Dietrich von Hildebrand, „Stimme der Vernunft“ in einer skeptischen Welt

Interview mit John Henry Crosby, Gründer des „Dietrich von Hildebrand Legacy Project“

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ALEXANDRIA, 21. Juni 2007 (ZENIT.org).- In einem Zeitalter, das die Hoffnung auf Vernunft größtenteils aufgegeben hat, würdige Papst Benedikt XVI. den katholischen Denker und Philosophen Dietrich von Hildebrand als eine „Stimme der Vernunft“, erklärt der Gründer des Dietrich von Hildebrand Legacy Project , einer Initiative, die das Werk von Hildebrands in der englischsprachigen Welt bekannt machen will.



Im Gespräch mit ZENIT geht John Henry Crosby auf die Bedeutung von Hildebrands für die heutige Zeit ein und legt die Ziele seiner Einrichtung dar.

Crosby arbeitet eng mit Alice von Hildebrand zusammen, der Witwe von Dietrich von Hildebrand, der 1889 in Florenz geboren wurde und in der Zeit des Nationalsozialismus in die USA auswanderte, wo er 1977 starb.

Das „Legacy Project“ veröffentlichte vor kurzem eine neue englische Ausgabe des Buches „Über das Herz“.

ZENIT: Sie und Alice von Hildebrand begegneten vor gar nicht allzu langer Zeit Papst Benedikt XVI. in Rom. Welches Interesse hat der Heilige Vater an diesem Projekt?

-- Crosby: Dies ist eine interessante Frage, da sich der Heilige Vater in vielerlei Hinsicht für das Erbprojekt, oder genauer gesagt: für Dietrich von Hildebrand interessiert.

Viele Menschen wissen nicht, dass der Heilige Vater von Hildebrand bereits als junger Geistlicher gekannt hat, nämlich als er in jungen Jahren noch als P. Ratzinger Aushilfspfarrer in jener Münchner Kirche war, die auch von Hildebrand besuchte. P. Ratzinger schätzte Dietrich von Hildebrand von Anfang an sehr, sowohl als Person als auch als Denker.

Abgesehen von seiner persönlichen Wertschätzung sieht der Heilige Vater in von Hildebrand aber auch eine katholische Persönlichkeit, die einen enormen Einfluss auf die Kirche hatte – einen Einfluss, von dem viele Katholiken bedauerlicherweise nichts wissen.

Man kann Dietrich von Hildebrand kaum eine größere historische Bedeutung beimessen, als es Kardinal Ratzinger im Jahr 2000 tat. Damals schrieb er: „Ich persönlich bin überzeugt: Wenn eines Tages die Geistesgeschichte der katholischen Kirche im 20. Jahrhundert geschrieben sein wird, wird Dietrich von Hildebrand unter den Erscheinungen unserer Zeit die bedeutendste sein.“ Das sind keine leeren Worte, und der Heilige Vater hat sich sehr darum bemüht zu zeigen, wie ernst sie ihm sind.

Kurz nachdem das Erbprojekt im Jahr 2004 gegründet wurde, unternahm der damalige Kardinal den seltenen Schritt, Ehrenmitglied zu werden, und sogar nach seiner Wahl zum Papst ist seine Unterstützung treu und greifbar geblieben.

Das Erbprojekt hat in Zusammenarbeit mit „St. Augustine's Press“ soeben die erste Veröffentlichung herausgebracht: eine Neuausgabe von Dietrich von Hildebrands Buch „Über das Herz“. Dieses Buch wurde zum Zeitpunkt unserer Audienz mit dem Heiligen Vater in Rom veröffentlicht. Alice von Hildebrand und ich waren deshalb in der Lage, ihm die allererste Ausgabe zu präsentieren. Dankbar erklärte er: „Ah, den jungen Leute wird das gefallen.“

Natürlich stellt sich bei einer solchen Zusammenarbeit umso mehr die Frage, welches Interesse der Heilige Vater an Dietrich von Hildebrand hat. Unter den vielfältigen Gründen für seine Unterstützung stechen insbesondere zwei ins Auge.

