Dr. Geoffrey Rowell, anglikanischer Bischof von Gibraltar, über Papst Benedikt und den Fortschritt in der Ökumene

„Heiligkeit und Einheit sind eng miteinander verbunden“

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WIEN, 23. Februar 2007 (ZENIT.org).- Der anglikanische Bischof Dr. Geoffrey Rowell, Stellvertretender Vorsitzender der Ständigen Kommission für die Ökumenischen Beziehungen der Anglikanischen Gemeinschaft („Inter-Anglican Standing Commission on Ecumenical Relations“, IASCER), ist davon überzeugt, dass das neue, noch unveröffentlichte Dokument der Internationalen Anglikanisch/Römisch-Katholischen Kommission für Einheit und Mission („International Anglican - Roman Catholic Commission for Unity and Mission“, IARCCUM) einen großen Schritt hin zur vollen Einheit der Christenheit darstelle, wenn die dort enthaltenen Erkenntnisse tatsächlich umgesetzt würden.



Der Bischof von Gibraltar in Europa (Zuständigkeitsbereich: Europa, Marokko und Türkei), der sich in diesen Tagen auf Einladung der 1964 von Kardinal König gegründeten Stiftung Pro Oriente in Wien aufhielt, unterstrich am Donnerstag gegenüber ZENIT im Wesentlichen die Klarstellungen, die die beiden Vorsitzenden von IARCCUM zu diesem neuen Dokument „Growing Together in Unity and Mission“ („In Einheit und Mission zusammenwachsen“) gemacht hatten. Auslöser waren irreführende Spekulationen in der Montagsausgabe der Londoner „Times“.

Zusätzlichen Auftrieb für die Ökumene erhofft sich Bischof Rowell von der neuen „Internationalen Anglikanisch/Römisch-Katholischen Kommission“ ARCIC, deren Wiedereinrichtung von Papst Benedikt XVI. und dem Erzbischof von Canterbury, Dr. Rowan Douglas Williams, im November vergangenen Jahres in Rom beschlossen wurde. Diese Einrichtung werde sich vor allem mit Fragen der Ekklesiologie auseinandersetzen, kündigte Bischof Rowell an.

Im Pontifikat Benedikt XVI. könne es in Bezug auf die christliche Einheit zu einem Durchbruch kommen, erklärte der anglikanische Hirte in Antwort auf eine entsprechende Frage. Dabei dachte er an eine eineinhalbstündige Begegnung mit Kurienkardinal Ratzinger im Jahr 2002 zurück, bei der es um theologische Fragen gegangen sei. Der jetzige Papst Benedikt XVI., der damals das katholische Verständnis der Eucharistie dargelegt habe, sei überaus konziliant gewesen, ja gleichsam wie ein Mitbruder.

Mehr als alles andere wünscht sich Bischof Rowell, dass die Kirche „an Heiligkeit immer mehr zunehmen möge“. Und er fuhr fort: „Heiligkeit und Einheit sind eng miteinander verbunden.“ In diesem Sinn habe er seiner Diözese für die kommenden drei Jahre das Motto gegeben, „die Dreifaltigkeit zu leben“, was konkret bedeute, Gott immer mehr über alles zu lieben – durch das Gebet, durch die Schriftlesung usw. Die Vertiefung des persönlichen Gebetslebens, „die Öffnung der Menschen für die Wirklichkeit Gottes“, die Begegnung mit dem, der sich als „Gemeinschaft der Liebe“ offenbare, führe zu einer größeren Liebe zum Nächsten, zu mehr Werken der Barmherzigkeit.

Christliche Gemeinden seien ständig der Gefahr ausgesetzt, „dem Druck der Welt anheim zu fallen… Das Problem des Konsums, der Säkularisierung und des Relativismus der westlichen Welt sind Dinge, die wir mit allen anderen Kirchen in Europa teilen.“

In diesem Zusammenhang erinnerte Bischof Rowell an ein Wort von Kardinal Ratzinger. Der jetzige Papst habe ihm früher einmal gesagt: „Man kann nicht davon überzeugt sein, dass man eine Kirche ist, wenn man nicht davon überzeugt ist, dass man einen Auftrag hat. Und in Europa kann die Arbeit niemand von uns allein bewerkstelligen.“ Dieser Kommentar sei „sehr, sehr ermutigend“ gewesen, fügte Bischof Rowell hinzu.

Die große Sehnsucht des Menschen nach Liebe und Vertrauen komme heute oft in völlig entstellten Formen zum Vorschein. Deshalb sei es entscheidend zu erklären, was wahre Liebe und wofür der Mensch geschaffen sei. In dieser Hinsicht komme der Anthropologie eine entscheidende Bedeutung zu.

Wenn die Kirchen Wege aufzeigten, wie die fehlgeleiteten Sehnsüchte und Wünsche des Menschen auf Gott und seine Liebe stoßen könnten, „dann geben wir unserer Gesellschaft ein Zeugnis“.

Die Stiftung „Pro Oriente“ hat vor allem das Ziel, die Beziehungen zwischen der römisch-katholischen Kirche und den orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen (insgesamt 21) zu pflegen und zu fördern. Dem interreligiösen Dialog wird in diesem Jahr besondere Bedeutung eingeräumt. Bischof Dr. Geoffrey Rowell war nach Wien gekommen, um zusammen mit dem russisch-orthodoxen Erzpriester und Münchner Universitätsprofessor Dr. Vladimir Ivanov im Festsaal der Diplomatischen Akademie einen Vortrag über die „Herrlichkeitstheologie in der Kirche von England im 20. Jahrhundert und aus orthodoxer Perspektive“ zu halten.