Dritte Adventspredigt von P. Raniero Cantalamessa OFMCap

Ich verkünde euch eine große Freude - Evangelisierung durch das Wort

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VATIKANSTADT, 14. Dezember 2012 (ZENIT.org). ‑‑ Am heutigen Freitagvormittag hielt der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFMCap, im Vatikan die dritte der traditionellen Adventspredigten für den Papst und die Kurie. In der Predigt sprach er über die Evangelisierung in diesem Jahr des Glaubens.

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Nachdem wir über die Gnade des Jahres des Glaubens und den 50. Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzil gesprochen haben, wollen wir diese letzte diesjährige Adventsmeditation dem dritten großen Thema dieses Jahres widmen: der Evangelisierung. Der Heilige Vater hat die Kirche aufgefordert, das Jahr des Glaubens zu einer Gelegenheit werden zu lassen, um „die Freude der Begegnung mit Christus“ wiederzuentdecken, das heißt die Freude, Christen zu sein. Ich will ein Echo dieser Aufforderung sein und davon sprechen, wie man die Freude zu einem Werkzeug der Evangelisierung machen kann. Dabei will ich so weit wie möglich der liturgischen Zeit treu bleiben, in der wir uns befinden, damit diese Meditation auch als Vorbereitung auf das Weihnachtsfest dienen kann.

1. Die eschatologische Freude

In seiner Erzählung über die Kindheit Jesu ist es Lukas, unter der Führung des Heiligen Geistes, gelungen, uns nicht nur Tatsachen und Personen vorzustellen, sondern auch die Atmosphäre und die Emotionen wiederzugeben, mit denen jene Ereignisse erlebt wurden. Eines der auffälligsten Elemente dieser spirituellen Erlebniswelt ist die Freude. Die christliche Frömmigkeit irrte nicht, als sie den Ereignissen der Kindheit Jesu den Namen „freudenreiche Geheimnisse“ gab.

Der Engel, der Zacharias erscheint, um ihm die Geburt seines Sohnes zu verkünden, verspricht ihm: „Große Freude wird dich erfüllen und auch viele andere werden sich über seine Geburt freuen“ (Lk 1,14). Es gibt ein griechisches Wort, das von diesem Augenblick an auf den Lippen aller Beteiligten erscheint: agallíasis; „die eschatologische Freude über den Anbruch der messianischen Zeit“. Beim Gruß Mariens „hüpfte das Kind vor Freude“ im Leib Elisabets (Lk 1,44), womit es die Freude des „Freundes des Bräutigams“ vorwegnimmt, der die Stimme des Bräutigams hört (vgl. Joh 3,29). Diese Freude erreicht einen ersten Höhepunkt im Ruf Mariens: „mein Geist jubelt (griech.: egallíasen) über Gott!“ (Lk 1,47), verbreitet sich in der stillen Freude der Nachbarn und Verwandten, die sich um die Wiege des Wegbereiters versammeln (vgl. Lk 1,58), und bricht schließlich mit aller Gewalt bei der Geburt Christi aus, im Jubelruf der Engel, die den Hirten verkünden: „Ich verkünde euch eine große Freude!“ (Lk 2,10).

Es handelt sich nicht nur um vereinzelte Anspielungen auf die Freude, sondern um eine Welle von ruhiger und tiefer Freude, die die gesamte Kindheitserzählung des Evangeliums durchzieht und auf tausend unterschiedliche Weisen zum Ausdruck kommt: in der Eile, mit der Maria sich auf den Weg macht, um Elisabet zu besuchen; in der Ungeduld, mit der die Hirten eilen, das Kind zu sehen; in eben diesen kleinen Gesten, die typisch sind für Menschen, die sich freuen: Besuche abstatten, gratulieren, grüßen, Geschenke machen. Aber vor allem zeigt sich diese Freude in der Verwunderung, in der gerührten Dankbarkeit der Beteiligten Personen: „Gott hat sein Volk aufgesucht! Er hat seines heiligen Bundes gedacht!“. Das, wofür alle gebetet hatten – dass Gott sich an seine Verheißungen erinnern möge – ist nun eingetreten! Die Menschen im „Kindheitsevangelium“ scheinen sich in der traumhaften Atmosphäre zu bewegen, die im Psalm 126 besungen wird, dem Psalm der Heimkehr aus dem Exil:

„Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete,

da waren wir alle wie Träumende.

Da war unser Mund voll Lachen

und unsere Zunge voll Jubel.

