Dr. Peter Birkhofer über die Berufung zum Menschsein, zum Christensein und zur Nachfolge

Interview mit dem Nationaldirektor für Berufungspastoral in Deutschland

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KÖLN, 19. August 2005 (ZENIT.org).- Jede Pastoral soll dabei helfen, "dass der Einzelne seinen ganz individuellen Ruf Gottes hört und darauf ganz persönlich antwortet", erklärt Dr. Peter Birkhofer, Nationaldirektor für Berufungspastoral in Deutschland. Und wenn das in diesen Tagen des Weltjugendtages oft gelänge, dann wäre das "einfach eine faszinierend schöne Sache". In der Kirche Sankt Gereon unweit vom Kölner Dom leitet der 41-jährige Weltpriester ein Zentrum für Berufungspastoral, eine Arbeitsstelle der deutschen Bischofskonferenz für die Pastoral der geistlichen Berufe und kirchlichen Dienste (www.vocation-face-to-face.org). Im folgenden Interview nennt der Geistliche, der das Zentrum für Berufungspastoral in Freiburg leitet, seine Ziele für den Weltjugendtag und geht genauer auf die unterschiedlichen Formen der christlichen Berufung ein.



ZENIT: Was ist das Ziel ihres geistigen Zentrums, in dem die Teilnehmer des Weltjugendtages vor allem Jesus Christus in der Eucharistie anbeten können?

P. Birkhofer: Unser Anliegen ist es, gerade auch mit Kirche und Vorplatz deutlich zu machen, was es heißt, dass wir von der Schöpfung her Berufung ins Dasein haben – Berufung zum Menschsein –, dass wir durch die Taufe Berufung zum Christsein haben, diese klare Erneuerung der Zusage Gottes: "Du bist mein geliebtes Kind. Ich hab dich in meine Hand geschrieben", wie es auch beim Propheten Jesaja heißt. Und der dritte Schritt in der Berufungspastoral ist der Ruf in die Nachfolge. Also: Mensch sein, Christ sein, Jünger sein.

Deshalb haben wir für diese Tage ganz bewusst "Vocation: face to face" als Stichwort genommen, denn Berufung geschieht immer von Angesicht zu Angesicht. Wenn wir in die Kirche gehen, sehen wir verschiedene Christusbilder. Christus begegnet mir. Christus begegnet mir im Wort der Heiligen Schrift, im Sakrament der Eucharistie, und gerade durch diese modernen Bilder – Collagen, die sich aus Abbildungen verschiedener Menschen zusammensetzen – soll angedeutet werden: Christus begegnet mir auch im Menschen. Und das ist auch unser Anliegen. Wir wollen das Thema "Berufung" ins Gespräch zu bringen und insbesondere natürlich auch werbend für kirchliche Berufe, für den Dienst des Diakons, des Priesters, der Ordensgemeinschaften und der Institute geweihten Lebens eintreten.

ZENIT: Jeder Mensch ist also ein Berufener?

P. Birkhofer: Genau. Wir Menschen sind gerufen, wir haben das Geschenk des Lebens von Gott – gerufen ins Dasein –, und auch eben von diesem Gedanken her: Wir haben nicht nur einen Ruf, sondern wir sind Ruf. Wir sind Ruf Gottes mitten in der Welt. Und als Christen sind wir gerufen, Zeugnis abzulegen. In besonderer Weise eben auch im priesterlichen Dienst und in den Ordensgemeinschaften und Instituten des geweihten Lebens.

ZENIT: Was ist das Spezifische an der Berufung zum Priestertum oder zum Ordensleben?

P. Birkhofer: Spezifische Berufung des Priesters ist sicher die amtliche Repräsentanz. Das heißt im Grunde, dass der Priester durch sein Leben, durch sein Tun, sein sakramentale Tun, dafür eintritt: Christus ist unter uns gegenwärtig. Auf der einen Seite repräsentiert er Christus, und auf der anderen Seite repräsentiert er auch Kirche. Die Person tritt weit zurück, Christus tritt in den Vordergrund. Christus gegenwärtig zu setzen in der Gemeinde, das ist die spezielle Berufung des Priesters.

Das Besondere der Ordensberufung liegt gerade in dieser radikalen Nachfolge von Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam. Sich ganz fest an Jesus zu binden, und inmitten der Welt zu bezeugen: Bindung ist möglich, Bindung an Jesus Christus gibt Kraft. Und somit auch Zeugnis für ein verbindliches Leben abzulegen.

ZENIT: Was bedeutet das alles für den "normalen" Gläubigen?

P. Birkhofer: Für den so genannten "normalen" Gläubigen – in der Hoffnung, dass natürlich auch unsere Ordensleute und Priester normale Leute sind – heißt das, dass ich dort, wo ich gerade stehe, Zeugnis ablegen soll für meinen Glauben. Wenn wir an den Römerbrief denken, sehen wir, wie Paulus immer wieder darauf hinweist, dass unser Alltag eigentlich Gottesdienst sein soll. Das, was wir in der Kirche, in der Eucharistiefeier, in der Liturgie feiern, beten und bekennen, soll sich widerspiegeln. Wie gehen wir miteinander um? Wo gehen wir aufeinander zu? So wird diese Liebe von Gott, die wir im Geschenk der Eucharistie erfahren, im Alltag spürbar.

Das Zweite Vatikanische Konzil sagt ganz deutlich, dass die Eucharistie Quelle und Höhepunkt allen kirchlichen Lebens darstellt. Hier verdichtet sich Evangelium und Verkündigung, hier verdichtet sich Präsenz Jesu Christi. Er ist gegenwärtig im Sakrament, er ist gegenwärtig in der vereinten Gemeinde, im Wort der heiligen Schrift, gegenwärtig im Tun des Priesters. Hier ist Christus gegenwärtig, und das muss ausstrahlen: Christus, der uns da wirklich seine Liebe in ganz eigener Weise schenkt, in der Kommunion daran Anteil gibt. Und das widerspiegelt sich dann im Alltag.

ZENIT: Wie erleben Sie den Weltjugendtag, was erwarten Sie sich?

P. Birkhofer: Ich finde es bisher einfach faszinierend, wie viele junge Menschen schon am gestrigen Tag [16. August, Anm. d. Red.] zu uns kamen und sich vom Thema "Berufung" ansprechen ließen. Und meine große Hoffnung ist, dass gerade auch über diesen Weltjugendtag hinaus dieses Thema insbesondere im deutschsprachigen Raum ganz neu ins Gespräch kommt. Und jetzt, dass hier einfach viele Jugendliche erleben: Ja, es lohnt sich auch, alles auf diese eine Karte zu setzen, diese Nachfolge Christi. Ja, er hat mich gerufen, ihm will ich einfach auch mein Leben schenken, mit ihm will ich das Leben wagen – als Verheirateter, als Eheloser, als bewusst zölibatär Lebender in Ordensgemeinschaften und im amtlichen Dienst. Wenn uns das gelingt, wirklich Berufung wieder in den Alltag hineinzubuchstabieren, dann haben wir hier sehr viel gewonnen. Jede Pastoral soll dazu dienen, dabei zu helfen, dass der Einzelne seinen ganz individuellen Ruf Gottes hört und darauf ganz persönlich antwortet.