Zunächst kann man sagen, dass der Heilige Vater in einem Zeitalter, das die Hoffnung auf Vernunft größtenteils aufgegeben hat, in Dietrich von Hildebrand eine Stimme der Vernunft sieht.

Wie oft wird gesagt, dass es kein objektives Sittengesetz gibt, dass nur das gilt, was für mich das Richtige ist; dass es keine Wirklichkeit neben derjenigen gibt, die ich zu meiner eigenen Wirklichkeit mache. Das entspricht nicht der Art von Dietrich von Hildebrand, der immer damit beschäftigt war, sich an die Wirklichkeit anzunähern und sich ihr anzupassen. Er beschäftigte sich, wie er es selbst oft ausdrückte, mit dem „Hören auf die Stimme des Seins“.

Von Hildebrand ist „Ritter für die Wahrheit“ genannt worden, und das drückt nicht nur auf fabelhafte Weise aus, wie er den Glauben suchte und wie er ihn verstanden hat, sondern auch, wie er ihn sein ganzes Leben verteidigte und von ihm Zeugnis gab.

Zu wenige Menschen kennen das großartige christliche Zeugnis von Hildebrands, das während seines intellektuellen Widerstands gegen die Nazis in den 1920er und 1930er-Jahren einen heroischen Höhepunkt erreichte.

Ich erinnere mich noch gut an die Worte von Kardinal Christoph Schönborn in einem Brief über von Hildebrand, den er mir vor kurzem geschrieben hat; sie verdeutlichen die Bedeutung von Hildebrands für die heutige Zeit: „Ich denke weiterhin, wie ich das schon in der Vergangenheit getan habe, dass die Arbeit Dietrich von Hildebrands zu den großartigen katholischen Beiträgen zum Denken des 20. Jahrhunderts gehört.“

Kardinal Schönborn fuhr fort: „Gerade heutzutage wird mir immer klarer, wie wertvoll es ist, im Glauben geschulte Denker zu haben, durch die wir inmitten der Verwirrung der heutigen Zeit Orientierung und Halt finden können.“

Ein zweiter Grund für das Interesse des Papstes an Dietrich von Hildebrand ist die Tatsache, dass der Heilige Vater den „Personalismus“ von Hildebrands als eine Art Werkzeug ansieht, das dazu beitragt, das Evangelium der heutigen Welt völlig verständlich zu machen.

Es ist ironisch, dass eines der blutigsten Jahrhunderte der Geschichte, nämlich das 20. Jahrhundert, und ein wachsendes Verständnis von der menschlichen Würde Hand in Hand gingen. Wir sehen das, wenn von „Menschenrechten“ gesprochen wird, wodurch genau dieses zunehmende Bewusstsein für die Würde und die Unantastbarkeit des Menschen ausgedrückt wird. Die Philosophie, die aus diesem wachsenden Verständnis von der menschlichen Würde hervorgeht, wird häufig als „Personalismus“ bezeichnet.

Einer der größten Vertreter des „Personalismus“ war der kürzlich verstorbene Papst Johannes Paul II., der in der Lage war, durch seine stets „personalistische“ Herangehensweise das Leben Tausender von Menschen zu verwandeln.

Wie bei Johannes Paul II. sind auch Denken und Zeugnis von Dietrich von Hildebrand in seinem „Personalismus“ verwurzelt, da auch von Hildebrand größtes Interesse an der Natur und der Würde des Menschen hatte. Man könnte in der Tat sagen, dass das „Persönliche“ in gewisser Weise die Achse seines Denkens bildet.

Auch von Hildebrands persönlicher Lebensstil verkörperte einen grundlegenden Sinn für das Geheimnis der persönlichen Existenz: Er handelte stets mit Herzlichkeit, Liebe, Respekt und beseelt von dem leidenschaftlichen Wunsch, seine Gesprächspartner „für sich zu gewinnen“. Ich denke, das ist ein entscheidender Grund für seine Fähigkeit, Menschen auf so tiefsinnige Art zu berühren.

Würde es jemals einen „Test“ für erfolgreiches christlichen Lebens geben sollte, so müsste er wohl Bekehrungen erfassen – aufrichtige, von christlichem Zeugnis motivierte Bekehrungen.