Da sagte man unter den andern Völkern:

‚Der Herr hat an ihnen Großes getan.‘

Ja, Großes hat der Herr an uns getan.

Da waren wir fröhlich.“

Maria eignet sich die letzten Verse dieses Psalms an, indem sie ruft: „Der Mächtige hat Großes an mir getan!“ Wir sehen hier das schönste Beispiel für die „nüchterne Trunkenheit“ des Geistes. Der Geist dieser Menschen ist wirklich „trunken“ vor Freude, bleibt aber vollkommen nüchtern. Niemand erhöht sich selbst, niemand macht sich Gedanken darüber, ob er im künftigen Reich Gottes eine wichtige oder eine bescheidene Rolle spielen wird. Sogar ob sie die Erfüllung des Reiches noch erleben werden, ist den Menschen unwichtig; Simeon bittet den Herrn sogar, ihn nun in Frieden scheiden zu lassen. Was zählt, ist das das Werk Gottes voranschreite, mit oder ohne ihn.

2. Von der Liturgie zum Leben

Wir wollen nun von der Bibel und von der Liturgie in den Alltag übergehen. Das ist es ja, worauf das Wort Gottes immer abzielt. Lukas beabsichtigt nicht nur, uns die Geschehnisse zu erzählen; er will seine Zuhörer auch begeistern und sie dazu bewegen, sich wie die Hirten zu einem freudigen Umzug nach Betlehem auf den Weg zu machen. „Wer diese Zeilen liest“, kommentiert ein moderner Exeget, „ist berufen, an dieser Freude teilzunehmen; nur die Gemeinschaft der Gläubigen in Christus kann der Tiefe dieser Texte gerecht werden“ [1].

Das erklärt, warum die Kindheitserzählung der Evangelien denen, die in ihr nur Geschichte suchen, so wenig sagt, denen aber, die – wie der Heilige Vater im letzten Band seines Werks über Jesus – auch nach dem Sinn der Geschichte suchen, so viel zu sagen hat. Viele Ereignisse haben zwar stattgefunden, sind aber in einem tieferen Sinn keine „historischen“ Ereignisse, weil sie in der Geschichte keine Spuren hinterlassen, nichts geschaffen haben. Die Ereignisse, die mit der Geburt Jesu einhergehen, sind in einer tieferen Bedeutung geschichtliche Ereignisse: Sie haben nicht nur stattgefunden, sie haben auch einen entscheidenden Einfluss auf die Weltgeschichte genommen.

Aber lasst uns zum Thema der Freude zurückgehen. Woher kommt Freude? Der letzte Ursprung der Freude ist Gott, die Dreifaltigkeit. Doch wir leben in der Zeit, Gott in der Ewigkeit: Wie kann zwischen diesen beiden so weit entfernten Ebenen die Freude fließen? Wenn wir die Bibel befragen, entdecken wir, dass die unmittelbare Quelle der Freude in der Zeit liegt: Es ist das Wirken Gottes in der Geschichte. Gott wirkt, er handelt! Dort, wo eine Handlung Gottes „hinfällt“, entsteht eine Vibration, eine Welle der Freude, die sich über Generationen hindurch fortpflanzt, sogar für immer, wenn die Handlung die göttliche Offenbarung betrifft.

Das Wirken Gottes ist jedes Mal ein Wunder, das Himmel und Erde mit Staunen erfüllt: „Jauchzt, ihr Himmel, denn der Herr hat gehandelt“, ruft der Prophet; „jubelt, ihr Tiefen der Erde!“ (Jes 44,23; 49,13). Die Freude, die dem Herzen Mariens und der anderen Zeugen der Anfangszeit entspringt, gründet ganz auf diesem Motiv: Gott ist dem Volk Israel zu Hilfe gekommen! Gott hat gehandelt! Er hat Großes getan!

Wie kann diese Freude über das Handeln Gottes die Kirche von heute erreichen und sie anstecken? Sie tut dies in erster Linie auf dem Weg der Erinnerung; das heißt, die Kirche gedenkt der wunderbaren Werke, die Gott für sie vollbracht hat. Die Kirche muss sich die Worte der Jungfrau aneignen: „Der Mächtige hat Großes an mir getan!“. Das Magnifikat ist der Lobgesang, den Maria als erste anstimmte, als Vorsängerin, damit die Kirche ihn durch die Jahrhunderte wiederhole. Und der Herr hat in diesen 20 Jahrhunderten wirklich große Dinge für die Kirche getan!

