„Dieser Mensch hat eine Erfahrung mit Gott gemacht“: Dr. Erna Putz über Franz Jägerstätter

Interview zur Seligsprechung am 26. Oktober im Linzer Mariendom

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WIEN, 19. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Heute in einer Woche, am österreichischen Nationalfeiertag, wird Franz Jägerstätter (1907-1943) um 10.00 Uhr im Linzer Marien zur Ehre der Altäre erhoben. Kardinal José Saraiva Martins, Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, wird im Namen von Papst Benedikt XVI. die Seligsprechung vornehmen.



Über die Aktualität des Bauernsohns und Mesners aus St. Radegund in Oberösterreich, den die österreichischen Bischöfe als „Märtyrer des Gewissens“ und „Zeuge der Seligpreisungen der Bergpredigt“ gewürdigt haben, sprach ZENIT mit der Theologin und Jägerstätter-Biographin Erna Putz. Ihr neuestes Werk: „Franz Jägerstätter. Der gesamte Briefwechsel mit Franziska. Aufzeichnungen 1941 – 1943. Mit einem Geleitwort von Manfred Scheuer“ ist vor kurzem im Styria-Verlag erschienen.

„Der Glaube Franz Jägerstätters, seine Liebe zu Gott hat mich im tiefsten Innersten bewegt – ja, umgedreht. Ich habe gedacht: ‚Ich möchte auch heilig werden wie er.‘“

ZENIT: Was hat Sie dazu veranlasst, sich so ausführlich mit dem neuen Seligen Franz Jägerstätter zu befassen?

Dr. Putz: Es war eine „zufällige“ Begegnung mit Franziska Jägerstätter. Ich hatte eine Reportage über St. Radegund zu machen: Pfarrer Steinkellner hat mich zur Mesnerin und Leiterin der Frauenbewegung gebracht, dies war die Witwe von Franz Jägerstätter. Nach dem Gespräch über ihre aktuellen Aufgaben in der Pfarre ist sie aufgestanden, in ihr Zimmer gegangen und mit einem Bündel vergilbter Schriften zurückgekehrt. Ich habe das Heft mit der Aufschrift: „Im Kerker geschrieben“ aufgeschlagen. Auf Seite eins stand: „Christusjünger sollen mit dem Salz übernatürlicher Werte andre vor sittlicher Fäulnis bewahren, ihnen aber nicht das Leben versalzen. Ihr Licht soll leuchten, nicht blenden.“ Sowie: „Christus fordert eine Religion der Gesinnung und Tat.“ Weiter heißt es: „Feindesliebe ist nicht charakterlose Schwäche, sondern heldische Seelenkraft und Nachahmung des göttlichen Vorbildes.“

In diesem Moment durchfuhr es mich: „Dieser Mensch hat eine Erfahrung mit Gott gemacht!“ Vorher hatte ich nur gehört, dass dieser Innviertler Bauer zwar interessant, aber doch eine Art Sonderling gewesen sei. In der Folge hatte ich dann das Gefühl, es würden mir die Hände verbrennen, wenn ich das, was ich da in der Hand gehabt hatte, nicht weitergeben würde.

ZENIT: Was bedeutet Franz Jägerstätter Ihnen ganz persönlich?

Dr. Putz: Es war eine Arbeit von Monaten seine vielen Briefe und Aufzeichnungen, die soeben neu erscheinen, aus der Kurrentschrift in die Schreibmaschine zu übertragen. Manchmal war ein Wort schwierig zu entziffern. Nichts zuvor in meinem Leben ist mir so nahe gegangen.

Der Glaube Franz Jägerstätters, seine Liebe zu Gott hat mich im tiefsten Innersten bewegt – ja, umgedreht. Ich habe gedacht: „Ich möchte auch heilig werden wie er.“ Persönlich bedeutet mir auch die Beziehung zu seiner Frau Franziska sehr viel. Auch sie ist mir Vorbild in vielerlei Hinsicht.

ZENIT: Was, glauben Sie, ist seine Botschaft für die heutige Zeit?

