Vikar des lateinischen Patriarchats von Jerusalem für Hebräisch sprechenden Katholiken in Israel (www.catholic.il).

In seinem Interview mit ZENIT erzählt P. Neuhaus, wie er als Kind einer jüdischen Familie geboren wurde, die vor der Vernichtungsmaschinerie der Nazis in ihrer deutschen Heimat geflohen waren. Die Familie lebte in Südafrika, aber als Jugendlicher siedelte David nach Jerusalem über. Dort begegnete er einer orthodoxen Nonne, die im Gespräch über ihren Glauben, die Freude Christi ausstrahlte. Diese Gespräche mit der Ordensfrau gaben ihm den Anstoß nicht nur dazu, ein Christ zu werden, sondern auch für seinen Beruf, als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden zu dienen.

Pater Neuhaus lehrt Heilige Schrift im Priesterseminar des lateinischen Patriarchats und an der Universität von Bethlehem. Er promovierte in Politikwissenschaft an der hebräischen Universität in Jerusalem und erwarb seine Abschlüsse in Theologie an der Centre Sèvres Universität der Jesuiten in Paris und in der Heiligen Schrift am päpstlichen Bibelinstitut in Rom.


ZENIT: Wie sahen Sie die Religion als ein Kind? Waren Sie spirituell?

--Pater Neuhaus SJ: Ich wurde als Kind einer deutsch-jüdischen Familie geboren, die sehr wenig ihren Glauben praktizierte. In Südafrika fand sie Zuflucht vor der Naziverfolgung. Mein Vater ging zwar regelmäßig in die Synagoge, aber zu Hause übten wir unseren Glauben nur gelegentlich. Ich habe eine der besten jüdischen Schulen vor Ort besucht, wo wir jeden Morgen beteten, die Bibel, Religion und Hebräisch studierten. Der Glaube hat mich nicht besonders interessiert, denn ich war der Ansicht, dass Religion etwas für alte Menschen sei, die Angst vor dem Tod haben. Darüber hinaus galt damals für mich das Christentum als Wurzel des Leidens meiner Familie und dem Rest des jüdischen Volkes, insbesondere in Europa, anstatt als irgendetwas Spirituellem.

ZENIT: Sie konvertierten zu Christentum, als Sie in Israel lebten. Was hat Sie bekehrt?

--Pater Neuhaus SJ: Ich kam im Alter von 15 mit einer Leidenschaft für Geschichte in Israel an und ging auf die Suche nach einer russischen Prinzessin, von der ich gehört hatte, dass sie nach Jerusalem gezogen sei. Ich war ein jüdischer Jugendlicher und der Spross des russischen Reiches, den ich traf, war Mutter Barbara mit fast 90 Jahren, die schon seit mehr als 50 Jahren eine russisch-orthodoxe Nonne war. Wir verbrachten Stunden zusammen in Gesprächen über die letzten Tage des russischen Reiches, die Revolution und ihre Folgen. Im Laufe unserer Gespräche bemerkte ich, dass diese sehr alte und gebrechliche Dame vor Freude strahlte. Ich fand das sehr merkwürdig für jemanden, die fast vollständig bettlägerig war und beschränkt auf einen kleinen Raum in einem Kloster lebte mit keiner weiteren Aussicht als den Tod.

Eines Tages fasste ich den Mut und fragte sie: Warum sind Sie so fröhlich? Sie wusste, dass ich ein Jude war, und zögerte zuerst, dann aber fing sie an, von der großen Liebe in ihrem Leben zu sprechen, die Worte purzelten nur so heraus, und sie strahlte dabei immer mehr. Sie erzählte mir von Jesus Christus, über die Liebe Gottes, die sich durch ihn ausdrückt und über ihr Leben voll Freude mit ihm im Kloster. Ich war berührt und weiß heute, dass ich in ihrer strahlenden Freude zum ersten Mal das Gesicht Jesu sah. Unsere Gespräche setzten sich eine Zeit lang fort. Sobald ich ein paar Monate später meine Eltern traf, sagte ich ihnen, dass ich Christ werden wollte, und sie waren schockiert. Ich versprach ihnen, dass ich 10 Jahre warten würde, aber wenn das weiter ernst bleiben werde, müssten sie meinen Entschluss akzeptieren. Sie akzeptierten die Abmachung in der Hoffnung, dass ich in 10 Jahren zur Vernunft kommen würde.

ZENIT: Haben Sie jemals daran gedacht, am Ende ein katholischer Priester zu werden?

--Pater Neuhaus: Fast unmittelbar nach Begegnung mit Christus in Mutter Barbara spürte ich eine Berufung zum Ordensleben. Die Berufung zum Priestertum kam, sobald ich die Bedeutung der Gegenwart Christi im Sakrament der Eucharistie verstand. Ich wollte in der Gegenwart Jesu leben, und suchte jede Gelegenheit, um ihn kennenzulernen und zu den Menschen zu bringen. Ich spürte, dass die Welt Freude dringend nötig hatte, und dass Christus der Schlüssel zur wahren Freude war.

