Dr. Ralph Martin über die Neuevangelisierung

Synodenexperte beleuchtet Ruf aller Christen zur Verbreitung des Evangeliums

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Von Ann Schneible

ROM, 19. Oktober 2012 (ZENIT.org). ‑ Jeder getaufte Christ ist dazu berufen, das Evangelium zu verkünden, so Dr. Ralph Martin, theologischer Berater der Synode für die Neuevangelisierung.

Dr. Martin, Präsident der Initiative „Renewal Ministries“ („Erneuerungsdienste“), ist einer der fünf Experten, die aus den Vereinigten Staaten geladen wurden, um an der Synode für die Neuevangelisierung teilzunehmen. Er ist Autor des Buches „Werden viele gerettet werden? – Die tatsächliche Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils und deren Konsequenzen für die Neuevangelisierung“. Dr. Martin wirkt außerdem am Herz-Jesu-Priesterseminar der Erzdiözese Detroit als Direktor für Hochschul-Theologieprogramme im Fachbereich Neuevangelisierung und ist dort Lehrbeauftragter für Theologie. Papst Benedikt XVI. hatte ihn zum theologischen Berater des Päpstlichen Rates für die Förderung der Neuevangelisierung ernannt.

Am Rande der derzeit in Rom laufenden Gespräche über die Neuevangelisierung kam es zwischen Dr. Martin und ZENIT zu einem Gespräch über die Synode und den Ruf aller Christen zur Evangelisierung in der ganzen Welt:

ZENIT: Was hatten Sie bisher ganz allgemein für einen Eindruck von der Synode?

Dr. Martin: Sie vermittelt einem ein ungeheures Gespür für die Herausforderungen, denen die Kirche in vielen verschiedenen Ländern gegenübersteht, und ebenso für einige Ansätze, mit denen man auf diese Herausforderungen konkret zu antworten beginnt. [Vorgestern] hörten wir ziemlich bittere Nachrichten aus einigen Ländern, in denen das soziale Gefüge in die Brüche geht und das katholische Leben abstirbt. Das ist sehr ernüchternd. Ein weiteres Thema, das wahrhaft von Bedeutung war, nimmt Bezug auf den Druck, der in vielen Ländern vom Islam ausgeht. Wir sind noch nicht so weit gelangt, Lösungen zu benennen oder Ansätze zu entwerfen, obwohl gleichzeitig auf die Familie, auf die Katechese und auf kleine Gemeinschaften viel Gewicht gelegt wird.

ZENIT: Wir haben diesen Begriff „Neuevangelisierung“ nun seit Jahrzehnten gehört. Doch Katholiken waren schon immer berufen, das Evangelium zu verkünden. Was gibt der Neuevangelisierung eigentlich den charakteristischen Zug ihrer „Neuheit“?

Dr. Martin: Ich denke, Johannes Paul II. gibt in Abschnitt Nr. 33 des Lehrschreibens „Redemptoris missio“, wo er eine dreifache Unterscheidung macht, hierfür eine sehr klare Definition:

Unter Erstevangelisierung versteht man die Verkündigung des Evangeliums an Menschen, die nie zuvor davon gehört hatten, wie zum Beispiel an Stämme, Völker oder Kulturen, die nicht evangelisiert worden sind. Darin bestand schon immer die Missionsarbeit der Kirche und was man gemeinhin unter Evangelisierung versteht.

Wir sprechen auch von „Seelsorge“ gegenüber Menschen, die schon eine gewisse Beziehung zu Christus leben.

Doch heute stehen wir vor einer neuen Sachlage, die sich immer weiter ausbreitet und auf die wir eingehen müssen, ‑ wir stehen vor Menschen, die irgendwie katholisch geprägt, vielleicht getauft sind oder irisch-katholische, deutsch-katholische oder spanisch-katholische Wurzeln haben, die aber nicht als Jünger Christi leben. Diesen Menschen muss das Evangelium erneut oder vielleicht sogar zum erstmals nahe gebracht werden.

Das „Neue“ an der Neueangelisierung sind ihre Adressaten: Sie richtet sich an unsere Mitmenschen, die Katholiken sind. Auf ein weiteres neues Element stoßen wir, wenn wir die Akteure der Neuevangelisierung betrachten: Nicht nur die Missionsorden haben die Aufgabe zu evangelisieren; in Wirklichkeit ist jeder einzelne getaufte Christ dazu berufen, mit einem Ja auf seinen Ruf zur Evangelisierung zu antworten.

