"Dies irae" - Tag des Gerichts und Tag des Erbarmens

Impuls zum Christkönigssonntag

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 383 klicks

Mit dem Hochfest Christus König geht das Kirchenjahr zuende, das eine Woche später mit dem ersten Adventssonntag neu beginnt. So wie der Advent den Beginn unseres Heils symbolisiert, ebenso folgerichtig steht das Christkönigsfest am Ende des liturgischen Jahres, denn am Ende der Heilszeit steht ja die Wiederkunft Jesu Christi, des Königs der Könige.

Wie das zweite Kommen Jesu Christi sein wird, lesen wir im Evangelium nicht. Da heißt es nur, dass er “wiederkommen wird in Herrlichkeit”, und das Glaubensbekenntnis fügt hinzu: “zu richten die Lebenden und die Toten” (Apostolisches Glaubensbekenntnis).

Wir können uns darauf freuen, denn dieses gewaltige Tribunal, das “Jüngste”, d.h. das “Letzte Gericht”, wird einerseits äußerst dramatisch sein (alle Menschen aller Zeiten vor dem Richterstuhl Christi), andererseits wird dann das geschehen, was vielen Menschen Zeit ihres Lebens zu schaffen macht, nämlich die Frage wird endgültig gelöst, warum es so viel Ungerechtigkeit in der Welt gibt. Böse Menschen leben in Glück und Frieden, gute Menschen müssen leiden. Für manch einen ist das ein Problem für ihren Glauben: Warum lässt Gott das zu?

Christus selbst hat diese Frage in einem seiner Parabeln geklärt. In dem Gleichnis vom reichen Prasser und dem armen Lazarus geschieht zunächst das, was uns in immer neuen Varianten so unangenehm aufstößt. Da ist ein Reicher, der im Überfluss lebt und dem Armen nichts abgibt, während der Arme unsagbare Schmerzen und Demütigungen erleidet.

In unsere Zeit übertragen: uns Europäern geht es unverschämt gut, und die bettelarmen Flüchtlinge – aus welchem Grund auch immer sie nach Europa wollen – ertrinken im Mittelmeer.

Das als ungerecht zu empfinden, und womöglich Gott dafür Vorwürfe zu machen, liegt nahe. Aber hier ist ein Gedankenfehler. Alle diese ungerechten Situationen werden nämlich nur im Licht der diesseitigen Welt betrachtet, und dann bleiben sie unverständlich. Wer dagegen bedenkt, dass das Leben der Menschen nach dem Tod weitergeht, sieht, dass in Gott alles mit größter Gerechtigkeit ausgeglichen wird. “Nil inultum remanebit” Nichts bleibt ungerächt, so singt die Kirche im Dies Irae.

So wird also der Weltenrichter dafür sorgen, dass am Ende jedem Menschen vollkommene Gerechtigkeit widerfahren wird.

Aber was dann? Christus postiert die Guten zu seiner Rechten und die Schlechten zu seiner Linken. Wenn es jetzt nur nach der Gerechtigkeit ginge, wer würde den Platz zu seiner Rechten verdienen? Auch sie sind Schafe, die nicht alles richtig gemacht haben. Es muss also beim Jüngsten Gericht außer der Gerechtigkeit auch die Barmherzigkeit Gottes ins Spiel kommen.

Auf den großen Darstellungen des Gerichts in der bildenden Kunst ist die Barmherzigkeit personifiziert dargestellt durch die Jungfrau Maria. Ihre mütterliche Güte appelliert an das Erbarmen des Richters, und ihre Fürsprache ist mächtig. Sogar allmächtig, sagt der hl. Bernhard von Clairvaux. Er nennt Maria die “Omnipotentia supplex”, ein Titel, den auch schon die alten Kirchenväter gebraucht haben. Sie, die selbst ein schwacher Mensch ist (allerdings ganz sündenlos), hat Macht über das Herz des Herrn, da sie seine Mutter ist. So menschlich ist Gott!

Und menschlich ist auch die Begründung dafür, dass die zu seiner Rechten das Reich Gottes erben dürfen. “Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben” usw. Diese Worte des Herrn sind so einprägsam, dass sie praktisch jeder kennt. Dass es Christus war, der uns um ein Almosen bat, dass er der Kranke war, den wir besucht haben – wir alle werden uns darüber wundern. Und die zu seiner Linken werden denken: Ja, wenn ich das gewusst hätte!

Im Grunde ist es also gar nicht so schwer, ins Reich Gottes zu gelangen. Das Kriterium ist nicht, dass wir große Leistungen vollbracht haben sollen. Aber auch nicht, dass wir formell alles richtig gemacht haben (immer die Kirchensteuer bezahlt, immer sonntags in die Kirche gegangen).

Nicht von ungefähr stellt uns die Kirche im Monat November, kurz vor dem Fest des Weltenkönigs, zwei große Heilige der Nächstenliebe vor Augen, den hl. Martin und die hl.Elisabeth. So also soll man es machen. Werke der Barmherzigkeit.

Das letzte Buch der Bibel, die Apokalypse, bestätigt es: “Selig, die im Herrn sterben, denn ihre Werke folgen ihnen nach” (vgl. Off 14,13).

Eine letzte Frage: welches sind die Werke der Barmherzigkeit? Die Kirche bietet konkrete Hinweise (Merke: im inneren Leben geht es nur weiter, wenn unsere Vorsätze konkret sind, allgemeine Absichtserklärungen, wie “ich will mich mehr um die Nächstenliebe bemühen” o.ä., bleiben wirkungslos).

Das neue Gotteslob nennt uns die “leiblichen” und die “geistlichen Werke der Barmherzigkeit.

Die leiblichen Werke sind:

Hungernde speisen
Durstigen zu trinken geben
Nackte bekleiden
Fremde beherbergen
Kranke besuchen und
Tote in Würde verabschieden.

Die geistlichen Werke sind:

Unwissende lehren
Zweiflern raten
Trauernde trösten
Sünder zurechtweisen
Denen, die Leid zufügen, verzeihen
Lästige ertragen und
Für alle beten         (Gotteslob Nr. 29)

Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich).