Diskussion um das Familienpapier der Evangelischen Kirche in Deutschland

Stimmen aus der evangelischen und katholischen Kirche

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 461 klicks

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) veröffentlichte am 19. Juni 2013 eine Orientierungshilfe zum Thema Familie mit dem Titel „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“.

„Familien, in denen Menschen füreinander Sorge und Verantwortung übernehmen, brauchen Unterstützung und gute Rahmenbedingungen. Darum geht es in der hier vorliegenden Orientierungshilfe. Der Rat der EKD möchte deutlich machen, wie wichtig die Leistungen sind, die Familien erbringen: Kindererziehung, Alten- und Krankenpflege, seelische Unterstützung und Gastfreundschaft, Wertevermittlung und Fürsorge – das alles geht weit über das hinaus, was Staat und gesellschaftliche Organisationen leisten können“, erklärt Nikolaus Schneider im Vorwort zur Orientierungshilfe. Bereits vor drei Jahren wurde deshalb die Ad-hoc-Kommission unter dem Vorsitz der ehemaligen Bundesministerin Dr. Christine Bergmann und Prof. Dr. Ute Gerhard ins Leben gerufen.

Die Vorsitzende der Ad-hoc-Kommission des Rates der EKD, Christine Bergmann, erklärte bei der Vorstellung der Orientierungshilfe am 19. Juni 2013: „Es geht darum, das Versprechen der Freiheit und Gleichheit aller Menschen ernst zu nehmen und Gerechtigkeit auch in der Familie umzusetzen. …  Chancengleichheit und Fairness innerhalb der Familie sind ein entscheidender Wert. Das Leitbild der partnerschaftlichen Familie sollte der Maßstab für kirchliches Handeln bei der Unterstützung von Familien sein.“

Die  Pressemitteilung des EKD vom 19. Juni 2013 zitiert den Vorsitzenden des Rates der EKD, Nikolaus Schneider: „Die Erwartungen an Familie und die Erfahrungen in Familie haben sich seit den biblischen Zeiten der Reformationszeit und besonders in den vergangenen Jahrzehnten sehr verändert. Familie heute existiert in sehr verschiedenen Formen.“ Die Orientierungshilfe nehme deshalb zu den Themen Erziehung, Bildung und Pflege, Zeitpolitik und Geschlechterfragen differenziert Stellung. Nikolaus Schneider erklärte weiter: „Angesichts der Vielfalt biblischer Bilder und der historischen Bedingtheit des familiären Zusammenlebens entsprechen ein normatives Verständnis der Ehe als ,göttliche Stiftung‘ und eine Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen aus einer vermeintlichen ,Schöpfungsordnung‘ weder der Breite des biblischen Zeugnisses noch unserer Theologie.“ Bezugnehmend auf Luther sei die Ehe ein „weltlich Ding“, das der Gestaltungsfreiheit unterliege. „Aus einem evangelischen Eheverständnis kann heute eine neue Freiheit auch im Umgang mit gesellschaftlichen Veränderungen erwachsen - im Umgang mit Geschiedenen genauso wie mit Einelternfamilie oder auch mit gleichgeschlechtlichen Paaren“, so Nikolaus Schneider. Die Familie sei „ein generationenübergreifender Lebensraum, in dem Verlässlichkeit in Vielfalt, Verbindlichkeit in Verantwortung, Vertrauen und Vergebungsbereitschaft, Fürsorge und Beziehungsgerechtigkeit“ maßgeblich seien.  „Wenn es um die Weitergabe von Glauben und Werten, Traditionen und Erfahrungen geht, brauchen Familie und Gesellschaft alle Generationen.“ Eine wichtige Aufgabe der Kirche bestehe darin, Paaren und Familien in Krisen beizustehen und zu helfen.

Positiv äußerte sich der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm zur Orientierungshilfe: „Die ethischen Standards, die der Ehe ihre bleibende Bedeutung als Leitbild geben, sollen als Orientierung für alle Lebensformen gelten“. Bedford-Strohm bewertet die Ehe als „Zukunftsmodell, weil sie einen äußeren institutionellen Rahmen für das gibt, was wir aus der Sicht christlicher Ethik für alle Beziehungen wünschen müssen: Treue, Verlässlichkeit, Schutz der Schwächeren und ein Umfeld der Geborgenheit für die Erziehung von Kindern.“ Zur gleichgeschlechtlichen Partnerschaft erklärte er: „Wenn etwa Menschen in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften sich gegenseitig Liebe und Treue versprechen, kann man sich aus der Sicht christlicher Ethik doch nur freuen.“

Aufgabe der Kirche sei es, sich der Realität zu stellen, die sich aus Familien mit Kindern, Alleinerziehenden, Geschiedenen und Lebensgemeinschaften zusammensetze. Bedford-Strohm betonte, es sei wichtig „den Menschen zu zeigen, dass verbindliche Lebensformen, wie etwa die Ehe, eine große Hilfe und Bereicherung für das gemeinsame Leben sein können.“

Der badische evangelische Landesbischof Ulrich Fischer äußerte sich ebenfalls befürwortend zur Orientierungshilfe der EKD und bezeichnete sie als „riesige Werbung dafür, Mut zu haben zur Familie, Kinder zu bekommen, Familie zu gründen und Verantwortung zu übernehmen.“

„Wie man aus einem solchen Text herauslesen kann, dass es um eine Schwächung der Familien geht oder um eine Vergleichgültigung, dass eheliche Formen der evangelischen Kirche nicht mehr wichtig sind, ist mir unverständlich“, kommentierte der evangelische Landesbischof kritische Stimmen von evangelischer und katholischer Seite.