Die Momente, die mich in den ersten Jahren in denen ich Jesus kennenlernen wollte, am meisten beeindruckten, waren jene, als ich als Jugendlicher die heilige Liturgie in der russisch-orthodoxen Kirche besuchte. Das Lesen der Bibel kam später hinzu und blieb bis heute meine Leidenschaft. Es dauerte einige Zeit, bis ich mit der katholischen Kirche in Kontakt kam.

Die Universalität der katholischen Kirche und ihre Liebe und Fürsorge für die Welt zogen mich an. Mich ermutigten die Bemühung der katholischen Kirche um Versöhnung mit dem jüdischen Volk und die Bestrebung, die zutiefst verwerfliche katholische Lehre über Juden und Judentum zu korrigieren. Mich inspirierten die prophetische Lehre über Gerechtigkeit und Frieden in der katholischen Kirche und ihr Engagement für die Unterdrückten. Meine jüdische Familie und Freunde fragten mich: Wie kannst du Mitglied einer Gemeinschaft werden, die uns Jahrhunderte lang verfolgt hat?

Ich fand Trost in Persönlichkeiten wie dem seligen Papst Johannes XXIII., Kardinal Augustin Bea und den anderen Giganten des Zweiten Vatikanischen Konzils und die Neuformulierung der kirchlichen Lehre über die Juden. Früh begriff ich, dass wenn ich als Jude der Kirche beitreten wollte, ihr auch dienen müsse. Ich könnte nicht einfach als ein gewöhnlicher Christ leben. Lange vor meiner Taufe verstand ich, dass dieser Dienst damit verbunden sein werde, Christus durch das Sakrament und dem Dienst am Wort in der Welt gegenwärtig zu machen.

ZENIT: Was reizte Sie an den Jesuiten?

--Pater Neuhaus: Am Anfang war es nicht Ignatius von Loyola, er kam später in den 30-tägigen Exerzitien im ersten Noviziatsjahr hinzu. Anfangs zogen mich die ersten beiden Jesuiten an, die ich in Jerusalem traf: P. Peter SJ, ein Amerikaner, der mit Palästinensern als Professor für Philosophie und Theologie an der katholischen Universität in Bethlehem arbeitet (wo ich jetzt unterrichte), und P. José SJ, ein Nicaraguaner, der mit Hebräisch sprechenden Israeliten arbeitete und der kleinen Hebräisch sprechenden katholischen Kirche diente (dessen patriarchalischer Vikar ich bin).

Das Engagement dieser beiden Männer, die alles zurückgelassen hatten, um Christus zu dienen, hat mich tief berührt. Ich war von der soliden Spiritualität und der intellektuellen Gestalt der beiden Männer beeindruckt, sowie von ihrer Fähigkeit, komplexen Dingen ins Auge zu sehen und die Gegenwart nicht zu Slogans zu reduzieren. Am meisten faszinierte mich ihre gegenseitige Freundschaft im Herrn. Einer arbeitete in tiefer Solidarität mit den Palästinensern, der andere in tiefer Solidarität mit israelischen Juden, dennoch konnten sie über den Abgrund von Gewalt und Hass hinweg Freunde sein, gemeinsam beten, miteinander reden und lachen.

Dies eröffnete Möglichkeiten, die unsere Wirklichkeit abzuriegeln schien, und bot eine Hoffnung und einen Hauch von Leben, wo es keins zu geben schien. P. Jose bereitete mich auf die Taufe vor und taufte mich, P. Peter SJ begleitete meinen Eintritt in die Gesellschaft Jesu und legte mir bei meiner Priesterweihe die Priestergewänder an.

ZENIT: Sie sind ein Israeli, ein katholischer Priester, der in Jerusalem lebt, in dem Land, das Christus selbst durchwandert hatte. Welche besondere Dimension gibt dies ihrem Priestertum?

--Pater Neuhaus SJ: Leben, wo Jesus gelebt hat, umhergehen, wo er umhergegangen ist und unter seinem leiblichen Volk zu leben ist ein unglaubliches Privileg. Als Katholiken glauben wir, dass der Augenblick der Auferstehung Christi das Antlitz der Erde in ein „heiliges Land“ verwandelt hat, und alle Menschen, die an Christus glauben, in ein „heiliges Volk“. Aber dieses besondere Stück Land trägt die Spuren Jesu irdischen Lebens und die Spuren der Patriarchen, Priester, Könige, Weisen und Propheten Israels, die ihm vorausgegangen sind und ihm den Weg bereitet haben.

Jüngerschaft an diesem Ort zu leben, bedeutet bei jedem Schritt an die konkreten Liebestaten erinnert zu werden, die Jesus hier gelebt hat. Das Land, in dem wir leben, ist ein „Evangelium“, in dem die frohe Botschaft des Sieges über den Tod in Christus verkündet wird und von alldem, was zu diesem Sieg geführt hat. Für mich ist das Zentrum die Auferstehungskirche (auch Grabeskirche genannt). Ich versuche regelmäßig zum Beten dorthin zu gehen, und meine Berufung immer wieder neu zu beleben und für die Kirche zu bitten, dass wir der Liebe Christi für die Welt treu sein könnten.