Dietrich von Hildebrand hatte mehr als 100 Patenkinder – ein bemerkenswerter Ausdruck seines „Personalismus“, den er nicht nur lehrte, sondern auch lebte.

ZENIT: Was inspirierte Sie zur Gründung des „Dietrich von Hildebrand Legacy Project“?

-- Crosby: Ich werde oft gefragt, warum ich das Erbprojekt gründete. Warum sollte sich ein junger Mann im Alter von 26 Jahren (so alt war ich, als ich das Projekt 2004 ins Leben rief) der Aneignung, Wahrung und Verbreitung des Vermächtnisses widmen, das Dietrich von Hildebrand hinterlassen hat?

Die Antwort beginnt mit der engen Freundschaft, die meine Familie schon viele Jahre vor meiner Geburt mit von Hildebrand verband. Man kann sich meinen Großvater mütterlicherseits und meine Eltern kaum ohne die tiefe und prägende Beziehung vorstellen, die sie zu von Hildebrand hatten. Und auch wenn ich von Hildebrand nie persönlich kennen gelernt habe (er starb 1977, ein Jahr vor meiner Geburt), hatte ich in meiner Jugend die Ehre, seine Witwe kennen zu lernen, Alice von Hildebrand.

Meine Wertschätzung für von Hildebrand wuchs insbesondere während der Jahre, die ich an der Universität verbrachte. Ich erkannte zunehmend, dass seine reichhaltige und prächtige Sichtweise der Welt zu meiner eigenen wurde, und ich begann zu verstehen, warum Generationen von Menschen von seinen fruchtbaren Schriften genährt wurden.

Dietrich von Hildebrand war ein Philosoph, dem ich folgen konnte. Sein heroischer Kampf gegen den Nationalsozialismus beflügelte meine Fantasie; seine unbeirrbare Liebe für die Wahrheit und seine unermüdliches Streben nach ihr bot mir eine lebhafte Verkörperung des wahren Philosophen. Und seine Leidenschaft für Musik, Literatur und Kunst lehrte mich, dass ein Leben ohne Schönheit verarmt und unmenschlich ist.

Das Erbprojekt ist meine Antwort auf das Geschenk, das von Hildebrand in meinem eigenen Leben darstellt. Ich bin davon überzeugt, dass ich im Namen von Tausenden von Menschen handle, die in ihrem Leben das gleiche Geschenk empfangen haben.

ZENIT: Von Hildebrand selbst konvertierte zum katholischen Glauben. Wie kam es zu seiner Bekehrung?

-- Crosby: Von Hildebrands Freund und Lehrer, Max Scheler, lenkte seine Aufmerksamkeit schon früh auf die Heiligen. Von Hildebrand sah in ihnen eine übernatürliche Schönheit, die von Gott kam und die Wahrheit des christlichen Glaubens bezeugte.

Er war beeindruckt von der Art, auf die ihr menschliches Wesen durch ihre Liebe zu Christus verwandelt wurde. Das neue moralische Ethos der christlichen Heiligen ergriff sein Herz und berührte ihn zutiefst.

Aber insbesondere war es die strahlende Schönheit, die er in den Heiligen wahrnahm, und am allermeisten im Gott-Menschen – diese Schönheit führte ihn zu Christus und zu seiner Konversion.

Wir können sagen, dass sein Buch „Die Umgestaltung in Christus“ in gewisser Weise die Geschichte seiner eigenen Bekehrung ist, denn die Schönheit des „neuen Geschöpfes in Christus“, die er in diesem Buch so meisterhaft entfaltet, ist genau die, die seine Fantasie beflügelte und ihn Christ ähnlich werden ließ.

ZENIT: Warum gilt von Hildebrand als einer der einflussreichsten Katholiken des 20. Jahrhunderts?

-- Crosby: Historiker werden sich mit dieser Frage in der Zukunft beschäftigen müssen, denn von Hildebrands Erbe spielt in vielen verschiedenen Bereichen eine große Rolle. Und auch seine zahlreichen Schriften zu Ehe, Mann und Frau, Reinheit und Unschuld können beim Beantworten dieser Frage kaum ignoriert werden.