Dr. Putz: Während der Extremsituation des Krieges standen viele Menschen unter großem politischen Druck. Sie meinten, überhaupt keinen Handlungsspielraum mehr zu haben; sie wagten nicht, auf ihr Inneres zu hören oder das Beispiel Jesu auf ihre Situation anzuwenden.

Franz Jägerstätter hatte einen Blick für die großen politischen Zusammenhänge und für seinen Anteil am Geschehen. Der gekreuzigte und auferstandene Christus gab ihm den Rückhalt, ein „Nein“ zum ungerechten Krieg zu sagen und die Konsequenzen auf sich zu nehmen. Heute würde er uns vielleicht sagen: „Schau genau hin und nutze die Möglichkeiten, die du hast.“

Franz und Franziska Jägerstätter beteten zusammen und lasen in der Heiligen Schrift – dies vertiefte ihr Glück. Die Seligsprechung könnte anregen, gemeinsam zu beten. Beide Jägerstätters sahen sich als Laienapostel und wollten, dass auch andere Jesus entdecken.

ZENIT: Was sind die ergreifendsten Anekdoten dieses „Märtyrers des Gewissens“, die Ihnen jetzt spontan einfallen?

Dr. Putz: Franz Jägerstätter war fünfeinhalb Monate in Haft, davon die letzten 34 Tage als Todeskandidat rund um die Uhr gefesselt. Den Briefen nach zu schließen dürften die ersten Wochen am schwierigsten gewesen sein. Es kommen ihm Gedanken an Selbstmord. Auch sein Glaube war erschüttert; als Konsequenz seines Glaubens war er schließlich in diese Situation gekommen.

Die Erinnerung an das Glück und die Liebe in der Ehe mit Franziska hielt in dieser Anfechtung. Er schreibt an sie am 9. April 1943: „Liebste Gattin, heute waren es sieben Jahre, da wir uns vor Gott und dem Priester Liebe und Treue versprochen und ich glaube, wir haben dies Versprechen auch bis heute treu gehalten und ich glaube, dass uns auch Gott weiterhin die Gnade verleihen wird, wenn wir auch jetzt getrennt leben müssen dieses Versprechen bis zum Ende unseres Lebens treu zu halten. Wenn ich so Rückschau halte und all dies Glück und die vielen Gnaden, die uns während dieser sieben Jahre zuteil geworden sind, die manchmal sogar an Wunder grenzten, betrachte und es würde mir jemand sagen, es gibt keinen Gott oder Gott hat uns nicht lieb und würde dies glauben, wüsste ich schon nicht mehr, wie weit es mit mir gekommen wäre.“

Aus den Aufzeichnungen der letzen Monate spürt man, wie Franz Jägerstätter nach einer Phase des Ringens Trost und inneren Frieden findet: Er möchte die kleine schmutzige Zelle nicht mit einem halben Königreich tauschen, wenn er dafür ein Stück seines Glaubens geben müsste.

ZENIT: Franz Jägerstätter wird selig gesprochen: Wie erleben Sie diesen Augenblick, wie bereiten Sie sich darauf vor?

Dr. Putz: Bei der ersten Nachricht über die positive Entscheidung des Heiligen Vaters bin ich erschrocken. Es ist noch einmal etwas anderes wenn die Kirche sagt: „Dies ist Vorbild geglückten Leben und Sterbens.“ Wie müssten da mein Glaube und mein Einsatz für Gerechtigkeit aussehen?

Im Moment sind meine Tage sehr angefüllt, das Interesse der Medien ist groß. Einiges ist zu schreiben, die Gebetsnacht hier in Ostermiething vom 27. auf 28. Oktober ist vorzubereiten. Aus aller Welt kommen Gäste, da ist viel zu organisieren. Franziska Jägerstätter ruft manchmal an, weil ich sie jetzt so selten besuche.

Irgendwie spüre ich in meinem Inneren, wie die Feier der Seligsprechung bereits ausstrahlt. Es ist ein Friede da, den der Trubel nicht berührt.

Ich denke, die Seligsprechung wird ein großes Fest für ganz Österreich und darüber hinaus werden, und ich freue mich, dass ich im Linzer Dom (hoffentlich) dabei sein werde. Höhepunkt wird die Liturgie sein, ich freue mich aber auch sehr auf die Begegnungen.