Dritte Adventspredigt von P. Raniero Cantalamessa OFMCap

Die Erstevangelisierung des amerikanischen Kontinents

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VATIKANSTADT, 17. Dezember 2011 (ZENIT.org). - Am Freitagvormittag hielt der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFMCap, im Vatikan die dritte der traditionellen Adventspredigten für den Papst und die Kurie. Er setzte seine Betrachtung über die Geschichte der Mission fort.

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                                               Dritte Predigt

                                  „BIS ZU DEN GRENZEN DER ERDE”

                         Die Erstevangelisierung des amerikanischen Kontinents

1. Der christliche Glaube überquert den Ozean

Vor vier Tagen hat der amerikanische Kontinent das Fest Unserer Lieben Frau von Guadalupe gefeiert, das in Mexiko auch das Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens ist. Es ist ein glückliches Zusammentreffen, um in dieser Meditation über die dritte große Welle der Evangelisierung in der Geschichte der Kirche zu sprechen, jene, die auf die Entdeckung der Neuen Welt folgte. Niemals hat Maria so sehr den Titel „Stern der Evangelisierung“ verdient wie in der Geschichte dieser Verehrung.

Erinnern wir uns kurz an die Entfaltung dieser Missionsarbeit. Vor allem eine Beobachtung: Das christliche Europa hat zusammen mit dem Glauben auch die eigenen Gegensätze auf den neuen Kontinent exportiert. Am Ende der großen Missionswelle wird der amerikanische Kontinent exakt die aktuelle Situation Europas wiedergeben: Einem mehrheitlich katholischen Süden entspricht im Norden eine protestantische Mehrheit. Wir werden uns hier nur um die Evangelisierung Lateinamerikas kümmern, auch deshalb, weil sie sofort nach der Entdeckung der Neuen Welt einsetzte.

Nachdem Kolumbus von seiner Reise mit der Nachricht von der Existenz neuer Länder (die man noch für einen Teil Indiens hielt) zurückgekehrt war, wurden im katholischen Spanien sofort zwei untrennbar miteinander verbundene Entscheidungen getroffen: die Entscheidung, den christlichen Glauben zu den neuen Völkern zu bringen, und jene, die eigene, politische Souveränität auf sie auszuweiten. Zu diesem Zweck erreichte man bei Papst Alexander VI. eine Entscheidung, durch die Spanien das Recht über alle neu entdeckten Länder 100 Meilen jenseits der Azoren und Portugal über jene diesseits dieser Linie zuerkannt wurden. Diese Linie wurde bald zugunsten Portugals verschoben, um seinen Besitz Brasiliens zu legitimieren. Auf diese Weise wurde  – auch sprachlich – das künftige Gesicht des lateinamerikanischen Kontinents vorgezeichnet.

Die Truppen erließen immer, wenn sie in ein Land eindrangen, eine Proklamation (requerimiento), durch die den Einwohnern befohlen wurde, das Christentum anzunehmen und die Souveränität des Königs von Spanien anzuerkennen.[1] Nur einige große Geister, vor allem die Dominikaner Antonio di Montesino und Bartolomeo de Las Casas, besaßen den Mut, ihre Stimme gegen die Missbräuche der Eroberer und zur Verteidigung der Rechte der Eingeborenen zu erheben. Mehr als fünfzig Jahre stand der Kontinent, auch wegen der Schwächung und der Gegensätze der lokalen Reiche, unter spanischer und zumindest dem Namen nach christlicher Herrschaft. Die neueren Historiker neigen dazu, die in der Vergangenheit  geübte Schwarzmalerei bezüglich dieser Missionsarbeit abzumildern. Man bemerkt vor allem, dass im Unterscheid zu dem, was mit den „Indianer“-Stämmen in Nordamerika geschah in Lateinamerika die Mehrheit der eingeborenen Völker, wenn auch dezimiert, mit der eigenen Sprache und auf dem eigenen Gebiet überlebt hat und dass sie später ihre Identität und Unabhängigkeit wieder erlangen und bekräftigen konnten. Man muss außerdem die Prägung berücksichtigen, die die Missionare durch ihre theologische Ausbildung hatten. Weil sie die Festlegung „außerhalb der Kirche kein Heil“ in strenger Weise wörtlich nahmen, waren sie von der Notwendigkeit überzeugt, möglichst viele Menschen in einer möglichst kurzen Zeit taufen zu müssen, um ihr äußeres Heil zu sichern.