Angesichts des Einflusses dieser Schriften auf die Lehre der Kirche über die Ehe, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil und auch die Enzyklika „Humanae Vitae“ darlegt, ist es vielleicht nicht übertrieben zu sagen, dass von Hildebrands Sichtweise der Ehe Abertausende von katholischen Ehepaaren geprägt hat.

Seit Jahrhunderten hatten katholische Schriftsteller im Hinblick auf den ehelichen Akt fast ausschließlich die Bedeutung der Fortpflanzung betont. Von Hildebrand war einer der ersten, der erkannte, dass neben dem Aspekt der Fortpflanzung auch die vereinigende Bedeutung des ehelichen Akts eine Rolle spielt – der Ausdruck der Liebe der Ehepartner zueinander. Mit seinen Schriften über Mann und Frau in den 1920er-Jahren ebnete er für die Kirche den Weg für die Lehre der Doppelbedeutung des ehelichen Akts im Zweiten Vatikanischen Konzil.

Eine weitere Lehre dieses Konzils, die er vorzubereiten half, ist die neue Betonung der Würde der natürlichen und menschlichen Werte, wie sie in „Gaudium et spes“ zum Ausdruck kommt.

Dietrich von Hildebrand glaubte nicht, dass ausschließlich die Seele im Zustand der Gnade von Bedeutung sei und dass andere Werte – kulturelle Werte und die Werte des menschlichen Denkens – keine wirkliche Bedeutung hätten. Stattdessen trug er zu einem neuen christlichen Humanismus bei, in dem alle menschlichen Werte geachtet werden. Diesen Humanismus kann man in seiner reichen „Philosophie der Liebe“ entdecken.

Er war nicht der Auffassung, dass nur die christliche Nächstenliebe wahre Liebe wäre, sondern er hielt alle Formen von menschlicher Liebe für wichtig und schenkt dabei der Liebe zwischen Mann und Frau besondere Aufmerksamkeit. Diese Formen von menschlicher Liebe müssen verwandelt und geachtet werden; sie dürfen nicht einfach durch die christliche Nächstenliebe ersetzt werden.

ZENIT: Was können moderne Katholiken von den Schriften von Hildebrands lernen?

-- Crosby: Auch das ist eine interessante Frage, auf die es viele mögliche Antworten gibt. Ich möchte die Aufmerksamkeit auf einen Aspekt der Schriften von Hildebrands lenken, und zwar nicht nur, weil er besonders wichtig ist, sondern auch, weil er nicht immer angemessen gewürdigt wird.

Von Hildebrand wurde von der Tradition des christlichen Denkens zutiefst beeinflusst; ihn prägte vor allem seine große Liebe zum heiligen Augustinus. Andererseits war er ein Schüler des deutschen Philosophen Edmund Husserl (1859-1938), der auch ein Lehrer von Edith Stein (Schwester Teresia Benedicta a Cruce) war.

Wie Edith Stein ließ sich auch von Hildebrand sowohl von der Tradition des christlichen Denkens als auch von vielen Beiträgen zeitgenössischen Denkens unbehindert beeinflussen – auch von denen seines berühmten Lehrers.

In dieser Hinsicht widersetzten sich von Hildebrand und Edith Stein einer gewissen christlichen Tendenz, zeitgenössischem Denken skeptisch gegenüberzustehen und sich sogar zu weigern, moderne Erkenntnisse anzuerkennen.

Von Hildebrand (wie auch Edith Stein) überwanden diese Tendenz, oder besser gesagt, sie lösten diese auf bestmögliche und wirksamste Weise ab, indem sie in ihren Schriften zeitgenössische Beiträge auf fruchtbare Weise verarbeiteten.

Dies bedeutet nicht nur, dass christliche Denker von den reichen Erkenntnissen von Hildebrands profitieren können; es wird ihnen auch dabei helfen, sich dem zeitgenössischen Denken mit einem Blick auf die in ihm enthaltene wahre und somit zeitlose Dimension zu nähern. Das ist ein schönes Merkmal der Tradition des christlichen Denkens, das auf diese Weise nur reicher und tiefsinniger werden kann.