In einem gewissen Sinn haben wir, rein objektiv betrachtet, mehr Grund zur Freude, als Zacharias, Simeon, die Hirten und die ganze Kirche der Frühzeit hatten. Damals brach die Kirche auf, um „den Samen zur Aussaat“ zu tragen, wie es im oben zitierten Psalm 126 heißt. Sie hatte eine Verheißung erhalten: „Ich bin mit euch!“, und eine Aufgabe: „Geht in alle Welt!“ Wir haben die Erfüllung gesehen. Der Same ist gewachsen, der Baum des Reichs ist riesig geworden. Die Kirche von heute ist wie der Bauer, der eine Weile nach der Aussaat wieder kommt und seine Garben einbringt.

Wie viele Gnaden, wie viele Heilige, wie viel Tiefe in den Lehren und Reichtum in den Institutionen, wie viel Heil, das in ihr und durch sie stattgefunden hat! Welches Wort Christi ist nicht auf vollkommene Weise in Erfüllung gegangen? Sicher hat sich das Wort erfüllt: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis“ (Joh 16,33); aber auch die Verheißung: „Die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen!“ (Mt 16,18).

Zu Recht kann die Kirche in Anbetracht der unzähligen Mengen seiner Kinder das Staunen des alten Zion für sich beanspruchen und fragen: „Wer hat mir diese Kinder geboren? Ich war doch kinderlos und unfruchtbar; wer hat mir die Kinder herangezogen?“ (Jes 49,21). Wer kann, wenn er mit den Augen des Glaubens zurückblickt, übersehen, wie in der Kirche die prophetischen Worte über das neu erbaute Jerusalem in Erfüllung gegangen sind: „Blick auf und schau umher: Sie alle versammeln sich und kommen zu dir. Deine Söhne kommen von fern […]. Deine Tore bleiben immer geöffnet […], damit man den Reichtum der Völker zu dir hineintragen kann“ (Jes 60, 4.11).

Wie oft hat die Kirche im Laufe dieser zwanzig Jahrhunderte nicht ihr „Zelt“ erweitern müssen – und nicht immer ist dies ohne Widerstände erfolgt –, um den menschlichen und kulturellen Reichtum der verschiedensten Völker aufzunehmen! An uns Kinder der Kirche, die wir uns aus „dem Überfluss ihrer Brust“ ernähren, ergeht der Aufruf des Propheten, uns mit der Kirche zu freuen, nachdem wir über sie getrauert haben (vgl. Jes 66,10).

Die Freude über das Wirken Gottes erreicht uns Gläubige von heute also über den Weg der Erinnerung, weil wir sehen, was Gott Großes für uns in der Vergangenheit gewirkt hat. Aber sie erreicht uns auch auf einem anderen, nicht weniger wichtigen Weg: über seine Gegenwart, weil wir feststellen, dass Gott auch heute noch mitten unter uns in der Kirche wirkt.

Wenn die Kirche von heute inmitten aller Bedrängnisse und Leiden, die sie erduldet, den Weg des Mutes und der Freude wiederfinden will, dann muss sie offene Augen für das haben, was Gott heute, in unseren Tagen, für sie tut. Der Finger Gottes, der Heilige Geist, schreibt noch immer, in die Kirche und in unsere Seelen, wunderbare Geschichten von Heiligkeit, die so groß sind, dass man vielleicht in Zukunft, wenn sich alles Negative und alle Sünden unserer Zeit in nichts aufgelöst haben werden, mit Staunen und fast mit heiligem Neid auf unsere Epoche blicken wird. Wir wollen ja nicht die Augen vor den vielen Übeln verschließen, unter denen die Kirche leidet, auch nicht vor dem Verrat vieler ihrer Diener. Aber da die Welt und die Medien von der Kirche nichts anderes hervorheben als diese Dinge, tut es gut, einmal den Blick zu erheben und auch auf ihre leuchtende Seite, auf ihre Heiligkeit zu schauen.

In jeder Epoche, auch in unserer Zeit, sagt der Heilige Geist zur Kirche, wie zur Zeit des Deuterojesaja: „Von jetzt an lasse ich dich etwas Neues hören, etwas Verborgenes, von dem du nichts weißt. Eben erst kam es zustande, nicht schon vor langer Zeit“ (Jes 48, 6-7). Ist es nicht etwas Neues und Verborgenes, das wir erleben, dieser mächtige Hauch des Heiligen Geistes, der das Volk Gottes wiederbelebt und in seiner Mitte alle Arten von Charismen hervorruft? Diese Liebe zum Wort Gottes? Diese aktive Teilnahme der Laien am Leben der Kirche und an der Evangelisierung? Der ständige Einsatz der Institutionen und vieler Organisationen zugunsten der Armen und Leidenden und diese Sehnsucht danach, die zerbrochene Einheit des Leibes Christi wieder herzustellen? In welcher Epoche der Vergangenheit hat die Kirche eine solche Abfolge von gelehrten und heiligen Päpsten erlebt, wie in diesen letzten 150 Jahren, und dazu so viele Märtyrer des Glaubens?

