„Diener der Eucharistie“: Kardinal Hummes über das Priesterjahr (Teil 1)

Interview mit dem Präfekten der Kongregation für den Klerus

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ROM, 4. Juni 2009 (ZENIT.org).- Das Priesterjahr, das Papst Benedikt XVI. anlässlich des 150. Todestages des heiligen Pfarrers von Ars, Jean-Marie Vianney (1786 - 1859) ausgerufen hat, wird am 19. Juni feierlich eröffnet werden. Es soll den Priestern helfen, sich der Schönheit ihrer Berufung und ihrer großen Würde bewusst zu werden. Im vorliegenden ZENIT-Interview lädt Kardinal Cláudio Hummes, Präfekt der Kongregation für den Klerus, Diözesen und Pfarrgemeinden ein, diesbezüglich besondere Akzente zu setzen.

ZENIT: Worin besteht das Hauptziel des Priesterjahres?

Kardinal Hummes: Vor allem im Anlass: Es wir ein Jubiläumsjahr anlässlich des 150. Todestages des heiligen Pfarrers von Ars sein. Dies ist der äußere Umstand. Der Hauptgrund jedoch besteht darin, dass der Papst den Priestern seine besondere Aufmerksamkeit schenken will. Er möchte zeigen, wie sehr er sie liebt, und er will ihnen helfen, ihre Berufung und Sendung voller Freude und Begeisterung zu leben.

Die Herausforderung besteht darin, gut zu verstehen, wie man in der heutigen Zeit Priester sein soll - nicht um die Welt zu verurteilen, sondern um sie zu retten, so wie Jesus gesagt hat, dass er nicht gekommen sei, um die Welt zu verurteilen, sondern um sie zu retten. Das muss der Priester aus ganzem Herzen tun, mit großer Offenheit, ohne die Gesellschaft zu verteufeln. Er muss in sie eingegliedert sein, aber mit jener missionarischen Freude, die jene auszeichnet, die die Menschen zu Jesus Christus führen dürfen.

Es muss uns allen die Möglichkeit geboten werden, gemeinsam mit den Priestern für die Priester zu beten. Und die Priester sollten zum Gebet ermutigt werden. Darüber hinaus geht es darum, Initiativen in die Wege zu leiten, die dazu verhelfen, dass die Priester Bedingungen vorfinden, die es ihnen erleichtern, ihrer Berufung und Sendung gerecht zu werden.

Das Priesterjahr ist ein positives Jahr, in dem viele Vorschläge gemacht werden können. In erster Linie geht es nicht darum, die Priester zu „korrigieren". Es gibt Probleme, die gelöst werden müssen, und die Kirche darf diesbezüglich die Augen nicht verschließen, aber wir wissen auch, dass die große Mehrheit der Priester ein würdevolles Leben führt, dass sie sich ganz ihrem Dienst und ihrer Berufung verschreiben. Sie geben das Leben für diese Berufung hin, zu der sie sich aus freien Stücken entschlossen haben.

Bedauerlicherweise gibt es Probleme, die wir in den letzten Jahren besonders stark gespürt haben. Sie betreffen den Missbrauch von Kindern oder andere schwere Delikte sexueller Natur. Allerdings sind davon höchstens vier Prozent des Klerus betroffen. Die Kirche will den übrigen 96 Prozent sagen, dass sie stolz auf sie ist und dass sie Männer Gottes sind; dass wir ihnen helfen und all das anerkennen wollen, was sie tun und mit ihrem Leben bezeugen.

Das Priesterjahr ist auch eine willkommene Zeit, um vermehrt die Frage zu stellen, wie man in dieser sich verändernden Welt Priester sein soll, und darüber intensiv nachzudenken - in dieser Welt, in der Gott die Priester dazu berufen hat, heilend zu wirken.

ZENIT: Warum hat uns der Papst gerade den heiligen Pfarrer von Ars als Vorbild für die Priester vor Augen geführt?

Kardinal Hummes: Weil er seit schon sehr langer Zeit Patron der Pfarrer ist. Er gehört zum Leben des Priesters dazu. Wir wollen ihn besser bekannt machen, aber auch die verschiedenen Länder, Bischofskonferenzen und Ortskirchen dazu veranlassen, einige beispielhafte Priester aus ihren Breitengraden auszuwählen und sie allen Priestern vor Augen zu führen. Wir bitten darum, Männer und Priester bekannt zu machen, die wirklich inspirierende Vorbilder sind, die die Überzeugung zum Ausdruck bringen, dass das Priestertum sehr wertvoll ist und große Bedeutung hat, und die zur Erneuerung des Priestertums beitragen können.

ZENIT: Was ist für Sie selbst der schönste Aspekt der Priesterberufung?

Kardinal Hummes: Bei dieser Frage kommt mir der heilige Franz von Assisi in den Sinn, der einmal gesagt hat: „Wenn mir auf meinem Weg ein Priester und ein Engel begegnen würde, so würde ich zuerst den Priester und dann den Engel begrüßen. Warum? Weil es der Priester ist, der uns in der Eucharistie Christus schenkt." Das ist das Wesentlichste und Wunderbarste: Der Priester hat die Gabe und die Gnade Gottes, Diener dieses großen Geheimnisses der Eucharistie zu sein.

Das Priestertum ist beim letzten Abendmahl von Jesus Christus gestiftet worden, als er sagte: „Tut dies zu meinem Gedächtnis." Den Aposteln wurden der Auftrag und auch die Vollmacht übertragen, dasselbe zu tun wie Jesus beim letzen Abendmahl. Und die Apostel haben dieses Geheimnis und diese göttliche Macht ihrerseits an jene Männer weitergegeben, die heute Bischöfe und Priester sind.

Das ist das Wichtigste und Zentralste. Die Eucharistie ist die Mitte der Kirche. Papst Johannes Paul II. hat gesagt, dass die Kirche aus der Eucharistie lebt. Der Priester ist Diener dieses großen Sakraments und Gedächtnisses des Todes Jesu.

Dann gibt es da noch das Sakrament der Versöhnung. Jesus ist gekommen, um die Welt mit Gott und die Menschen miteinander zu versöhnen. Er hat den Aposteln den Heiligen Geist geschenkt, indem er sie anhauchte. Er hat den Aposteln in seinem Namen und in Gottes Namen das gegeben, was er mit seinem Blut und seinem Leben am Kreuz erlangt hat, als er zur Vergebung der Sünden Gewalt in einen Liebesakt verwandelte. Das ist für alle grundlegend. Jeder wünscht sich, dass ihm seine Sünden vergeben werden, jeder will mit Gott und den anderen im Frieden sein. Das Geheimnis der Versöhnung ist im Leben eines Priesters von großer Bedeutung.

Außerdem gibt es zahlreiche weitere Tätigkeiten wie die Evangelisierung - die Verkündigung der Person des gestorbenen und auferstandenen Jesus Christus, die Verkündigung seines Reiches. Die Welt hat ein Recht darauf, Jesus Christus und all das kennen zu lernen, was sein Reich ausmacht. Das ist ebenfalls ein besonderer Dienst des Priesters. Er teilt diesen Dienst mit dem Bischof und den Laien, die das Wort verkünden und die Menschen zu einer starken und ganz persönlichen Begegnung mit Jesus Christus führen.



Das Interview führte Carmen Elena Villa; Übersetzung von Armin Schwibach und Dominik Hartig