Dietrich von Hildebrand: „Was ist Philosophie?“. Die Sache selbst

Sechzig Hauptwerke der Philosophie (59)

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Von Josef Seifert



WÜRZBURG, 16. Januar 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- „Was ist Philosophie?“ stellt ein Hauptwerk und die bedeutendste Arbeit Dietrich von Hildebrands zur Grundlegung einer realistischen Philosophie dar.

An erster Stelle arbeitet Hildebrand zwei Grundmerkmale des Erkennens außer dessen bewusster Subjekt-Objekt-Struktur heraus: die rezeptive und den eigenen Akt transzendierende Grundstruktur des Erkenntnisaktes. Dieses empfangende sich selbst Überschreiten des Erkennens hat nichts mit Passivität zu tun; vielmehr liegt gerade in dem Empfangenkönnen, in dem Sehenkönnen der Dinge, wie sie sind, ein Grundakt, eine das Sein geistig mitvollziehende Charakteristik des Erkennens. Ja, auch wenn das Empfangen von etwas Neuem nur ein Wesensmerkmal endlicher Erkenntnis ist, so ist doch auch die göttliche Erkenntnis kein Schaffen oder Verändern der Dinge, sondern ein sie so Sehen und Wahrnehmen, wie sie sind, möglich sind, nicht sind oder wie sie geschaffen sind. Dieser Grundgestus des Erkennens in seiner seins-hinnehmenden beziehungsweise seins-entdeckenden Struktur gehört ferner zu jenen unzurückführbaren Urgegebenheiten, die man unmöglich leugnen kann, ohne sie vorauszusetzen. Denn auch jede Erklärung des Erkennens als Schaffen oder Hervorbringen ihrer Gegenstände setzt notwendig voraus, man erkenne diesen schöpferischen Charakter des Erkennens so wie er wirklich ist und in diesem Akt des Erkennens schafft man nichts, sondern findet etwas vor so wie es wirklich ist.

Im Licht dieser Urgegebenheit des Erkennens entlarvt sich auch die Kant‘sche Idee der Kopernikanischen Wende, nach welcher nicht der Erkenntnisinhalt von seinem Gegenstand abhängt, sondern der Gegenstand vom Erkenntnisakt als eine Missdeutung des evidenten Datums des Erkennens, das bei seiner Umdeutung immer schon vorausgesetzt ist. Auch die Behauptung, wir könnten nichts so erkennen, wie es an sich ist, erweist sich im Licht einer angemessenen phänomenologischen Entdeckung des Erkennens in seiner geistigen Rezeptivität als unhaltbar: Denn jeder Schein und jede Erscheinung, die nur als „rein intentionaler Gegenstand“ vom Bewusstsein hervorgebracht wird, setzt Sachverhalte wie dass dies so ist, sowie Akte und das Subjekt dieser Akte voraus, die in sich selber existieren und als solche erkannt werden.

Neben der Herausarbeitung des intuitiven und anschaulichen Charakters der Sinneswahrnehmung zeigt Hildebrand gegenüber Humes Skeptizismus und Kants Agnostizismus, dass die Wesensnotwendigkeit durchaus objektiv in den Wesenheiten der Sachen selbst begründet ist. Dabei arbeitet Hildebrand heraus, was Husserl in seiner späteren Philosophie verkannt hatte, dass die objektive und absolute Wesensnotwendigkeit sich nicht bloß scharf von jeder rein subjektiven, psychologischen und empirischen Denknotwendigkeit abhebt und auch unmöglich im historischen menschlichen Subjekt seine Wurzel haben kann, sondern auch dem menschlichen Geist und Subjekt als solchem gegenüber völlig autonom besteht. Mit diesen Untersuchungen begründet Hildebrand einen klassischen und dem platonischen und aristotelischen in nichts nachstehenden phänomenologischen Realismus. Hildebrand hebt die strikte und absolute Wesensnotwendigkeit der Gesetze, die in jeder möglichen Welt gelten, wie dass die Farbe zweidimensionale Ausdehnung voraussetzt, klar von der bloßen Naturnotwendigkeit von Gesetzen wie jenem der Schwerkraft ab. Solche Gesetze könnten auf anderen Planeten oder im Weltall, geschweige denn in anderen möglichen Welten, nicht gelten oder durch ein Wunder suspendiert werden.

Ferner unterscheidet Hildebrand die Wesensnotwendigkeit, wie dass ein von A einem B gegebenen Versprechen die Person A verpflichtet, es zu erfüllen, und in B einen Anspruch erzeugt, nicht nur vom rein faktisch-kontingenten Gesamt von Merkmalen, sondern auch von Wesen wie jenen der einzelnen Pflanzen- und Tierarten, die objektiv anders sein könnten und dennoch eine bestimmte Naturnotwendigkeit besitzen.