3. Ein neues Verhältnis von Freude und Leid

Von der kirchlichen Ebene wollen wir nun zur existenziellen und persönlichen Ebene übergehen. Vor einigen Jahren haben militante Atheisten eine Werbekampagne geführt, deren Werbespruch, der auf den öffentlichen Verkehrsmitteln in London zu lesen war, lautete: „There’s probably no God. Now stop worrying and enjoy your life“ (Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Also quäl dich nicht weiter und freu dich deines Lebens).

Das wirklich Heimtückische an diesem Spruch ist nicht die Voraussetzung, dass es Gott nicht gebe (was erst noch zu beweisen wäre), sondern die Schlussfolgerung: „Also freu dich deines Lebens!“. Die unterschwellige Botschaft ist, dass der Glaube an Gott uns daran hindert, uns des Lebens zu erfreuen, dass der Glaube ein Feind der Freude ist. Ohne Religion wäre die Welt glücklicher! Dieser Unterstellung, die vor allem die Jugend vom Glauben fern hält, muss man entschieden entgegentreten.

Jesus hat gerade was Freude anbelangt eine Revolution gewirkt, deren Bedeutung man kaum überchätzen kann, und die uns bei der Evangelisierung eine große Hilfe sein kann. Es ist ein Gedanke, den ich wohl schon ausgesprochen habe, aber das heutige Thema erfordert ihn geradezu. Es gibt eine allgemeingültige menschliche Erfahrung: Freude und Leid folgen im Leben mit derselben Regelmäßigkeit aufeinander, mit der auf jede Welle der Meeresoberfläche ein Wellental folgen muss, in dessen Sog jeder Schiffbrüchige geraten muss. „Eine gewisse Bitterkeit“, schreibt der heidnische Dichter Lukrez, „keimt aus den Tiefen jeder Freude auf und bedrängt uns inmitten aller Genüsse“ [2]. Drogenmissbrauch, eine falsche Auffassung der Geschlechtlichkeit, der Gewaltausbruch eines Amoklaufs: all diese Dinge geben im ersten Moment ein Gefühl höchsten Genusses, aber sie führen zur moralischen und oft auch körperlichen Zerstörung des Menschen, der ihnen nachgeht.

Christus hat das Verhältnis von Freude und Leid umgedreht. „Er hat angesichts der vor ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen“ (Hebr 12,2). Keine Freude mehr, die im Leiden endet, sondern ein Leiden, dass zum Leben und zur Freude führt. Es geht nicht nur darum, die Reihenfolge der beiden Erlebnisse umzukehren; ab jetzt hat die Freude das letzte Wort und nicht mehr das Leiden; die Freude wird nun ewig währen. „Wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn“ (Röm 6,9). Das Kreuz endet mit dem Karfreitag; die Freude und Herrlichkeit des Ostersonntags jedoch wird sich in alle Ewigkeit verlängern.

Dieses neue Verhältnis von Leid und Freude spiegelt sich sogar in der Art wieder, wie in der Bibel die Zeit gemessen wird. In der menschlichen Zeitrechnung beginnt ein Tag am Morgen und endet mit Anbruch der Nacht; in der Bibel beginnen die Tage mit der Dunkelheit und enden mit Anbruch des Morgens: „Es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag“ (Gen 1,5). Auch für die Liturgie beginnt das Hochfest mit der Vesper des Vortags. Was bedeutet das? Dass ohne Gott das Leben ein Tag ist, der in die Nacht mündet; mit Gott jedoch wird das Leben zur Nacht (manchmal zu einer sehr finsteren Nacht), die in den Tag mündet, und zwar in einen Tag ohne Sonnenuntergang.