Es lohnt sich, einen Augenblick über dieses Axiom nachzudenken, das so sehr auf der Evangelisierung lastete. Es wurde im dritten Jahrhundert von Origenes und vor allem von Cyprian formuliert. Anfangs bezog es sich nicht auf das Heil der Nichtchristen, sondern im Gegenteil auf das der Christen. Es war in Wirklichkeit ausschließlich an die Häretiker und Schismatiker jener Zeit gerichtet, um sie daran zu erinnern, dass sie durch die Zerstörung der kirchlichen Gemeinschaft schwere Schuld auf sich luden, wodurch sie sich von selbst vom Heil ausschlossen. Es richtete sich folglich an diejenigen, die aus der Kirche austraten, und nicht an diejenigen, die nicht in sie eintraten.

Erst später, als das Christentum zur Staatsreligion geworden war, begann man, das Axiom auf die Heiden und Juden anzuwenden, auf der Grundlage der damals noch allgemeinen Überzeugung (auch wenn diese objektiv falsch war), dass die Botschaft nun allen Menschen bekannt sei und dass ihre Ablehnung folglich bedeute, schuldig zu werden und die Verdammung zu verdienen.

Nach der Entdeckung der Neuen Welt zerbrachen diese geographischen Grenzen drastisch. Die Entdeckung ganzer Völker, die ohne jeden Kontakt mit der Kirche lebten, zwang dazu, die so strenge Auslegung des Axioms zu überdenken. Die dominikanischen Theologen von Salamanca und später einige Jesuiten begannen, kritisch Stellung zu beziehen, indem sie erkannten, dass es möglich war, außerhalb der Kirche zu stehen, ohne notwendigerweise schuldig und damit vom Heil ausgeschlossen zu sein. Und nicht nur das: Angesichts der Art und Weise und der unannehmbaren Methoden, mit denen das Evangelium den Eingeborenen teilweise verkündet wurde, stellte manch einer sich erstmals die Frage, ob man wirklich alle diejenigen für schuldig halten könne, die dem Christentum nicht angehörten, obwohl sie seine Verkündigung kannten.[2]

2. Die Fratres als Protagonisten

Es ist hier gewiss nicht der Ort, um ein historisches Urteil über die Erstevangelisierung Lateinamerikas zu fällen. Anlässlich seiner Fünfhundertjahrfeier wurde hier in Rom im Mai des Jahres 1992 ein internationales Historiker-Symposium zu diesem Thema abgehalten. Johannes Paul II. sagte in seiner Ansprache an die Teilnehmer: „Ohne Zweifel gab es bei dieser Evangelisierung, wie bei jedem menschlichen Werk, Erfolge und Fehler, Licht und Schatten. Es gab jedoch mehr Licht als Schatten, wenn wir von den Früchten her urteilen, die wir nach fünfhundert Jahren vorfinden: eine lebendige und dynamische Kirche, die heute einen bedeutenden Teil der Weltkirche darstellt“[3].

Auf der anderen Seite sprachen einige bei dieser Gelegenheit von der Notwendigkeit einer „Dekolonisierung“ und „De-Evangelisierung“. Sie schienen es zu bevorzugen, dass die Evangelisierung des Kontinents lieber nicht stattgefunden hätte, als dass sie in der bekannten Weise erfolgt wäre. Bei allem geschuldeten Respekt für die Liebe zu den lateinamerikanischen Völkern, die diese Autoren bewegte, glaube ich, dass eine solche Meinung energisch zurückgewiesen werden muss.

Die Theologie hat aufgezeigt, dass sie einer Welt ohne Sünde, aber auch ohne Jesus Christus, eine Welt mit der Sünde und mit Jesus Christus vorzieht. „Oh glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden“, ruft die Osterliturgie im Exultet aus. Müssen wir nicht dasselbe über die Evangelisierung von Nord- und Südamerika sagen? Wer würde nicht gegenüber einem Kontinent ohne „die Fehler und Schattenseiten“, die seine Evangelisierung begleiteten, aber auch ohne Christus, einen Kontinent mit diesen Schatten, aber auch mit Christus vorziehen? Welcher Christ von rechts oder links (besonders wenn er Priester oder Ordensangehöriger ist) könnte das Gegenteil sagen, ohne dadurch den eigenen Glauben aufzugeben?

