Dogma und Leben

Impuls zum Dreifaltigkeitssonntag

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 1. Juni 2012 (ZENIT.org). - Nachdem das große Heilswerk des Herrn mit dem Pfingstereignis seinen eindrucksvollen Abschluss gefunden hat, folgen im Kirchenjahr, das ja dieses Heilswerk im Jahresrythmus abbildet, noch eine Reihe von Festen, die man theologische Feste nennen könnte. Es ist fast so, als ob die Kirche nach der Ausgießung des Heiligen Geistes mit frischem Mut alles Wichtige ihres Glaubens noch einmal überdenkt und in liturgischer Weise darstellt. So ist der Sonntag nach Pfingsten, alles vorherige zusammenfassend, dem erhabensten Geheimnis gewidmet, das die Kirche besitzt, der Allerheiligsten Dreifaltigkeit.

Es ist sicher der Wille Gottes, dass wir dieses Geheimnis zu verstehen suchen, aber es ist natürlich geboten und in sich logisch, dass wir am Ende sagen: wir verstehen es zwar im letzten nicht, aber wir verehren das Geheimnis. Logisch, weil Gott nicht der unendliche Gott wäre, wenn wir endliche Wesen ihn ganz verstehen könnten.

Aber schauen wir, was man mit menschlichen Worten sagen kann!

Da ist der Vater, der die Welt erschafft. Als diese auf Abwege gerät, sendet er seinen Sohn, der sie erlöst. Und schließlich, nachdem der Sohn seine Mission erfüllt hat, schickt er den Parakleten, der „in die ganze Wahrheit einführt“ (Joh 15,13) und „das Werk der Heiligung vollendet“ (4. Eucharistisches Hochgebet). Die Kirchenväter haben das Wesen des dreifaltigen Gottes mit diesem Bild angedeutet: der Vater wirkt mit beiden Händen in die Welt hinein. Die eine Hand ist der Sohn, der in seiner Menschwerdung den unendlichen Abgrund zwischen Gott und den Menschen überbrückt und dabei die schuldig gewordene Menschheit wieder mit dem Vater versöhnt. Die andere Hand ist der Heilige Geist, der das Wirken des Sohnes weiterführt und vollendet. Das Bild ist, wie alle Bilder, die man sich von Gott macht, unvollkommen.

Vielleicht könnte man denken: wenn die beiden Hände Gottes Willen ausführen, sind sie geringer als dieser. Das natürlich nicht. Es heißt ausdrücklich: der Sohn ist dem Vater wesensgleich. Ebenso der Heilige Geist. Wir können aber nun besser verstehen, warum sich die Theologen der ersten Jahrhunderte so schwer damit taten, die drei göttlichen Personen und ihre Einheit zu definieren. Und immer wieder verhalfen die häufig auftretenden Irrlehren dazu, dass man das Dogma deutlicher formulierte.

Damals wurde den Christen klar, dass eine gute Theologie eine gute Philosophie braucht. Die Philosophie der Griechen, deren Leistungen für die europäische Kultur wir gar nicht hoch genug einschätzen können, lieferte das gedankliche und sprachliche Rüstzeug. Gerade bei der Rede von den drei göttlichen Personen ist es z.B. von größter Bedeutung, dass man genau unterscheidet, was eine „Person“ (griech. hypostasis, lat. persona) ist, und was das Wesen ist (griech. ousia, lat. substantia, natura). Denn Gott ist drei Personen, zugleich aber „eines Wesens“.

Das gleiche “Wortspiel” um Person und Wesen begegnet uns später bei der Betrachtung des Gottmenschen Jesus Christus. Christus ist in zwei Naturen doch nicht zwei Personen, sondern eine einzige Person. Im Deutschen wie im Griechischen lässt sich das durch die Zusammenziehung der zwei Hauptwörter Gott und Mensch (Theos und anthropos) anschaulich ausdrücken.

Der Philosoph Robert Spaemann sagt mit Blick auf die Dreifaltigkeit, dass eine Einpersonalität Gottes gar nicht denkbar ist, denn nur in der Gemeinschaft ist man Person. Ein anderes Vernunftargument ist das des Hl. Augustinus, das in unserer Zeit C.S. Lewis aufgreift: wenn Gott die Liebe ist, muss er aus mehreren Personen bestehen.