Wir müssen jedoch ein Gegenargument ablehnen, das sich an dieser Stelle leicht aufdrängt: Die Freude kommt nicht erst nach dem Tod! Das irdische Leben ist für die Christen kein „Tal der Tränen“! Ganz im Gegenteil, niemand erfährt in diesem Leben mehr echte Freude als die wahren Gläubigen. Es heißt, ein Heiliger habe eines Tages zu Gott gerufen: „Genug mit der Freude! Mein Herz kann nicht mehr davon fassen!“. Die Gläubigen, sagt Paulus, sind „spe gaudentes“, fröhlich in der Hoffnung (Röm 12,12), was nicht nur bedeutet, dass sie hoffen, Freude zu erleben (nämlich im Jenseits), sondern auch, dass sie an ihrer Hoffnung Freude haben und schon in diesem Leben glücklich sind dank ihrer Hoffnung.

Die christliche Freude ist ein inneres Erlebnis; sie kommt nicht von außen, sondern von innen, ähnlich jenen Gebirgsseen, die ihr Wasser nicht von einem Fluss beziehen, der sich in sie ergießt, sondern von einer Quelle, die in ihrer Tiefe verborgen liegt. Sie entsteht durch das geheimnisvolle Wirken Gottes im Herzen jener Menschen, die in der Gnade leben. Deshalb kann das Herz selbst in der Not von Freude überströmen (vgl. 2 Kor 7,4). Die christliche Freude ist eine „Frucht des Geistes“ (Gal 5,22; Röm 14,17), und ihre Kennzeichen sind Friede des Herzens, Fülle an Sinn, die Fähigkeit zu lieben und sich lieben zu lassen und vor allem Hoffnung, ohne die es echte Freude nicht geben kann.

Auf Anraten von Herbert von Karajan wählte der Europarat 1972 die Hymne „An die Freude“, die Beethovens Neunte Sinfonie abschließt, zur Hymne des vereinten Europa. Es handelt sich gewiss um eines der höchsten Werke der Weltmusik, aber die in dieser Hymne besungene Freude ist eine ersehnte und noch nicht verwirklichte Freude; es ist ein Ruf der Sehnsucht, der dem menschlichen Herzen entspringt, keine Antwort auf unsere Sehnsucht.

In Schillers Ode, aus der der Text von Beethovens Hymne stammt, liest man beunruhigende Worte: „Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein; wer ein holdes Weib errungen, mische seinen Jubel ein! Ja, wer auch nur eine Seele sein nennt auf dem Erdenrund! Und wer’s nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund!“. Wie man sieht ist die Freude, die die Menschen „an den Brüsten der Natur“ trinken, nicht für alle, sondern nur für einige Privilegierte des Lebens.

Das ist meilenweit von der Sprache Jesu entfernt, der uns sagt: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen“ (Mt 11,28). Die wahrhaft christliche Hymne an die Freude ist das Magnifikat der Jungfrau Maria. Sie zeigt uns einen Jubel des Geistes (agallíasis), der seinen Grund in den großen Dingen hat, die Gott für alle einfachen und leidenden Menschen der Erde tut.

4. Zeugen der Freude

Dies ist die Freude, von der wir Zeugnis ablegen müssen. Die Welt sehnt sich nach Freude. „Wenn man nur ihren Namen ausspricht“, schreibt Augustinus, „richten sich alle auf und schauen dir gewissermaßen auf die Hände, um zu sehen, ob du ihrer Not etwas zu geben hast“[3]. Alle wollen wir glücklich sein. Diese Sehnsucht ist allen gemeinsam, den Guten wie den Schlechten. Die Guten sind deshalb gut, weil es ihnen Freude bereitet; die Bösen sind es auch nur deshalb, weil sie hoffen, dadurch ihr Glück zu erreichen[4]. Wenn wir alle die Freude lieben, dann deshalb, weil wir sie auf geheimnisvolle Weise kennengelernt haben; denn hätten wir sie nie gekannt und wären wir nicht für sie geschaffen worden, könnten wir sie nicht lieben[5]. Diese angeborene Sehnsucht nach Freude ist die Tür des menschlichen Herzens, die offen steht, um die „frohe Botschaft“ einzulassen.

Wenn die Welt an die Türen der Kirche klopft – selbst dann, wenn sie mit Wut und Gewalt anklopft – dann tut sie es, weil sie Glück und Freude sucht. Vor allem junge Menschen sind auf der Suche nach Freude. Die Welt, die sie umgibt, ist traurig. Die Traurigkeit schnürt uns sozusagen die Kehle zu, an Weihnachten noch viel mehr als im Rest des Jahres. Diese Traurigkeit kommt nicht aus einem Mangel an irdischen Gütern; tatsächlich trifft man sie in den reichen Ländern viel häufiger an als in den armen.