Ich habe irgendwo die folgende Aussage gelesen, die ich vollkommen teile: „Das Größte, was im Jahr 1492 geschah, war nicht, dass Kolumbus Amerika entdeckte, sondern dass Amerika Jesus Christus entdeckte“. Es war freilich nicht der ganze Christus des Evangeliums, für den die Freiheit die Voraussetzung des Glaubens ist; aber wer kann sich einbilden, der Überbringer eines von jeder historischen Bedingtheit freien Christus zu sein? Wer einen revolutionären Christus vorstellt, einen Gegner von Strukturen, der im auch politischen Kampf engagiert ist, vergisst der nicht vielleicht auch etwas von Christus, zum Beispiel seine Aussage: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“?

Wenn bei der ersten Evangelisationswelle die Protagonisten die Bischöfe waren und bei der zweiten die Mönche, dann waren bei der dritten Welle die unbestrittenen Protagonisten die Fratres, dass heißt die Angehörigen der Bettelorden, in erster Linie die Franziskaner, Dominikaner und Augustiner und später die Jesuiten. Die Kirchenhistoriker erkennen an, dass es in Lateinamerika „die Mitglieder der Ordensgemeinschaften waren, die die Geschichte der Missionen und der Kirchen bestimmt haben“[4].

In Hinblick auf sie gilt das von Johannes Paul II. in Erinnerung gerufene Urteil, dass „das Licht größer als die Schatten war“. Es wäre nicht redlich, die persönlichen Opfer und den Heroismus vieler dieser Missionare nicht anzuerkennen. Die Eroberer waren von Abenteuerlust und Gewinnsucht bewegt; aber was konnten die Ordensleute für sich erwarten, wenn sie ihre Heimat und ihre Konvente verließen? Sie gingen nicht, um zu nehmen, sondern um zu geben. Sie wollten Seelen für Christus und nicht Untertanen für den spanischen König erobern, auch wenn sie die patriotische Begeisterung ihrer Landsleute teilten. Wenn man die Geschichten liest, die mit der Evangelisierung eines einzelnen Gebietes verbunden sind, merkt man, wie ungerecht und realitätsfern die allgemeinen Urteile sind. So ist es mir auf der Stelle ergangen, als ich die Aufzeichnungen über den Beginn der Mission in Guatemala und in den angrenzenden Regionen gelesen habe. Es sind Geschichten von unsagbaren Opfern und Schicksalsschlägen. In einer Gruppe von zwanzig Dominikanern, die in die Neue Welt aufgebrochen und zu den Philippinen unterwegs waren, starben achtzehn während der Reise.

Im Jahr 1974 wurde eine Synode über „die Evangelisierung der gegenwärtigen Welt“ abgehalten. In einer handschriftlichen Notiz auf dem Schlussdokument (die die Präfektur des Päpstlichen Hauses zusammen mit dem Programm dieser Predigten veröffentlicht hat) vermerkte Paul VI.:

„Genügt das, was (in dem Dokument) für die Ordensleute gesagt wurde? Muss man nicht ein Wort über den freiwilligen, wagemutigen und großmütigen Charakter der Evangelisationsarbeit der Ordensmänner und - frauen hinzufügen? Ihre Evangelisationsarbeit muss in Abhängigkeit von der der Hierarchie stehen und mit ihr abgestimmt sein, aber ihre Originalität, ihr Einfallsreichtum, ihr Engagement, oftmals ihre Vorreiterrolle und all ihre Risiken müssen gelobt werden“.

Diese Anerkennung lässt sich vollständig auf die Ordensleute anwenden, die die Protagonisten bei der Evangelisierung Lateinamerikas waren, vor allem, wenn wir einige ihrer Projekte bedenken, wie die berühmten „Reduktionen“ der Jesuiten in Paraguay, das sind die Dörfer, in denen christliche Indios, geschützt vor dem Missbrauch der Staatsgewalt, sich im Glauben unterrichten lassen, aber auch ihre menschlichen Talente fruchtbar machen konnten.