In der Hl. Schrift, die die großen Wahrheiten in anderer Weise, nicht lehrbuchmäßig, ausdrückt, ist von der Heiligsten Dreifaltigkeit mehrfach die Rede, allerdings meistens verhüllt. Im Buch Genesis sagt Gott: „Lasst uns den Menschen machen als unser Abbild“. Das Hebräische kennt keinen Pluralis maiestatis. Das „Wir“ lässt also auf mehrere schließen. Andererseits besteht das Alte Testament immer wieder darauf, dass Gott „ein einziger“ ist. Wenn beide Aussagen zusammen gesehen werden, haben wir das Geheimnis der Dreifaltigkeit.

Ebenfalls im Alten Testament haben wir ein sehr aussagestarkes Bild, das uns zugleich einen Hinweis darauf gibt, dass das Dogma von der Dreifaltigkeit keineswegs eine Spezialität nur für Fachtheologen ist, sondern mit dem Leben der Menschen zu tun hat. Dort wird – ebenfalls im Buch Genesis – berichtet, wie Abraham eines Tages in Mambre sich unter einem schattigen Baum der Betrachtung der Geheimnisse Gottes hingibt, besonders der Frage, warum ihm Gott eine zahlreiche Nachkommenschaft verheißt, er aber und seine Frau Sarah in Wirklichkeit kein einziges Kind hervorgebracht haben. Während er nun dort in der Mittagshitze sitzt und nachdenkt (oder vielleicht nur döst), kommen drei Männer auf ihn zu, denen er sogleich ansieht, dass sie etwas Besonderes sein müssen. In seiner großen Gastfreundschaft lädt er sie zu einer „Erfrischung“ ein, die aber ein ausgewachsenes Festmahl wird. Die Art und Weise, wie die drei Männer mit ihm reden, ist außerordentlich seltsam. Man hat den Eindruck, dass einer redet, und dann wieder, dass mehrere reden: „Und der HERR erschien ihm bei den Terebinthen von Mamre, als er bei der Hitze des Tages am Eingang des Zeltes saß. Und er hob seine Augen auf und sah: und siehe, drei Männer standen vor ihm; sobald er sie sah, lief er ihnen vom Eingang des Zeltes entgegen und verneigte sich zur Erde und sagte: Herr, wenn ich denn Gunst gefunden habe in deinen Augen, so geh doch nicht an deinem Knecht vorüber! Man hole doch ein wenig Wasser, dann wascht eure Füße, und ruht euch aus unter dem Baum! Ich will indessen einen Bissen Brot holen, dass ihr euer Herz stärkt; danach mögt ihr weitergehen; wozu wäret ihr sonst bei eurem Knecht vorbeigekommen? Und sie sprachen: Tu so, wie du geredet hast!“ (Gen 18,1 ff).

Und dann heißt es weiter:

„Und ‚sie sagten‘ zu ihm: Wo ist deine Frau Sara? Und er sagte: Dort im Zelt. Da sprach er: Wahrlich, übers Jahr um diese Zeit ‚komme ich‘ wieder zu dir, siehe, dann hat Sara, deine Frau, einen Sohn. Und Sara horchte am Eingang des Zeltes, der hinter ihm war. Abraham und Sara aber waren alt, hochbetagt; es erging Sara nicht mehr nach der Frauen Weise. Und Sara lachte in ihrem Innern und sagte: Nachdem ich alt geworden bin, sollte ich noch Liebeslust haben? Und auch mein Herr ist ja alt! Da sprach der HERR zu Abraham: Warum hat Sara denn gelacht und gesagt: Sollte ich wirklich noch gebären, da ich doch alt bin? Sollte für den HERRN eine Sache zu wunderbar sein? Zur bestimmten Zeit komme ich wieder zu dir, übers Jahr um diese Zeit, dann hat Sara einen Sohn“ Gen 18,9 ff).

Die Kirche hat in dieser Begebenheit mit den drei Männern (Engeln) eine Art Vorbild auf die Heiligste Dreifaltigkeit gesehen. In den ostkirchlichen Ikonen gilt diese sehr häufig dargestellte Szene als „Bild“ der göttlichen Dreieinigkeit. So recht nach ostkirchlicher Art, wo man das Geheimnis gern im Indirekten ausdrückt.

Uns aber ein Hinweis darauf, dass alle theologischen Aussagen, so abstrakt und abgehoben sie manchmal auf den ersten Blick erscheinen, immer auch mit dem gewöhnlichen Leben der Menschen zu tun haben. Und kann man nicht auch im Geheimnis der Dreifaltigkeit das Urbild der menschlichen Familie erkennen?

In der kommenden Woche setzt sich die Reihe der „theologischen Feste“ fort mit dem Fronleichnamsfest – Geheimnis des Glaubens!

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“.