ZENIT: Könnten Sie uns etwas über Ihr neues Buch erzählen – „Werden viele gerettet werden? – Die tatsächliche Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils und deren Konsequenzen für die Neuevangelisierung“?

Dr. Martin: Einer der Gründe, weswegen ich zur Synode eingeladen wurde, ist meine Dissertation, mit der ich letztes Jahr den Doktortitel erwarb und die ein Thema behandelt, das für die Neuevangelisierung von Schlüsselbedeutung ist. Es betrifft mich wirklich , dass im „Instrumentum Laboris“ von einem stillen Glaubensabfall die Rede ist. Darüber hinaus glaube ich, dass es auch eine Irrlehre gibt, die im Stillen vorherrscht, die in den Mantel des Glaubensabfalls gekleidet ist und die in der Anmaßung besteht, dass man meint, dass alle Menschen gerettet würden: „Sei einfach ein guter Mensch, und du wirst gerettet werden.“ Die Synode wird zwar einige Male nachhaltig zur Evangelisierung aufrufen, doch der Durchschnittskatholik denkt im Stillen bei sich: „Alle Menschen sind gut. Gott ist so barmherzig, kommt es wirklich darauf an?“

Ich habe das Buch geschrieben, um zu klären, was die Kirche in Bezug auf diesen wichtigen Punkt wirklich lehrt. Am Ende von Abschnitt Nr. 16 von Lumen Gentium heißt es sinngemäß: Auch wenn es unter gewissen Umständen unmöglich ist, das Heil durch Christus in der Kirche zu finden, so kann man es dennoch erlangen, nämlich durch das Wirken der Gnade Gottes und auf seinen geheimnisvollen Wegen, also selbst wenn man Christus nicht in der Kirche kennenlernt. Dennoch heißt es dann in den letzten drei Sätzen, die generell fast völlig übergangen werden: Freilich vertauschten die Menschen oft „die Wahrheit Gottes mit der Lüge und dienten der Schöpfung mehr als dem Schöpfer… Daher ist die Kirche eifrig bestrebt, zur Ehre Gottes und zum Nutzen des Heils all dieser Menschen die Missionen zu fördern.“

Auch wenn es theoretisch möglich ist, dass Menschen unter gewissen Umständen gerettet werden, ohne dass sie vom Evangelium hören, leben wir doch nicht in einer neutralen Umgebung, denn mit der Welt, den fleischlichen Begierden und dem Teufel sind beachtliche Mächte im Leben der Menschen am Werk. Viele Menschen suchen Gott nicht, sie leben nicht in Übereinstimmung mit dem Urteilsspruch ihres Gewissens, sie entsprechen nicht der Gnade, die Gott uns schenkt, weswegen sie wirklich die Frohe Botschaft hören müssen, ‑ dass nämlich in Jesus Christus die Vergebung der Sünden und die Auferstehung möglich sind.

Ich denke, dass mein Buch dazu beitragen kann, diese universalistische Nebelbank aufzuklären und dem Werk der Evangelisierung etwas von seiner Dringlichkeit wiederzugeben.

ZENIT: Könnten Sie uns etwas über ihre Arbeit im Herz-Jesu-Seminar erzählen?

Dr. Martin: Im Moment bin ich Direktor für Theologieprogramme im Fachbereich Neuevangelisierung am Herz-Jesu-Priesterseminar der Erzdiözese Detroit. Uns wurde von Seiten der Kongregation für die Katholische Bildung das Recht verliehen, in Rückbindung an die Päpstliche Universität Angelicum Lizenziatkurse im Fachbereich Theologie mit Spezialisierung in der Neuevangelisierung anzubieten. Soweit ich weiß, ist es das einzige derartige Lizenziat, das an päpstlichen Universitäten angeboten wird. Wir freuen uns darüber, dass Priester aus acht verschiedenen Ländern an unserem Programm teilnehmen. Wir hoffen, dass wir mit unserem Seminar und unserem Lizenzprogramm einen Beitrag zur Neuevangelisierung leisten können.

[Übersetzung des englischen Originals von P. Thomas Fox LC]