3. Die gegenwärtigen Probleme

Jetzt versuchen wir wie gewohnt, zum Heute überzugehen und zu sehen, was uns die Geschichte der Missionserfahrung der Kirche sagt, die wir zusammenfassend dargestellt haben. Die gesellschaftlichen und religiösen Bedingungen des Kontinents sind so tiefgreifend verändert, dass es sinnvoller ist, über die gegenwärtige Aufgabe der Evangelisierung auf dem lateinamerikanischen Kontinent nachzudenken, als bei der Frage stehen zu bleiben, was wir von jener Zeit lernen oder verlernen sollten.

Zu diesem Thema gab und gibt es bis jetzt eine große Fülle an Anregungen und Dokumenten von Seiten des päpstlichen Lehramtes, der CELAM (= lateinamerikanische Bischofskonferenz) und der einzelnen Ortskirchen, so dass es mir vermessen scheint zu denken, ich könnte dem etwas Neues hinzufügen. Ich kann jedoch einige Gedanken mitteilen, die mir durch meine Erfahrung auf diesem Gebiet gekommen sind, da ich die Gelegenheit hatte, den Bischofskonferenzen, dem Klerus und dem Volk fast aller Länder Lateinamerikas - und in einigen von ihnen mehrmals Exerzitien zu geben. Auch deshalb, weil die Fragen, die sich auf diesem Gebiet in Lateinamerika stellen, sich nicht allzu sehr von denen im Rest der Kirche unterscheiden.

Eine erste Überlegung bezieht sich auf die Notwendigkeit, eine exzessive Polarisierung zu überwinden, die überall in der Kirche anzutreffen ist, besonders stark jedoch in Lateinamerika, vor allem in den vergangenen Jahren: Die Polarisierung zwischen der aktiven und der kontemplativen Seele, zwischen der sozial für die Armen engagierten Kirche und der Kirche der Glaubensverkündigung. Angesichts aller Unterschiede sind wir versucht, uns auf eine Seite zu stellen, indem wir die eine loben und die andere missachten. Die Lehre von den Charismen erspart uns diesen Kampf. Die Gabe der katholischen Kirche ist es gerade, katholisch zu sein, das heißt offen zu sein für die Annahme der verschiedensten Gaben, die aus demselben Geist hervorgehen.

Das zeigt uns die Geschichte der Orden, die die unterschiedlichen und teilweise gegensätzlichen Anforderungen verkörpert haben: Die Einwurzelung in der Welt und die Weltflucht, das Apostolat unter den Gelehrten, wie bei den Jesuiten, und das Apostolat im Volk, wie bei den Kapuzinern. Es gibt Platz sowohl für die einen als auch für die anderen. Mehr noch, wir brauchen uns gegenseitig, weil niemand das ganze Evangelium verwirklichen und Christus in allen Aspekten seines Lebens darstellen kann. Jeder müsste sich daher freuen, dass andere das tun, was er selbst nicht tun kann: Wer das geistliche Leben und die Verkündigung des Wortes pflegt, dass es jemanden gibt, der sich für die Förderung der sozialen Gerechtigkeit einsetzt, und umgekehrt. Die Mahnung des Apostels ist immer gültig: „Daher wollen wir uns nicht mehr gegenseitig richten“ (Röm 14,13).

Eine zweite Beobachtung bezieht sich auf den Exodus der Katholiken zu anderen christlichen Konfessionen hin. Es muss vor allem daran erinnert werden, dass man diese verschiedenen Konfessionen nicht unterschiedslos als „Sekten“ bezeichnen kann. Mit einigen von ihnen, einschließlich der Pfingstler, pflegt die katholische Kirche seit Jahren einen offiziellen ökumenischen Dialog. So etwas würde sie nicht tun, wenn sie sie einfach für Sekten hielte.

Die Förderung dieses Dialogs, auch auf lokaler Ebene, ist das beste Mittel, um das Klima zu entgiften, die aggressiveren Sekten zu isolieren und der Praxis des Proselythentums den Schwung zu nehmen. Vor einigen Jahren veranstaltete man in Buenos Aires unter Teilnahme des katholischen Erzbischofs und der Leiter anderer Kirchen eine ökumenische Begegnung mit Gebet und Teilen des Wortes, bei der siebentausend Menschen anwesend waren. Man sah ganz klar die Möglichkeit einer neuen Beziehung unter den Christen, die sehr viel konstruktiver für den Glauben und für die Evangelisierung sein sollte.