Während die anderen beiden Typen von Wesenheiten empirische Erkenntnismethoden, die auf Tatsachenfeststellung beruhen, erfordern, begründen die notwendigen Wesenheiten ganz von den Sachen selbst her ein objektives Apriori. Die objektive Wesensnotwendigkeit in den Sachen selbst tritt bei Hildebrand an die Stelle des (kantischen) subjektiven Apriori. Hildebrand zeigt, dass dieses objektive Apriori beziehungsweise diese Wesensnotwendigkeit nicht auf ein paar wenige erste Prinzipien oder formale Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung beschränkt ist, sondern ein weites Feld eines materialen (inhaltlichen) Apriori umfasst.

Zwischen jenen Urteilen, deren notwendige Wahrheit rein aus der Definition eines Subjektbegriffs und den ersten logischen Prinzipien folgt, wie dass jede Wirkung eine Ursache hat, wobei der Begriff „Wirkung“ per definitionem den der Ursache einschließt, und jenen, in welchen das Prädikat nicht in dem Begriff des Subjekts enthalten ist wie in 7+5=12 oder in „jede Veränderung setzt eine Ursache voraus”, die gleich notwendig sind, aber einen hohen Sinngehalt und einen neuen Erkenntnisgewinn darstellen, gähnt ein Abgrund.

Die Herausarbeitung der apriorischen Wesenserkenntnis im Sinne der objektiven sachlichen Notwendigkeit ergänzt Hildebrand durch die Analyse der unvergleichlichen Intelligibilität und absoluten Gewissheit apriorischer Erkenntnis. In Kants Bestimmung des Apriori durch Notwendigkeit und apodiktische Gewissheit fehlt gerade das Moment der intelligiblen Einsichtigkeit, das jedoch von entscheidender Bedeutung ist, denn gerade dieses ist Garant der Objektivität des Apriori und jener Transzendenz der Erkenntnis, die sowohl Kant als auch der spätere Husserl so radikal in Frage stellten.

Gibt es Erkenntnisse, die von jeder Erfahrung unabhängig sind und dieser vorausgehen? Die Frage, ob eine Erkenntnis „eingeboren“ und von jeder Erfahrung unabhängig sein kann, ist obskur und wahrscheinlich dahingehend zu beantworten, dass alle Erkenntnis auf eine Urdaseins- und Soseinserfahrung zurückgehen muss. Die Frage aber, ob es absolut gewisse und notwendige Wahrheiten gibt, ist völlig unabhängig von der Frage, ob es Erkenntnisse gibt, die auch von der Soseinserfahrung unabhängig sind.

Das Apriori im Sinne der obersten strukturellen Bedingungen allen Erfahrens oder Denkens ist als solches kein Garant der Wahrheit des Inhalts eines solchen Apriori, so interessant das hier liegende strukturelle Problem der „Bedingungen der Möglichkeiten der Erfahrung“ auch bleibt. Daher ist erst das Apriori als apodiktisch gewisse Erkenntnis wesensnotwendiger und absolut gültiger Zusammenhänge, die sich in ihrem eigenen schlechthinnigen So-sein-Müssen evident zeigen, das entscheidungsvolle Grundproblem der Erkenntnistheorie und der Ontologie, um dessen Lösung letzten Endes in verworrener Weise auch die früheren Beschäftigungen mit dem Apriori (von Platon bis Kant) rangen und das sie mit ganz anderen Problemen vermischten und verwechselten und infolgedessen das Apriori Problem nicht nur mit diesen anderen Problemen belasteten, sondern einer noch größeren Gefahr verfielen, nämlich einer Subjektivierung des Apriori. Die Wesensnotwendigkeit begründet notwendig wahre und apodiktisch gewisse Urteile.

Dieses synthetische Apriori entspringt keiner subjektiven Synthesis des transzendentalen Ego oder des Subjekts, sondern wird in der Natur der Sachen selbst vorgefunden und beinhaltet Wesensnotwendigkeit, höchste Intelligibilität und absolute Gewissheit und Evidenz.

[Dietrich von Hildebrand: Was ist Philosophie? Gesammelte Werke Band 1 (Taschenbuch), Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 1976, ISBN-13: 978-3170012561; Teil 59 aus der Reihe „Sechzig Hauptwerke der Philosophie", © Die Tagespost vom 10. Januar 2009]