Dr. Stephanie Merckens, Lebensschutz-Beauftragte der Erzdiözese Wien, zur ersten „Woche des Lebens“

„Die Gesellschaft braucht umsetzbare Ideen für ein Zusammenleben, in dem niemand in seiner Existenz gefährdet ist“

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WIEN, 19. September 2007 (ZENIT.org).- Vom 22. bis zum 29. September 2007 wird in der Erzdiözese Wien erstmals die „Woche des Lebens“ begangen.



Dr. Stephanie Merckens, Diözesanbeauftragte für Lebensschutz und Initiatorin dieser Initiative, möchte in diesen Tagen „Orientierungshilfe zu den aktuellen Themen der Bioethik und des Lebensschutzes“ bieten und auf diesem Weg viele Mitstreiter gewinnen, die die Gesellschaft mit ihrem uneingeschränkten Ja zum Leben sensibilisieren. „Als Teil eines demokratischen Systems ist es unsere Aufgabe, hier unsere Vorstellungen zu erklären und Überzeugungsarbeit zu leisten“, erläutert Merckens im vorliegenden ZENIT-Interview.

Das Programm zur „Woche des Lebens“ (pdf-Format) sieht unter anderem Besuchstage in der Caritas-Werkstatt „Am Himmel“ (24. bis 28. September), im Diözesanen Hilfsfonds für Schwangere in Not (25. September), bei Aktion Leben (26. September) oder im Caritas-Wohnheim Robert Hamerlinggasse (27. September) vor.

Am 26. September wird von 17.30 bis 20.00 Uhr im Churhaus am Wiener Stephansplatz ein Informationstag zum Thema „Bioethik-Lebensschutz. Mensch – Leben – Heute: gezeugt, geprüft, bewertet & verlassen?“ angeboten, an dem Primar Univ.-Prof. Dr. Johannes Bonnelli, Mag. Martina Kronthaler, Reg.Rat Anton Salesny, Hanna Petko, Barbara Hofstädter-Henning und mehrere Sozialarbeiterinnen ihre Kenntnisse und Erfahrungen weitergeben. Und am 27. September werden sich die Wiener Krankenhausseelsorgerinnen und -seelsorger näher mit dem Thema „Bioethik am Beginn des Lebens. Von der Stammzelle zur Pränataldiagnostik“ befassen (mit Prof. Lukas Kenner, Prof. Mathias Beck, Doz. Josef Spindelböck).

Kardinal Christoph Schönborn wird zum Abschluss der ersten Wiener „Woche des Lebens“ und zum „Tag des Lebens“ am Samstag, den 29. September, um 15.00 Uhr im Wiener Stephansdom ein Hochamt feiern.

ZENIT: Was veranlasste Sie zum Entschluss, die „Woche für das Leben“ zu initiieren?

Merckens: Seit Jahren schon beschäftigte mich der Gedanke, wie man einerseits zeigen kann, wieviel in der Erzdiözese Wien schon an konkreter Hilfe für ein glaubwürdiges Ja zum Leben getan wird, und andererseits komplexe Themen der Bioethik und des Lebensschutzes für noch mehr Katholiken verständlich machen kann. Wichtig war mir dabei immer auch eine Stärkung der Akteure durch gegenseitiges Kennenlernen und Vernetzung.

Letztes Jahr hat mich dann auch Herr Dr. Tippow von der Pfarrcaritas angesprochen und vorgeschlagen, eine derartige Initiative doch gemeinsam zu starten. Und Kardinal Schönborn hat uns dann das Jubiläum seiner Bischofsweihe für unser Anliegen zu Verfügung gestellt. Damit waren inhaltlicher und zeitlicher Rahmen abgesteckt, und es ging ans Programmschmieden.

Es war wirklich sehr erfreulich, wie schnell und unkompliziert gleich mehrere Einrichtungen der Erzdiözese aufgesprungen sind. Und Papst Benedikt XVI. hat unserem Engagement durch seine großartigen Worte bei seinem Österreich-Besuch noch größere Aktualität verliehen.

ZENIT: Welche Hoffnungen verbinden Sie mit dieser Initiative?

Merckens: Zum Einen die Stärkung eines Gemeinschaftsgefühls beim Einsatz für den anderen. Das christliche Ja zum Leben ist keine leere Worthülse, sondern Auftrag zu tatkräftigem Engagement. Die Christen verschließen nicht die Augen vor den Schattenseiten des Lebens. Aber statt das Leben in diesen Phasen ausschalten zu wollen, wollen sie den anderen durch diese Zeiten begleiten und Licht ins Dunkel bringen. Viele Menschen in der Erzdiözese widmen sich täglich dieser konkreten Hilfe, sei es nun in der physischen Pflege, sei es in der Seelsorge.