In seinem Dokument erklärte Johannes Paul II., dass die Verbreitung der Sekten dazu zwinge, sich nach dem Warum zu fragen und danach, was in unserer Seelsorge fehle. Ich bin auf der Grundlage der Erfahrung – und nicht nur der der lateinamerikanischen Länder – zu folgender Überzeugung gekommen: Das, was außerhalb der Kirche anzieht, sind nicht gewisse alternative Formen der Volksfrömmigkeit, die die Mehrheit der anderen Kirchen und Sekten sogar zurückweisen und bekämpfen. Es ist die Verkündigung – sie ist vielleicht einseitig, aber wirkungsvoll – der Gnade Gottes, die Möglichkeit, Jesus als Retter und Herrn persönlich zu erfahren, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die sich deine Nöte persönlich zu eigen macht, die bei einer Krankheit über dich betet, wenn die Medizin nichts mehr ausrichten kann.

Einerseits kann man sich freuen, dass diese Menschen Christus begegnet sind und sich bekehrt haben; andererseits ist es traurig, dass sie, um dies tun zu können, das Bedürfnis verspürt haben, ihre Kirche zu verlassen. In der Mehrzahl der Kirchen, in denen diese Brüder und Schwestern landen, dreht sich alles um die erste Bekehrung und um die Annahme Jesu als Herrn. Die katholische Kirche hat dank der Sakramente, des Lehramtes und der reichen Spiritualität den Vorteil, nicht in diesem Anfangsstadium stehenzubleiben, sondern bis zur Fülle und Vollkommenheit des christlichen Lebens weiter zu gehen. Die Heiligen sind der Beweis dafür. Aber es ist notwendig, dass dieser bewusste und persönliche Anfang gemacht wird; und dazu stößt uns die Herausforderung der evangelischen Gemeinden und der Pfingstgemeinden an.

Hierbei offenbart sich die Charismatische Erneuerung mehr denn je, nach einem Wort von Paul VI., als „eine Chance für die Kirche“. In Lateinamerika werden sich die Hirten der Kirche bewusst, dass die Charismatische Erneuerung nicht (wie anfangs manch einer glaubte) ein „Teil des Problems“ des Auszugs der Katholiken aus der Kirche ist, sondern viel eher ein Teil der Lösung des Problems darstellt. Die Statistiken werden niemals enthüllen, wie viele Menschen der Kirche treu geblieben sind, weil sie dank ihrer im Bereich der Kirche das gefunden haben, was andere außerhalb von ihr gesucht haben. Die zahlreichen Gemeinschaften, die aus dem Schoß der Charismatischen Erneuerung hervorgegangen sind, sind trotz ihrer Begrenztheiten und teilweiser Irrwege, die es in jeder menschlichen Initiative gibt, Vorreiter im Dienst der Kirche und der Evangelisierung.

4. Die Rolle der Ordensleute bei der Neuevangelisierung

Ich habe gesagt, nicht bei der Erst-Evangelisierung stehenbleiben zu wollen. Eine Sache jedoch sollten wir von ihr festhalten: die Bedeutung der traditionellen Ordensgemeinschaften in Hinblick auf die Evangelisation. Der selige Johannes Paul II. hat ihnen sein Apostolisches Schreiben anlässlich der Fünfhundertjahrfeier der Erst-Evangelisierung des Kontinents gewidmet. Es trägt im Original den Titel: „Los caminos del Evangelio“. Der letzte Teil des Schreibens handelt genau von den „Ordensleuten bei der Neuevangelisierung“. Er schreibt: „Die Ordensleute, die die ersten Evangelisatoren waren und in sehr bedeutender Weise dazu beigetragen haben, den Glauben auf dem Kontinent lebendig zu machen, können nicht bei dieser kirchlichen Berufung zur Neuevangelisierung fehlen. Die verschiedenen Charismen des geweihten Lebens halten die Botschaft Jesu zu jeder Zeit und an jedem Ort lebendig, gegenwärtig und aktuell“[5].