Der württembergische evangelische Landesbischof Frank Otfried July kritisierte, wie Radio Vatikan am 25. Juni 2013 berichtete, dass die Orientierungshilfe „den institutionellen Aspekt der Ehe fast lautlos aufgibt.“ Der klassischen Familie werde nicht die Bedeutung beigemessen, die ihr zustehe. Es gelte der Grundsatz lebenslanger Treue, der sich aus der ewigen Treue Gottes zu den Menschen ableite, „auch das Scheitern von Beziehungen ändere nichts an dem Ziel.“ Einen weiteren Kritikpunkt des württembergischen Landesbischofs stellt das für die Erarbeitung der Orientierungshilfe gewählte Verfahren dar: Landeskirchen, Synoden und Kirchengemeinderäte hätten eingebunden werden müssen.

Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, Vorsitzender der Familienkommission der Deutschen Bischofskonferenz, erklärte in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): „Die deutschen Bischöfe sind sehr besorgt darüber, wie hier in einem offiziellen Text des Rates der Evangelischen Kirche eine Relativierung der lebenslang in Treue gelebten Ehe erfolgt. Glaubt man denn nicht mehr daran, dass lebenslange Treue möglich ist? Die katholische Kirche vertritt die Überzeugung, dass die Ehe zwischen Mann und Frau ein Sakrament ist. Ehefrau und Ehemann in ihrer sakramentalen Gemeinschaft bilden in ihrer Liebe den Bund Gottes mit den Menschen ab. Das drückt sich auch darin aus, dass diese Gemeinschaft offen ist auf Nachkommenschaft hin - auch das ist ein Wesensmerkmal christlich gelebter Ehe und Familie.“

Als problematisch betrachtet Tebartz-van Elst außerdem, dass eine Relativierung vorgenommen werde. Der Orientierungshilfe liege „ein sehr einseitiger Gerechtigkeitsbegriff zugrunde: Er ist sehr formal und verstärkt sozialethisch und nicht individualethisch ausgerichtet.“  

Positiv hingegen bewertet Tebartz-van Elst, dass der Beitrag der Familien zu unserer Gesellschaft ausdrücklich gewürdigt werden solle und entsprechender Unterstützung bedürfe.

Für den ökumenischen Dialog gelte es, „all diese Themen aufzugreifen und sie auf der biblischen Grundlage zu vergewissern. … Als Christen sollten wir dieses Zeugnis in unserer Gesellschaft auch gemeinsam vertreten. In diesem Zusammenhang nehme ich wahr, dass christlich gelebte Ehe und Familie offensichtlich immer mehr zu einem kontrastierenden Lebensentwurf werden. Das war in der frühen Kirche ähnlich und hat ihr eine missionarische Anziehungskraft gegeben. Denn die Sehnsucht – gerade auch junger Menschen - nach Grundlagen und Überzeugungen für eine verlässliche Treue ist auch heute groß.“

Der Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp erklärte in einem Interview mit domradio.de, dass er der Orientierungshilfe der EKD aus zwei Gründen kritisch gegenüberstehe.Die erste Überlegung ist, dass es einen Bruch mit der eigenen evangelischen Tradition gibt und einen Bruch mit dem christlichen und biblischen Menschenbild und Ehebild.“ 

„Diese Orientierungshilfe bildet eigentlich natürlich ab, wie Menschen heute zusammen leben. Wer will das leugnen? Das ist so, das ist eine Beschreibung der Wirklichkeit, aber wir sind nicht dafür da, Wirklichkeiten zu beschreiben, das können andere genauso gut oder viel besser als wir. Wir haben hier aber eine Botschaft, das heißt, wir sind der Überzeugung, dass wir aus unserem Glauben heraus und aus der Offenbarung den Menschen etwas zu bringen haben, was sie froh macht und ihnen hilft. Das wird hier aufgegebe“, so der Weihbischof.

Auf das Thema der Homosexualität angesprochen, erklärte Weihbischof Schwaderlapp: „Wir müssen uns damit auseinandersetzen, was das dann bedeutet, dass es keine Diskriminierung geben darf, dass es eine Wertschätzung für jeden Menschen geben soll und dass es nicht eine Homophobie geben darf. Aber trotzdem muss man auch anerkennen, ja, Mann und Frau sind füreinander geschaffen. Die Sexualität findet ihre Erfüllung in der zwischenmenschlichen Begegnung und in der Weitergabe des Lebens, und das ist einfach ein Problem. … Da kommt es gerade auf uns an, deutlich zu machen, dass es dennoch von unserer Seite eine Unterstützung geben muss, dass es eine Seelsorge geben muss, dass es eine Hochachtung geben muss. Wir dürfen nicht herabsetzend über andere sprechen, auch nicht über Homosexuelle, gerade nicht über sie. All das wird dann für uns zur Herausforderung. Aber das sind dann wirklich Themen der persönlichen Seelsorge.“

Zur Ökumene befand der Weihbischof: „Wir sollten uns jedenfalls in aller Offenheit und Klarheit innerökumenisch diesem Dialog stellen und die Verantwortlichen sollten hier miteinander reden.“