Dann gibt es aber auch immer öfter Situationen in der Gesellschaftspolitik, in denen unsere Werte der Bejahung des Lebens in Frage gestellt werden. Als Teil eines demokratischen Systems ist es unsere Aufgabe, hier unsere Vorstellungen zu erklären und Überzeugungsarbeit zu leisten. Die Themen sind vielschichtig, aber dennoch sehr richtungsweisend. Meine große Hoffnung ist, durch unser Informationsangebot Orientierungshilfe zu den aktuellen Themen der Bioethik und des Lebensschutzes zu liefern und so viele Mitstreiter zu finden.

ZENIT: Könnten Sie unseren Lesern einen Einblick in die Einrichtungen und Tätigkeiten der Erzdiözese Wien zum Lebensschutz geben?

Merckens: Ich kann es versuchen, aber ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Allein, wenn Sie sich auf www.stephanscom.at die verschiedenen Einrichtungen ansehen, werden Sie erkennen, wieviele Initiativen es in diesem Bereich gibt.

Da gibt es zum Einen den großen Block konkreter Hilfe durch die zahlreichen Einrichtungen der Caritas. Das Angebot reicht von Schwangerenberatung, Behindertenbegleitung, Familienhilfe bis hin zur Altenbetreuung und Hospiz. Im Hospizbereich ist unter anderem auch die Caritas Socialis sehr aktiv.

Dann gibt es die Palliativstationen in den Ordensspitälern. Der Diözesane Hilfsfonds für Schwangere in Notsituationen hilft Frauen, die schwanger sind und sich in einer finanziellen und psychischen Notlage befinden. Die kategoriale Seelsorge begleitet Menschen in den verschiedensten Lagen, sei es nun das Alter, die Einsamkeit, eine Behinderung oder die Herausforderung der Alleinerzieher und Alleinerzieherinnen.

Auf der anderen Seite gibt es Einrichtungen, die sich in gesellschaftspolitischen Fragen engagieren, wie den Familienverband, das Insitut für Ehe und Familie und das Imabe-Institut.

ZENIT: Welche Dienste sind in ihren Augen besonders wertvoll?

Merckens: Das kann ich so nicht bewerten. Um glaubwürdig zu sein, braucht es ein sehr vielseitiges Engagement. Das kann einer allein gar nicht schaffen.

Andererseits muss man sich schon auch zugestehen, dass man nicht für alles gleich begabt ist. Der Nächste braucht die konkrete Hilfe, die Gesellschaft braucht umsetzbare Ideen für ein Zusammenleben, in dem niemand in seiner Existenz gefährdet ist.

ZENIT: Wo sehen Sie gegenwärtig besonderen Handlungsbedarf?

Merckens: In der öffentlichen Meinung ist es oft leichter, Zustimmung für die Unterstützung konkreter Hilfe zu finden als für lebensbejahende Gesetzesentwürfe. Ich sehe großen Bedarf darin, sich mit den bioethischen Fragen unserer Zeit auseinanderzusetzen, weil man nur dann vermitteln kann, was man zugelassen haben will und was nicht, was gefördert gehört und was nicht. Hier sehe ich eine Schwellenangst, die aber nur größer wird, wenn man nicht schnell drübersteigt.

ZENIT: Was kann derjenige tun, der die Würde des entstehenden und des sterbenden Menschen verteidigen will? Wo kann er sich hinwenden, worauf sollte er achten?

Merckens: Zunächst möchte ich auf die oben genannten Institutionen verweisen. Je nach Persönlichkeit und Möglichkeit würde ich mich bei einer von ihnen engagieren. Einige dieser Einrichtungen bieten auch kostenlose Newsletter per E-Mail an, die über aktuelle Themen berichten.

Darüber hinaus kann man auch schon viel aus den täglichen Medien entnehmen. Da sind vor allem Leserbriefe und Wortmeldungen ein sehr wichtiges Instrument. Und dann sollten wir auch nicht die Kraft des Gebetes unterschätzen. Ich bin darin zwar selbst nicht so gut, aber oft findet man in diesem Gespräch doch einen Fingerzeig, wo und wie es weitergehen soll.