Das Gemeinschaftsleben und die Tatsache, eine zentralisierte Leitung und Ausbildungsstätten von höherem Niveau zu haben, waren es, die den Ordensgemeinschaften damals eine so breite missionarische Aktivität erlaubten. Aber wo bleibt heute diese ihre Kraft? Da ich aus dem Inneren einer dieser alten Orden spreche, kann ich es wagen, mich mit einer gewissen Freiheit zu äußern. Der rapide Rückgang an Berufungen in den westlichen Ländern erzeugt eine gefährliche Situation: nämlich praktisch alle eigenen Kräfte dafür einzusetzen, um den inneren Bedarf der eigenen Ordensgemeinschaft zu decken (Ausbildung der jungen Ordensleute, Erhalt der Strukturen und der Werke), ohne viel Lebenskraft im weiteren Kreis der Kirche einzusetzen. Also der Rückzug auf sich selbst. In Europa sind die traditionellen Ordensgemeinschaften gezwungen, mehrere Provinzen zu einer einzigen zusammenzulegen und in schmerzlicher Weise ein Haus nach dem anderen zu schließen.

Die Säkularisierung ist sicherlich eine der Ursachen für den Rückgang der Berufungen, aber nicht die einzige. Es gibt neugegründete Ordensgemeinschaften, die Scharen von jungen Leuten anziehen. In dem erwähnten Schreiben ermahnte Johannes Paul II. die Ordensmänner und - frauen von Lateinamerika, „ausgehend von einer tiefen Gotteserfahrung zu evangelisieren“. Ich glaube, das ist der springende Punkt: „eine tiefe Gotteserfahrung“. Das zieht Berufungen an und schafft die Voraussetzungen für eine neue und wirksame Welle der Evangelisierung. Der Satz „nemo dat quod non habet“ – niemand kann geben, was er nicht hat – gilt in diesem Bereich mehr denn je. Der Provinzial der Kapuziner in den Marken, der auch mein Oberer ist, hat für diesen Advent einen Brief an alle Brüder geschrieben. Er fügt darin eine Provokation ein, die zu hören, meine ich, allen traditionellen Ordensgemeinschaften gut täte:

„Du, der du diese Zeilen liest, musst dir vorstellen, „der Heilige Geist zu sein“. Ja, du hast gut verstanden: Nicht nur „erfüllt vom Heiligen Geist“ zu sein durch die Sakramente, die du empfangen hast, sondern geradezu der Heilige Geist „zu sein“, die dritte Person der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Und denke daran, dass du in diesem Gewand die Vollmacht hast, einen jungen Menschen zu berufen und auf einen Weg zu schicken, der ihm hilft, auf die Vollkommenheit der Liebe – damit wir uns verstehen: das Ordensleben – zuzugehen. Hättest du den Mut, ihn in deine Gemeinschaft zu schicken, mit der Gewissheit und der Garantie, dass deine Gemeinschaft der Ort sein kann, der ihm ernsthaft hilft, die Vollkommenheit der Liebe im konkreten Alltagsleben zu erreichen? Mit einfachen Worten: Wenn ein junger Mensch käme, um für einige Tage oder Monate in deiner Gemeinschaft zu leben, indem er das Gebetsleben, das Gemeinschaftsleben und das Apostolat teilt, ... würde er sich in euer Leben verlieben?“

Als die Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts entstanden, zogen auch die bereits existierenden monastischen Orden Nutzen aus ihnen und machten sich den Ruf zu einer größeren Armut und zu einem evangeliumsgemäßeren Leben zu Eigen, indem sie dies gemäß ihrem Charisma lebten. Müssten wir, die traditionellen Orden, heute nicht dasselbe tun angesichts der neuen Formen gottgeweihten Lebens, die in der Kirche entstanden sind?

Die Gnade dieser neuen Gegebenheiten hat viele Formen, aber sie hat einen gemeinsamen Nenner, der der Heilige Geist heißt, das „neue Pfingsten“. Nach dem Konzil haben fast alle bereits existierenden Orden ihre Konstitutionen überprüft und erneuert; aber schon im Jahr 1981 mahnte der selige Johannes Paul II.: „Das ganze Erneuerungswerk der Kirche, das das Zweite  Vatikanische Konzil so providentiell vorgelegt und eingeleitet hat..., kann nur im Heiligen Geist verwirklicht werden, das heißt mit dem Beistand seines Lichtes und seiner Kraft“[6].