Bei Jesaja lesen wir folgende Worte, die an das Volk Gottes gerichtet sind: „Eure Brüder, die euch hassen, die euch um meines Namens willen verstoßen, sie sagen: Der Herr soll doch seine Herrlichkeit zeigen, damit wir eure Freude miterleben“ (Jes 66,5). Dieselbe Herausforderung wird auch heute, schweigend, an das Volk Gottes gerichtet. Eine schwermütige und schüchterne Kirche wäre daher ihren Aufgaben nicht gewachsen; sie wäre nicht in der Lage, den Erwartungen der Menschheit und vor allem der Jugend entgegenzukommen.

Die Freude ist das einzige Zeichen, das auch die Nichtgläubigen wahrnehmen und das sie ernsthaft verunsichern kann, viel mehr jedenfalls als alle Argumente und jeder Tadel. Das schönste Zeugnis, das eine Braut vor ihrem Bräutigam ablegen kann, ist ein fröhliches Gesicht, denn damit sagt sie deutlich, dass es ihm gelungen ist, ihr Leben auszufüllen und sie glücklich zu machen. Das ist auch das schönste Zeugnis, das die Kirche für ihren himmlischen Bräutigam ablegen kann.

Im Philipperbrief richtet der Apostel Paulus an die Christen jene Aufforderung, die den Ton für die ganze dritte Adventwoche angibt: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!“. Und er erklärt auch, wie man in der Praxis diese Freude bezeugen kann: „Eure Güte werde allen Menschen bekannt“ (Phil 4, 4-5). Das Wort „Güte“ übersetzt hier einen griechischen Ausdruck (epieikés), der eine vielseitige Seelenhaltung umschreibt: er bedeutet Milde, Nachsicht; die Fähigkeit, einlenken zu können und nicht nachtragend zu sein.

Wir Christen bezeugen unsere Freude also dadurch, dass wir diese Tugenden anwenden: indem wir jeden Ärger und jedes sinnlose Ressentiment im Dialog mit der Welt und auch untereinander vermeiden, indem wir Zuversicht ausstrahlen und uns dadurch nach dem Vorbild Gottes richten, der ja das Wasser seines Segens ebenfalls auf alle, auch auf die Ungerechten regnen lässt. Ein glücklicher Mensch ist nicht verbittert und hat nicht das Bedürfnis, jede Kleinigkeit richtigzustellen; er kann über vieles hinwegsehen, weil er etwas viel größeres kennt. In seinem apostolischen Schreiben „Gaudete in Domino“ (Freut euch im Herrn) spricht Paul VI. von einem „wohlwollenden Blick auf die Menschen und die Dinge, der einem menschlichen Geist entspringt, der vom Heiligen Geist erleuchtet wird“ [6].

Auch innerhalb der Kirche, und nicht nur im Umgang mit denen, die außerhalb stehen, gibt es ein dringendes Bedürfnis nach dem Zeugnis der Freude. Paulus sagte von sich und den anderen Aposteln: „Wir wollen nicht Herren über euren Glauben sein, sondern wir sind Helfer zu eurer Freude“ (2 Kor 1,24). Welch herrliche Definition der Aufgabe der kirchlichen Hirten! Helfer zur Freude: jene, die den Schafen der Herde Christi ein Gefühl der Sicherheit vermitteln; die mutigen Kapitäne, die allein durch ihren ruhigen Blick den gegen die Naturgewalten kämpfenden Matrosen helfen, sich ein Herz zu fassen.

Inmitten der Prüfungen und Katastrophen, die die Kirche bedrängen, besonders in einigen Teilen der Welt, dürfen die Hirten der Kirche auch heute noch jene Worte wiederholen, die Nehemia einst nach dem Exil an das Volk Israel richtete: „Seid nicht traurig, und weint nicht […], denn die Freude am Herrn ist eure Stärke!“ (Neh 8, 9-10).

Heiliger Vater, ehrwürdige Väter, Brüder und Schwestern: möge die Freude am Herrn wirklich unsere Stärke sein, die Stärke der Kirche. Frohe Weihnachten!

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[1] H. Schürmann, Il Vangelo di Luca, I, Paideia, Brescia 1983, S. 172.
[2] Lukrez, De rerum natura, IV, 1129 ff.
[3] Augustinus, De Ordine, I, 8, 24.
[4] Vgl. Id., Sermo 150, 3, 4 (PL 38, 809).
[5] Vgl. Id., Confessiones, X, 20.
[6] Paul VI., Gaudete in Domino; in “L’Osservatore Romano”, 17. Mai 1975.

[Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]