Neben der Feier der Sakramente und der Wortverkündigung habe ich ein ganz besonderes Privileg in diesem Land, wo ich als Professor der Heiligen Schrift im Priesterseminar arbeite. Eine besondere Aufgabe hier in der Lehre der Heiligen Schrift ist, unsere jungen Seminaristen, Jordanier und Palästinenser dazu zu verleiten, es als Geschenk betrachten zu können, die Heilige Schrift in dem Land zu lesen, in dem sie geschrieben wurde, die Sakramente in dem Land zu feiern, in dem sie eingesetzt wurden.

Darüber hinaus diene ich hier in diesem Land der kleinen Hebräisch sprechenden Kirche. Auf Hebräisch zu beten, das Alte Testament in seiner eigenen Sprache zu studieren und Teil der jüdisch-israelischen Gesellschaft zu sein, ist eine ständige Erinnerung an die Treue Gottes durch alle Zeiten, vor allem aber ab dem Zeitpunkt, wo er zu Abraham sagte: "Ein Segen sollst du sein" (Gen 12,2).

ZENIT: Was ist für Sie der wichtigste Aspekt des Priestertums?

Pater Neuhaus: Ich habe selbstverständlich mit angehaltenem Atem darauf gewartet, meine erste Eucharistie feiern zu dürfen, Diener der Realpräsenz Christi in einer Welt zu werden, die ihn so dringend braucht. Aber ich war überrascht, was für eine Gnade das Hören der Beichte bedeutet. Als Beichtvater zu dienen, ist für mich nach wie vor einer der wichtigsten Aspekte des Priestertums, denn im Sakrament der Vergebung können wir in einer sehr realen und direkten Weise die konkrete Gestalt Jesu berühren, der Vergebung predigte, sie lebte und für sie starb. Ich erwartete die menschliche Verwandlung, die am eucharistischen Tisch geschieht, und wurde nicht enttäuscht, aber die Macht der Absolution von der Sünde verschlug mir den Atem. Immerzu werde ich durch meine menschliche Schwäche daran erinnert, wie unwürdig ich bin, Priester zu sein, dennoch bin ich überrascht von der Arbeit der Liebe, die Gott durch jene tut, die er zu Priestern erwählt hat.

ZENIT: Sie waren im Mai bei der Begrüßung des Papstes im Heiligen Land dabei. Wie war das für Sie?

--Pater Neuhaus SJ: kurz vor dem Besuch des Heiligen Vaters im Mai 2009 wurde ich zum Vikar des lateinischen Patriarchats für Hebräisch sprechende Katholiken ernannt. Als Mitglied der örtlichen Diözesankurie gehörte ich zu denen, die jeden Schritt des Besuchs des Heiligen Vaters begleiteten. Ein Besuch im Heiligen Land ist wegen des Konfliktes zwischen den beiden Völkern, die hier leben, den israelischen Juden und palästinensischen Arabern, wie das Betreten eines Minenfeldes. Aber beeindruckend war die Liebe, Besorgnis und tiefe Sorge des Heiligen Vaters, die er für beide Völker ausstrahlte und der Mut, mit dem er die Botschaft der Hoffnung auf Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden verkündete. Zweifellos gehörten die vier Momente der Eucharistiefeier (in Amman, Jerusalem, Bethlehem, Nazareth) zum Höhepunkt. Bei diesen Gelegenheiten strahlte der Heilige Vater die Freude aus, die mich von Anfang an für die Kirche gewonnen hatte. Wir haben Freude in unserer politischen Situation bitter nötig, die für uns der Grund für ständige Angst ist.

ZENIT: Was würden Sie einem jungen Mann sagen, der heute über eine Berufung zum Priestertum nachdenkt?

--Pater Neuhaus SJ: Seit 10 Jahren arbeite ich als Professor der Heiligen Schrift in unserem diözesanen Priesterseminar. Ich habe daher oft die Gelegenheit lange und eingehend mit denen zu sprechen, die sich zum Priestertum berufen fühlen. Ich sage zu ihnen: Wir brauchen heilige Priester, die als Diener der Gegenwart Gottes in den Sakramenten das Leben Gottes unter uns ausstrahlen und das Gottes Wort mit Überzeugung predigen. Wir brauchen Priester, die voll Glauben sind, die Hoffnung ausstrahlen, die die Männer und Frauen unserer Zeit lieben und mit Freude leben ... ja, die Freude ist unser greifbares Zeugnis für den Sieg über Angst, Sünde und Tod, den Christus durch die Auferstehung bereits für uns gewonnen hat in einer Welt, in der es kaum Anzeichen für diesen Sieg gibt.

[Von Karna Swanson, Übersetzung aus dem Englischen Susanne Czupy]