Der heilige Bonaventura hat gesagt: „Der Heilige Geist kommt dorthin, wo er geliebt, wo er eingeladen, wo er erwartet wird“[7]. Wir müssen unsere Gemeinschaften dem Hauch des Heiligen Geistes öffnen, der das Gebet, das Gemeinschaftsleben, die Liebe zu Christus und damit den missionarischen Schwung erneuert. Wir müssen nach innen schauen, auf den eigenen Ursprung und auf den eigenen Gründer, sicher, aber wir müssen auch nach vorn schauen.

Wenn man die Situation der alten Orden in der westlichen Welt betrachtet, erhebt sich spontan die Frage, die Ezechiel über die verstreut liegenden, ausgetrockneten Gebeine sagen hörte: „Können diese Gebeine wieder lebendig werden?“ Die ausgetrockneten Gebeine, von denen im Text gesprochen wird, stammen nicht von Toten, sondern von Lebenden. Es ist das Volk Israel, das im Exil sagt: „Ausgetrocknet sind unsere Gebeine, unsere Hoffnung ist untergegangen, wir sind verloren!“ Das sind Gefühle, die manchmal auch in uns, den Angehörigen der Ordensgemeinschaften älteren Datums, aufsteigen.

Wir kennen die hoffnungsvolle Antwort, die Gott auf diese Frage gibt: „Ich lege meinen Geist in euch, dann werdet ihr lebendig; ich bringe euch wieder in euer Land. Dann werdet ihr erkennen, dass ich, der Herr, gesprochen habe und dass ich es ausführe – Spruch des Herrn.“ Wir müssen glauben und hoffen, dass sich auch für uns und für die ganze Kirche das ereignen wird, was am Ende der Prophetie gesagt wurde: „Der Geist kam in sie. Sie wurden lebendig und standen auf – ein großes, gewaltiges Heer“ (vgl. Ez 37,1-14).

Ich habe anfangs daran erinnert, dass Lateinamerika vor vier Tagen das Fest Unserer Lieben Frau von Guadalupe gefeiert hat. Man diskutiert viel über die Historizität der Fakten, die am Ursprung dieser Verehrung stehen. Wir müssen klären, was man unter einem historischen Faktum versteht. Es gibt viele Fakten, die wirklich geschehen, aber nicht historisch sind; denn „historisch“ im eigentlich Sinne ist nicht all das, was geschehen ist, sondern nur das, was, abgesehen davon, geschehen zu sein, im Leben eines Volkes Auswirkungen hat, etwas Neues geschaffen und eine Spur in der Geschichte hinterlassen hat. Und welch eine Spur hat die Verehrung der Jungfrau von Guadalupe in der Frömmigkeitsgeschichte des mexikanischen Volkes und der lateinamerikanischen Völker hinterlassen!

Es ist von großer symbolischer Bedeutung, dass sich zu Beginn der Evangelisierung Amerikas im Jahr 1531 auf dem Hügel Tepeyac im Norden der Stadt Mexiko das Bild der Jungfrau im Mantel des heiligen Diego, der Tilma, als „Morenita“, das heißt mit allen Zügen eines einfachen Mestizen-Mädchens, aufgedrückt hat. Man hätte nicht eindrücklicher sagen können, dass die Kirche in Lateinamerika berufen ist, sich zur Eingeborenen mit den Eingeborenen, zur Kreolin mit den Kreolen zu machen und machen zu wollen - das heißt, allen alles zu werden.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Dr. Edith Olk © Copyright 2011 - Libreria Editrice Vaticana]

[1] Vgl. J. Glazik, in „Storia della Chiesa“ [Handbuch der Kirchengeschichte], herausgegeben von H. Jedin, Band VI, Jaca Book, 1075, S. 702

[2] F. Sullivan, Salvation outside the Church? Tracing the History of the Catholic Response, Paulist Press, New York 1992

[3] Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer des internationalen Symposiums zur Evangelisierung in Lateinamerika, 14. Mai 1992

[4] Vgl. Glazik, op. cit., S. 708

[5] Johannes Paul II., Los caminos del Evangelio, Nr. 25 (AAS 83, 1991, S. 22ff.)

[6] Johannes Paul II., „A Concilio Constantinopolitano I“, Apostolisches Schreiben,  25. März 1981, Nr. 7

[7] Bonaventura, Predigt zum vierten Ostersonntag, 2 (ed. Quaracchi, IX, S. 311)