Dreitägiges Studienseminar über den "Bologna-Prozess" der Reform des europäischen Universitätswesens im Vatikan

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ROM, 31. März 2006 (ZENIT.org).- Vom 30. März bis zum 1. April findet im Vatikan ein Studienseminar über den so genannten "Bologna-Prozess" der Reform des europäischen Universitätswesens statt. Die Tagung wurde von der Kongregation für das Katholische Bildungswesen in Zusammenarbeit mit dem UNESCO-Sekretariat "Europäisches Zentrum für Höhere Erziehung" (CESPES) organisiert. Die Hauptaufgabe dieser Einrichtung besteht darin, die Kooperation im Bereich der höheren Ausbildung unter jenen Staaten zu fördern, die zum europäischen Einzugsbereich gehören (die Staaten Europas sowie Nordamerika und Israel).



Bischof J. Michael Miller, Sekretär der genannten Kongregation, erklärte am Donnerstag unmittelbar vor dem Beginn des dreitägigen Studienseminars, dass es vor allem darum gehe, die Idee der Identität der europäischen Universität als Ort der Vermittlung von akademischen und kulturellen Werten zu vertiefen. Universitäre Einrichtungen bezeugten den Reichtum einer Zivilisation und leisteten einen konkreten, eigenständigen Beitrag zur Bewältigung gegenwärtiger und zukünftiger Herausforderungen.

Am Studienseminar beteiligen sich insgesamt 240 Teilnehmer aus 43 Ländern – Regierungsvertreter, Universitätsprofessoren, Fachkräfte und Repräsentanten verschiedenster internationaler Organisationen. Die Arbeiten beginnen mit einer philosophisch-anthropologischen Diskussion über die Identität Europas und die Herausforderungen, denen sich Europa stellen muss. Zweites großes Schwerpunktthema ist die Untersuchung der ethischen Dimension der europäischen Universität ("Akademische Werte der europäischen Universität und ihre Relevanz für die Gegenwart"). In Diskussionsgruppen werden die akademischen Werte hinterfragt werden, die auf einem Humanismus basieren sollen, der den Menschen als Ganzes berücksichtigt. Außerdem geht es um die akademische Freiheit, um die Grundlagen des interdisziplinären, interkulturellen und interreligiösen Dialogs sowie um den Zusammenhang zwischen wissenschaftlicher Forschung und ethischer Verantwortung. Ein besonderer Akzent soll auf die kulturelle Verantwortung der Universität für die Einheit Europas gesetzt werden.

Das Bildungswesen der katholischen Kirche ist das größte und umfassendste auf der ganzen Welt. Die Kirche spielte in der Geschichte bei der Entstehung der Universitäten eine entscheidende Rolle. Fast alle antiken Ausbildungsstätten gehen auf eine päpstliche oder kirchliche Gründung zurück. Aus diesem Grund heißt es in der Apostolischen Konstitution "Ex corde Ecclesiae" über die katholischen Universitäten vom 15. August 1990: "Aus dem Herzen der Kirche hervorgegangen, hat sich die Katholische Universität in den Strom der Tradition eingefügt, die mit den ersten Anfängen der Universität als Institution begonnen hat. Seither war sie immer wie ein herausragendes Zentrum schöpferischer Kraft und Wissensverbreitung zum Wohl und Nutzen des Menschengeschlechtes."

Ziele des "Bologna-Prozesses"

Der so genannte "Bologna-Prozess entstand aus dem Bewusstsein heraus, dass Europa angesichts der einschneidenden wirtschaftlichen und soziokulturellen Veränderungen mehr in die Erziehung und die höhere Ausbildung investieren müsse. Aus diesem Grund unterzeichneten im Jahr 1999 neunundzwanzig europäische Staaten in Bologna, der Stadt, in der die älteste Universität des Kontinents steht, eine gemeinsame Absichtserklärung mit dem Ziel der Verwirklichung eines "European Higher Education Area" (EHEA), eines gemeinsamen "europäischen Raums der Höheren Ausbildung". Dieses Ziel soll bis zum Jahr 2010 verwirklicht werden.

Untersekretär Angelo Zani der Kongregation für die Glaubenslehre fasste die in der Erklärung von Bologna festgehaltenen Ziele am Donnerstag während der Vorstellung der Studientagung im vatikanischen Pressesaal zusammen: Es soll ein System von akademischen Titeln und Abschlüssen geschaffen werden, das unter den Staaten leicht verglichen werden kann und somit in der Welt konkurrenzfähig wird. Dazu bedürfe es der Einführung eines zwei- beziehungsweise dreistufigen akademischen Systems (Bachelor, Master, Doktor). Die Einführung eines neuen Bewertungssystems auf der Basis von erworbenen "Credits" (ECTS: "European Credit Transfer System") soll die Mobilität der Studenten in den europäischen Ländern und der Welt begünstigen. Das neue Studiensystem soll außerdem die Kontrolle der Qualität der Lehre dank der Entwicklung von vergleichbaren Bewertungskriterien und -methoden erleichtern. Das Endziel dieses Prozesses ist die gegenseitige Anerkennung der akademischen Titel.